Volkskunde des Nessatales
Martin Siebert
Volkskunde des Nessatales
(Sitten, Bräuche, Spruchweisheiten, und Sagen)

Gemeinde Nessa, 2002
Volkskunde des Nessatales
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1. Sitten und Gebräuche |
S. 4 - 69 |
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Im Jahresring |
S. 4 - 42 |
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Im Lebensring |
S. 43 - 69 |
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2. Zauber und Segen |
S. 69 - 76 |
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3. Von Dämonen und Geisterglauben |
S. 77 - 84 |
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4. Vom Hausbau |
S. 84 - 88 |
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5. Von der Arbeit |
S. 88 - 90 |
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6. Vom Essen und Trinken |
S. 90 - 95 |
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7. Von der Kleidung |
S. 96 - 98 |
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8. Sagen des Nessatales und Umgegend |
S. 99 - 108 |
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9. Kinderreime des Dorfes Obernessa |
S. 109 - 166 |
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Martin Siebert - Biographie |
S. 167 |
NB. Das Volkskunde - Institut der Berliner Universität hat im Februar / März 1966 meine Volkskunde fotokopiert.
H. Siebert
Sie wurde in den ständigen Bibliotheksbesitz übernommen.
1. Sitten und Gebräuche
I. Im Jahresring 4 - 42
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1.Weihnachtszeit |
4 - 11 |
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2.Zwischen Weihnacht und Ostern |
11 - 17 |
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3.Osterzeit |
17 - 20 |
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4.Pfingstzeit |
21 - 23 |
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5. Mittsommer |
24 - 27 |
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6.Erntezeit |
28 - 30 |
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7.Kirmse |
31 - 32 |
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8.Der Herbst des Bauern |
33 - 37 |
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9.Das Wetter im Bäuerlichen Jahr |
38 - 42 |
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II. Im Lebenskreis |
43 - 49 |
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1.Die Kindheit |
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a) Geburt u. Taufe |
43 - 46 |
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b) Schule, Schulentlassung, Konfirmation |
46 - 49 |
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2.Die hohe Zeit des Lebens |
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a) Reifezeit |
50 - 53 |
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b) Verlobung |
53 - 55 |
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c) Hochzeit |
56 - 61 |
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3.Das Alter und der Tod, Beerdigung |
62 - 65 |
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4. Im Alltag des Lebens |
66 - 69 |
III. Zauber und Segen 69 - 76
IV. Von Dämonen und Geisterglauben 77 - 84
V. Vom Hausbau 84 - 88
VI. Von der Arbeit 88 - 90
VII. Von Essen und Trinken 90 - 95
VIII. Von der Kleidung 96 - 98
IX. Sagen des Nessatales und Umgegend 99 - 108
X. Kinderreime des Dorfes Obernessa 109 - 166
XI. Martin Siebert – Biographie 167
Vorwort:
In unserem mitteldeutschen Wohnraum sind die Sitten und Gebräuche in ihren Grundzügen meist gleichartig. Sie gehen in vielen Fällen weit über den örtlichen Rahmen hinaus. Wo sie aber eng an ein bestimmtes Dorf allein gebunden sind, so geben sie meist nur ein Beispiel dafür an, daß der betreffende Brauch in der Urzeit allgemein verbreitet war. In den Grundzügen ist er - oft in Abwandlungen - doch allerwärts vorhanden. Es gibt z. B. in der Zeit der erwachenden Natur im Frühling nach der Winterstarre und Frosteskälte überall das Sehnen nach Licht und nach wärmenden Sonnenstrahlen. Das hat schon zur Zeit unserer germanischen Vorfahren vor der Zeitenwende erkennbar die Herzen und Sinne der Altvordern erregt. Sie haben Frühlingsfeste und Frühlingsfeiern in verschiedenster Weise begangen. Diese Feiern tauchen noch heute im Brauchtum in der Zeit zwischen Neujahr und Pfingsten überall auf. Das weithin bekannte Lichtmeßfest in Spergau, wie die Fastnachtssitten, die Osterbräuche und die Pfingstfeiern in ganz Mitteldeutschland muß man von diesem Gesichtspunkt aus betrachten.
Viele Bräuche gehen auf die Vorzeit zurück. Man kann in vielen davon bis auf den Götterglauben der Germanen zurückgehen. Seit der Gewaltherrschaft Karl des Großen mit dessen zwangsweiser Einführung des Christentums wurden die germanischen Götter als Teufelsspuk verurteilt, die weisen Frauen beim germanischen Opferdienst als Hexen verschrieen. Die christlichen Priester der altkatholischen Zeit benutzten die alten Kultstätten der heidnischen Vorfahren, um an denselben christliche Gotteshäuser zunächst in primitivem Stile aufzurichten. Anstelle der germanischen Opferfeste traten christliche Gottesdienste. Auf heidnische Bräuche wurden christliche sozusagen aufgepfropft. Anstelle der germanischen Götter traten die christlichen Heiligen, deren Namen in dem Julianischen und später Gregorianischen Kalender die Jahrhunderte hindurch die Ordnung der Fest - und Namenstage bestimmten. Viele dieser Namen sind noch heute trotz der Überwindung der katholischen Rituale in Mitteldeutschland durch die Reformation Luthers in unserer Zeit geläufig und treten im Brauchtum und am stärksten in den alten Bauernregeln zutage. Die Bauernregeln sind infolge deren Veröffentlichung in den vielen alten Volkskalendern weitverbreitet (calendae, lat. Mehrzahl 1= jeder erste eines Monats).
Die evangelische Kirche, die das Brauchtum aus alter Zeit wenigstens in den Festen auf ihre Weise hegt und pflegt, unterscheidet im Kirchenjahr eine festliche und eine festlose Hälfte. Die festliche Hälfte umfaßt die drei christlichen Feste Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Die Kirche schaltet sich im Jahreslauf aber auch in der festlosen Zeit mit ihren Gottesdiensten in die bräuchlichen Feste, wie z. B. Erntefest und Kirmse, ein. Sie verbindet sich im Lebenskreis des Menschen mit Geburt, Hochzeit und Tod. Den Aberglauben wird man wohl schwerlich ausrotten können, wie in den folgenden Ausführungen mit belegt werden kann. Selbst ein solcher Freigeist wie Joh. Wolfgang v. Goethe war nicht frei davon.
Anstelle von altem, vergangenem Brauchtum tritt im Zeitalter der modernen Technik – wie überhaupt bei allen Fortschritten in der Kultur, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht – neues Brauchtum auf. Dem Heimatforscher ist die Aufgabe gestellt, das neue Brauchtum aufmerksam zu beobachten, aufzuzeichnen und zu überliefern.
Im Jahresring
1. Die Weihnachtszeit
Der Weihnachtsmonat hieß in der Zeit Karls des Großen (um 800) der "Julmond". Der Name "Jul" ist noch an der Ostseeküste und in den nordischen Ländern bodenständig. Die Germanen aßen den Juleber. Mit dem "Julklapp", mit Geschenken, überrascht man noch jetzt in Schweden die Kinder.
Mit "Jul" bezeichnete man die Wintersonnenwende. Der Julmond bricht mit Nebeltagen an. Die langen dämmerigen Abende und die dunklen Nächte sind von Geheimnissen umwittert. Nach dem Glauben der alten Germanen weilte das Götterpaar Wotan und Freia in der Unterwelt. Noch jetzt ist mir der Ausdruck
"Unterwelt" aus den Worten der Großmutter während meiner Kinderzeit in Erinnerung. Die Götter sollten in der Zeit der 12 Nächte zu den Menschen kommen. Man kann sie durch Zauber nötigen, den Blick in die Zukunft zu entschleiern. Hierbei aber mußte man sich nackend machen, nichts Trennendes durfte sich zwischen sie stellen.
Der Julmond beginnt am Andreasabend, dem 30. November. Die jungen Mädchen, welche von Liebeslust und Liebesglück träumen, suchen an diesem Abend zu erforschen, wer ihr "Zukünftiger" ist. Vor dem Einschlafen tritt das Mädchen mit der rechten großen Zehe dreimal vor das linke Bettende und spricht dabei:
"Lieber heil'ger Andreas mein, laß mir den Herzallerliebsten erschein'n!"
Er möge sich, der Liebste, ihr im Traume zeigen.(Verbreiteter Brauch)
In Obernessa: Wenn sich ein Mädchen am Andreasabend in ihrem Kämmerchen vollständig entblößt hat und in den Spiegel schaut, so erscheint im Glas der Herbeigesehnte.
Ein anderer Liebeszauber bereitete dem Erzählen nach einer Jungfrau in Obernessa ein böses Erleben. Nach altem Brauch ging sie in der Andreasnacht an den Gartenzaun des Gehöftes Franke in der Pegauer Straße. Da im selben Jahre dieses Gehöft vom Vater auf den Sohn vererbt worden war, wurde der Gartenzaun zum wundertätigen "Erbzaun". Wer ihn rüttelte und schüttelte, konnte dem Glauben nach reich werden. Viel wichtiger aber für das junge Mädchen war diese Zauberkraft, den Erwählten ihres Herzens herbeizurufen. Es mußte dabei die Zauberformel sprechen:
"Erbzaun, ich rüttle dich, Feinsliebchen übe dich!"(d. h. zeige dich!)
Es hatte aber kaum die erste Hälfte ausgesprochen, da ertönte der schreckhafte Ruf des Lauschers: "Ich bin dar Deiwel un hule dich!" Das Mädchen mußte ohnmächtig weggetragen werden. Ein anderer, dem ersten ähnlicher Liebeszauber wurde in Reichardtswerben ausgeübt, er war aber wohl in ganz Mitteldeutschland verbreitet. Dort mußten die jungen Mädchen, die mit Wunschgewalt den Liebsten herbeisehnten, am Andreasabend stillschweigend in ihre Schlafkammer gehen, unter das Bettuch Leinsamen streuen, dreimal mit den Füßen an den Bettgiebel treten und dazu sprechen:
"Heiliger Andreas mein, laß mir erschein' n den Herzallerliebsten mein in seiner Gestalt, in seiner Gewalt, in sein' m Huiet,( von Habit= Kleid, Gewand) wie er mit mir vorm Altare kniet."
Dann soll im Traum der ersehnte Liebste, der das Mädchen im kommendem Jahre heimführen wird, erscheinen. Der Andreastag behielt seine Bedeutung für die heiratslustigen Mädchen bis in die Jetztzeit.
Am Barbaratage, dem 4. Dezember, schnitt die Großmutter Kirschzweige und stellte sie stillschweigend in ein Glas mit Wasser gefüllt, sie sollten zum Weihnachtsfest zur Freude des an die Stube gebannten Menschen ihre Blüten öffnen. Warum sie diesen alten Brauch so still ausübten, hat sie nie erzählt, sie hat ihn vielleicht aus ihrer Jugendzeit oder gar von unserer Urgroßmutter, die Barbara hieß, übernommen. Die eigentliche Bedeutung des Brauches erfuhr ich später von anderer Seite. Die jungen Mädchen schnitten früher drei Kirschzweige, steckten sie ins Wasser und benutzten das Treiben und Blühen der Zweige als Orakel. Sie wollten die Erfüllung dreier Wünsche erfahren: zunächst, ob sich im nächsten Jahre überhaupt ein Freier einstellte, zweitens, ob er jung und schön, drittens, ob er reich sei. Für uns ältere Menschen regt sich in diesen trüben Wintertagen leise das Sehnen nach sonnendurchfluteten Frühlingstagen, nach grünen Wiesen und dufterfüllten Blüten. So holen wir uns, die wir den Zweig des alten Brauches nicht kennen, heute neben Kirschzweigen neuerdings die Zweige der Birke und der Japanischen Weide (Forsythia) ins winterliche Zimmer.
Ende November beginnt auch die kirchliche Adventszeit. In unserer konservativen kirchentreuen Ordnungsgemeinde Obernessa fanden gewohnheitsgemäß außer den üblichen Sonntagsgottesdiensten an den vier Donnerstagen vormittags noch besondere Adventsgottesdienste statt. Sie waren bestimmt noch während der Amtszeit des Pfarrers Wartner bis 1927 üblich. Eine dieser besonderen kirchlichen Adventsfeier mitten in der Woche war der Abendmahlsgang der "Großen" des Dorfes, der Kirchenältesten und der angesehenen Bauern. An ihrer Spitze wurde dem Pastor und seinem Kantor vom Unternessaer Pfarrer Meyer das Abendmahl gereicht. Umgekehrt amtierte der hiesige Pfarrer Wartner für den gleichen Abendmahlsgang in Unternessa.
Zumindestens die Kirchenväter kamen schwarzgekleidet mit dem Zylinderhut bedeckt zur Kirche bei dieser Gelegenheit.
Das Sehnen nach Licht offenbart der Adventskranz mit seinen vier Lichtern.
Am 1. Adventssonntag wird die erste Kerze angezündet, an jedem folgenden Sonntag flammt eine weitere Kerze auf. Dieser Brauch stammt wahrscheinlich aus den nordischen Ländern und ist bei uns noch nicht sehr alt. Er kam erst in den 1920er Jahren im Nessatale langsam in Brauch. Statt dessen konnte man hier und da in einzelnen Familien unseres Dorfes als Vorboten des Weihnachtsfestes den "Pflaumentoffel" im Fensterbrett aufstellen sehen. Er wurde auch "Rosinenmann" genannt, er wurde von den Eltern aus Backpflaumen oder Rosinen, auf ein kleines Drahtgestell aufgereiht, hergestellt. "Toffel" ist die Verkleinerungsform, das Schmeichelwort für Christoph. Er sollte den heiligen Christophorus, der das Jesuskind auf dem Arme durch einen Strom trug. Letztlich verkörperte der Pflaumentoffel im germanischen Kult den Gott Donar.
In vielen Kinderstuben finden wir jetzt einen neuen Brauch. Die Kinder erhalten von den Eltern zu Beginn der Vorweihnachtszeit den Adventskalender, den sie in der Stadt gekauft haben. Oft ist dieser Kalender ein Bild eines Hauses mit 24 Fenstern. Jeden Tag wird von den Kindern ein Fensterladen geöffnet. Da erscheint ein kleines Bild mit einem Weihnachtsgeschenk, oder es ist ein Sprüchlein zu lesen, bis endlich zuletzt am Heiligabend der helle Weihnachtsschein hindurchleuchtet und alles kindliche Sehnen sich an diesem Tag erfüllt.
Die auch seit Beginn dieses Jahrhunderts bei uns gebräuchliche Sitte, am 6. Dezember des Nikolaustages zu gedenken, scheint aus Gegenden mit überwiegend katholischer Bevölkerung zu stammen. Der Niklas ist für unsere Kinder mit dem Knecht Ruprecht identisch. Am Vorabend des Niklastages, manchmal auch an einem beliebig anderen Tage, stellen die Kinder vor dem Zubettgehen einen Schuh im Fensterbrett der Wohnstube am leicht geöffneten Fenster auf. Sie wünschen ihn am Morgen mit Gebäck oder anderem Naschwerk gefüllt aufzufinden. In der Schule wird das Niklaslied "Laßt uns froh und munter sein" gesungen.
Die herangewachsene Jugend Obernessas aber, die Ballgesellschaft "Germania", veranstaltet in dieser Zeit alljährlich jeden Sonnabend vor dem 3. Advent den einen ihrer zwei Gesellschaftsbälle im Gasthof, bei dem für die Jungfrauen große "Toilette" und für die jungen Burschen der schwarze Gehrock Vorschrift ist. Die Kosten des Abends bestreiten die Burschen aus einer gemeinsamen Kasse, deren Inhalt durch Beiträge und aus den Einnahmen des letzten Pfingstbieres aufgebracht wurde. Dieser Brauch dokumentierte den Überrest des im Mittelalter noch stärker betonten Gemeinschaftsgeistes der dörflichen Burschenschaft. Am Schluß des Tanzes bewirtet die Bauerntochter mehrere ihrer Freundinnen und deren Tänzer, ihre "Klinke"(= vom französ. Clique= Sippe), im Elternhaus mit Kaffee und Kuchen. Für die Paare aber, die sich zusammengefunden haben, ergibt sich danach in mitternächtlicher Stunde die angestrebte glückhafte "Heemfiehrte" (=Heimführung). Ein Obernessaer Junggeselle war bei einem solchen Gesellschaftsball auch zum Kaffee eingeladen. Als der Kaffee eingeschenkt wurde, lehnte er aber den Kuchen mit den Worten ab: "Dei Hinnerdreckzeich frißte alleene!" Es war bekannt, daß die Küche der Gastgeberin, in welcher der Kuchen aufgeschnitten wurde, auf Stühlen und Tischen dauernd von Federvieh belegt war. (im Nachbardorfe)
Unseren Kindern sind der Niklas und der Weihnachtsmann, auch Knecht Ruprecht genannt, ein- und dieselbe Erscheinung. Man erzählt ihnen, daß der Weihnachtsmann und das Christkind den Weihnachtsbaum und die Geschenke bringen. In den Adventswochen ist der Weihnachtsmann als Knecht Ruprecht gegen Abend in die Wohnung gekommen und hat den artigen Kindern aus seinem Sack Pfefferscheiben geschenkt und Äpfel und Nüsse in die Stube geworfen. Den kleinen Kindern stellt er die Frage: "Kannst du beten?" Es sagt dann im angelernten Hochdeutsch brav sein Sprüchlein auf:
"Lieber guter Weihnachtsmann, sieh mich nicht so böse an,
stecke deine Rute ein, ich will auch immer recht artig sein. Amen."
Die größeren Kinder aber kennen den Mummenschanz, sie wissen, daß sich ein Bekannter "angepopelt" hat, sie verspotten den Kinderschreck mit dem Reim:
"Ruprecht, Ruprecht, Zudlbär, zeig mar mal 'n Nußsack här!
Haste was, da setz dich nieder, haste nischt, da pack dich widder."
Oder:
"Ruprecht,Ruprecht ,Zudelpälz, fiehre mich nach Weiß'nfels,
fiehre mich nach Halle, da greiste dicht'che Gnalle."
Die Freude des Beschenktwerdens und auch des Schenkens kommt überhaupt in den vielen Kinderreimen zum Ausdruck. Das Kleinkind lernt von der Großmutter z. B. diesen Reim:
"Wenn Weihnachten ist, wenn Weihnachten ist,
da gimmd dar liewe heelche Grist, där bringd dir änne Muh,
där bringd dir änne Mäh un änne gruße Zindarädädä !"
Es muß aber auch wirklich als frommes Kind beten können und sagt dem Weihnachtsmann furchtsam:
"Ein kleines Kind, das beten kann,
das kriegt auch viel vom Weihnachtsmann. Amen!"
Die großen Kinder erhalten dann vom Ruprecht einige leichte Streiche mit dem Reisigbesen. Der Besen, aus Birkenzweigen geflochten, war das Lebensreis, dessen Streiche das Wachstum des jungen Menschen fördern sollen, ein Brauch, der gar in vorgermanische Zeit zurückgeht.
Am Heiligabend erstrahlt dann in jeder Wohnung der Christbaum, die grüne Weihnachtstanne, im hellen Lichterglanz. Im Altarraum der Kirche steht er auch- zur Christmette und an den Weihnachtsgottesdiensten sind seine Lichter angezündet. Die Christmette wird am Heiligabend mit vielen volkstümlichen Weihnachtsliedern freundlich- feierlich begangen. Die Mutter schickt die Kinder hierzu in die Kirche, um zuhause unterdessen ungestört den Weihnachtstisch mit den Geschenken zuzubereiten. Die Bescherung der Kinder findet meistens an diesem Abend statt, in den Häusern unserer Eisenbahner und Bergarbeiter aber oft am Weihnachtsmorgen, wenn der Vater von der Nachtschicht nachhausegekommen ist. Die größeren wohlerzogenen Kinder haben sich Geld gespart, um auch ihre Eltern am Heiligabend mit Geschenken erfreuen zu können.
Der Weihnachtsbaum ist in Mitteldeutschland so sehr lange garnicht im Brauch. Der 1749 geborene Johann Wolfgang v. Goethe hat ihn das erstemal um 1770 in Straßburg gesehen.
"Bei den heil'gen Christgeschenken, wollen wir auch dein gedenken,
wenn wir bei dem Wachsstock suchen Pfeffernüss' und Honigkuchen"
sangen wir in unserer Jugendzeit in der Schule das Lied von der Honigbiene "Summ, summ, summ, Bienchen summ herum!" Der spiralig übereinander gewundene Wachsstock war in früheren Zeiten das Weihnachtslicht, ich habe ihn als Kind als noch seltenen Gegenstand im Elternhause gesehen- allerdings nicht auf dem Weihnachtstisch.
Seit alten Zeiten aber ist es auch Brauch des Bauern, die dienstbaren Gehilfen, früher "das Gesinde" genannt, mit Christgeschenken zu bedenken. Um 1770 gab Pfarrer Metzner seinem Knecht außer 26 Reichstalern Jahreslohn "eine Messe (Jahrmarktsgeschenk) und heil Christgeschenke." Diese Sitte reicht für lange Jahrhunderte zurück. Um 1900 erhielten Knechte und Mägde passende Geschenke, die Mägde meistens wertvolle Bettwäsche, außerdem jedes von ihnen ihre gewichtige zwölfpfündige Weihnachtsstolle.
Am Heiligabend dürfen die Kinder bis zu später Nachtstunde spielen. Während des ersten Weltkrieges gab es bei den Kindern der Armen, vor allem der in Teuchern, recht dürftige Geschenke. Weihnachten 1917 sagte dort manche Mutter zu ihnen: "Der Weihnachtsmann ist totgeschossen!" Und wenn ein freundlicher Ruprecht zur ärmlichen Bescherung erschien, mußten die Kinder Trost darin finden, wenn die Mutter damals zu ihm sagte: "Nächstes Jahr aber kommst du zu uns nicht zuletzt!"
Die Speisen in der Weihnachtszeit haben zum Teil symbolische Bedeutung. Das bei uns weitverbreitete Weihnachtsgebäck, die selbstgebackene Stolle, soll beim Backen das Einschlagen der Teile des Kinderwickelkissens versinnbildlichen. Weihnachten ist eben nicht nur das Fest des Christkindes, sondern überhaupt des aus dem Urgrund der Entstehung gekommenen neuen Lebens des jungen Menschenkindes. Die Weihnachtsnüsse sind als Kerne die Keime des neuen Lebens. Die Fruchtbarkeit, die sich auf das kommende Jahr übertragen sollte, wird durch das Essen von Fischgerichten am Heiligabend herbeigeführt. Es ist meistens Heringssalat mit seinem vielfachen Roggenkörnchen. Neuerdings gibt es auch den Weihnachtskarpfen. Beide Gerichte gibt es auch zu Silvester und Neujahrstage. Da bedeuten die zahlreichen Schuppen des Fisches dem Esser künftigen Reichtum. Der Weihnachtsbraten ist bei uns allgemein in die gemästete Weihnachtsgans.
Mit dem Heiligabend begann die Zeit der heiligen "zwölf Nächte". Sie dauern bis zum 6. Januar. Bei den Germanen waren sie die Zeit der Julfeier zur Wintersonnenwende, die Zeit, in welcher ihre Götter zu den Menschen kamen, denen sie den Juleber opferten. Sie zählten die Tage nach Nächten, daher der Ausdruck "Weih- Nachten." Bei ihnen fing das neue Jahr erst am 6. Januar an. Es hieß um 1900 in Mitteldeutschland noch das "Hohe Neujahr," unbeschadet des 1. Januar. Erst nach Berührung mit den Römern übernahm man viel später von diesen den 1. Januar als Jahresbeginn. Der Name "Januar" stammt von dem römischen zweigesichtigen Gott Janus.
Die zwölf Nächte waren bei den Germanen die Losnächte, in denen sich das Schicksal und das Los des einzelnen Menschen schon andeutete und sogar erfragen ließ. So sind diese zwölf Tage jetzt noch mit manchem "Aber" und Zauber behaftet. Der Heiligabend war darum bei uns für den Liebeszauber auch maßgebend.
So wurde im Kreise von jungen Mädchen an diesem Abend dem Gänserich die Augen verbunden und dieser in die Stube geholt. Das Mädchen, zu welchem das Tier hinschritt, sollte im kommenden Jahre ihr Glück als Braut und als verheiratete Frau erhalten.
Oder ein anderes Mittel gab es um die Mitternachtsstunde des heiligen Abends: Das Mädchen mußte zu dieser Zeit in den Kuhstall gehen und eine Kuh mit dem Schürzenzipfel wecken. So oft es das Tier schlagen mußte, so viele Jahre mußte es noch auf den künftigen Ehemann warten.
Der Bauer aber wollte das Glück im Viehstall für das kommende Jahr dadurch herbeiholen, indem er am Heiligabend den Kühen Hafergarben und Heringsköpfe in den Futtertrog gab.
Auch als Orakel für das Ernteergebnis des neuen Jahres dient die Kuh. Man wirft einer Kuh am Heiligabend ein Bündel Stroh hin. Hat sie im Laufe der Nacht wenig davon gefressen, so gibt es eine reiche Ernte, hat sie es aber ganz aufgezehrt, so wird es einen schlechten Ernteertrag geben.
Geht man am Heiligabend in den Stall und sieht nicht all sein Vieh, so stirbt ein Stück im neuen Jahre. Auch vor bösen Einwirkungen muß man den Viehstall schützen. Man lehnt einen Besen hinter die Stalltür, damit keine Hexe in den Stall kommt und das Vieh behext. So viele Sterne in der Christnacht - auch in der Ernte des kommenden Jahres. Geht der Wind in den zwölf Nächten, so gibt es im kommenden Jahre viele Früchte an den Obstbäumen. Andernfalls soll man am Heiligabend in den Garten gehen um die Obstbäume zu schütteln, um viel Obst zu erhalten. Auch muß man zu diesem Zwecke am Heiligabend die Obstbäume mit Strohseilen anbinden. Schon vor Jahrhunderten band man im strengen Winter die Obstbäume mit Strohwickeln ein.
Man kann geradezu das Wetter der kommenden zwölf Monate vorher bestimmen. Man schneidet am Heiligabend sechs Zwiebeln halb durch. Die zwölf Hälften legt man nebeneinander und streut Salz darauf. Die Hälften, auf denen das Salz bis zum Morgen zerlaufen ist, bedeuten die nassen, die übrigen die trockenen Monate.
Natürlich spielen auch die Träume eine große Rolle. Was man in den zwölf Nächten träumt, das geht in Erfüllung. Nur darf man nicht darüber reden. Also verschweigt man den guten Traum. Den schlechten aber erzählt man, damit er nicht in Erfüllung geht. Alle Arbeiten mußten bis zum Heiligabend getan sein. Früher hieß es vor allem, das Spinnen einzustellen - man denke an das Märchen von Frau Holle. Die Hulde war die Göttin Freia, welche die Faulen strafte. Man darf nicht sticken, nicht flicken - auch nicht waschen, sonst kommt eine Leiche ins Haus: man wäscht Leichenwäsche. Sogar die Füße darf man nicht waschen.
Hängt man die Wäsche auf die Leine, dann ist das Leichentuch dabei. Die Wäscheleine, die man auf dem Boden zum Wäschetrocknen zieht, ist dann gar das Zeichen, daß sich ein Familienmitglied im kommenden Jahr erhängt.
Strickt man in den zwölf Nächten, so bekommt man krumme Finger. Der Bauer darf in dieser Zeit auch nicht Mist oder Jauche auf das Feld fahren, sonst fährt er sein Glück hinaus, ja, er fährt sogar mit dem Wagen einen Sarg aus seinem Hause fort.
Wenn man in einer der zwölf Nächte während des Schlafes das Kopfkissen dreimal umdreht, so muß in dieser Nacht eins gestorben sein.
Wenn man in dieser Zeit Bohnen ißt und womöglich noch harte Wurst dazu, bekommt man Knoten im Gesicht, geschwollene Mandeln, oder man muß sogar sterben. Wasser aus der Quelle wird am Heiligabend Wein.
Früher wurde zu den drei großen Festen Weihnacht, Ostern und Pfingsten drei Feiertage gehalten. Der dritte Weihnachtstag war noch um 1900 der dritte Feiertag, allerdings ohne Tanz. Er ist aber noch jetzt der ortsübliche "Klingeltag" der Kirche. Klingeltag ist sprachlich umgewandelt vom "Kindeltag", es ist der Tag, an dem der König Herodes in Bethlehem den Kindermord ausführen ließ. An diesem Tage gehen die Kinder mit Körbchen, Sammeltaschen oder Säckchen und einem grünen Tannenzweig in der einen Hand von Haus zu Haus. Man sagt auch, "sie gehen fitscheln." Sie "fitscheln" mit dem Zweig auf die Füße der Erwachsenen und bitten unter Aufsagen des bekannten Reimes um Gaben. Sie erhalten meistens Äpfel, Nüsse und Pfefferscheiben oder Geld. Der Reim, seit Generationen bekannt, lautet:
"Fitsche, fitsche griene, mar woll'n etwas verdiene:
Ä Dreiarlein, ä Sechsarlein, das gann ä breiß'scher Daler sei,
wenn ich'n greie, da schdegk'chn ei.
Ich bin der gleene Geenich, gäbd mar nich su wenich,
laßd mich su lange schdieh,ich will ä Heisch'n weidarjieh.
Freche Jungen brauchten den Zusatz:
"Aebb'l raus, Nisse raus, sonst da wärf 'ch ä Luch ins Haus.
Fangguch'n un Nisse, das annre wärdar schun wisse."
In der katholischen Zeit wurde am Dreikönigstage ein Dreikönigsspiel von den Erwachsenen aufgeführt. Der "kleine König" im Reim des Klingeltages deutet als Rest diese frühere Sitte an. Einst sollte das Berühren mit den grünen Zweigen nach dem Glauben der Altvordern Glück und Segen für Haus und Ehe bringen. Es war gleich wie die Rutenstreiche des Ruprecht mit seinen Birkenzweigen ein Wachstums - und Fruchtbarkeitszauber.
Durch die Streiche des lebendigen grünen Holzes sollte sich die Kraft des jungen Lebens übertragen. (NB. Im Übrigen denke man an das Sauna - Bad der Finnländer, in dem sich die Badenden mit Birkenreisig bearbeiten. Diese Sitte wird jetzt um 1963 auch in unserm Lande propagiert.)
Der Neujahrstag ist der erste Feiertag im neuen Jahr. Am Silvesterabend wird das alte Jahr in Obernessa zunächst von der Kirche durch ein Silvestergottesdienst mit Abendmahlsfeier verabschiedet. Der Pfarrer gibt hierbei einen Rückblick über die Familienereignisse des vergangenen Jahres, über Taufe, Trauungen und Sterbefälle. In den Gasthöfen aber ist schon am Nachmittag lebhafter Verkehr und am Abend im „Löwen" öffentliche Tanzveranstaltung. Seit den 1920er Jahren veranstaltete der Männer - Gesangverein sein Tanzkränzchen. Viele Familien aber feierten den Silvesterabend im häuslichen Kreise.
Der Mittagstisch sah zu Silvester und Neujahr wie an den Weihnachtsfeiertagen den üblichen Gänsebraten. Neuerdings gibt es auch den Silvesterkarpfen. Am Silvesterabend gibt es wie am Heiligen Abend Heringssalat. Im vorigen Jahrhundert bestand das übliche Neujahrsessen unserer genügsamen Vorfahren aus Hirsemus. Die „Heerschen" mit ihrer großen Anzahl von Körnchen verhießen dem Schmausenden Reichtum für das neue Jahr. Um 1920 hieß es bei uns, man müsse viel Grieß essen, damit das Geld nicht rar würde. Hirse wurde eben nicht mehr angebaut.
Hat man am Neujahrstage Geld, hat man das ganze Jahr über keinen Mangel daran. Schulden darf man nicht mit ins neue Jahr nehmen.
Damals hatten die alten Leute auch für die Neujahrsnacht ihr „Aber" von den Voreltern überliefert erhalten: Wenn man in dieser Nacht in die Esse guckt und einen Sarg sieht, muß man sterben.
Wenn man in dieser Nacht ein Licht anzündet und seinen eigenen Schatten ohne Kopf sieht, ereilt einen das gleiche Schicksal.
Aber auch in der Silvesternacht kann man gleichwie am Heiligen Abend Strohseile um die Obstbäume binden. Damit verspricht man sich reichen Erntesegen und - reichen Kindersegen: denn „Viele Nüsse - viele Kinder." Um die Mitternachtsstunde erklingt überall feierliches Glockengeläute. Die Daheimgebliebenen hören es gern und stecken die Köpfe zum Fenster hinaus. Dabei denken sie wohl an gute Stunden des vergangenen Jahres, aber auch an dessen „Weh und Ach." Mit dem ersten Glockenschlage rufen sich die Menschen frohe Grüße und gute Wünsche zu. In den Gasthöfen und den Straßen erschallen Rufe „Prosit Neujahr!" Feuerwerkskörper werden angebrannt. In früheren Zeiten glaubte man durch vieles Lärmen und Knallen die bösen Geister verscheuchen zu können. Die Daheimgebliebenen brauen sich zur Silvesterfeier einen kräftigen Punsch und essen Weihnachtsstollen dazu.
Das Bleigießen zu Silvester ist erst ein neu hinzugekommener Brauch in unserm Dorf. Erst um 1930 wurde er, und da auch noch sehr selten, ausgeübt. Meist sucht man bei diesem Brauch, wenn er von jungen Leuten ausgeübt wird, aus den Formen des gegossenen Bleis den Beruf des künftigen Bräutigams zu erraten.
Fromme Leute aber schlugen am Neujahrsmorgen wahllos die Bibel auf. Der ihnen zuerst ins Auge fallende Bibelvers sollte ihnen den Losungsspruch für das Ergehen im kommenden Jahre angeben.
Die Jugend der Generationen um die Jahrhundertwende aber besuchte am 1. Januar den üblichen Gesellschaftsball der „Jungen Preußen" in Unternessa.
Bis um 1880 wurde in Obernessa als alter Brauch das Neujahrssingen der Schule ausgeübt. Da am Vormittag der Kantor und Organist samt seinem Schulkinder - Chor am Gottesdienst teilnehmen mußte, blieb ihnen der ganze Nachmittag für diese Sitte vorbehalten. Mit seinem Chor geistliche Lieder und " Arien", sagte seinen Glückwunsch und erhielt dafür Geldgeschenke. Dieser sehr alte Brauch - in ganz Mitteldeutschland heimisch - reicht bis in die katholische Zeit zurück. Damals hatte der katholische Küster das Weihwasser mit dem "Sprengkessel umgetragen". Dieser Singeumgang war ein Bettelumgang und diente der Lohnaufbesserung des Kantors und Küsters. Lehrer Lorenz war der letzte Lehrer, der am Neujahrstage mit den Kindern singen gegangen ist. Die Lehrersfrau kochte für die heimkehrenden Kinder am Ende dieser oft frostigen Angelegenheit ein wärmendes Essen.
Der 2. Januar war früher der "Ziehtag", an dem Knechte und Mägde ihre Dienststelle wechseln konnten.
Wir erkennen aus den bisher geschilderten Tatsachen, welch gleichbleibender Rhythmus das Leben und Erleben des Dorfes durchzog.
2. Zwischen Weihnachten und Ostern
Die Festtage sind vorüber. Der Alltag fordert sein Recht. Aber noch sind die Tage der Zwölfnächte. Die Tätigkeiten in dieser Zeit waren früher infolge des Aberglaubens noch sehr eingeschränkt und bedeutsam. Mit dem 6. Januar, dem Dreikönigstage, erreichten die Lostage ihr Ende. Um 1900 war er auch nicht mehr der Hochneujahrstag, der Sonntag nach Neujahr behielt diesen Namen, jetzt allerdings nur noch mit der Bedeutung, daß nun "die Fettlebe", das gute Essen der vielen Feiertage, abgeschlossen waren. Die damaligen Alten, vor allem die Großmütter, erinnerten am 6. Januar bedeutsam an ihr schulisches Wissen, indem sie die Namen der drei heiligen Könige Kaspar, Melchior und Balthasar aufzählten. Unseren vorgeschrittenen Menschen gehört dieses Wissen und auch die meisten der abergläubischen Lebensregeln zu den wertlosen Nichtigkeiten des Lebens.
In den Bauernhöfen des vorigen Jahrhunderts setzte nun nach den Zwölfnächten die verschiedenste Tätigkeit in Haus, Hof, Stall, Scheune und Garten ein. Sie sind eingehend in unserer Heimatgeschichte der vorigen Jahrhunderte geschildert. Wie feierlich noch heute mußten die Pferde ausgeritten werden, die durch die lange Winterruhe im Stall überschüssige Kraft austoben mußten. Vergleichsweise sagte man ja zu einem übermütigen Menschen:
"Dich sticht wohl der Hafer!" Dann räumten die "Mannsen" - wenn es die Witterung erlaubte und auch die Wegverhältnisse günstig waren - den Mist auf einen Stapel am Feldrande. "Mist ist der heelje Christ!" War noch Getreide auszudreschen, dann erscholl aus den Höfen der Dreitakt der Drescher, zumal wenn nun die Getreidepreise auf dem Weißenfelser Markt gestiegen waren und Geld gebraucht wurde. Das Roggenstroh, man nannte es " Langstroh " und " Seelstroh" wurde zu Seilen für die kommende Ernte geknüpft und die "Seele" in Bündeln zu je einem Schock in der Tenne oder im Bansen aufbewahrt. Hinter der Scheune wurde das "Gleeholz," das Reisigholz, gehackt und mit Strohseilen zusammengebunden. Dieses "Wellholz" wurde dann in der Pflaumendarre oder in der "Schubbe" (Schuppen) zur Backofenheizung aufgestapelt. In unseren Dörfern hatte jedes Bauernhaus den außerhalb an die Küche angebauten Backofen. Eine Gemeindebäckerei gab es nicht wie in anderen Orten.
Anderes Langstroh wurde mühsam gehäckselt, mit der oftmals stumpfen Klinge auf der Futterbank zerkleinert. Wenn "die Sau bränte," mußte sie "zum Hauer gebracht" werden. Die Ziege mußte zum Bock "geführt" werden. Der dazu nötige Ziegenbock war oft im Besitze des Gemeindehirten, er brachte ihm eine willkommene Geldeinnahme. Die Ackergeräte mußten nachgesehen werden. In den hölzernen Eggen (gesprochen: "die Eechen") mußten zum Teil Holzzinken erneuert werden, auch das hölzerne Pfluggestell bedurfte der Reparatur. Das Lederzeug an den verschiedensten Geräten mußte durch eigene Handarbeit ausgebessert, die Kumte und Riemen der Geschirre zum Sattler in einem Nachbardorfe oder nach Teuchern geschafft werden. Auch in Holzarbeiten, im Anfertigen von Hausgeräten, oft sogar von Möbeln, waren viele unserer Vorfahren tüchtige Handwerker. In den Museen des Landes stehen jetzt manche buntbemalten Schränke, manche Lade, manche andern Bauernmöbel. Bei den Frauen aber setzte das Spinnen wieder ein. Vor 150 Jahren aber kannte man das Weben nicht mehr, seitdem vor allem in England die Webmaschinen durch die Dampfmaschinen betrieben wurden und auf unseren Märkten die Manchesterstoffe in Mode kamen. Auf dem Rittergute war noch bis Mitte des vorigen Jahrhunderts das Bierbrauen im Gange. Hierzu mußte nach den Feiertagen Gerste gemalzt werden.
Für die Frauen aber war nach Neujahr die wichtigste Arbeit die "Fädderschließe." Die Hausfrau holte vom "Iwwerbodden" die im Sacke oder alten Bettziechen aufbewahrten Gänsefedern. Sie bestellte für die kommenden Tage ihre Nachbarinnen, den weiblichen Anhang ihrer "Freundschaft" im Dorfe. Pfannkuchen wurden gebacken. Je größer der Tisch war, desto mehr Helferinnen zu dieser "knauplichen" Angelegenheit des Federschließens an den aufgehäuften Stoß von Federn gesetzt werden. Da die "Muzen" oft umherflogen, hatten die Frauen Kopftücher umgebunden. Bei dieser Arbeit wurden die Tagesereignisse des Dorfes und der Umgegend durchgesprochen, manche Familienangelegenheit der Dorfgenossen "durchgehechelt." War dieser Gesprächsstoff versiegt, dann wurden zur Kurzweil auch Rätsel geraten, oder Spukgeschichten vom "Kowelt" (Kobold) oder vom Pfeifer in der Gasse usw. wurden ausgekramt. Vielleicht wurde auch einmal leise gesungen. Derweil saß bei hereingebrochener Dunkelheit die Ölfunzeln oder später die Petroleumlampen waren angezündet der Bauer behaglich in der Nähe des Ofens und schmauchte seine "Piepe" Tabak. Wenn die geschlossenen Federn in den Federsack gestopft werden, muß die Hausfrau aufpassen, daß keine ungeschlossenen Federn mit hinein kommen, sonst bekommt sie vom Gelege der Brutgans keine kleinen Gänse. So sorgt die Bauersfrau für die heranwachsenden Töchter, aber auch für die Söhne, daß sie ihnen eine Anzahl von Federbetten zur Aussteuer mitgeben kann. In neuerer Zeit hat sich das Federschließen für die Mithelfer zu einer fast festlichen Angelegenheit herausgebildet. Sie werden Abend für Abend mit den verschiedensten Kuchenarten, mit belegten Brötchen und Bohnenkaffee bewirtet. Waren endlich die letzten Federn geschlossen, dann wurden die Helfer mit der "Stoobganne" (= Staubkanne) bewirtet, bei der es oft noch Trinkschokolade und Liköre gab. Ein Fest!
Nun benötigte die Hausfrau ihre Mägde und andere Helferinnen in der Winterzeit zum Säckeflicken. Getreidesäcke und Kartoffelsäcke hatten beim Gebrauch manchen Schaden erlitten. Vor allem waren die Getreidesäcke sehr wertvoll. Im Mittelalter standen sie in Erbschaftsregulierungen vor dem Dorfgericht im Erbverzeichnis an wichtiger Stelle (lt. Amthandelbauer Lauchstädt 1526 - 1539. Die Zweischeffelsäcke waren die übliche gebrauchte Größe.
Ber. Säckeflicken. Das Säckeflicken war eine werterhaltende Arbeit für die fleißigen Bauersfrauen in Zusammenarbeit mit den Mägden. Die Getreidesäcke waren teuer, wenn sie gekauft wurden, sie waren aus festen Drellstoff (Drell= Drillich, dreifach gewebt. Als Scheffelsäcke in den vorigen Jahrhunderten gab es vor allem Zwillichsäcke. Im Mittelalter stellten die Bauersfrauen das Sackzeug durch Spinnen und Weben oft selbst her. Welchen Wert diese Säcke hatten, ersieht man aus Erbschaftsregelungen, bei denen noch im 19. Jahrhundert die Säcke im Nachlaß mit aufgezählt werden. In Obernessa starb i. J. 1833 ein armer Kuhbauer. In seinem kümmerlichen Nachlaß werden u. a. "zwei alte Zwillichsäcke" angegeben. Im Lauchstädter Amtshandelbuch (1526 - 1539) ist eine gerichtliche Auseinandersetzung über Schafe und Säcke zu Protokoll gebracht:
Im Jahre 1538 erhob "Gerdrute Grauert," die zweite Frau des verstorbenen "klein Klaus Grauert" in Teutschenthal auf einen "hinderstelligen" (= zurückgehaltenen) Teil des Nachlasses Anspruch, nämlich auf 9 Schäpse und 5 Säcke,
"welche die nachgelassene Witwe allein in die gerade hat ziehen wollen, zeyget sie an, was vormals von schäpsen und secke bey der ersten Frauen ihres Mannes vorhanden, das in die Gerade gehörig, das hette die spillmagen ampfangen. Das yhr dane di schwertmagen der unmündigen Kinde genannts grauerts nicht gestendigk seint und angezeiget, es wehre (= wäre) bey den vorigen Weib erzeuget. Se indt dieser mass durch den gestrengen und vesten Heinrich von Bothfelde Amtmann wie folgt vortragen, das die iezige fraw Gerdrute den schwertmagen der Kinder Paul Bosse als der Kinder Vatter von den ix (9) schäpsen vj (6) volgen lassen und die secke nund iii (3) schepse sol genante fraw behaltenn."
Das lautet in Übersetzung: "Auf die 9 Schäpse und die 5 Säcke erhebt die nachgelassene Witwe, die 2. Ehefrau des verstorbenen "kleinen Klaus Grauert" Anspruch auf dem Rechtsgrundsatz der gradlinigen Erbschaft als Spindelmagen. Die Spindelmagen waren im Erbrecht die Frauen, die nicht auf Hof und Feld und alles, was "niet- und nagelfest war, Anspruch erheben konnten, dagegen auf Dinge, die vom Mitgebrachten der Frauen bei der Eheschließung stammten. Die Witwe gibt an, daß das, was vorher an Schäpsen und Säcken im Eigentum der ersten Frau ihres Mannes vorhanden war, das gehöre "in die Gerade" (= der 2. Frau). Die Schwertmagen sind die männlichen Erben. Paul Bose ist der nächste männliche Erbe nach den unmündigen Kindern. Als deren rechtmäßigen Vertreter, als ihr Kindervater (= Vormund )gibt er nicht zu, daß ihre Ansprüche ihr zustehen ("nicht gestendigk seint") und gab an ("und angezeiget" ), die strittigen Schäpse und Säcke seien erst während der Ehezeit mit der ersten Frau ("bei dem vorigen weib") erworben ("erzeuget"). Bose erhält 6 Schäpse und die Witwe 3 Schäpse und die 5 Säcke. Das "Salomonische Urteil" entsprang in bezug auf die Säcke der Überlegung, daß die erste Frau die Säcke in die Ehe mitgebracht haben kann, da Männer nicht spinnen und weben.
Die Wichtigkeit dieser Arbeit kam auch um 1914 in den Schulpausen u. a. beim Spiel der Mädchen zum Ausdruck. Sie faßten sich an den Händen an, bildeten eine Schlange, den Faden, sangen im Dreiklang:
"Säcke flicken, Säcke flicken, wir haben keine Nadel!"
und krochen beim immer wiederholten Gesange dieses Reimes unter den Händen der beiden ersten Kinder so oft hindurch, bis sich ein enger und fester Menschenknäul gebildet hatte. Darauf schloß dieser "Kreis" unter gemeinsamem taktmäßigem Aufhopsen mit den Rufen "Schneider, Schneider, hopp,hopp,hopp" bis der lachende Kinderhaufen auseinanderpurzelte.
Die notwendige häusliche Winterarbeit wird mit beschleunigter Eile dem Abschluß zugefügt, denn zur Lichtmeß geht es heraus aus dem Winter. An diesem Tage achtet man sehr auf das Wetter. Die Sonne darf an diesem Tag nicht scheinen. Ist letzteres der Fall, so rechnet man mit einem noch strengen "Nachwinter."
"Wenn es Lichtmeß stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit,
ist 's dagegen klar und hell, kommt er reichlich spät zur Stell!"
sagt die alte Bauernregel.
Und ein Reim im Nessatal erinnert an die Zeit von "Anno dazumal", an die Zeit der Junkerherrschaft:
"Ze Lichtmässe genn de Härrn bei Daache ässe,
de Bauern, wenn se gunn,
de Bäddelleide, wenn se was hunn."
(= Zur Lichtmessen können die Herrn, die Junker, bei Tage essen, die Bauern, wenn sie können, die Bettelleute, wenn sie etwas haben." Besondere Frühlingsbräuche, wie sie im nahen Spergau abgehalten werden, sind hier unbekannt.
Die Fastnachtzeit wies in Obernessa um 1920 keinerlei Mummenschanz wie an anderen Orten auf. Ab und zu gefielen sich die Kinder damit, eine Larve aufzusetzen, welche sie in der Stadt in einschlägigen Geschäften gekauft hatten oder von älteren Geschwistern erhielten, nachdem diese an einem Maskenball teilgenommen hatten. Neuerdings, nach 1945, werden in den Schulen, Pionierorganisationen und Kindergärten Umzüge oder Spiele in Kostümen veranstaltet. Am Morgen des Fastnacht - Dienstag veralbern sich die Kinder gegenseitig. So sagen sie z. B.: "Du hast ein Loch im Strumpfe!" Sieht nun das andere Kind hin, wird es ausgelacht und gesagt: "Faastnacht is längst vorbei, du mußt der Faastnachtsnarre sälwar sei!"
In den Gasthöfen finden in der Fastnachtzeit Maskenbälle statt, bei denen sich um 1920 manche Tänzer unter dem Schutze der Maske oftmals wenig sittsam benahmen. So wurde ein Erwachsener als halbnacktes Baby in einem alten Kinderwagen in den Tanzsaal gefahren. Die Gastwirtschaften veranstalten außerdem im Februar Bockbierfeste. In den mit Papiergirlanden geschmückten Gaststuben wird tüchtig gezecht und "gekartet." Oft wird vom Wirt Preisskat bekanntgemacht. Die Ballgesellschaft "Germania" veranstaltete am Sonnabend nach dem 1. Fastensonntag ihren anderen jährlichen Gesellschaftsball.
Die seit alter Zeit von der Kirche eingeführte Fastenzeit knüpft wie die meisten anderen kirchlichen Feste während dieser Zeit an die heidnisch - germanischen Vorfrühlingsfeier an. Im Althochdeutsch gab es das Wort Fastnacht noch nicht. Erst in der mittelhochdeutschen Sprachführung wurde das Wort "fasten" mit "Nacht" zusammengesetzt. Nach altgermanischer Zeitrechnung zählten Abend und Nacht schon zum folgenden Tag. Fastnacht ist der Tag vor der Fastenzeit, der Dienstag vor Aschermittwoch.
Die religiöse Vorschrift gebot den Gläubigen sich in Bezug auf Essen und Trinken Fesseln vor allem im Fleischgenuß anzulegen. So besteht darin noch heute die Überlieferung, wenn Fischgerichte sowie Eierspeisen die bevorzugten Gerichte sind. Einfügen möchte ich an dieser Stelle eine Erörterung des Genusses von Pferdefleisch. Das junge Pferd war zur Zeit der Germanen das edelste Opfertier, das bei den Kulturfeiern den Göttern geopfert und dabei gegessen wurde. Bei der gewaltsamen Einführung des Christentums durch Karl d. Gr. wurde das Pferdefleischessen bei Todesstrafe verboten und die Pferdefleischesser verfolgt. Obwohl es heutzutage Roßschlächtereien und Verkaufsläden mit Fleischwaren vom Pferd gibt, wird deren Genuß von sehr vielen Menschen heute noch verschmäht, wurde der Genuß zu meiner Jugendzeit als ein ekle Angelegenheit lächerlich gemacht. Man ersieht, wie das vor über 1000 Jahren erfolgte Verbot so nachhaltig wirksam ist. Es kam noch dazu, daß die christianisierenden Mönche der alten Zeit den Bekehrten das Pferdefleisch systematisch verekelten. Diese Erörterung ist ein Beispiel dafür, wie lange man sich an altes Brauchtum erinnerte - hier freilich im negativen Sinne. Das Fastnachtsgebäck sind allgemein die Pfannkuchen, dazu im Nessatale wie vielerorts in Mitteldeutschland die "Kräppel", auch "Kräppelchen" genannt. Was bedeuten die Kräppel? Zweifellos ist die Grundform Krapfen aus Karpfen hervorgegangen. Es gibt Gegenden in Thüringen, in denen man zur Fastnachtszeit, die im Tierkreiszeichen der Fische steht, Fastnachtskrapfen im siedenden Öl bäckt. Außer der Kräppeln verzehrt man bei uns auch noch das in Öl in der Pfanne zubereitete "Rädergebackene" Teig, welcher mit einem Kuchenrädchen in Formen zerteilt und vor dem Genuß mit Zucker bestreut wird. Die Bäcker verkaufen in der Fastnachtzeit Schaumbrezeln und Salzbrezeln. Die Brezelfrau bringt sie, meist aus Teuchern kommend, mit dem "Huckekorb" in die Häuser.
In Obernessa fanden wie in der Adventszeit auch in der Fastnachzeit bestimmt noch nach 1920 an Wochentagen besondere Fastengottesdienste statt. Das war eine Sitte, die an die Vielzahl der Gottesdienste der früheren katholischen Zeit erinnerte. Hierbei wurde eine besondere Fastenliturgie gesungen, welche Lehrer Lorenz (1841 – 1880) vertont hatte. Den Frommen boten die Gesänge eine wirkliche Erbauung. Manche Kritiker unserer Zeit aber äußerten: "Das ist katholischer als der Papst!"
Der Fastnachtsdienstag war im Mittelalter der Zinstag, an dem an den "Herrn", den Gutsherrn, die gemästeten Kapaune (= unfruchtbar gemachte Hähne) und Rauchhühner abgeliefert werden mußten. Die Redensart vor Jahrzehnten: "Der sieht rot aus wie ein Zinshahn", mit der man einen jähzornigen Menschen bedachte, geht auf diesen Brauch zurück.
Auch ein besonderer alter Brauch wurde am Fastnachtstag vom Gemeindediener ausgeübt. Als Gemeindehirt, in letzter Zeit nur als Gänsehirt, gingen er und seine Frau von einem Bauerngehöft zum andern und dudelte mit seinem Hirtenhorn während dieses Heischegangens bei jedem Bauern ins Hühnerhaus. Das bedeutete, daß die Hühner von nun an mehr Eier legen sollten. Die beiden Sammler erhielten in den großen Tragkorb der Frau, Eier oder statt dessen andere Naturalien wie Brot und Würste.
Auf den Fastnachtdienstag folgt der Aschermittwoch. Wer an diesem Tage näht oder strickt, bekommt krummes Vieh im Stall. So hat die Fastnacht auch ihr "Aber".
"Die Freindscht" (=Freundschaft) der Bauernfamilien aber stellt sich in diesen im Feldbau arbeitsruhigen Tagen je nach dem Wetter mit dem Schellenschlitten oder dem Kutschwagen zu willkommenen Besuchen ein.
Die Vorfrühlingszeit - beginnendes Wachsen
Im Februar und im März geht das Frühlingsahnen durch die Menschenseele. Bereits im Februar ist die Bauersfrau um ihre Gänsezucht besorgt. Der alte "Jänsard" und die Gans haben sich gepaart, die Gans hat Eier gelegt und wird im Stall zum Brüten "gesetzt" Früher waren hierzu für diesen Zeitraum die Gestirne maßgebend. Bei den Sternbildern des Krebses, des Stiers und des Wassermannes durfte man die alte Gans nicht setzen. Beim "Krebs da sitzt sie nicht gut aus" und "de gleen' n Jense loofen rickwärts!" "Bein Schdier schdiern (= stören) se iwwarall rum!" "Bei'n Wassermann jehn de Jungen vor dar Hecke zeväl ins Wasser un wär'n nich fedd!" Die richtige Zeit ist die "bei'n Schitz'n, da schießen se ins Wachsen!" Die ausgebrüteten "Hieler" erhalten ein Kraftfuttergemisch aus jungen gewiegten Brennesseln, Möhren, Kleie und Hühnerei. Die Hausmutter achtet sehr darauf, daß die Kinder nicht vom "Gleejensefuddar" essen, sonst beißen sich die Gänse oder stören überall umher, wenn sie größer sind.
Die im Winter gesammelten Kräfte in der Natur bringen neues Grün, die ersten Knospen, die ersten Schneeglöckchen, dann die ersten Veilchen, die ersten Eier. Die Bauersfrau freut sich im Stalle an den muntern Sprüngen der Zicklein, welche die gute alte "Heppe" zur Welt gebracht hat. Sie bekommt zur Kräftigung "Kleiensaufen." Das Mutterschaf hat die kleinen wolligen Lämmchen "gelammt".
Anfang März veralbern sich die Kinder wie zur Fastnacht:
"Aedsch, der erschde März is längst vorbei, du mußt's Märzschaf sälwar sei!"
Sie pflückten auf den Wiesen die ersten Frühlingsboden, sie "machten sich Veilchenschdreisar". Die Knaben schneiden von den Weiden oder vom Fliederbaum (Syringa) saftige Zweige ab, klopften mit dem Messergriff unter dauerndem Drehen des Reises und wiederholtem Sprechen der Beschwörungsformel:
"Saft, Saft, Seide, eine alte Weide gingk emal zun Bärch hinaan.
Als se wedder rungerkam, war das Feifch'n abjedan. Schieb ab,
schieb ab, drei Leff'l vull Saft."
Bis sich Rinde und Bast ablösten. Nun ließen sie befriedigt ihre "Fapen" ertönen. Oft fertigten sie auf die gleiche Art noch kunstgerechter eine Pfeife an, mit welcher sie durch Auf- und Abschieben des jungen Holzes in der Rinde Laute in verschiedener Tonhöhe erzeugen können. Bei den ersten warmen Sonnenstrahlen, die das Erdreich abgetrocknet haben, spielen die Kinder vor dem Haus mit den "Titschkullern." In anderen Orten Mitteldeutschlands heißen diese Tonkugeln auch "Stennerte". Oder die Kinder lassen auch die bunten Kreisel mit ihren Peitschenschlägen tanzen. Auch treiben sie schnellen Laufes den Reifen - und wenn es nur ein alter Fahrradreifen ist. Die Mädchen spielen mit den "Fackebällen" ihren "Zweiball" oder gar "Dreiball" an den Hauswänden. Gar vielfältig sind die Bewegungspiele. Mit einer Schnur "machen sie Seelhubbens", indem sie im Lauf über ihr Seil hüpfen. Sodann ritzen sie am Fußboden rechteckige Fächer, sie "hixen", d. h. sie hüpfen auf einem Bein vorwärts und zurück in die Fächer hinein beim "Mannhuddens" (die Fächer bilden eine Mannsfigur) oder werfen beim uralten "Himmel- und Höllespiel" Glasscherben in die einzelnen Flächen, welche das Ziel des Hüpfens bilden. Ein eigenartiges bodenständiges Kampfspiel der größeren Knaben war das "Stickeln." Hierbei schlugen sie zugespitzte kurze Pflöcke in das weiche Erdreich und machten sich gegenseitig diese Pflöcke um die Wette streitig.
Kurz vor Ostern verstecken die Kinder im Garten oder im Hof gegenseitig die bunten Gummibälle und spielen "Ostereiersuchens".
"März kriegt den Pflug beim Sterz." Der Bauer "ackert" (pflügt) und bestellt die Frühjahrssaat. Er beachtet alte Bauernregeln. "Märzhafer ist Herbsthafer - Aprilhafer ist Spreuhafer." Der Weizen durfte nur am Mittwoch oder am Sonnabend gesät werden. Vorsichtig vermied man den Freitag, um den gefürchteten "Ruß", die Pilzkrankheit des Getreidebrandes, nicht zu erhalten. Trotzdem hatte Hofmeister Otto Röder vom Rittergut sein besonderes "Aber", er bevorzugte gerade den Freitag als Tag der Aussaat. Früher säte der Bauer die Sommergerste aus, wenn die Lindenblätter die Größe eines Pfennigs erreicht hatten. Blühte die Rüster in reichem Maße, so verriet das eine gute Gerstenernte. Auch der Mond beeinflußte das Geschehen der Aussaat. "Was über der Erde wächst (das Getreide), sollte man bei zunehmenden Mond und bei Vollmond, und was unter der Erde wächst (die Hackfrüchte), sollte man bei abnehmendem Mond aussäen."
Vor dem allgemeinen Gebrauch der Drillmaschine erfolgte noch um 1880 die Handaussaat des Getreides mit dem über die Achsel geknüpften Säetuch. Der fromme Landwirt begann die Aussaat, wenn er den ersten Wurf Körner ausstreute mit dem Segenswunsch: "Das walte Gott!" oder kurz: "Walt's Gott!"
Der Vater von Max Franke (sein Gut liegt im Winkel des Kapellenendes, Besitzer ist jetzt wohl Max Burkhardt) war bei der Aussaat des Kleesamens besonders geschickt. Sein Trick war: Rechts treten - rechts werfen, links treten - links werfen! Mit kleinen Schritten sparte er dadurch jedesmal einen Gang aus. Sein einzigartiges Geschick war im Dorf berühmt, er hat bei vielen Nachbarn mit dieser besonderen Saatarbeit ausgeholfen.
3. Die Osterzeit
Ostern ist seit grauer Vorzeit ein bewegliches Fest. Es fällt stets auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond. So findet das früheste Osterfest nach dem 21. März, das späteste oftmals noch nach Mitte April statt. Bei den Germanen war es das Fest der Verlobung der Göttin Ostara mit dem Gott Freyr (Baldur). Ähnlich wie zur Fastnacht und wie Anfang März ist auch am Monatsersten des April das "Veralbern" im Brauch. Anfang März hänselten die Kinder die Bekannten nur noch selten. Dagegen taten sie das am 1. April um so mehr. Dabei hieß es:
"Heite is der erschte Abril, da kann mar Narr'n halde, wen mar will!"
oder: "An erschten Abril fiehrd mar de Narr'n, wohin mar will."
Ostern ist das Fest der Auferstehung und des neuen Lebens.
In frühgeschichtlicher Zeit erfolgte bei den Germanen zur Osterzeit die Aufnahme der erstarkten Jünglinge in die Gemeinschaft der Männer. Im Mittelalter, um 1500, war z. B. die Erbfähigkeit der Kinder nach dem Tod des Vaters im beendeten 12. Lebensjahr üblich. Sie galten im Erwerbsleben als erwachsen. In der Neuzeit, bis 1945, war das 14. Lebensjahr der Wendepunkt im Leben der Jungen. In diesem Jahr wurden sie aus der Volksschule entlassen und traten in das Berufsleben ein. Bis 1945 waren die Konfirmation am Palmsonntag und die Schulentlassung zu Ostern miteinander verknüpft. Um die Osterzeit erwartet man auch mit Spannung die Rückkehr der gefiederten Sänger. Beim Ruf des Kuckucks soll man mit der Geldbörse klappern. Dann soll das Geld nicht ausgehen. Die Kinder aber rufen: "Kuckuck, wie lange leb ich noch?"
Sie zählen die hintereinander folgenden Rufe des Frühlingsboten und bemessen danach die Zahl ihrer Lebensjahre, ohne indes daran zu glauben. Wenn die erste Schwalbe gekommen ist, sollen sich die Jungen und Mädchen auf die Erde wälzen, so werden sie Glück im Leben haben. Der Bauer freut sich, wenn die Schwalben unter dem Dach des Hauses oder im Kuhstall ihr Nest baut. Sie bringt Segen in den Viehbestand. Außerdem sind Haus und Hof vor Feuergefahr geschützt. Die Ostereier sind das Sinnbild der Fruchtbarkeit. Sie wurden einst der Frühlingsgöttin Ostara auf den Altären geopfert. Ihr brachte man auch als Erstlinge der Tierwelt die jungen Märzhasen zum Opfer dar. Der eierlegende Osterhase gehörte zum Osterfest. Jetzt aber soll auch der "Kickerhahn" bunte Eier legen, wie man den kleinen Kindern sagt. Er legt am Ostersonntag auch wie der Osterhase die roten, grünen, blauen, gelben und buntgescheckten Eier in den Garten. Vater und Mutter haben sie versteckt. Für die Kinder ist es der schönste Augenblick, wenn es auf die Suche geht. Oft sind es jetzt auch Zucker - und Schokoladeneier, die sie jubelnd entdecken. Die Großmutter hatte schon vor Ostern mit Zwiebelschalen gelbgefärbte oder mit Kaffeesatz braungefärbte Eier auf den Tisch gebracht, um die frohe Erwartung der Kinder zu steigern. Am Nachmittag des Ostersonntag besuchen die Kinder die im Dorfe wohnenden Verwandten, um dort das Ostereiersuchen fortzusetzen, das am Vormittag im elterlichen Garten so freudevoll für sie anfing. Ostergottesdienst, Osterbraten, Osterkuchen, Ostertanz sind die verschiedenen Höhepunkte des Osterfestes. Auch die Erwachsenen verzehren zur abendlichen Mahlzeit ihre entsprechende Anzahl Ostereier. Auf dem Kaffeetisch des Nachmittages und des Abends stehen außer den aufgeschnittenen Kuchenstückchen der verschiedensten Arten des "nassen" und "trockenen" Kuchens als besonderes Festgebäck die Aufläufer ("Uffleefer"), die nur an den Festtagen der drei großen christlichen Feste, zum Erntefest, zur Kirmes und zu Hochzeiten vorgesetzt werden. Die welligen Aufläufer werden auf der heißen Herdplatte gebacken(auch im Backofen). Der Gründonnerstag und der Karfreitag waren für die katholische Kirche in unserer Heimat vor der Reformation die beiden letzten Tage der Fastenzeit, sie waren hohe kirchliche Feiertage. Der Gründonnerstag ist aber in diesem Jahrhundert schon längst ein Arbeitstag wie jeder andere. Der Karfreitag ist noch heute, nach 1945, gesetzlicher Feiertag. Um 1920 war der Gründonnerstag noch immer der Beichttag der Konfirmanden, die dann am Karfreitag mit ihren Eltern in Begleitung ihren ersten Abendmahlgang erlebten. Vor Zeiten nahm die katholische Kirche das Osterei kläglich mit in Kauf. Damit es nach alter Gepflogenheit am Gründonnerstag gegessen werden konnte, es galt als "flüssiges Fleisch" wurde am Karmittwoch "die Fasten ausgeläutet" und die Eier vom Priester geweiht. Als Entlohnung erhielt er ebenso wie der Küster "Kreuzeier". Diese Erklärung aber ist bei uns ganz unbekannt. Aber bis zur Zeit des ersten Weltkrieges bestand in Obernessa noch der Brauch, daß der Dorflehrer von jeder konfirmierten Person von jedem Haushalt ein Osterei verlangen konnte. Die Eier rechneten zu seinem Gehalt als "observanzmäßiger Teil". Viele Bauern gaben aber oft gleich eine ganze Mandel, 15 oder 16 Stück (letztere Zahl wurde "Bauernmandel" genannt). Die weniger begüterte Bevölkerung nannte diesen Brauch "eine Bettelei", der Lehrer war froh, daß er sie nicht mehr auszuüben brauchte. Als alte Fastenspeise ist das Mittagsmahl am Gründonnerstag Grünkohl oder Spinat mit Ei noch heute in ganz Mitteldeutschland verbreitet. Am Karfreitag findet der letzte Passionsgottesdienst verbunden mit Abendmahl statt. Der Abendmahlsgang an diesem Tage unterstreicht am schwarzverhüllten Altar die religiöse Trauerstimmung. Hierzu durften sich die jungen Mädchen keinen Hut aufsetzen und sich nicht schmücken. In der Karwoche durfte der Bauer nicht verkaufen und nicht handeln.
den früheren Austrieb der Tiere auf die Viehweide. Am 1. Mai wurde der "Gemeindebulle" als Pfingstochse mit bunten Bändern und Blumensträußen geschmückt vorangeführt. Daher rührt auch die Redensart: "Der ist geputzt wie ein Pfingstochse!" Früher wurde das Großvieh durch den "Hutmann"(Ausdruck um 1600 in Obernessa), den Gemeindehirten, auf der Viehweide hinter dem "Kapellenfleck" am "Teuchernschen Steige" eingepfercht. Der Hirt erhielt um 1730 für seine Tätigkeit vom Rittergut "fürs Einpferchen und Hürdenschlagen jährlich acht Brote, 5 Schock 1 Mandel und 2 Garben Korn und neun Kannen Bier", dazu "jeden Tag von Walpurgis bis Michaelis einen Topf Molke fürs Gänsehüten." Der Sommerauftrieb der Schafe der Gemeinde und des Rittergutes erfolgte in die aufgeschlagenen Hürden auf dem Brachland, der 3.Art der Feldflur, zum Teil auch die Feldraine und Triftwege. Letztere Verpflichtung ist um 1730 allerdings nicht erwähnt. Der Austrieb der Gänse war um 1920 immer noch Brauch. Deren Hürden befanden sich auf dem Anger in der Elme. Nach der Ernte fanden sie aber auf der Stoppel genug Körnerfutter. Noch bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts fand am Walpurgistage der gemeinschaftliche Flurgang der Nachbarn statt. Die Bauern besichtigten die Grasraine zwischen den einzelnen Feldschlägen und bereinigten Streitigkeiten zwischen Feldnachbarn, sie besichtigten die Grenzsteine an den Flurgrenzen und Grenzwegen der Nachbargemeinden. Der Flurgang war durch den Flurzwang der alten Dreifelderwirtschaft zu Beginn des Wachstums der Erntefrüchte bedingt. Ohne deren Schädigung war die eingehende Besichtigung der Feldschläge der "1. und der 2. Art" nach dem Walpurgistage nicht mehr möglich. Der alte Brauch des Flurzuges war mit der Seperation seit 1846 durch die Neuaufteilung und Zusammenlegung der kleinen Feldschläge praktisch hinfällig geworden. Zwar behielt man diesen vielhundertjährigen Brauch aus lieber alter Gewohnheit noch eine Zeitlang bei bis er ganz einschlief. Nach dem 1. Weltkrieg fand Anfang der 1920er Jahre erstmalig wieder eine Flurbesichtigung statt. Eine lange Reihe Kutschen mit Insassen fuhren durch die Fluren der Dörfer des Amtsbezirkes. Die Bauern wurden während der Fahrt durch einen geschulten Landwirtschaftslehrer fachkundig belehrt. Das war also ein modernisierter Flurzug.
In vielen ländlichen Gemeinden fand seit dem frühesten Mittelalter am Walpurgistag auch das Rügegericht der freien Bauern statt. Dieses Jahresding, auch Theiding oder gebotenes Ding genannt, war die öffentliche Versammlung aller männlichen "besessenen"(=besitzenden) Einwohner, welche das Nachbarrecht besaßen. Das Ding behandelte z.B. die Feldfrevel, weiter die Aufnahme der durch Einheirat oder Vererbung zu neuen Nachbarn Gewordenen ins Nachbarrecht, die Entrichtung der jährlichen Abgabe(Bede, Schoß) an den obersten Landesherrn und weitere Gemeindesachen. Die mündliche Überlieferung durch die alten Leute Obernessas um 1900 berichtete aber, daß diese Gemeindeversammlung vor mehr als hundert Jahren stets am Mittwoch nach Pfingsten abgehalten wurde. Man nannte sie kurz "die Gemeinde". Hierzu wurden alle Berechtigten durch das "Auspochen" mit dem Holzhammer des Ortsrichters einberufen. Das Auspochen war noch vor 1900 bekannt. Der alte Gemeindevorsteher Heinrich Rosenhahn berichtete mir davon. Sicherlich war der Hammer der ehemalige "Richterstab" des mittelalterlichen Gemeindethings. Zuletzt fand zur "Gemeinde" das "Gemeindebier" statt. Hierbei gaben die neuen Nachbarn ihr "Einstandsbier". Gab es in einem Jahre keine neuen Nachbarn, zahlte die Gemeindekasse das "Gemeindebier". Es fand im Freien auf dem Dorfanger statt. "Der Anger" befand sich neben dem "Schulteiche." Letzterer wurde in den 1870er Jahren zugefüllt und diente der Vergrößerung des alten Friedhofes nach Norden zu.
Der Mittwoch nach Pfingsten war wahrscheinlich entgegen dem Brauch der „Ältesten Zeiten" deshalb als Zeitpunkt des Gemeindebiers praktischerweise gewählt worden, weil er sich als Vierter Feiertag an das Pfingstfest anschloß. Tatsächlich waren noch um 1800 an den drei großen christlichen Festen noch drei Feiertage Üblich. In einem sächsischen Hauskalender vom Jahre 1806 sind zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten drei Tage als Feiertage rot gedruckt. In diesem Kalender führte der vierte Pfingsttag auch den Namen "Quatember". Dieser Tag war für die Ablieferung der Landessteuern bestimmt, er war der Steuertag. Letzthin bezeichnete man die Steuer selbst als "Quatember". Der "Churfürstl. Sächs. gnädigst privileg. öconomische und Haushaltungs - Calender Pirna 1806" nennt als Tage der vier Quatember (= Vierteljahr = erster Tag eines Vierteljahres, vierteljährlicher Fasttag) den 26. Februar (ittwoch vor dem Sonntag Reminiscere), den 28. Mai (4. Pfingstfeiertag), den 17. September ( Tag Crucis ), den 17. Dezember ( Tag Luci„). Auf jeder Monatsseite werden u. a. auch die "Churfürstl. Sächs. gefälligen Steuern" aufgeführt, so z. B. im März "In Städten:
Anderthalben Pfennig und anderthalben Quatember. Auf dem Lande: Eilpfennig und vier Quatember."
Dem 1. Mai haftet in unserem Jahrhundert nicht nur der Begriff des Dranges zur Freiheit von den Widerwärtigkeiten des Winters an. Die Menschen der Gegenwart feiern den 1. Mai im politischen Sinne als den Feiertag des Völkerfrühlings, den Feiertag der Befreiung von Feudalismus und Imperialismus. Seit 1945 ist der 1. Mai der "Internationale Kampf - und Feiertag der Werktätigen" und wird in der Deutscher Demokratischen Republik mit festlich geschmückten Umzügen und Demonstrationen begangen. Schon 1889 hatte die deutsche Arbeiterschaft den 1. Mai zu ihrem Kampftag erklärt. Das war im Nessatale während des Bismarckreiches und des Hohenzollernstaates äußerlich nicht erkennbar. 1921wurde von den Arbeitern von Unternessa zum ersten Mal eine öffentliche Maifeier mit einem linkspolitischen Umzug durch die Orte des Nessatals veranstaltet. (Die nähere Beschreibung ist in der Zeitgeschichte dieses Heimatbuches dargestellt).
4. Die Pfingstzeit
Im kirchlichen Jahresring wird zehn Tage vor Pfingsten, also stets an einem Donnerstag, das Himmelfahrtsfest gefeiert. Zu dem an diesem Tage bräuchlichen Gottesdienst sind aber nur wenige Besucher in der Kirche. Die Jugend zieht in aller Frühe hinaus in den Wald nach Leißling, um Maiblumensträuße zu pflücken. Um 1920 wurden für irgendeinen Maiensonntag die Feier des "Muttertages" proklamiert, an dem die Mütter nicht nur von ihren Kindern durch Blumen geehrt wurden. Nunmehr ernannte der Volksmund den Himmelfahrtstag scherzhaft zum "Vatertag". An diesem Tage unternahmen an allen Orten die Männer, die sich in örtlichen Vereinen zusammengefunden hatten, Ausflüge in die schöne Natur unserer Thüringer Heimat, um wie ledige Burschen ohne ihre eheliche Hälfte sich ihrer im Frühjahr nach der Wintersruhe neugestärkten Kraft zu erfreuen.
Oft wird die Himmelfahrtsfreude durch ein Gewitter gestört. Wie das übliche Himmelfahrtsdonnerwetter den jungen Mädchen unseres Dorfes in einem Jahre nach 1920 einen Streich spielte, können die jetzt 1962 noch Lebenden erzählen. Sie waren in ihrer guten Ballkleidung, wie alljährlich üblich, zu dem Krauschwitzer Vogelschießen zu Beginn des Nachmittages gewandert. Während des Balles kam gegen Abend das Gewitter auf. Nun hieß es abwarten, bis der Regen vorüber war, um dann wieder nachhause zu marschieren. Durch den strömenden Regen war im besonderen der Feldweg von Krössuln nach Obernessa in einen tiefen Morast verwandelt. Auf dem nächtlichen Heimweg mußten die Mädchen, um ihre neuen Schuhe und die seidenen Strümpfe nicht zu verderben, kurzerhand barfuß laufen. Das Vogelschießen war ein Volksfest für die ganze Umgegend von Krauschwitz. Die jungen Bauern holten für diesen Tag das erstemal im Jahre ihre Kutschen hervor und ließen sich bei der Auffahrt an der Froschschenke mit ihren Pferden und den sauberen Geschirren gebührend bewundern. Natürlich wollten sie "Eindruck schinden". In alter Zeit war der Himmelfahrtstag gemäß kirchlicher Sitte ein Fastentag. So hat sich im Nessatale im besonderen an diesem Tage noch um 1920 als örtlich eigentümliches Mittagsgericht die "Semmelmilch" als Fastenspeise erhalten. Dem Volksglauben zufolge darf an diesem Tage der Bauer nicht auf dem Felde arbeiten, denn "sonst laufen ihm die Gewitter nach", das heißt, sie verfolgen ihn und seine Ernte in der nun kommenden Sommerzeit. Die Frauen aber dürfen auch nicht nähen.
Im Frühjahr beobachtete der Bauer oft den Stand seiner Saaten. Im Mai aber hat die aufsteigende Sonne den Ackerboden weitgehend erwärmt, so daß das Wachsen und Sprießen der Früchte des Feldes voller Lust angeschaut wurde. An den Sonntagen besichtigte mancher Landwirt nach dem Mittagsschläfchen mit einem Spaziergang in die Flur sein Getreide, seine Rüben, er "ging fluren". Er freute sich, wenn er feststellen konnte, daß die Kornähren nicht mehr "in den Hosen stecken." Das Korn muß nun so hoch sein, daß sich schon Anfang April eine Krähe darin verstecken kann.
Die alte Bauernregel besagt: "Wenn sich die Krähe vor Marientag ins Korn verstecken mag, dann gibt's ein gesegnet Jahr".
Im alten Julianischen Kalender war der Tag "Mariä Verkündigung" am 6. April, im neuen Gregorianischen am 25. März (noch heute!). Um 1910 aber unternahmen unsere Bauern an Sonntagen in der Zeit vor Pfingsten eine Kutschfahrt nach der Viehweide des Rittergutes Schleinitz, dorthin hatten sie ihre besten Rinder zur Pflege getrieben. Auch führte sie die "Kutschpartie" zu einer freudevollen Frühlingslustfahrt nach Leißling mit dessen guter Waldluft. Voller Besorgnis aber erwartete die bäuerliche Bevölkerung den Witterungsablauf der drei "Eisheiligen" Mamertus, Pankratius und Servatius, deren Namen aus der Zeit der Voreltern noch bekannt waren. Die Weinstöcke am Hausgiebel, die blühenden Obstbäume waren oftmals die Opfer der Nachtfröste. Auch kam es vor, daß sogar an dem ebenso gefürchteten Tag Urban, dem 25. Mai, erneut Nachtfrost eintrat. Einmal schneite es um 1920 gar in die Roggenblüte. Einige Landwirte begaben sich zu zweit mit einer Wäscheleine an das gefährdete Kornfeld und streiften damit den Schnee von den Ähren ab, nicht wissend, daß sie damit die Staubgefäße der Ähren mit entfernten. Diejenigen aber, die den Blüten den Schneeschutz ließen, konnten im Sommer eine gute Ernte einheimsen.
Zur Himmelfahrtszeit waren die Rüben so weit herangewachsen, daß sie verhackt und verzogen werden mußten. Das Rübenziehen war, zumals in den größeren Wirtschaften und auf dem Rittergute, Kinderarbeit. Der Schulvorstand beschloß in der Regel mit Einwilligung des Weißenfelser Schulamtes "Rübenziehferien" einzurichten. Diese Feiertage wurden den übrigen Jahresfeiern abgezogen. Deren Gesamtzahl betrug zusammen mit den Erntefeiern, bei denen die Kinder ebenso wie bei den Herbstfeiern auch zur Mitarbeit benötigt wurden, ferner mit den Ferien zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten 80 Tage. Am Nachmittag erschienen auch Kinder aus Teuchern im hiesigen Rittergut, um sich durch das Rübenverziehen Geld zu verdienen. Die kleineren Kinder als "Einreiher", die nur eine Reihe Rüben verzogen, verdienten natürlich nicht so viel wie die Größeren. Zu dieser mühseligen Arbeit, bei der sie auf den Knien rutschten mußten, hatten sie ihre ältesten "Lumpen" (alter Ausdruck für Kleidungsstücke) angezogen und über die Knie abgeschnittene Strümpfe gestreift.
Die Bedeutung der Rübe im ländlichen Haushalt kam bei den Kindern schon bei ihren Haschspielen zum Ausdruck. Ihr Abzählreim lautete:
"1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, jehd mar nich in meine Rim,
sucht mar nich de besten raus,
sonst kommich mit der Knute raus".
Mit Späßen begann auch das Rübenziehen. Kinderreime flatterten auf. Bald kam bei manchen Kindern während dieser Arbeit die Ermüdung. Aber noch spaßen sie:
"Haste Dorscht, da beiß in de Worschd,
haste Hunger, beißte in Holunger,
biste miede, kriechste in de Diete".
Zur Vesperzeit aber kam der Ernst:
"Vesbarzeit - mei Maach'n schreit,
meine Galaun'n knurr'n Hunger!"
Bekannt bei jeder späten Feldarbeit war folgender Spruch:
"Feieraamd, Feieraamd, diddldumdei,
will noch jar kee Feieraamd sei,
's hat schon lange siem jeschlajen, (j wie ch)
un mir missen uns immarnoch blajen.
Wemmar nun kee Feieraamd kriejen,
bleim mar uff dar Schdelle liejen,
daß mar de Varrecke kriejen."
Die schwere Arbeit wurde den Kindern mit Limonade und "Brause" versüßt, am Abend mit kräftiger Kost und am Abschluß des Rübenziehens mit dem üblichen geldlichen Lohn bezahlt. Nach 1920 kamen die Hackmaschinen auf, sie lieferten die Vorarbeiten für das eigentliche Verhacken mit der Hand. Am Schluß kam noch das "Guthacken" hinzu. Meistens war diese wichtige Arbeit des Rübenziehens bis zum Pfingstfest erledigt, um erleichterten Herzens in Ruhe das schöne Fest miterleben zu können.
Das Pfingstfest (Pfingsten abgeleitet von griechischen penta coste = der 50. Tag nach Ostern) war das eigentliche Frühlingsfest der Germanen. Die alte Kirche übernahm es auch für ihre christliche Festesfeier. "Schmückt das Fest mit Maien, lasset Blumen streuen!" singt man in der Kirche. Die Maie war bei den Germanen der wachstumsspendende Lebensbaum. Er spendete Menschen, Tieren und Nutzpflanzen durch Berührung die Fruchtbarkeit. Die Birke war der Liebesgöttin Freya geweiht. Mit der Birke kam Glück und Segen ins Haus. In manchen Gegenden unseres Vaterlandes wird die "Maibraut" geschmückt. Anderwärts wird ein unbescholtenes Mädchen als auserwählte "Maikönigin" auf Umzügen besonders geehrt. Beide sollten das Abbild der Freya sein. In Thüringen wurde anstatt dieses Brauches die "Brautschau" am ersten Maisonntag, bei der Mädchen um Mädchen an den Meistbietenden als Tänzerin versteigert wurde, veranstaltet. Bei uns erfolgt seit alten Zeiten am Pfingstsonnabend das Maienstecken. Die Pfingstburschen sind die ledigen Burschen des Dorfes, die sich zur Pfingstgesellschaft zusammentun. Schon beim Morgengrauen fangen sie mit Geschirren nach Gröbitz oder Leißling und schlagen im Wald mit Erlaubnis des Försters und gegen Bezahlung Birken. Am Nachmittag des Sonnabend fahren sie, voran die Reiter, mit Musik von Haus zu Haus, um die Maien zu stecken. Der Sprecher läßt die Hauswirte und ihre Familien hochleben. Die Musik bläst unter Hochrufen der Pfingstburschen einen Tusch. Die Hauswirte geben eine ansehnliche Geldspende für die vor das Haus gesetzte Birke. Auch die Kirche wurde mit Pfingstmaien seit alters bedacht. Vor 250 Jahren schrieb der Pfarrer ins Kirchenbuch: "1701 war zu Pfingsten das Laub noch nicht heraus, wir konnten auch keine Maien in die Kirche stellen." Wenigstens zwei Maien wurden zu beiden des Altars aufgestellt.
Die drei Gemeinden Obernessa, Unternessa und Kössuln wechseln für jedes Jahr mit der Abhaltung des "Pfingstbieres" ab, so daß der ganze Amtsbezirk Obernessa eine gemeinschaftliche Pfingstfeier hält. Das eigentliche Pfingstbier wird an beiden Pfingstfeiertagen mit Tanz festlich begangen. Vor Beginn des Tanzes am Nachmittag ziehen die Pfingstburschen mit Musik durch die fünf Dörfer des Tales. Neben den Umzuge springen und hüpfen die "Kaspars" in ihren Narrenkostümen mit weißgeschminkten Gesichtern und roten Nasen. In der Hand haben sie eine Pritsche oder eine luftgefüllte Schweinsblase und teilen unter die eiligst davonlaufenden Kinder oder an die erwachsenen Zuschauer leichte Schläge aus .Früher wurden die Schläge mit Birkenzweigen verabreicht, um den Starkmache- und Fruchtbarkeitszauber hervorzurufen. In meinem Heimatort Lauchstädt ging an der Spitze der Reiter und der maiengeschmückten Wagen ein Läufer mit aufgekrempelten Hemdsärmeln und knallte fortwährend mit seiner kurzgestielten aber mit langen Riemen ausgestatteten Peitsche. Die meisten Menschen kennen die Bedeutung dieser uralten Sitte nicht. Durch das laute Knallen sollten ehedem die Unholde und bösen Winterdämonen aus dem Dorfe ausgetrieben werden. Während des Umzuges hatte sich unterdessen bereits der Tanzsaal gefüllt. Der Tanz dauerte oft bis in die frühen Morgenstunden.
Die Geschichte unserer engeren Heimat diesseits der Saale kennt das
Pfingstbier auch unter der Bezeichnung "Pfingstquas". Dieser Ausdruck
stammt aus dem sorbischen Wortschatz und bedeutet soviel wie Schmauserei und
Völlerei. Quas oder Kwas war ein stark alkoholhaltiges Getränk der Sorben, das
sie aus Kleie, Mehl, Brot oder Malz in Birkensaft vergoren herstellten. Der
Pfingsttanz wurde vor hundert Jahren noch an drei Tagen durchgeführt. Der
dritte Pfingsttag war noch zu Lebzeiten der älteren Generation, etwas um 1910
eben der "dritte Feiertag", an dem auch nicht gearbeitet wurde. An
diesem Tage veranstaltete "die Pfingstgesellschaft" vielerorts zu
beiden Seiten der Saale, z. B. in Reichardtswerben, das Eierbetteln. Die
Burschen zogen in lustigen Masken von Haus zu Haus und sammelten Eier und Speck
ein. Sie nahmen natürlich auch Geld, wenn sie stellenweise diese Naturalien
nicht erhalten konnten. Wieder war Tanz. Die Eier wurden in der Gastwirtschaft
im großen Tiegel gebacken und von den Burschen als naturgemäßer
"Fruchtbarkeitszauber" verzehrt.
Im Mittelalter gab es noch keinen Tanzsaal, da fand der Pfingsttanz unter der
Dorflinde auf dem grünen Anger statt. In Obernessa ist der Anger in Dorfmitte
noch vorhanden, auch Linden stehen noch da, natürlich keine
mehrhundertjährigen. In Aupitz aber sitzt die Tanzkapelle oben im Lindenbaum
vor dem Gasthof.
5. Mittsommer
Am 24. Juni ist der Johannistag. "Johanne" sagte der Landbewohner. An diesem Tage hängt an den Häusern des Dorfes der Johanneskranz. Er ist aus Eichenblättern mit Rosen, Kornblumen, Rittersporn und oftmals mit weißen Lilien geflochten. Früher bestand er aus sieben Kräutern: Johanniskraut, Bärlapp, Rittersporn, Lattich, Kornblumen, Raden und Klatschmohn. Diese Kräuter sollten die Kraft haben, das Gehöft vor Blitzschlag und vor sonstigem Unheil zu schützen. Deshalb bleibt der Kranz weiterhin bis zum nächsten Jahre hängen, auch wenn er dann vertrocknet ist. Der Johanniskranz war das Abbild des Sonnenrades, er war der Sonnenwendkranz des Festes der Sommersonnenwende der germanischen Vorzeit. In manchen Gegenden unseres Vaterlandes wurde ein brennnendes Rad beim Abbrennen des Johannisfeuers den Berg hinunter gerollt. Die Burschen und Mädchen sprangen paarweise durch das reinigende Feuer. Am Tag des Mittsommers wurden von nun an die Tage wieder kürzer, die Nächte wieder länger. Dem Volksglauben gemäß darf man vor Johanni nicht in freien Gewässern baden, da sonst das Wasser ein Menschenleben fordert. Dieser Glaube geht auf den Brauch des uralten Menschenopfers zurück, das am Frühlingsfest dem Kriegsgotte Ziu gebracht wurde. In früheren Jahren wurde das "Johannisbier" als eine Tanzveranstaltung der jungen Ehepaare gefeiert. So wurde es in den 1920er Jahren noch den jungverheirateten Ehepaaren von Kössuln in der "Zufriedenheit" veranstaltet. Selbstverständlich war die Jugend des ganzen Amtsbezirkes und auch der weiteren Umgegend, aus Werschen, Runthal usw., zum Tanz gekommen. Die "älteren Herrschaften" aber ließen es sich in den Gaststuben mit Dauerskat bei Bier und einem guten Schmause wohl sein, die Küche der Gastwirtschaft Harnisch war rühmlichst bekannt. Ein Umzug fand in älteren Zeiten "zu Johanne" statt. Ein solcher wurde in Reichardtswerben i. J. 1927 seit längerer Zeit wieder einmal veranstaltet. Voran gingen zwei Peitschenschwinger. Ihnen folgten zwei Vorreiter. Die jungen Ehepaare aber saßen in drei Ochsenkutschen. Dazu wurde der Zug durch weitere junge Leute in Gruppen ausgestaltet. Wenn es am Johannistage regnet, sagen die Eltern: "Die Johannisbeeren - und auch die Stachelbeeren - werden getauft!" Dann sollen sie besser reifen und viel süßer schmecken. Die Kirschen reifen auch im Juni. Vor dem Genuß der unreifen Kirschen warnt man die Kinder, welche "Sehne" nach deren Genuß haben. Man sagt ihnen: "Der Tod sitzt in den Kirschen!" Die kleinen Kinder "machen sich „Ohrringel" von den ersehnten reifen Leckerbissen, welche an doppelten Stielen hängen, sie streifen die "Pärchen" über die Ohren. Am Johannistag, der doch meist ein Wochentag war, fand in Obernessa noch um 1920 der zweite jährliche gebräuchliche Abendmahlsgang "der Großen" des Dorfes statt. Das ist gleichfalls ein Zeichen, daß dieser Tag in der katholischen Zeit , also vor 1539, ein kirchlicher Feiertag war, an welchem jegliche Arbeit unterblieb. Der Juni war bei den Alten die Zeit der Ruhe in Feld und Flur. Er hieß in der karolingischen Zeit der "Brachet", das war die Zeit, da der dritte Teil des Feldes "brach" (= umgebrochen) liegen blieb. Der Juli hieß "der Heuert" als der Monat, bei dessen Beginn "das Heu gemacht" wurde. Unsere Nessawiesen waren nicht umfangreich. Sie teilten sich im Mittelalter zunächst in Obernessa in etwa 24 Bauernwirtschaften und nach Erbteilung in noch kleinere Stücke auf.
Somit beanspruchte die Heuernte weniger Zeit. Einselne Besitzer mochten noch in auswärtigen Fluren Wiesenbesitz als kleinere Erbteile haben. Das Rittergut Obernessa besaß um 1650 außer der "Herrenwiese" am Gut noch je eine Wiese in Hohenmölsen, Nödlitz, Werschen und Kuhndorf.
Die Heuernte findet jetzt immer im Juni statt. Früher war das Mähen mit der Sense auch mühsamer als jetzt mit dem "Ableger". An Stelle des wenigen Wiesenheu an der Nessa ist nun die Haupternte des Heues die auf dem Kleefelde, die Ernte der Luzerne und des "Eschbars" (= Espasette).
Nach dem Mähen muß das Heu oft gewendet werden bis es richtig trocken ist. Dazu wurden vor 1900 die "Schiddejawel" verwendet. Das war eine zweizinkige Holzgabel, die um 1920 noch in wenigen Exemplaren vorhanden war. Nun geschah das auch schon mit dem großen Heuwender, auf dem der Bauer sitzt und dieses einspännige Fahrzeug lenkt und bedient. Feuchtes gelagertes Heu verdirbt und bringt bei dessen Gärung infolge der entstehenden Hitze die Scheune in Gefahr. Manche Scheune ist dadurch im Brand aufgegangen. Einen angeblichen Schutz gegen Blitzschlag konnte man um 1920 in dem anläßlich des Walpurgistages schon erwähnten Gehöftes in Dorfesmitte wahrnehmen. An dem Scheunentor waren zwei Schleiereulen mit ausgebreiteten Flügeln festgenagelt. Man glaubte in alten Zeiten, daß diese im germanischen Götterglauben heiligen Tiere den Feuer- und Blitzschaden abwenden können.
Im Juni kommen auch häufig Gewitter. Man schrieb ihre Erscheinen den Märznebeln zu. Gewissenhaft wurden bei jeden Nebeltag von manchen Landwirten hundert Tage abgezählt und das Datum im Kalender- meist in die Junitage angeschrieben. Früher setzte man sich während des Gewitters mitten in die Stube. Man durfte keine Arbeit verrichten. Die Alten falteten die Hände und beteten. Vor allem durfte man sich nicht an den Ofen stellen. Man durfte nicht essen. Auf dem Tische durften Messer und Gabel nicht liegenbleiben. Man hütete sich, zum Fenster hinauszusehen. Wer mit dem Finger nach dem Blitz zeigt, dem wird er vom Blitz erschlagen. Auch sollte man nicht an den Spiegel gehen, oder man mußte den Spiegel umdrehen. Wer auf dem Feld war, mußte die Sense wegwerfen. Man darf sich nicht unter einen hohen Baum stellen. Bekannt ist der Spruch: "Den Eichen sollst du weichen, die Buchen sollst du suchen".
Die Mittsommerzeit des Juni ist im Verhältnis zur schweren Erntezeit ab Mitte des nächsten Monats für die bäuerliche Bevölkerung mehr die Zeit des Atemholens. Der Hausvater spannte um 1900 an einem sonnigen Tage die Pferde an die Kutsche und fuhr wie zur Fastenzeit mit seiner Hausfrau zur "Freundschaft", welche in einem entfernteren Dorf wohnte, zu Besuch. Oder sie erhielten umgekehrt auf gleiche Weise deren Gegenbesuch ein alter Brauch, der nur zu gern ausgeübt wurde. In den 1920er Jahren dehnte sich dieser Besuch bis Mitte Juli hinein aus. Bei der Bewirtung gab es natürlich zum Kaffeetisch den Kirschkuchen von frischen Früchten. Gern fuhr die Hausfrau mit den Kindern nun mit der Eisenbahn. Ende Juni zu Peter Paul zum Naumburger Topfmarkte. Auch das Naumburger Kirschfest bildet weiterhin einen guten Anziehungspunkt.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde von den Gastwirten des Nessatales vor der Ernte zum Vogelschießen eingeladen. In Obernessa veranstaltete z. B. der Gastwirt Präßdorf ein solches am 23. und 24. Juni 1867 und in Unternessa der Gastwirt Ebelt am 30. Juni und 1. Juli 1867.
In den 1920er Jahren aber bestand bei uns ein nach dem Weltkriege gegründeter Reiterverein, dem eine Reihe junger Landwirte des Nessatales angehörten. Sie nahmen damals außer an den militärischen Übungen auch an einem Ringstechen in Plotha teil. Heimatforscher wollen den Ring mit der zum germanischen Sonnenwendfest vormals vergegenständlichten Sonnenscheibe in Zusammenhang bringen.
Drei Generationen hindurch wurde in unserem Orte der 3. Juli, der Tag der Schlacht von Königgrätz i. J. 1866 besonders gefeiert, weil an diesem siegreichen Treffen eine Reihe unserer Obernessaer Vorväter als Kämpfer beteiligt waren. Der i. J. 1868 gegründete Kriegerverein veranstaltete zum Gedächtnis alljährlich einen Ballabend im Gasthofe. Auf Gemeindebeschluß wurde aus diesem Grunde vor allem aus patriotischer Hochstimmung heraus ein Gemeinde Kinderfest gefeiert. Es fand in letzter Zeit aus Ersparnisgründen aller zwei Jahre statt.
Beim Kinderfest fanden nach dem Armbrustschießen der großen Knaben und dem Sternschießen der Mädchen mit dem eisernen Stechvogel die verschiedensten Spiele statt. Als merkwürdig empfand der fremde Zuschauer und Zuhörer die Kreisspiele der Mädchen, welche in buntem Wechsel unermüdlich gesungen wurden. Die Texte ließen vermuten, daß ein ganzer Teil dieser Reigen aus alter Zeit stammten, daß die Texte oft gar nicht für Schulmädchen paßten, sondern eher für Jungfrauen, so daß man ihnen gar eine mythologische Bedeutung zumessen könnte. Meist spielten die Begriffe "Braut, ein festes Band knüpfen, küssen, goldenes Haar, der Jäger aus dem Wald, Liebchen usw." eine große Rolle. Man könnte sich hier an die alten Bräuche des Walpurgistages und der übrigen Frühlingsbräuche der Pfingstzeit erinnern. Bestimmt aber sind diese gesungenen Kinderfestreigen Anklänge an die Tanzreigen der erwachsenen Jugend des Mittelalters. Der Text des Reigens vom Rosentor und des vom Dornröschen ist besonders überzeugend für die Kultur, wenn nicht gar zu sagen für den Kult längst vergangener Zeiten. Für diese Erwägungen kann man auch einen kurzen Kinderreigen der Kleinsten in Betracht ziehen:
"Ringel, Ringel, Reihe, sind der Kinder dreie,
sitzen auf dem Holderbusch, schreien alle husch, husch, husch!
Setzt euch nieder!"
Der Holderbusch ist nicht der Holunderbusch, es ist der Buschen der Holda, der Frau Holle, der Name der Göttin Freia. In Westfalen und vereinzelt in Thüringen bezeichnete man mit dem "Hollerbusch" einen Ebereschenzweig.
Der Text der bei den vorerwähnten Reigen lautet:
"Wer will durch das Rosentor, der komm her und tret davor,
seid ihr jung, seid ihr frei? Wollt ihr Rosenjungfrau sein?"
nach Beantwortung einer Frage:
"Abgerissen, abgebrochen, schönste Jungfrau,
seid willkommen, habt das Wort gesprochen, darum geht hindurch."
Der Dornröschen - Reigen schließt sich an das Märchen an:
"Dornröschen war ein schönes Kind,
2. Dornröschen nimm dich ja in acht vor einer bösen Fee.
3. Da kam die böse Fee herein
4. und stach Dornröschen in das Herz.
5. Du sollst nun schlafen hundert Jahr!
6. Und alle, alle schliefen ein.
7. Da kam ein junger Königssohn
8. und gab Dornröschen einen Kuß.
9. Da schlug Dornröschen die Augen auf.
10.und alle, alle wachten auf. 1
11.Er nahm Dornröschen bei der Hand.
12. und führte sie durchs ganze Land.
13. Der König nun bald Hochzeit hielt.
14. und alle, alle freuten sich.
15. und alle, alle tanzten mit".
In den Schulen des Nessatales wurden winters, meist zur Weihnacht, und sommers oft am Johannistag seit der Jahrhundertwende in den Gasthaussälen die beliebten "Familienabende" für die Dorföffentlichkeit veranstaltet. Das Programm vom Jahre 1922 wies in unserm Heimatdorf Obernessa mit Unterstützung durch den hiesigen Männerchor folgende Vortragsfolge auf:
"Programm. Familiendabend zu Johanni 1922.
1. Licht.
1.Männerchor: Die Sonn' erwacht. Aus der Oper "Preziosa" von Carl - Maria Weber. 2. Begrüßungsansprache des Lehrers.
3. Deklamationen: 1. Frühlingsjubel. (Hilde Bauer) 2. Lenzlied aus "Walküre" v. Richard Wagner (Liesbeth Schumann)
4. Männerchor: O du wunderbar herrlich Frühlingszeit
5. Deklamation: Frühlingslied v. Bodenstedt
6. zweistimmiger Gesang der Schule: Der Lenz ist angekommen
7. Deklamation: Lenzfeier v. Goethe
8. Volkstanz: Rosen auf mein Hütchen. Johannisreigen aus der Bonner Gegend
9. Deklamation: Juninächte. Aus "Dreizehnlinden" v. Weber
10. Bühnenstück: Erdsegen, mit drei stimmigem Schulchor. (Hauptrolle: Helene Schäfer als Priesterin)
II. Liebe
11. Männerchor: Aus der Jugendzeit
12. Ansprache des Pfarrers Wartner
13. Deklammation: Wiesenwanderung. v. Behrnes
14. zweistimmiger Gesang: Der Mai ist gekommen
15. Deklamation: Hab' Sonne im Herzen. v. Cäsar Fleischlen. (Helene Schäfer)
16. Bühnenstück: Ruth, mit dreistimmigem Chor der Schnitter. (Hauptrolle: Elli Krieg als Ruth)
III. Leben
17. zweistimmiger Gesang: Alle Vögel sind schon da.
18. Deklamation: Sommerlied. v. Paul Gerhardt. (Walter Krieg)
19. Volkstanz: Schusterreigen
20. Bühnenstück: Die Roggenmuhme. (Else Westeroth, Merk u. a. )
21. Kinderreim der Kleinen: Dort steht der kluge Mann.
22. Dramatisierter Kinderreim: Eierhandel. (Martha Bauer, Grete Bayer, Herbert Krosse)
23. Kinderspiel: Der Schützenkönig. (Otto Beyer, Walter Schäfer, Herbert Schumann, Helmut Rümmler)
24. Kinderspiel: Das Pensionat. (in Kostümen)
25. Deklamation: Tintenheinz und Plätscherlottchen. (Irma Gerstner)
26. Volkstanz: Im Sommer
27. Deklamationen:
1.Mittenauf der Wiese. (Erika Becher)
2.Fritzens ganze Familie.(Otto Beyer)
28.Bühnenstück: Rumpelstilzchen.(Kurt Stein, Walter Krieg, Werner Ehrhardt, Elsa Rößler)
6. Erntezeit
Vor der Ernte, auf der Höhe des Jahres, überbietet sich die Natur im Blühen und Glühen. Das Auge des Bauern ruht auf seinen wogenden Ährenhalmen. Eine Fülle des Lichtes liegt über den Feldern. Regt es sich da nicht im Kornfeld? Geheimnisvoll rauscht es. Es ist wohl der „Kornmann", der das Ährenfeld schüttelt. Wehe dem Frevler, der das kommende Brot achtlos zertritt! Er zieht ihn mit hinein in das wogende Ährenmeer und läßt ihn lebend nicht wieder heraus. Im Kreis Merseburg ist es der „Kornengel". In Norddeutschland tritt an Stelle des Kornmanns die Roggenmuhme. In ihnen sind verhüllt die Gottheiten der Ahnen, Wotan und Frigga, welche die Kräfte der schaffenden Natur vergegenständlichen. In ihrer Hand liegen Heil und Unheil über den Fluren. Kornmann, Kornengel und Roggenmuhme sind die Schreckgestalten geworden, die vor allem die Kinder bedrohen, welche mutwillig die reifende Frucht schädigen können.
Wie mag die Ernte ausfallen? Im weiten Bogen spannt sich der Himmel über die Gefilde. Wie er sie ohne Wahl heute mit erquickendem Regen befruchtet, kann er sie morgen mit vernichtendem Hagel überschütten. Viele werden sich noch des 31. Juli 1922 erinnern, da ein verheerendes Hagelwetter die Ernte in unseren Fluren in kaum einer halben Stunde vollständig zugrunde richtete. Schon die Vorväter beobachteten daher sorgenvoll die Anzeichen für die kommenden Tage, welches Wetter sie bringen mögen. Das Denken, das Bangen des Landmanns dreht sich das ganze Jahr um den Ausfall der Ernte. Sein Wenn und Aber hierüber kommt in den unzähligen Bauernregeln aufgrund seiner Wetterbeobachtungen zum Ausdruck. Ihnen folgt am Ende der Betrachtung von Sitte und Brauch im Jahresring eine besondere Aufzählung und Darstellung.
Erwartungsvoll begutachtet der Landwirt kurz vor der Ernte den Stand seiner Halmfrüchte, den kommenden geldlichen Ertrag. Kam er an einem Getreideschlag eines Nachbarn vorüber, der infolge schlechterer Bodenfruchtbarkeit oder schlechter Bewirtschaftung keinen besonders guten Ertrag versprach, dann sagte er noch um 1920:"Das is forn alten Fritzen!" Dieser Ausspruch rührt aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges her. Damals, um 1760, gehörten wir zum Kurfürstentum Sachsen. unser Land von den Preußen sieben Jahre lang besetzt. Unsere Vorfahren hatten eine nicht geringe Last an Lieferungen von Feldfrüchten an die preußische Heeresverwaltung zu ertragen. Sie lieferten natürlich nicht die besten Körner ab.(Ein ausführlicher Bericht hierüber ist im geschichtlichen Teil des Heimatbuches zu finden).
Alte Erntebräuche finden sich heute nur noch in der Erinnerung, da der Ernteschnitt mit Ableger, Binder, Mähdrescher, mit Motor und Trecker als technische Fortschritte breite Lücken in altes Brauchtum gerissen hat. Die Ernte begann früher allgemein mit der Erntebetstunde, welche auf Gemeindebeschluß festgelegt wurde. Sense und Sichel, Harken und Knebel und Strohseile waren die Erntegeräte. Der erste Sensenhieb wurde von unseren frommen Vorvätern mit demselben Segensspruch wie bei der Aussaat getan: "Das walte Gott!" kurz: "Walt's Gott!" Der Ernteschnitt für alle Getreidearten dauerte oft wochenlang. Die Garben des Roggens, des "Kornes", wurden "gemandelt". Sie wurden zu 15 Stück kreuzweise übereinandergelegt. Man brauchte das wichtige "Langstroh" des Korns als "Seilstroh", zum Seilemachen. In nassen Jahren wurde es "gestaucht", d.h. in Stauchen zu je zehn Stück aufgestellt, damit der Regen besser ablaufen und die Garben schneller wieder trocknen sollten. Die Garbenstände bei Roggen, Weizen und Hafer erfolgten in runder Form.
Bei der kurzhalmigen Gerste war die längliche Form mit acht oder zehn Garben üblich. Die Schnitter mit den Sensen arbeiteten in weißen Leinenhosen, in Hemdsärmeln und mit dem breitrandigen Strohhut auf dem Kopfe. Am Ledergürtel hatten sie ein Gefäß aus einem Kuhhorn, "das Wetzfaß" mit dem Wetzstein hängen. Zum Schutz gegen die Disteln zogen die Schnitter Strumpflängen über die Unterarme. Die Frauen trugen als Sonnenschutz die weißen Hüllen(Kopftücher) oder "die Helgoländer", die geflügelten Kopftücher. Sie hatten mit der Sichel die gemähten Halme in "Schwaden" „abzurabben"(=abraffen). Zwei locker geraffte "Wische" legten sie auf die Strohseile, die von Kindern vorher ausgebreitet waren. Man verlangte von ihnen, sie sollten "Seele breed'n". Zuletzt wurden "die Bunde"(=Bündel)"gegnewweld" (mit dem Knebel geknebelt), die Seile wurden damit zusammengedreht. (Diese Ausdrücke wurden von dem Institut für Mundartforschung der Universität Jena erbeten).
Zwischen den Reihen der Garbenstauchen wurde mit dem Schleppharken("das Jemansche" = im Merseburger Kreise sagte man "das Jemoosche") zusammengerecht und gebunden. Der Schleppharken war früher aus Holz und wurde von einem Mann mit einem "Fahrband" über die Stoppel gezogen. Aber seit Beginn des Jahrhunderts gab es auch den mehr maschinellen von einem Pferd gezogenen eisernen Harken, der von dem darauf sitzenden Lenker bedient wurde. Hatten die Schnitter beim "Hauen" lange Stoppeln stehen lassen, nannte man letztere "die Musikanten, sie blasen den Abschied"(wenn der Wind hineinbläst).
Fremde Personen, die nicht in den Kreis der Erntearbeiter gehörten und das Feld betraten, wurden "angebunden". Man legte ihnen schnell ein Kornseil um den Arm. Sie mußten sich mit einem tüchtigen Trinkgeld lösen. Ursprünglich wollte man sich wohl auf diese Weise vor dem "Beschreien"(behexen) arglistiger Neider schützen. Kam aber beispielsweise der Rittergutsbesitzer auf das Feld zu seinen "Leuten", so banden sie ihm einen Feldblumenstrauß um den Arm, daß auch er sich mit Geld lösen mußte.
Wenn der Schnitter "das letzte Schward" haute, sagte er zu den Helfern:"Jehd ans Uhrd, jetzt kimmt de Zicke raus, baßt uff, daß marsche erwischen, dann haldse feste!"(=Geht an den Ort, jetzt kommt die Ziege heraus, paßt auf, daß wir sie erwischen, dann haltet sie fest!)" Das letzte Schward heißt auch "der Alte". mit dem Alten meinte man in Vorzeiten den Göttervater Wotan. Wer im Winter beim "Flegeln", dem Ausdrusch des Getreides in der Scheunentenne mit Dreschflegeln, den letzten Schlag tat, von dem sagte man: "Der hat den Alten!"(-erwischt). Der mußte eine Runde Bier geben.
Zu der letzten Garbe aber in der Getreideernte wurden vier "Ärme" voll Ähren zusammengebunden, es wurde also eine besonders große Garbe hergestellt. Dazu sagte der Bauer: "Jetzt wärd's Väsbar miteinjebungen!" Damit wollte er sagen, daß von nun an das Wurstessen zur Vesperzeit aufhöre und daß "nunmehro" wieder nur ein einfaches "Feddbrod" oder "Flaummusbrod jejässen" würde.
In Reichardtswerben ließen noch i.J. 1932 einzelne Bauern auf dem Erntefelde die "Märtensscheune" stehen. Doch wurden entgegen früheren Zeiten die Ähren abgeschnitten. Diese Halme wurden mit einem einzelnen Strohhalm zusammengebunden. Früher wurde oben an den Ähren noch ein Feldblumenstrauß als Schmuck angebracht. Als noch alle Feldbesitzer diesen Brauch ausübten, hieben manche heimwärts ziehenden Schnitter, die von einem andern Felde kamen, im Vorbeigehen mit der Sense die Märtensscheune ab. Um sich vor diesem Schabernack zu schützen, bauten die Bauern einen kleinen Steinhaufen darunter auf. Die Sense konnte dann also entzweigehen, der schlecht gemeinte Scherz unterblieb, und das Glück blieb beim Besitzer der Märtensscheune. Die Knechte und Mägde mußten nach Fertigstellung darüber springen. Wer daran anstieß, mußte "einen ausgeben", meistens eine Flasche Bier. Dabei wurde viel Scherz getrieben, es wurde "viel gelacht und gekritscht". Die Märtensscheune war wohl das ursprüngliche Dankopfer an die altgermanische Gottheit. Der Name Martinsscheune erinnert aber an den ersten Heiligen der alten Kirche, den Bischof Martin von Tours. Dieser Brauch kann aber wahrscheinlich für einen weiten Kreis der Dörfer im Umkreis in älteren Zeiten verallgemeinert werden.
Der Alte, die Ziege, der Bock, der Kornmann, der Kornengel, die Roggenmuhme sind die verhüllten Gottheiten der Ahnen: Wotan, Donar, Freia(Frigga),welche die segenspendenden Kräfte der schaffenden Natur versinnbildlichen.
Wer beim Einfahren der Ernte ein "Fiedar"(Fuder) umwarf, mußte "een'n ausjäm", eine Runde Bier bezahlen, wahrscheinlich zur Strafe für die Mehrarbeit des erneuten Aufladens oder wegen Versperrens des Weges. Beim letzten Getreidefuder wurde ein Kranz aus Haferähren gewunden, dieser mit Feldblumen geschmückt und auf die in das Fuder senkrecht eingesteckte Langgabel, die "Reejaww'l"(=die Reichgabel) zum Hochreichen der Garben beim Laden des Fuders, gehängt. Noch zu Urgroßvaters Zeiten erscholl dann im Hofe bei dem Fuder ein frommes Danklied. Noch um 1920 erlebte ich es in einem Fall in Obernessa, man sang "Nun danket alle Gott". Anschließend wurde "die Boldse"(=Polze) gefeiert. Dabei gab es fr die Erntehelfer Kaffee, Kuchen, auch Schokolade zu trinken und natürlich bei einem kräftigenden Abendbrot reichlich Wurst, Brot und Bier. Die Polze war in der Gegend um Teuchern und Osterfeld üblich. Nördlich der Saale, in Reichardtswerben und weiter Umgegend, auch im Kreis Merseburg, hieß die Ernteabschlußfeier "der Hawwarkranz"(=Haferkranz). Der Brauch war wohl in ganz Mitteldeutschland üblich. Er war die Vorfeier des allgemeinen Erntedankfestes. Zum Erntedankfest, dessen Zeitpunkt alljährlich vom Gemeindekirchenrat festgesetzt wird, beschließt der Bauer die Ernte mit dem Kirchgang. Die Hausfrau hat zuvor "alle Hände voll zu tun", um das häusliche Fest mit Backen, Kochen und Braten vorzubereiten. Im Hausflur des Bauernhauses wird ein großer Haferkranz mit bunten Blumen aufgehängt. Dazu wurden in der Stadt zwei lange bunte bildgeschmückte Papierbänder gekauft und am Kranz zum Schmuck befestigt. Der Kranz stellt die letzten Halmfrüchte des Feldes, die den Feldgeistern geweiht waren, dar. Er bleibt nach Möglichkeit bis zur nächstjährigen Ernte hängen. Im Sonntagsstaat geht der Bauer samt seinen von auswärts gekommenen Gästen zur Kirche. Hier ist auch der Haferkranz am Altar angebracht und der Taufstein mit bunten Blumen geschmückt. Neuerdings aber legt man auf den Altar noch Früchte des Gartens und Feldes nieder. Mancherorts bringen denn die Kinder, welche "die Pfarrstunde"(= Konfirmandenunterricht) besuchen, diese Früchte den alten Rentnern als Geschenke ins Haus.
Die Leitung des Rittergutes, welche bestrebt war, sich einen festen Stamm von langjährigen Gutsarbeitern zu erhalten, gab diesen um 1920 im Saal des Gasthofes zu einem anderen Zeitpunkt nach der Ernte ein besonderes Erntefest. Hierbei ging es bei Kaffee und Bergen von Kuchen und dann bei nachfolgenden Tanz recht lustig zu. Eine Erntekrone wurde zu Beginn in den Saal gebracht und die Veranstalter, der Inspektor und der Hofmeister durch eine Dankansprache eines älteren Gutsarbeiters und durch Hochrufe geehrt. Schon vor 300 Jahren erhielten die Fröhner vom Gutsherrn v. Posern ein jährliches Essen.
Zum Ausdrusch des Getreides blieb vor hundert Jahren die Winterzeit vorbehalten. In der Inflationszeit der Jahre 1922 bis 1924 gab die Regierung zur Erntezeit Druschprämien zur Behebung der Nahrungsmittelnot. Doch auch vor dem ersten Weltkrieg wurde meist sofort die Wintergerste ausgedroschen, sie war als Braugerste angebaut wurde. Im Juli und August waren die Marktpreise für diese Frucht höher als sonst. Vor hundert Jahren dauerte der winterliche Ausdrusch auch nach Weihnachten mit den Dreschflegeln wochenlang. Es war genug Zeit dafür vorhanden. Zum Reinigen der Körner kannte man da noch keine Maschine. Es erfolgte mit der Wurfschaufel in der Art, daß die Körner aus einer Ecke der Tenne in die gegenüberliegende geworfen wurde bis die leichte Spreu sich vollständig abgesondert hatte. Um 1900 hatte man eine mit der Hand gedrehte Reinigungsmaschine, "die Klapper". Später ging die Reinigung gleichzeitig durch die vom Göpel angetriebene Dreschmaschine. Der Göpel, ein langer Balken auf einem Zahnradgetriebe außerhalb der Tenne, wurde von Pferden in dauerndem Rundlauf in Bewegung gesetzt. Der Staub, den die Druscharbeiten verursachten, mußte am Schluß der Druschzeit hinuntergespült werden. Dazu diente"die Stobkanne", in der Merseburger Gegend "Stöberkanne" genannt. Hierbei gab es reichlich Trinkschokolade, Kaffee und Kuchen.
Beim Erntefest des Sommers erhielten früher die Dienstmägde als besonderen Erntelohn den vertraglich vereinbarten Erntetaler, dazu Kleider und Wäschestücke. Manche dieser Mädchen hatten im Laufe der Zeit zusammen mit den Weihnachtsgeschenken ihre Ausstattung zur eigenen Hochzeit verdient.
7. Kirmse
Der eigentliche Abschluß des bäuerlichen Wirtschaftsjahres aber findet mit der Kirmse statt. Dieses Fest dauerte Jahrhunderte hindurch drei Tage lang, vom Sonntag bis zum Dienstag, und wurde noch dazu am folgenden Sonntag als "Kleinkirmse" gefeiert. Es ist das aus der germanischen Vorzeit übernommene eigentliche Ernte und Herbstfest. Es hat im Grunde mit der Einweihung der örtlichen Kirche, der Kirchmesse oder dem Kirchweihfest, nichts zu tun. Man sieht auch hier wiederum, wie alte Kirche ihre Feste an die früheren heimischen Feste anknüpfte. Erntedankfest und Kirchweihfest decken sich bei den germanischen Altvordern. Der eigentliche Kirmstag ist nicht der Sonntag, sondern noch heute der Montag. Vor 1914 dauerte die Gemeindekirmes in den Gasthäusern bis zur Mittwochsfrühe, um 1920 nur noch zwei Tage: Sonntag und Montag. In Obernessa wurde das Kirchweihfest bis 1753 jährlich am Montag der ersten Leipziger Michaelsmeßwoche abgehalten. 1754 wurde es mit Erlaubnis des Superintendenten vierzehn Tage später gelegt. Unsere fleißigen Bauern hatten sich darüber beschwert, daß es in die nötigste Bestellzeit fiel. Später wurde es endlich auf den Montag vor dem Reformationsfest(31.Oktober) gelegt, so auch noch jetzt. Der Volksmund bezeichnet im Selbstspott die Kirmes als" das größte Freßfest" des Jahres.
Weil die Kirmes das größte Fest im bäuerlichen Jahreskreise ist, unterzieht vorher die Bäuerin das Haus einer durchgreifenden Reinigung. Die Räume werden gründlich gescheuert, Teppiche und Läufer geklopft, die zuvor in der "großen Wäsche" gereinigten oder gar neuen Gardinen wurden an den Fenstern vor allem in der "guten Stube" aufgesteckt. Vor hundert Jahren gab es solchen jetzt selbstverständlichen Aufwand nicht. Der Fußboden mit den ungestrichenen Dielen mußten vor dem Fest "blitzeblank" und schneeweiß sein. Der Sandmann weißen Sand gebracht, nun wurden die gereinigten Räume mit dem "schönen weißen Sand" bestreut. Statt des alltäglichen selbst hergestellten Kornkaffees mußte den Gästen manches "Schälchen Heeßen" von echtem Bohnenkaffee vorgesetzt werden können und darum neben anderen Bedürfnissen aus der Stadt besorgt werden. Die Töchter erhalten neue Tanzkleider. Die Vorbereitungen zu dem Fest umfassen auch die notwendige Herstellung von Brot, Kuchen und Festbraten. Der am Hause angebaute Backofen wird vom Hausvater mit dem im Frühjahr bereitgestellten Wellholz angeheizt. Das Backen benötigt für die Hausfrau angestrengte Arbeit. Beim Wirken des Brotteiges sagte sie früher: "Na,das walt'Gott, daß's gut bäckt un nich kleckt!" und beim Formen des Brotlaibes zeichnete sie drei Kreuze über den Teig und murmelte dazu: "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes!" Dem Brauch zufolge sollen das Brot nicht vier Hände(=zwei Personen zugleich) backen, dann gerät es nicht. Beim Aufschneiden des Brotes am Festtage benutzt die fortgeschrittene Hausfrau seit Anfang des Jahrhunderts eine Brotschneidemaschine. Da kann es nicht wie früher geschehen, daß die Scheiben uneben und schief sind, wie das beim Schneiden mit der Hand vorkommen kann. Der Volksmund behauptet im letzteren Fall von dem Ungeschickten: "Der hat gelogen!" Zu dem "Backfest" gehört auch die Bereitung des Kirmeskuchens. An den Festtagen zieren Berge von allerlei Sorten Kuchen und neuerdings auch Torten die blumengeschmückte Kaffeetafel. In der Inflationszeit nach 1920 hatte eine wohlhabende Bauersfamilie in Obernessa gegen sechzig Kuchen gebacken, von denen ein Teil den hungernden und bettelnden Arbeitslosen aus Teuchern und Weißenfels aufgeschnitten wurde. Enten, Gänse und der übliche Hammel oder auch Ziegenbock wurde geschlachtet. Der Hammelbraten wurde meist im Backofen knusprig zubereitet. Der Bauer bekümmert sich um die Ordnung im Hof und Stall, denn dem Besuch wird voller Stolz das Vieh gezeigt, zu allererst die Pferde.
Die Kinder aber singen schon in den Tagen vor der Kirmse:
"Wenn Gärmse is, wenn Gärmse is, da schlachd't mei Vader Buck,
da danzt meine Muddar, da danzt meine Mudder,
da waggeld dar rode Ruck,Ruck,Ruck".
Die mythologische Bedeutung des Bockbratens ist bekannt. Er war das Dankopfer der Germanen für den Gott Donar, dem Beschützer der Fluren. Diesen stellte man sich vor, daß er mit dem Ziegenbockgespann mit Blitz und Donner über die Wolken fuhr. Das Schmausen im häuslichen Kreise ist "eine Kette ohne Ende". Die Jugend zieht bereits nach dem Mittagessen die Tanzkleidung an. Wenn einer der Burschen übersatt ist und sich wohlig rülpst, meint ein anderer humoristisch: "Na, dir varschlebb'n de Meise'n Maach'n miche!" Der Kirmestanz begann in Obernessa in der Regel um 15 Uhr. Als Einladung dazu spielte die Blaskapelle im Hof der Schenke den Kirmeswalzer. Beim Tanz wurde der Kirmeswalzer von den Tanzenden mitgesungen. Der Text war bezeichnend für die üppige Schmauserei in der feiernden Familie samt ihrem Besuch und sodann für die ausgiebige Zecherei in der Schenke:
"'s ist mir im Leibe schlecht, 's ist mir auch so nicht recht, sucht mir den Stiefelknecht! Gärmse!"
Oft erscholl statt des Rufes "Kärmse" der laute Ruf: "Krautheet!"
Hierbei erschienen plötzlich während des Tanzes junge Burschen in dem Saal und warfen Krautköpfe nach den Tanzenden. Vermutlich waren die Werfer oftmals von den Mädchen abgewiesene Freier. Um 1920 kamen neue Tänze auf: "Schieber", Foxtrott und Tango. Für die Alten aber spielte die Kapelle nach wie vor Walzer, Rheinländer und Polka auf.
In Erinnerung an alte Zeiten tanzten aber auch Alt und Jung den alten Tanzreigen:
"Es geht nicht über die Gemütlichkeit ,ei ja, wenn der Vater mit der Mutter zu der Kirmse geht, ei ja, gucke da!"
und sangen diesen Text beim Umgang mit. Vor 200 Jahren schon, um 1730, spielten zur Kirmes, wie auch zu den übrigen Dorffestlichkeiten die eigenen Dorfmusikanten mit Geigen, Flöten, Querpfeifen, Waldhörnern und Trommeln auf. Der Gutsherr besteuerte sie: " Die Dorfmusikanten haben 16 Groschen jährlichen Pacht vor die Aufwartung mit der Music in der Schenke und im Dorffe" zu zahlen (Lt. Zinsregister des Rittergutes). Noch vor 100 Jahren gab es einzelne Bauern ,die ein Instrument bliesen. Einer von ihnen hatte den Spitznamen "der Pfeifer".
Wenn Gärmes is:
"Wenn Gärmse is, wenn Gärmse is, da schlacht mei Vadar
" Buck,Buck,Buck, da danzt meine Muddar,da waggeld der rode Ruck,Ruck,Ruck".
Kirmeswalzer:
" 's is mir in Leiwe schl echt,
's is mir ooch so nicht recht such mir den Stiefelknecht!
Kirmse! (Paukenschlag)
2. Krautheet!"
8. Der Herbst des Bauern
Der Michaelistag am 30. September war früher der zweite Zinstag des Jahres für die Lehnsbauern des Rittergutes. An diesem Tage hörte auch der Weidetrieb des Großviehes auf. Irgendwo las ich in einer Betrachtung über das Leben der Bauern: "An den Märkten rollte das bäuerliche Jahr ab!" Dieser Ausspruch hatte schon zu Beginn dieses Jahrhunderts seine Berechtigung nicht mehr voll und ganz in dem behaupteten Sinne. Er war bezeichnend für die Jahrhunderte des Mittelalters. Da boten die Märkte dem Bauernstand die beste Gelegenheit, seine Landesprodukte umzusetzen und Vorteile für seinen Lebensstandard herauszuschlagen. Aus alter, man kann sagen aus angeborener Gewohnheit aber handelte der Bauer noch, letztlich sehr gern, wenn er seine sprichwörtliche Bauernschläue hierbei in Anwendung bringen konnte. Gern bewies er sie noch um die Jahrhundertwende, wenn der hausierende und feilschenden Händlern, wenn der "Pferdejude" oder der Fleischer zu ihm kamen. Mit ihnen wechselten sie am Schluß, wenn sie "handelseinig" geworden waren, zur Bekräftigung des Kaufabschlusses den Händedruck, "das Handgelübde" ,wie es in alten Gerichtshandelsbüchern des Mittelalters heißt. Vom Fleischer, der ein Stück Schlachtvieh kaufte, erhielt er das "Handgeld". Und der Knecht bzw. die Magd ,die das verkaufte Stück Vieh gepflegt hatten, erhielten das "Schwanzgeld" vom Käufer, ein Trinkgeld in verschiedenen Höhen je nach der mehr oder weniger großen Zahlungskraft des letzteren. Oft wurde ich an diesen Brauch des Handelns erinnert, wenn früher(um 1906) Schuljungen miteinander "kaupelten". Sie reichten sich die Hände, sagten: "Hand!" und ein dritter Junge als Zeuge mußte zwischen beiden Händen durchschlagen. Im Zeitalter der fortgeschrittenen Einrichtungen des Güterverkehrs durch Eisenbahn, Auto, Telegraf, Telefon und Presse, vor allem aber mit der Festigung der Marktpreise ist das gebräuchliche Handeln hinfällig geworden. Noch zur Zeit des ersten Weltkrieges und vorher wiesen die Waren sehr unterschiedliche Preise auf, je nachdem ,ob sie in guten oder schlechten Erntejahren umgesetzt werden mußten. Die "Konjunktur" bestimmte den Handel. Aber der Bauer, der mit dem Schubkarren seinen Scheffel Getreide gar nach Erfurt gefahren haben soll, gehörte längst der Vergangenheit an. Ebenso hatte der Bauer es um 1900 kaum noch nötig, mit dem kleinen Ackerwagen voller Kiepen, Käfige mit lebendem Geflügel, Gelten mit Bauernbutter, Stiegen mit Obst und Gemüse usw. in mittelalterlicher Weise nach dem Marktort zu fahren ,um auf dem Wochenmarkte seinen Stand einzunehmen. 1913 noch spannten zu diesem Zwecke allerdings verschiedene Landwirte aus Dippelsdorf im "Schwarzen Adler" am Markte in Weißenfels aus. Die Überseeischen" aus Markwerben, Tagewerben, Reichardtswerben, Uichteritz usw. spannten im "Nelkenbusch" oder im "Preußischen Hof" in der Jüdenstraße aus, die ohne Geschirr kehrten gern im "Ochsenkopf" auch in der Jüdenstraße ein. In den ältesten Zeiten des Mittelalters waren die Städte, auch Kleinstädte, mit dem "Privileg" des Landesherren "bebandet", zu bestimmten Tagen des Jahres Jahrmärkte und "Messen" abhalten zu können. In dem "Orts- und Heimatkalender" von Weißenfels für die Jahre um 1910 konnte man die Daten der Märkte aller Orte in den deutschen Königreichen, Großherzogtümern, Herzogtümern usw. ganz Deutschlands und sogar Belgiens verzeichnet finden. Weißenfels wies jährlich 7,Naumburg auch 7,Teuchern 4,Stößen 4,Osterfeld 5 und Hohenmölsen
4 feststehende Kram -und Viehmärkte auf. Unsere Bauern oder die Bauersfrauen besuchten die Jahrmärkte nur in der Zeit, in welcher die Feldarbeit nicht drängte. Der Taubenliebhaber wanderte im Frühjahr zum Taubenmarkt nach Osterfeld. Vor der Ernte wurde gern der Topfmarkt in Naumburg besucht. Die Weißenfelser Märkte aber wurden noch in jüngster Zeit zum Frühlingsfest in der Neustadt und von der Jugend der "Heiratsball in Schumanns Garten" auf der Promenade aufgesucht.
Vor hundert Jahren wurde auch gern der Butterstädter Markt, nach Weimar zu, wandern erreicht. Da konnte man sich die Lederhosen schwarz färben lassen. Vom Weißenfelser Markt brachte man um diese Zeit auch dem Gesinde "einen Jahrmarkt mit: "der Talerrock" war oftmals vom "dienstbaren Geist" bei seiner Anmietung mit ausgemacht worden. die Knechte und Mägde ließen sich gern zu den Jahrmärkten in Teuchern von der Dienstherrschaft "freigeben", Urlaub bewilligen. Zum Jahrmarktsrummel liefen nach Möglichkeit auch die größeren Kinder. Dazu hatten sie oft Geld gespart, um sich zu verlustieren, auf Luftschaukeln und "Reitschulen" so nannten sie die Karussells zu fahren, an den Buden mit Zuckerzeug, türkischem Honig, Schokolade oder gar Würstchen und Fleischbrötchen zu naschen, sich durch die Menge an Schießbuden, Würfelbuden und Glücksrädern hindurch zu winden. Bei Händlern mit Luftballons, bunten Federmühlen, Püppchen und schreienden "Fapen" dachten sie aber auch an das Mitbringsel für die kleinen Geschwister daheim. Der am meisten besuchte Jahrmarkt für Alt und Jung war der "Mölser Markt". Er findet noch jetzt an jedem ersten Freitag im September statt. Die "Mannsen", die älteren Bauern, hatten das größte Interesse natürlich am Pferdemarkt und wanderten schon in aller Frühe los. Schon die Tage zuvor wurden von auswärtigen Viehhändlern Pferde, Fohlen und auch Rinder durchs Dorf getrieben. Von Naumburg und weiter her kamen sie durch die "Elme" gezogen. Oftmals rasteten sie in der Unternessaer Schenke oder in der Kössulner "Zufriedenheit" und schlugen schon hier manches Stück Vieh los. Früher belebten auch Zigeuner den Mölser Markt, um Pferde zu tauschen oder zu verhandeln. Noch heute aber wird bei diesem Markt der größte "Heiratsball" von unzähligem "jungen Volkäder" weiten Umgegend aufgesucht. Der Markttag beginnt schon früh um 9 Uhr. Der Mölser Markt heißt auch noch "der Käsemarkt". Vor hundert Jahren waren auf den Verkaufsständen große Berge der beinenförmigen "Schiewickenkäse"
(=Holunderkäse)und der harte "Mielenkäse"(=Milbenkäse) aufgeschichtet zu sehen.
Der 21. September aber war der Matthäustag, der Lostag für den Liebeszauber der jungen Burschen. Stellt einer dieser Burschen in dieser Nacht eine Schüssel mit Wasser in sein Schlafzimmer und legt ein Handtuch dazu, so wird um Mitternacht das Mädchen, nach dessen Liebe er verlangt trägt, sich einstellen, sich waschen, abtrocknen und wieder verschwinden.
Umgekehrt schienen die Mädchen des Nessatales diesen Tag ebenso wie den Andreastag, den 30. November, zu benutzen, wie es in ihrem Zauberspruche zum Ausdrucke kam. Zu mitternächtlicher Stunde rannten sie auf einen Kreuzweg, daß sie die beiden Heiligen pünktlich beim 24 Stundenschlag anrufen konnten:
"Thäus, Mäus, Sankt Andräs, zeig mir den Herzliebsten mei,
wie er sich behut, wie er sich beschuht wie er in seinen Kleidern tut!
Mann, komm! Mann, komm! Mann,komm!"
(Thäus und Mäus = Matthäus, behut=mit seinem Hut, beschuht=in seinen Schuhen, wie er angezogen ist und nicht nackend!)
Bis zur Kirmes muß auch die Gemüse- und Obsternte beendet sein. Möhren, Sellerie, Kraut usw. sind eingekellert oder eingemietet. Am Andreasabend werden die Steckzwiebeln in der Nähe des Ofens zum Trocknen aufgehängt, damit sie im Frühjahr nach dem Stecken nicht "schossen", d.h. in Samen gehen, "die Schossarde" mußten ja weggeworfen werden. Eine anstrengende Arbeit bringt auch die Bereitung des Sauerkrautes. Die "Graudheede" werden in der Küche, neuerdings in der geräumigen Waschküche, in zwei Hälften geschnitten und rührig auf dem "Schorbeisen" kleingeschnitzelt bis das bereitstehende Faß bis oben gefüllt ist, nachdem das Kraut immer wieder mit den Fäusten zusammengedrückt und oben zusammenquellende Krautwasser ausgeschöpft worden war. Ein kleines Brett mit einem sehr großen Kiesel hält die in Gärung geratende Masse zusammen.
Nun setzt in allen Bauernhöfen und auch bei den "kleinen Leuten" ein großes Schlachten ein. Das Schweineschlachten ist für alle Mithelfer "das Schlachtefest". Der Scherz kommt auch dabei zu seinem Recht. Das furchtsame Kind wird beim Abstechen des Schweines gefragt, ob es den Schwanz halten will. Das Abstechen wurde früher ohne Betäubung des gefesselten Schlachttieres durchgeführt, wobei natürlich das gequälte Tier ein lautes Geschrei anstimmte, daß die Kinder entsetzt wegliefen. Der Schweineschwanz wird einem Bekannten zur Freude der anderen unbemerkt am Rockschoß angehängt. Die Kinder bringen diesen Spaß sogar in der Schule zuwege und versuchen ihn gar bei einem beliebten Lehrer. Für sie ist das Schlachtefest überhaupt eine Angelegenheit des allzeit regen Interesses. Davon zeugt der Abzählreim der Kleinen:
"1,2,3,4,.....bis 20, wir schlachten eine Gans,
wir schlachten ein Schwein, wer will die Bratwurst sein?"
Sie sind eigentlich mit der fingerlangen kleinen Leberwurst zufrieden, welche in der zugesandten Wurstsuppe schwimmt. Gute Nachbarn und Freunde erhalten "die Schlachtschüssel" am Abend zugeschickt, wobei man darauf rechnet, daß sie Gleiches mit Gleichem vergelten, wenn diese selbst Schlachtefest haben. Hierbei darf niemals die Wurstsuppe fehlen. Der Fleischer erhält nach Beendigung der Arbeit ein gutes Abendbrot mit einem tüchtigen Schnaps und beim Abschied auch das gewohnte Deputat vom geschlachteten Schwein. Nachbarkinder aber und auch Freunde, die im Wirtshaus sitzen, gehen am Abend zum "Wurstsingen", wobei sie den bekannten Reim vortragen:
"Mar ham jeheerd, ihr habbd jeschlacht't, habbd jroße un gleene Wärschde jemacht. die jroßen, die jäbdar mir ,de gleen, die behaldet ihr".
Die Pflaumenernte erfordert auch die Verwendung dieser Früchte. Gewandte "Mannsen" stiegen mit Leitern auf die Bäume und schüttelten die totreifen Früchte. In guten Jahren lagen sie "wie gesät" im Grase des Obstgartens. Nicht ganz reife Pflaumen "kleckten" nicht herunter, man "stärchelte" sie mit langen Stangen herunter. Oft fanden Kinder beim Auflesen zwei zusammengewachsene Pflaumen an einem Stiel. Man nannte das kleine Naturwunder "Dubblbätz" (=Doppelbätz) und hing es in der Stube an einem Faden auf.(Hinter dem Spiegel, da hatte man Glück).Vor mehr als hundert Jahren brachte man die Pflaumen in Horden in die Pflaumendarre. Die gedörrten Pflaumen lieferten manches Mittagsmahl, gekocht gaben sie zusammen mit Kartoffelklößen das anspruchslose Gericht "Kloß und Pflaumen". Mehr Arbeit aber verursachte das Muskochen. Die geernteten Pflaumen wurden abgewaschen und im großen Kessel gekocht. Danach wurden sie in ein großes kastenförmiges Sieb geschüttet. Dieses hatte man über eine Wanne oder ein Waschfaß gestellt. Mit einem neuen Reisigbesen wurden die weichgekochten Pflaumen durch das Sieb hindurchgefegt. Die Brühe wurde im Kupferkessel dickgekocht. Damit das entstehende Mus im Kessel nicht "ansetzt" und anbrannte, mußte es fortwährend im stundenlangen Rühren mit der "Musriehre"(=Musrühre")in Bewegung gesetzt werden. Dieses Instrument war ein hölzerner sensenartiger langer Galgen. Das fertige Mus wurde in tönerne Töpfe gefüllt, oben mit einer Schicht Zimt abgedichtet, damit sich kein Schimmel bilden sollte. Oft gab es zum Frühkaffee und auch zum Vesperbrot die übliche "Musbemme". Manche Bauersleute aßen vor hundert Jahren als Leckerbissen weißen Käse dazu. Aber zu den Mittagsklößen gab es auch "Musbrieh"(=Musbrühe auch "Pflaumenmustitsche" genannt). Beliebt war an Festtagen der Muskuchen und zur Fastnacht die mit Mus gefüllten Pfannkuchen.
Seit auch der Zuckerrübenanbau durchgeführt war, kochte man sich auf dem Dorf den Rübensirup selbst. Das wurde dermaßen allgemeiner Brauch, daß sich "kleine Leute" Rüben auf den Bauernfeldern "stubbelten"(=stoppelten). Die Herstellung des Sirups war ebenfalls eine mühsame Arbeit. Die Rüben wurden abgeputzt und mit scharfen Bürsten abgewaschen, danach mit der Hand oder auch mit einer Schnitzelmaschine geschnitzelt. Die gekochten Stücke wurden in Tücher eingeschlagen und in eine hölzerne vierbeinige Presse gepackt. An zwei Schraubengewinden wurde zuletzt mit kraftvollen Drehungen der langgestielten Mutter durch den Druck auf eine langen Holzklotz über den Preßbrettern der Saft ausgepresst. Nun auch wurde der dünne Saft im Kessel dickgekocht. Manche Leute legten in den Kessel Glasfüße von zerbrochenen Trinkgläsern, um das Anbrennen des Sirups zu verhüten. Befriedigt konnten die Bauersfrauen vor Weihnachten auf die mit Rübensirup, mit Pflaumenmus und auch mit Sauerkraut gefüllten Töpfe im Keller und in der Vorratskammer schauen. Dazu kamen dann auch noch die Gefäße mit Salzknochen und Topfbraten vom Schweinschlachten. In der Wurstkammer hingen auf Stäben die Würste und Schinken. Auf dem "Iwwarbodden"(=Oberboden) lagen auf Strohschütten die Äpfel und Birnen, daneben die Walnüsse vom Nußbaum. der "heelche Grist" brauchte die rotbäckigen Äpfel und die Nüsse für den Weihnachtsbaum. So war man auf das Fest und auf die lange Zeit bis zur nächstjährigen Ernte wohlgerüstet. Die sparsame Bauersfrau aber teilte ihren Hausgenossen alle Erzeugnisse der Selbstversorgung zu. Die Knechte und Mägde mußten in der Zeit mit minderem Arbeitsdrang, wie im Winterhalbjahr, mit mancher "Saftbemme", "Musbemme" oder "Fettbemme" vorlieb nehmen. Dafür kriegten sie aber von hausbackenen Zwölfpfundbroten tüchtige "Runksen" zugeschnitten. Das säuerliche Pflaumenmus versüßte man, indem man es mit Rübensirup verrührte. Als noch vor hundert Jahren der kräftezehrende Ausdrusch des Getreides mit Dreschflegeln vollzogen wurde, mußte freilich öfter eine Speckseite angeschnitten und die Schwartenwurst aufgeschnitten werden. Und das Mittagessen verlang an verschiedenen Tagen in der Woche auch eine Fleischeinlage. Aus dieser Zeit rührt der Ausdruck her: "Där frißt wie " Scheffeldräschar!"
Den Fleischwolf, welcher "das Gehackte" für die Bereitung der Bratwurst herstellt, kannte man vor hundert Jahren noch nicht. Damals wurde das Magerfleisch mit einem halbrunden Eisen, das an einem langen Stiel befestigt war, in einem Holztrog gestampft bis es klar war. Bei der Herbstschlachtung handelte es sich um die Herstellung der geräucherten Dauerware: Speck, Schinken, Bratwurst(im Kreise Merseburg "Knackwurst" genannt),Rotwurst(= Blutwurst),
Leberwurst, Schwartenwurst und Zervelatwurst. Die Zungenwurst, in den Blinddarm des Schweines gefüllt, wird im Laufe des Jahres bis zu allerletzt aufgehoben. Man nennt sie die "Herrenwurst". die mit Fleischresten behafteten Knochen des Schweines werden in Salzlake eingepökelt. Sie liefern das Pökelfleisch zu dem in ganz Deutschland beliebten Gericht "Sauerkraut mit Schweinsknochen". Wir Deutschen wurden zur Zeit des ersten Weltkrieges vom Ausland als "die Sauerkrautfresser" gekennzeichnet.- Im Sommer aber wurde wegen der bevorstehenden Ernte nur "ein Fleischschwein" geschlachtet.
Eine wichtige Angelegenheit im Herbst war auch die Hasenjagd. Um die Jahrhundertwende hat es sich eingebürgert, daß jede Familie ihren "Kirmeshasen" erhalten konnte. Da wird "die große Jagd" vor der Kirmeswoche abgehalten. In der Zeit um 1910 war die Jagd an einen Zeitzer zahlungskräftigen Bürger verpachtet, der sie im Verein mit dem Fabrikanten Hensel am Teuchernschen Bahnhofe ausübte. Verpächter war die Dorfgemeinde. Der Wirtssohn Max Rackwitz war damals der einzige Jäger des Ortes, er war es nicht nur aus "Passion", sondern auch des Geschäftsinteresses wegen. Die Landwirte gingen gern als Treiber mit, die guten und die schlechten Schützen kritisierten sie lebhaft. Um 1920 war unsere "Bauernjagd" an den Weißenfelser Lenderhändler Sprenger verpachtet. Damals gingen außer dessen Weißenfelser Freunden auch einige hiesige Landwirtssöhne als Jagdliebhaber mit "auf die Hühnersuche" und zur Hasenjagd. Später war auch Müllermeister Albin Stein passionierter Jäger. Außer Hasen und Rebhühnern gab es in unserer Flur kein anderes Wild. Im Sommer wurden im Siemel vereinzelt Rehe, die aus den Prittitzer und Gröbitzer Hölzern nach hier übergewechselt waren, in Getreidefeldern beobachtete. Die große Jagd vereinte nach den beendeten Treiben Jäger und Bauern bis in die Nacht hinein im Dorfwirtshaus vor allem beim Kartenspielen, zumeist im üblichen Viermännerskat.
Im Mittelalter gehörte das Jagdrecht dem regierenden Staatsoberhaupt vor 200 Jahren dem Kurfürsten von Sachsen, vorher auch dem Weißenfelser Herzog. Noch vor 100 Jahren übte "der Fiskus", die Staatsregierung, das Jagdrecht aus. Im Mittelalter bot der Landesherr oder sein Stellvertreter die Bauern als Fröner zum Treiberdienst bei der Jagd auf. Wilddieberei wurde mit übermäßig strengen Strafen, mit Handabschlagen und dergleichen mehr, verfolgt. Unser Rittergutsbesitzer besaß als einziges Recht in unserer Flur "das Lerchenstreichen".(Im geschichtlichen Teil ist ausführlich über die Art der Ausübung berichtet).Die harmlosen Tierchen wurden des Nachts mit etwa zehn Meter breiten Netzen von den Frönern des Gutes gefangen, getötet und im Hinterteil gerupft, in Kästchen verpackt in Leipzig als Leckerbissen verkauft. Wir kennen sie heute als "Leipziger Lerchen" als Bäcker- und Konditorware. Der seit ältester Zeit betriebene Vogelfang wurde noch im Mittelalter in unserer Gegend ausgeübt. So wurde um 1530 einem in Dehlitz am Berge im Amt Lauchstädt in einem Hölzchen die Einrichtung eines Vogelherdes gegen Abgabe einer bestimmten Anzahl von Finken, z.B. von einem Schock, gestattet. Solche Vogelherde gab es damals auch in Schafstädt. Die Finken wurden mit Hilfe von Lockvögeln im Netz gefangen. Für unsere Gegend ist der Vogelfang bisher nicht festgestellt worden. In Obernessa fehlte doch auch ein Hölzchen für diese Gelegenheit.
Die Tage des Wohllebens und der Ausgelassenheit des Erntefestes, der Kirmes, die auch in den Nachbarorten besucht wurden, die Jahrmärkte sind vorüber. Am Ausgang des Herbstes eilt die Sonne ihrem Tiefstand entgegen. Die Menschen sind durch die Herbststürme, durch die Nebeltage und die langen dunklen Nächte seelisch bedrückt. Die älteren Generationen kannten noch kein elektrisches Licht. Die "Tranfunzeln" und die Lampen mit Solaröl und dann mit Petroleum wurden erst nach der "Dämmerstunde" angezündet. Die Großmutter hockte mit den Enkelkindern am Ofen und erzählte ihnen die Märchen mit den Riesen, Elfen, Nixen, Hexen und Kobolden. Die Dämmerung half noch, den Eindruck von den Märchen und Gespenstergeschichten auf die Kinderseelen zu verstärken.
Es folgte die ernste Zeit des kirchlichen Bußtages und des Totenfestes mit den Abendmahlsfeiern. Mit diesen Tagen schließt sich der Jahreslauf, und der Kreislauf beginnt von neuen. Das "Totenfest" an dem die Einwohner die Gräber ihrer verstorbenen Lieben mit Kränzen schmücken, besteht erst seit 1817. Damals ordnete die preußische Landesregierung diesen Trauertag zum Gedächtnis der Gefallenen der Befreiungskriege an. Seitdem ist dieser Gedenktag für alle Verstorbenen sinngemäß erweitert und im Kalender als offizieller "Totensonntag" verzeichnet.
9. Das Wetter im bäuerlichen Jahr
Seit eh und je ist der Mensch dem Wetter unterworfen, am meisten aber betraf das die Beschäftigten in der Landwirtschaft. Ausgedehnte Trockenzeiten, dauernde Regengüsse, Hagelschläge und Wolkenbrüche können in wenigen Wochen, in Tagen oder Stunden die mühevolle Arbeit eines ganzen Jahres zunichte machen. Die Volkswetterregeln, von Bauern in jahrhundertelangen Naturbeobachtungen geschaffen, stellen Verbindungen her zwischen Tageszeit, Jahreszeit, Kalendertag und Witterung. Meist bemühen sie sich um Wettervorhersagen. Zwar klingen in vielen Regeln noch allerlei mystische und abergläubische Vorstellungen mit, aber sie bergen in ihrer Gesamtheit einen Schatz alter Volksweisheit, an dem man nicht achtlos vorüberzugehen braucht. Auch Schäfer und Windmüller kannten sich auf ihre Art mit dem Wetter aus. Heute erhält man durch die Wissenschaft unserer Meteorologen in deren Wetterberichten in Presse und Rundfunk eine durchaus zuverlässige Voraussage.
Es gibt aber trotzdem noch viele Menschen, die dem in den ehemaligen Volkskalender verbreiteten "Hundertjährigen Kalender" Glauben schenken. Er entstand um 1650 als "Beständiger Haußkalender" des Abtes Knaur im Bistum Bamberg, eines Anhängers der Astrologie. Ende des 17. Jahrhunderts unterzog ihn der thüringische Arzt Christoph v.Hellwig einer "Bearbeitung" und ließ im Jahre 1700 den "Hundertjährigen Kalender" drucken. Dabei stellte er die Wetterbeobachtungen Knauers fälschlich als Wettervorhersagen für die 100 Jahre von 1701 bis 1800 hin. Dieser Kalender wurde bei späteren Auflagen auch für die Zeit von 1800 bis 1900 gedruckt. Seine Vorhersagen fand ich auch noch in den Orts- und Heimatkalendern des Stadt -und Landkreises Weißenfels um 1910 aufgezeichnet. Sie sollen also auch für die Zeit von 1900 bis 2000 Gültigkeit besitzen. Von den falschen Angaben kann man sich noch heute überzeugen. Man schaue im 100jährigen Kalender die Monate Januar und Februar unseres durchgehend überaus kalten Winters 1962/63 an! Der Februar stimmt ganz und gar nicht!
Im Anschluß folgen die Monatsausschnitte:
aus einem etwa um 1900 erschienenen Hauskalender mit jedesmaligen Angaben aus dem "100jährigen Kalender" und Bauernregeln, letztere meist in Reimsprüchen.
Januar: 100jähriger Kalender. Starke Kälte mit Schneefall bis zum 12. dann gelinder, vom 20. an wieder kälter und windig bis zum Ende. Bauernregel: Wie das Wetter am Macarius (2.)war. So wird’s im September trüb und klar. Sankt Paulitag schön und Sonnenschein bringt reichen Segen, Frucht und Wein.
März: 100jähriger Kalender. Anfangs gelinde, bis weiten Regen, drauf trocken und windig bis zum 20. vom 22. bis 28. nasses, stürmisches Wetter ,am Ende trocken. Bauernregel: Märzen Ferkeln, Märzen Fohlen alle Bauern haben wollen. Ein feuchter fauler März ist das Bauern Schmerz. Ist’s an Mariä Verkündigung schön und rein. So soll das Jahr sehr fruchtbar sein.
Mai: 100jähriger Kalender. Fährt mit abwechseln dem Regen und Sonnenschein fort bis zum 13. dann folgt warmes Wetter, aber bisweilen mit Nachtfrost,b is zum Ende. Bauernregel: Mai kühl und Juni naß. Füllt den Bauern Scheuer und Faß. Kein Reif nach Servas ,kein Schnee nach Bontias Mamertus und Bantratius. Und hinterher Servatius. Sind sehr gestrenge Herrn.
Juli: 100jähriger Kalender. Vom 1. bis 5. unbeständig mit Regen, vom 6. bis 13. warm und trocken ,vom 14. bis 18. regnerisch und warm, hernach sehr warm mit Gewitter. Bauernregel: Hundstage hell und klar, zeigen an ein gutes Jahr; Werden Regen sie bereiten, kommen nicht die besten Zeiten. Machen die Ameisen ihre Haufen im Juli höher, so folgt ein harter Winter.
September: 100jähriger Kalender. Bis zum 6. warm, vom 7. bis 12. trübe und regnerisch, vom 13. bis 18.schön,vom 19.bis zum Ende abwechselnd Regen und Sonnenschein. Bauernregel: So viel Fröste vor Wenzelhaus ,so viel nach Philippi und Jakobi. Bringt St. Michael Regen, kann man im Winter den Pelz anlegen. St. Michaelis Wein, Süßer Wein, Herrenwein. Wie St. Sgibi, so ist es vier Wochen lang.
November: 100jähriger Kalender. Vom 1.bis 5.kalt, vom 6.bis 14.viel Regen, vom 17.bis 24.stürmisch mit Schneegestöber ,dann friert es. Bauernregel: Später Donner hat die Kraft. Daß er viel Getreide schafft. Dr. Martini Sonnenschein, tritt ein kalter Winter ein. Wie’s um Kathrina (25.)trüb oder rein. So wird auch der nächste Hoffnung sein. Andreasschnee tut dem Korn und Weizen weh.
Aus einem etwa um 1900 erschienenen Hauskalender mit jedesmaligen Angaben aus dem "100jährigen Kalender" und Bauernregeln, letztere meist in Reimsprüchen. (Sie liegen im Original nur in der Erstschrift hier vor!)
Am besorgtesten ist der Landwirt im Sommer um seine Erntefrüchte. Regen gibt es,
wenn sich die Gänse im Staube baden,
sich die Enten im Teiche baden die Ameisen laufen,
die Mücken tanzen, die Schwalben niedrig fliegen,
die Pferde im Stalle schwitzen,
der Hund Gras frißt,
die jungen Hähne "leiern",
die Fliegen stechen,
der Specht lacht,
der Ofen singt,
die Eisenbahn laut rattert,
der Nebel steigt,
die "Plumpe" schwitzt,
das Wasser im Teich grün ist,
das Salz im Topfe naß wird,
die Wände schwitzen,
der Rauch der Fabriken der nahen Gruben stinkt,
der Abort stark riecht,
man am Tage schläfrig wird und immer müde ist,
man von Toten träumt,
der Mond einen Hof hat,
die Schäfchenwolken am Himmel stehen.
Hierzu sagt der Bauer: "Die Schäfchen wollen saufen!"
Eine Regel sagt: "Schäfchen in der Höh', drei Tage auf der See".
Das Wetter ändert sich bei Neumond. Ferner: Wenn der Rauch nicht von der Esse geht, gibt es "anderes Wetter" ,
gewöhnlich schlechteres, ebenso, wenn man "das Reißen in den Knochen hat".
Wenn das Abendrot über die Saale(nordostwärts) zieht, gibt es Regen, im Winter kommt dann Schnee.
Kommt "das Sauzeele von unten (von Osten) ruff", gibt es schönes Wetter, "von omne runger (von Westen), jibbt's Räjen".
Wenn dieser kleine Wirbelwind vom Erdboden Staub aufnimmt und ihn weiterträgt, nennt man ihn auch einen "Sauzadel": "Da kimmt ä Sauwäddar!"
Wenn im schönen Frühjahr am Morgen Reif zu sehen ist, regnet es drei Tage danach.
Wenn der Freyburger Schloßturm ganz klar zu sehen ist ,regnet 's in drei Tagen.
Morgenrot - schlecht Wetter droht!
Wenn die Fliegen summen, gibt es Gewitter.
Heult der Hund an der Kette, kommt ein großes Unwetter.
Morgenrot bringt Wind und Kot!
Wenn's da regnet vor der Messen (Jahrmarkt), kann's die ganze Woche nicht vergessen.
Wenn der Tau gefallen ist, gibt es einen schönen sonnigen Tag.
Steigt der Tau als Nebel, dann gibt es Regen.
Sieht man heute weites Land, morgen sieht man kaum die Hand. "Wenn 's fein räjend, räjends for de Härrn!"
Wenn jemand bei schönen Wetter mit dem Regenschirm fortgeht, sagt man: "Där vardärbt's Wäddar!" Scherzhaft sagte man ,wenn sich jemand vor Vergnügen im Grase "gullarde" (kullerte, wälzte) :"Wänn sich de Esel welzen, wärd's Räjen!"
Spaßhaft sagte man auch von jemandem, der sich einen erhöhten Platz begab:
"Där machd sich huch wie ä Giggerhahn, da jibbd's anner Wäddar!"
Wind gibt es, wenn am Himmel "Wetterbäume" stehen. Die Zahl von drei Tagen innerhalb einer Woche ist auch entscheidend für die Wetterbestimmung: Wie der Montag -so der Mittwoch ,wie der Mittwoch -so der Freitag! Wie der Freitag sich neigt -so der Sonntag sich zeigt!
Allbekannt ist der Spruch:
Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen ,
Spinne am Mittag bringt Freude am dritten Tag,
Spinne am Abend erquickend und labend!
Man soll das Wort "Spinne" aber nicht auf das Insekt beziehen, vielmehr soll es heißen: spinnen am Morgen, spinnen am Mittag, spinnen am Abend! Forscher beziehen diesen Spruch auf die drei Nornen, die weisen Frauen der germanischen Göttersage. Sie sitzen an den Wurzeln der Weltenesche und spinnen das Schicksal der Menschen. Die Norne der Vergangenheit spinnt am Ergehen des Kindermorgens ,die der Gegenwart am Menschentum auf der Höhe des Lebens mit Liebe und Eheglück, die der Zukunft spinnt das Ergehen eines geruhsamen Alters. Der Windmüller, der von Wind und Wetter auch sehr abhängig ist, nannte den unregelmäßigen schwächlichen Sommerwind einen "Kullerwind" und "Zottelwind". Bei Windstille riet man ihm: "Wenn der Wind gehn soll, muß man einen Besen verbrennen!" Warum? in diesem Ratschlag steckt noch der alte Hexenglaube. Wenn man ihr Reitpferd, den Besen verbrennt, kann sie dem Müller keinen Schabernack spielen. Schönes Wetter gibt es, wenn Abendrot am Himmel steht, oder wenn viele Sterne am Himmel zu sehen sind, oder wenn der Rauch aus dem Schornstein "kerzengerade" emporsteigt. Ein wohlgemeinter Scherz beim Mittagbrot ist es: "Wenn de Ässens Schissel leer is, jibbd's scheenes Wäddar!"
Schließlich gibt der Spötter auch folgende Regel:
"Kräht der Hahn wohl auf dem Mist, ändert sich's Wetter oder 's bleibt wie's ist!"
Als letzter Trost bei lang anhaltendem Regen, anhaltender Trockenheit bleibt die landläufige Redensart: "Eene Widderungk bleiwet dar annarn nischt schuldch!" Folgt man Monat für Monat der Betrachtung der Bauernregeln, so findet man in den Hauskalendern in den Namen der alten Kirchenheiligen die Lostage für die Wetterbestimmung. Sie kennzeichnen das hohe Alter dieser Sprüche. Einzelne Sprüche bedeuten auch die Einbeziehung der altertümlichen Sternenkunde, der Astrologie des Mittelalters, die den Stellungen der Sternenbilder und des
Mondes unberechtigterweise so viele Bedeutung für die Wettervorhersage beimessen. Eingestreut aber sind auch eine Reihe Wahrsprüche alter Bauernweisheiten, die sich auf die Arbeit der individuellen Bauernwirtschaft beziehen.
Der Lichtmeßtag am 2. Februar ist der noch weitverbreiteste Lostag für die Wettervorhersage. Noch von den Alten hörten wir den Reim:
"Wenn's an Lichtmeß stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit. Ist es aber kalt und hell ,kommt der Lenz wohl nicht so schnell".
Heute aber sagt der Volksmund kurz:
"Wenn die Sonne an diesem Tage scheint, gibt es noch einen strengen Nachwinter".
März:
Märzenschnee tut Saaten weh. Die Märznebel bringen in hundert Tagen Gewitter. Wittert's in den hohlen Busch, der Bauer nach Futter suchen muß. März kriegt den Pflug beim Sterz, April ihn wieder 'rein haben will. Saatregel: "Bei der Järschde muß's schdeewe, (stäuben) bein Hawwer muß's kläwe"(kleben).
April:
Der April ist nicht so gut,es schneit dem Bauern auf den Hut. Ist der April noch so gut, so schmückt er den Zaunpfahl mit einem Hut. Der April macht mit dem Wetter, was er will." 's wärd driewe un hälle un jochd de Leide von Fälle". (=Es wird trübe und helle und jagt die Leute vom Felde). "Hie wärd's dunkel, hie wärd's hälle!" Regel für die Aussaat der Kartoffeln :"Steckt ihr mich im April, komm ich, wenn ich will, steckt ihr mich im Mai, komm ich glei".
Mai:
Mai kühl und naß füllt dem Bauern Scheun' und Faß. Grünt die Eiche vor der Esche, hält der Sommer große Wäsche, grünt die Esche vor der Eiche, hält der Sommer große Bleiche. Wenn's am 1. Mai regnet, gibt's viel Hafer. Die "Eisheiligen" sind die gefürchteten Lostage der drei Eisheiligen Mamertus, Pankratius und Servatius. Da hat man Angst, daß der Frost in die oft vorzeitige Baumblüte kommt. Die Erdbeeren zeigen die Erfrierung ihrer Blüten in dem schwarzen Blütengrund. Der Urbanstag am 25. Mai ist mit seinem möglichen Frost als gefährlicher "Weinräwar"(=Weinräuber =Weinreber= die Reben mit Blüten erfrieren)verschrieen.
Juni:
Wie das Wetter in der Heuernte, so ist es auch in der Getreideernte. Wenn die Ameisen die Haufen im Juni höher machen, gibt es in diesem Jahr einen strengen Winter. Der 27. Juni ist der Siebenschläfertag. Ist Siebenschläfer ein Regentag, so regnet's noch sieben Wochen danach. Bei Blitz und Donner und Hagelwetter sagt der Bauer: "Was der Teufel holt, bringt der liebe Gott".
Juli:
Hundstage hell und klar zeigen an ein gutes Jahr. Ist im Juli bittre Not, (=schlechte Ernte) August bringt Kartoffeln und Brot. Wenn die Lerche nach Jakobi singt, (25. Juli) gibt es einen trocknen Herbst. Wenn am Jakobustag dicke Wolken am Himmel stehen, gibt es im folgenden Winter viel Schnee. Viel Körner, viel Eier.
August:
Was der August nicht brüht, das kocht Michel. (=30. Sept. Michaelistag)
September:
Kommt im Herbst der Altweibersommer geflogen, gibt es noch schöne Tage. Wenn's viele Gadschdanjen (=Kastanien) gibt, Jibbd's väl Äbarn.(gibt es viele Kartoffeln) Viel Nüsse, viele kleine Kinder. Wenn die Maulwürfe große Haufen stoßen, gibt es einen strengen Winter.
Oktober:
Wenn die Fensterscheiben schwitzen, wird's kälter. Wenn die wilden Gänse fliegen, gibt's große Kälte. Wenn die Rübenschwänze der Zuckerrüben recht lang sind, gibt's einen kalten Winter. Wenn der Wind recht heult, heißt es:" Die Hexe tanzt im Ofen 'rum, da wird's kalt. Bei der Herbstarbeit: Versuch macht klug! wenn ein Landwirt auf seine Feldschläge viel Kalk zur Bodenverbesserung streut, sagt der kritische Nachbar: "Reiche Väter- arme Söhne!" Dagegen: "Mist -ist der heelje Christ!" die Feldmaus ist als der ärgste Schädling verhaßt. "Die Mäuse kommen in dem Monat mit fünf verschiedenem Mondwechsel, und sie gehen in einem ebensolchen Monat erst wieder".
November:
Kommen die wilden Gänse gezogen, so erscheint der Winter bald darauf. Die Scharen der Raben(=Krähen) sind die Vorposten des Winters.
Dezember:
Grüne Weihnacht- weiße Ostern! Lange Eiszapfen- langes Getreide. Die vielen anderen Wetterbestimmungen zur Weihnachtszeit sind im Brauchtum bereits angegeben. Eine "Volkstümliche Witterungskunde": "Der Wetterprophet" ist 1928"im Selbstverlage des Verfassers" vom damals weit bekannten Windmüller und Landbrotbäcker Franz Kitze in Kistritz erschienen. Man wird beim Lesen sagen "Das ist eine schnurrige Darstellung!" wegen ihres wissenschaftlichen Anscheinens. Sie zeigt immerhin "aus 60 jähriger Praxis" seine gute Beobachtung der Wolkenbildungen, der Windrichtungen und des Barometerstandes. Leider bringt er auf nur drei Seiten das Thema: "Unfehlbare Wetterzeichen".
II. Im Lebenskreis
1. Die Kindheit.
Geburt und Taufe
Für die Kinder war es früher ein von den Erwachsenen ängstlich gehütetes Geheimnis, woher die kleinen Kinder kommen. Man sagte ihnen, der Klapperstorch bringt sie, er holt sie aus dem Teich. Wünschte sich ein Kind noch ein kleines "Geschwisterchen", so empfahl man ihm, in das äußere Fenster ein Stück Zucker für den Storch zu legen .Hörte ein Kind den Schmerzensschrei der gebärenden Mutter aus dem Schlafzimmer dringen so erklärte man ihm :"Die Eule schreit!" doch gab es auch Fälle, wo ein größeres Kind zur Hebamme geschickt wurde, weil die Wohnungsnot der armen Leute manche Kinder sogar Zeugen der Geburt werden ließ. In Obernessa war ein Fall bekannt, daß eine sehr robuste Arbeiterfrau ein Kind während der Feldarbeit des Rittergutes zur Welt brachte.
Schon früh offenbart sich im Volksglauben die große Aufmerksamkeit und auch der Fürsorge für die werdende Mutter. So warnt man sie, beim Erschrecken nicht an ihren Körper zu fassen, sonst werde das erwartete Kind an derselben Stelle seines Körpers ein Muttermal bekommen, also einen Schönheitsfehler. Alles ,was die werdende Mutter tut an Gutem und Bösem ,überträgt sich auf das kommende Kind. Stiehlt z.B. die Mutter, so wird das Kind auch ein Dieb," ein Mausehaken".
Das Neugeborene wird neben dem Bett der Wöchnerin in einen Wäschekorb oder bei begüterten Familien in den zuvor beschafften fahrbaren Stubenwagen gelegt. Im vergangenen Jahrhundert kannte man noch die Wiegen, welche oft bunt bemalt war. Sie wurde mit dem Fuße auf der Kufe in wiegende Bewegung gesetzt ,wenn das weinende Kind in den Schlaf gebracht werden sollte. Im frühen Mittelalter wurde sie an den Querbalken der Stubendecke angehängt. Sie hieß damals die Boie (=gesprochen "Beue"). Daran erinnerte um 1910 der Rätselreim vom Maulwurf:
"Heia, Boie, sause,
hinter unserm Hause ackert Vetter Krause,
ohne Pflug und ohne Schar,
ackert er das ganze Jahr".
Im Jahre 1874 wurden die staatlichen Standesämter eingerichtet. Beim Standesbeamten, der bei uns für den ganzen Amtsbezirk mit seinen sechs Dorfgemeinden eingesetzt war, mußten von nun an die Geburten angemeldet werden ,er trug sie in das amtliche Geburtsregister ein. Bis dahin wurden durch die Jahrhunderte hindurch die Geburten beim Ortspfarrer zum Zwecke der Taufe angemeldet. Dieser trug in das Kirchenbuch aber nur die Tauftage nach der vollzogenen Taufe ein. In der Regel wurde das Neugeborene bereits am dritten Tage nach der Geburt getauft. Ahnenforscher konnten den Geburtstag des betreffenden Vorfahren nur errechnen. Im Mittelalter war es zumeist Sitte, daß das Kind den Namen des Kalenderheiligen vom Tage seiner Geburt erhielt. In manchen Gegenden Deutschlands spricht man darum nicht vom "Geburtstag", sondern vom "Namenstag", den das Kind feiert. Die Kindesmutter konnte damals naturgemäß nicht an dem Taufakt teilnehmen. Daher kam es, daß der Täufling noch um 1920 von der Hebamme zur Kirche getragen wurde, trotzdem nun die Taufe in der Regel vier Wochen nach der Geburt stattfand. In alten Zeiten hatte die Hebamme das Kind bei der Geburt dem Kindesvater entgegengehalten. Dieser hatte es auf seine Arme aufzuheben zum Zeichen, daß er die Vaterschaft anerkenne. Pfarrer Wartner wurde noch um 1920 von der Geburt verständigt. Er kündigte des Sonntags von der Kanzel aus die Geburt mit den Worten ab: "Eine christliche Danksagung wird zu tun begehrt für die Ehefrau des( Name)" und für ein Dankgebet hinzu. Ungefähr nach drei Wochen erhielt er die Taufanmeldung.
Die Kindesmutter durfte in den ersten sechs Wochen kein Wasser von einem fremden Brunnen oder dem "Schöpfborn" des Dorfes holen ,um ihn nicht zu verunreinigen. Sie durfte in diesen sechs Wochen überhaupt kein fremdes Gehöft, im besonderen keine Viehställe betreten, denn sie brachte sonst dem Vieh Unglück. Auch durfte sie in der Zeit - genau wie in der Zeit der monatlichen Reinigung keine Früchte oder Fleisch einkochen, beides verdarb sonst.
Wohlhabende Bauern luden früher den Pfarrer zum Taufschmaus mit ein. Im Kirchenbuch des Jahres 1556 gibt Pfarrer Ermler sein Einkommen an und führt am Schlusse den Taufschmaus sogar unter den "Akzidenzien", den Nebeneinnahmen, an:
"Der Pfarrer samt seinem Weib gehet mit zur Wirtschaft (=Hochzeitsfeier). Zur Kindtaufe werden sie allzeit auch geladen".
Dies war noch bis in spätere Zeiten die Regel. Ein Abzählreim um 1914 verdreht freilich den Sinn etwas:
"Eene kleene Diddar-Daddar, (=ist geboren)
meine Muddar schdieht Jevaddar,
und beim Härrn Subbardend wu dar Gaffee is varbrennd ,
wu de Mellich is iwwarjelaufen, kann der Härr kee Gaffee saufen".
(Diddar-Daddar = die Kindersprache, die "Dada"-Sprache ist hier nachgeahmt).
Die Taufe fand um 1920 gewöhnlich vier Wochen nach der Geburt statt. Der Täufling, mit langem Spitzenschleier umhüllt, wurde von der Hebamme zur Kirche getragen. Hinterher folgten die Paten auf diesem Gang. Die Kindesmutter hielt noch jetzt am Brauch der sechs Wochen Enthaltung vom Ausgang fest sie blieb der Taufe fern.
Das Patenverhältnis war in älterer Zeit viel enger und bedeutungsvoller ,als es heute im allgemeinen aufgefaßt wird. Als die Kirche vor mehr als tausend Jahren die Patenschaft für Deutschland einführte, knüpfte sie damit an altgermanische Bräuche an. Denn wir wissen ,wie schon der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet, daß bei unseren heidnischen Vorfahren die Sitte herrschte ,das neugeborene Kind vor Zeugen mit Wasser zu begießen und ihm einen Namen zu geben. Dabei nahm neben dem Vater der Bruder der Mutter eine hochgeachtete Stellung ein. Die Paten waren richtige "Miteltern", und die verbreitetsten Bezeichnungen der Paten zeigen deutlich, wie ernst man die Sache nahm. Denn "Pate" kommt von dem lateinischen Wort "Pater" =Vater her. Der Pate ist also als der "geistliche Vater" anzusehen. In Kirchenbüchern der Zeit um 1700 findet man die Aufzeichnung der Paten unter dem lateinischen Titel "Compater", auf Deutsch "Mitvater".
Das Fernbleiben der Mutter bei den Taufen um 1920 erklärt sich daraus, daß nach alter Satzung der katholischen Kirche die Wöchnerin erst 40 Tage nach der Niederkunft "ausgesegnet" werden konnte.
Die Paten legten vor der Taufe in das Steckkissen des Täuflings gedruckte Patenbriefe. In diesen fanden dann die Eltern einige Münzen geringeren Wertes vor. Man nannte sie die "Plapperpfennige". Mit diesem Brauch wurde der Wunsch ausgedrückt, daß das Kind bald "blabbarn", auch"babeln" (=sprechen) genannt, lernt. Als besonderes Patengeschenk, als "Eigebinde", erhielten die Eltern des Kindes früher einen Taler (drei Mark) oder einen silbernen Löffel. Neuerdings wurde gar ein kleines silbernes Eßbesteck mit in das Kissen gelegt.
Wer das erstemal "Pate stand", wurde "angebunden" man band ihm einen Blumenstrauß an den Arm. So geschmückt ging er mit zur Kirche. Er mußte, um sich auszulösen, "einen ausgeben", d.h. "eine Runde Bier spendieren".
Die Namengebung für das Kind erfolgt jetzt bereits bei der Eintragung der Geburt in das Standesamtsregister. Ihre Wiederholung bei der Taufe ist jetzt nur noch eine Formsache. Vor hundert Jahren und vorher war es Sitte, dem Kind die Vornamen der Voreltern und die der Paten zu vererben. Das war im Mittelalter meist Namen der Heiligen der Kirche, vor hundert Jahren oft die Wunschnamen Gottlob, Gottfried, Gottlieb usw. Um 1920 suchten die Eltern oft besonderes schön klingende und seltenere Namen aus Romanen oder Kinofilmen aus.
Bei der Taufe in der Kirche paßt man geflissentlich auf, ob der Täufling schreit. Ist dies der Fall, dann "ruft er" nach einem Brüderchen oder Schwesterchen, das ihm folgen soll.
Seit alten Zeiten waren nur drei Paten erlaubt und lange bräuchlich, um der Verschwendung beim Taufessen Einhalt zu tun. Nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg ließ der Junker Kurt v. Posern auf dem hiesigen Rittergut i.J.1661 aber zwölf Paten für seinen erstgeborenen Sohn zweiter Ehe einladen und ins Kirchenbuch eintragen. Sie waren Edelleute und adlige Damen der nächsten Verwandtschaft. Er veranstaltete in der damaligen Zeit der Sucht nach Wohlleben eine prächtige Tauffeier. Bei der Zahl zwölf der Paten denke man an das Märchen von Dornröschen mit der bösen Fee als dreizehnter Pate.
Die Paten müssen von jeder Sorte Kuchen ein Stück essen; man glaubt, daß dann der Täufling später einmal alles essen kann. Die Wickelkinder männlichen Geschlechts werden mit blauen Bändern und Schleifen, die jenigen weiblichen Geschlechts mit rosa Bändern geschmückt. Anschließend an die Taufe wird daheim ein kleines Fest mit Kaffee und Kuchen gefeiert. Am Abend folgt dann der eigentliche Patenschmaus. Die Hebamme bekommt ein Kuchenpaket als Geschenk mit auf den Nachhauseweg.
Ärmere Leute, die aus Sparsamkeitsgründen keine großartige häusliche Tauffeier veranstalten, lassen die Paten nur in das Kirchenbuch einschreiben. Pfarrer und Kantor sind tatsächlich die alleinigen Taufzeugen sozusagen in Stellvertretung. Die Mütter tragen ihr Kindchen selbst zur Kirche, oder sie fahren es im Kinderwagen dahin. Die bei einer größeren Tauffeier noch anwesenden Gäste aus der Verwandtschaft oder Bekanntschaft, welche nicht mit "Jevadder jeschdanden" hatten, nannte man scherzhaft "Freßgevatter".
Der erste Kirchgang der Wöchnerin erfolgte in der Regel sechs Wochen nach der Geburt. Um 1900 sagten die Dorfbewohner: "Die jeht ze Kärchen! "Der Pfarrer wies seine Zuhörer von der Kanzel aus auf dieses Ereignis hin und schloß Mutter und Kind in ein kurzes Dankgebet ein, die Mutter wurde "ausgesegnet". Die Wöchnerinnen werfen Geld in den Brunnen ,wenn sie Wasser holen. Sie dürfen den Brunnen nicht verunreinigen und wollen sich durch diese Geldabgabe von diesem vermeintlichen Vergehen lösen. (Jüdisches Ritualgesetz?)
Bis zur Zeit des ersten Weltkrieges gehörte die Taufe auch zum Dienst des Kantors. Er spielte, seit es in der Obernessaer Kirche eine Orgel gab, ein Kirchenlied, das Tauflied. Er erhielt ebenso wie der Pfarrer eine Taufgebühr. Als Schreibkundiger hatte er früher handschriftlich die "Patenbriefe" abzufassen. Das geschah um 1850 noch in rechter höfischer, schwülstiger Abfassung. Diese Arbeit brachte ihm eine willkommene Aufbesserung seiner damaligen kärglichen Einnahmen. Wenn er die Gevatterbriefe noch dazu an die im Orte wohnenden Paten selbst austrug, wurde er noch über die Gebühr entlohnt und zusätzlich oft noch mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Das geschah noch dem Lehrer Lorenz um 1880. Zur Taufhandlung hatte er warmes Taufwasser zu besorgen und die von ihm als Küster aufbewahrten Taufgefäße, Kanne und Taufbecken, auf dem Taufstein aufzustellen. Auf das vom Pfarrer gegebene Stichwort hin "Lasset die Kindlein zu mir kommen..."hatte er dann dienstfertig während der Taufhandlung das Wasser einzugießen. Zum Schluß der Taufe warfen dann die Paten einige meist geringwertige Münzen in das Becken, welche der Küster als weitere Einnahme aus dem Wasser fischen durfte. Der alte Brauch des Schreibens der Patenbriefe und des Eingießens des Taufwassers durch den Lehrer und Kantor wurde bei aller Achtung wertvoller alter Sitte i.J. 1917 auf seine Initiative hin als nicht mehr zeitgemäß beseitigt. Letzterer verzichtete auch zugunsten der Kirchenkasse auf die Taufbeckengelder.
Die Paten, welche in früheren Zeiten für die weitere, insbesondere für die religiöse Erziehung des Kindes sich mit verantwortlich fühlten, besuchten dessen Elternhaus und erfreuten das Kind mit kleinen Aufmerksamkeiten. Besuchte umgekehrt die Mutter mit dem Kleinkind im Kindermantel auf dem Arm zufällig "eine Pate", so erhielt sie für das Kind oft ein Ei als Geschenk. Es war das sogenannte "Babelei", durch dessen Genuß das Kind gut sprechen lernen sollte. In diesem Brauch- er wird jetzt noch häufig ausgeübt- bringt sich eine altgermanische Sitte. Bei der Lebensweihe des Neugeborenen gehörte das Ei zu den üblichen Gaben der anwesenden Gesippen. Es sollte dem Säugling gleichermaßen als Menschenknospe gedeihliche Lebenskraft vermitteln. Die "Babelpfennige" aber werden, wenn das Kind sprechen kann, aus dem Patenbrief wieder herausgenommen, zumal wenn dieser ein größerer Geldbetrag sind. In neuerer Zeit kümmern sich die Paten kaum noch um das Kind. Gehören die Paten zur engsten Verwandtschaft, vornehmlich in Bauernfamilien, so erhält das Kind alljährlich zu seinem Geburtstag einen silbernen Löffel bis das Dutzend voll ist. Zur Konfirmation allerdings sind die Paten dann als Gäste wieder geladen, sie bringen jetzt als Gabe ein ansehnliches Geschenk dar.
Ein Lob über die Schönheit und Gesundheit des Kindes hört die Mutter nur dann gern, wenn man das Wort "unberufen" dabei mit ausspricht. Andernfalls könnte das Kind durch einen bösen Blick behext werden. Unterläßt man das Wort, dann wird das die Mutter nicht vergessen. Wird das Kind krank, dann ist es durch das heimtückische Lob "beschrichen" (=beschrieen). Viele Mütter glauben aber nicht mehr so recht an das "Beschreien". Trotzdem sagen sie halb gläubig ,halb ungläubig: "Beschrei's nur nicht!" Oder umgekehrt sagt die Bekannte beim Lob: "Ich will's nicht beschrei'n!"
Eifersüchtig wacht die Mutter darüber, daß sie zuerst den ersten Zahn des Kindes entdeckt. War es jemand anderes, dann mußte dem Entdecker, meist einer Entdeckerin, ein Kleid als Gabe gespendet werden. Um dem Kinde das Zahnen zu erleichtern, wird eine Zahnkette aus Bernstein oder eine Zahnwurzel in der Stadt gekauft. Früher erfüllte eine Brotrinde, die man dem Kinde gab, denselben Zweck. Keine Mutter schneidet ihrem Kinde im ersten Jahre das Haar oder die Fingernägel ab, da ihm sonst das Leben abgeschnitten würde.
Nach und nach wird die enge Bindung zwischen Kind und Mutter immer lockerer. Das Kind wächst heran und schließt sich bald der Spielgemeinschaft der älteren Kinder an. Es erlernt mühelos im Spiel die Abzählreime und die einfachen Kinderlieder. Heute, um 1960, ist wohl in jedem Dorf ein Kindergarten. Hier tanzen sie auf den Spuren der alten Siegerreigen und Tanzspiele, die uns in die entfernten Tage der Maien-, Ernte-, Hochzeits-, Toten -und Julfeiern auf den alten Kulturstätten der Walburgen und Trojaburgen, (eine Trojaburg gibt es noch heute bei dem Dorfe Steigra mittwegs der Straße von Freiburg nach Querfurt. Sie ist eine aus dem Rasen ausgestochene Spirale. Helmut hüpfte als Junge in der Steingraer Trojaburg (Autofahrt!), in schon vorgermanischer Zeit zurückführen. Hierher gehören die mancherlei Kinderspiele der Mädchen ,wie „Himmel und Hölle", die „Merseburger Brücke", „Mariechen saß auf einem Stein". Sie sind die Reste urgermanischer Tanzspiele. Endlos ist die Zahl der Singereigen die sie in den Schulpausen als Kreisspiele aufführten. Die „Jungens" vertreiben sich die Zeit mit „Haschens" und an den Nachmittagen mit „Versteckens", auch „Suchens" genannt, dann mit Parteispielen wie „Deutsche und Franzosen" -um 1914 im Nachklang an den 1870er Krieg- oder „Räuber und Schandeckels" (=Räuber und Gendarmen), mit Schießen mit selbstgefertigten Bogen und Pfeilen und anderen selbsterfundenen Abwechslungen mehr. Beim heranwachsenden Knaben läßt sich in seinen Bewegungsspielen, sodann mit dem Trittroller, mit dem Fahrrad, mit dem Fußball, mit den Schlittschuhen und mit dem Rodelschlitten kaum noch ein Unterschied mit jenen des Erwachsenen, mit den im Berufe Stehenden, machen.
Den Eintritt in die Schule empfinden die Kinder garnicht als eine lästige Beschränkung ihrer Freiheit -neuerdings. Früher machte man ihnen Angst, wenn sie „nicht folgten", dann sagten manche Mütter in ihrem Unverstand: „Na warte nur, komm du nur erst in die Schule!" Damit wurde mit dem Rohrstock des altertümlichen „Schulmeisters" gedroht. Im vorigen Jahrhundert war auch die häusliche Erziehung oft streng, sie stand unter dem alttestamentlichen Bibelwort: „Wer die Rute schont, hat sein Kind nicht lieb!" Jetzt freuen sie sich im Gegenteil auf den ersten Schultag wie auf ein Fest, bei dem sie noch jetzt nach altem Brauch die Zuckertüte erhalten. Man sagt ihnen, daß sie auf dem Zuckerbaum wachsen, der angeblich im Keller des Lehrers stehe.
Nach achtjährigem Schulbesuch erfolgt die Schulentlassung. Im letzten Schuljahr war es seit Mitte des 19. Jahrhunderts Brauch, daß die Vierzehnjährigen „Stammbücher" unter ihren Mitkonfirmanden umgehen ließen, in welche sie der Reihe nach Widmungen einzutragen hatten. So wurden aus der „gemütvollen alten Zeit" von volkstümlicher Innigkeit triefende Reime überliefert und oft noch um 1900 zu diesem Zwecke angewandt. Hierzu folgen zwei Beispiele:
„Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der schönste Lebenslauf".
„Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken, nur das eine nicht, daß da heißt Vergißmeinnicht".
Darunter:
„Zum ewigen Gedenken an Deine Schulfreundin(Name)".
Ein eigenartiger Reim, auch häufig gebraucht, ist aus dem alten Seelenglauben entstanden:
„Ich lag im Garten und schlief, da kam ein Engel und rief:
Martha, du sollst auferstehen und zu deiner Freundin gehen".
Dieser Glaube beruht auf dem „Aber", daß die Seele den Körper auf einige Zeit verläßt und dann wieder zu ihm zurückkehrt. Es gab auch schon unter den Jugendlichen Kritiker, welche diese süßlichen Reime verspotteten und sie parodierten, wie zum Beispiel:
„Lebe glücklich, lebe froh,
wie der König Salomo,
der auf seinem Throne saß,
Butterbrot und Bratworscht aß".
Die Papierhandlungen lieferten den Kindern als Schmuck zu diesen Ergüssen um 1900-und noch jetzt- bunte „Stammbuchblumen", welche neben den Erinnerungsspruch eingeklebt wurden. Dann aber wählte man als „Lebenssprüche" auch Dichterworte. Am meisten las man Goethes „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!"
Um 1920 und vorher- seit dem Aufkommen der Fotografie- war es Sitte geworden, daß sich die Schüler zusammen mit dem Lehrer von einem auswärtigen Fotografen konterfeien ließen. Manches gerahmte Schulbild nahm dann in der „guten Stube" einen Ehrenplatz ein. Seit früheren Zeiten fand zugleich mit der Schulentlassung die Konfirmation der Vierzehnjährigen statt. Die Schulentlassung erfolgte meist in den letzten Tagen vor Ostern. In einer einstündigen Abschiedsfeier wurden diese Schüler in Gegenwart des Ortsschulinspektors, bis 1920 war es Pfarrer Wartner (er nahm danach noch als Vorsitzender des Schulvorstandes daran teil), einiger Väter und den übrigen Schülern in der Schule durch Überreichung der Schulentlassungszeugnisse entlassen. Nach 1920 wurde bei dieser Gelegenheit auf Anordnung der Behörde jedem Entlaßschüler ein Heft mit der Verfassung des Deutschen Reiches ausgehändigt. Diese Hefte hatten aber nur etwa 10 Jahre Gültigkeit, da die Weimarer Republik 1933 von Hitlerstaat abgelöst wurde. 1923 wurden an hiesiger Schule nur fünf Mädchen entlassen und zu Beginn des neuen Schuljahres nach Ostern auch vier Knaben und fünf Mädchen als „ABC-Schützen" aufgenommen. Diese geringe Zahl kennzeichnet die Kriegsverluste des Jahres 1917. Immerhin betrug 1923 die Gesamtschülerzahl unserer einklassigen Schule,die als Halbtagsschule zweigeteilt war,81. Dazu kamen in diesem Jahre 22 Kinder aus dem besetzten Gebiet hinzu, sie waren als Pflegekinder einzelnen Bauernfamilien zugeteilt.
Konfirmationstag und Schulentlassungstag waren zusammengenommen als Abschluß der ersten Jugendzeit für die Kinder bedeutungsvoll. Manche von ihnen, denen das Lernen keine besondere Freude war, hinterließen gemäß älterem Brauchtum in ihrem Fach unter dem Schultisch Zettel mit der Beschriftung:
„Auf diesem Platz hab’ ich gesessen, hab’ manches Stückchen Brot gegessen, hab’ manche Keile mitgenommen, drum werd’ ich auch nicht wiederkommen!"
oder:
„Wir sind die Konfirmanden und haben’s überstanden! Ihr seid noch junge Füchse und kriegt noch tücht’ge Wichse".
Ihre erwachende Mannbarkeit bewiesen sie am Palmsonntag mit Alkoholgenuß und Rauchen von Zigaretten. Viele trugen mit dem schwarzen oder dunkelblauen Konfirmationsanzug das erstemal mit Stolz lange Hosen. Um 1500 aber galten die Kinder bereits mit dem 12. Lebensjahr als erwachen und waren auch schon erbberechtigt. Im Lauchstädter Amtshandelsbuch kamen um 1530 verschiedene Fälle zur Verhandlung, in denen von den zwölfjährigen Delikte zu verzeichnen waren. Ein Zwölfjähriger wurde zusammen mit einem Achtzehnjährigen wegen Falschmünzerei und Betrug beim Kartenspiel in der Schenke mit diesen Münzen nach Verurteilung vom Landknecht „zur Staupe gehauen". Zwei Zwölfjährige, welche in Passendorf bei Halle das Vieh der Bauern, bei denen sie im Dienst standen ,hüteten ,ertranken beim Äpfel Diebstahl in der Saale und wurden fern von Heimat und Elternhaus im Amtsort Lauchstädt begraben. Jetzt aber traten unsere Kinder erst im 14. Lebensjahre den Weg ins Berufsleben an.
Der Konfirmationstag ist seit alten Zeiten der Palmsonntag. In der Morgenfrühe des Palmsonntag streuten die Konfirmanden auf ihren Kirchweg, ein jeder bis zur Behausung des ihm zunächst Wohnenden, weißen Sand und kleingeschnittene Tanne- oder Buchsbaumzweige in deren Ermangelung auch grüne Papierschnitzel. Sie ahmten, ohne es zu wissen, die Palmenzweige beim Einzug Jesu in Jerusalem nach. In altkatholischer Zeit fand am Palmsonntag die Palmweihe statt. Vor 1900 war es in Mitteldeutschland Brauch, Sträuße von „Palmkätzchen", den Blütenzweigen der Salweide, zu pflücken. Bereits am Sonnabend brachten die Jungen und Mädchen an der Kirche, dem Pfarrtor und der Schultür Girlanden von Tannenzweigen an. Auf den Altar stellten sie Blumenstöcke, die man ihnen bereits als Gratulationsgeschenke gebracht hatte, als Schmuck auf. Vor Beginn des Einsegnungsgottesdienstes versammelten sich die nun festlich schwarzgekleideten Kinder im Pfarrhofe. Beim Glockenläuten zogen sie mit dem Pfarrer an der Spitze in das Gotteshaus ein. Bei ihrer Einsegnung hatten sie das dreimalige Gelübde der Treue zum Glauben mit den Worten „Wir wollen es mit Gottes Hilfe!" zu beantworten. Danach knieten sie nach Namensnennung durch den Pfarrer und unter dessen segnender Handauflegung unter Bekanntgabe des Komfirmationsspruches vor dem Altar, wobei ihnen am Schluß der Konfirmationsschein ausgehändigt wurde. Nach beendigtem Gottesdienst gingen sie in die Pfarre und in die Küsterei und bedankten sich beim Pfarrer und beim Lehrer für deren jahrelange Betreuung unter Aushändigung eines Geldgeschenkes. Ihre Taufpaten nahmen nebst den Eltern an dem Gottesdienst teil. Zuhause angekommen, wurde die kirchliche Weihe durch ein festliches Mahl gefeiert. Die Konfirmanden zählten stolz die Blumenstöcke und Gratulationskarten, die sie von Verwandten und Bekannten erhalten hatten. Auf einem besonderen Tische waren auch die Geschenke, wie Taschentücher, Strümpfe, andere Wäschestücke und Bücher aufgebaut. Die Patengeschenke bestanden um 1900 für die Knaben meist in einer wertvollen Taschenuhr mit goldener Kette, für die Mädchen in einem goldenen Kettchen mit anhängendem Kreuz und dazu oft noch in ansehnlichen Geldgeschenken. Hierdurch entledigten sich die Paten nun meist endgültig von ihren Anstandspflichten- früher: Aufsichtspflichten -über den einstigen Täufling. Am Nachmittag gingen in Obernessa die Konfirmanden reihum in den Familien ihrer Miteingesegneten zum Kaffeetrinken, gleichsam als wollten sie gegenseitig voneinander Abschied nehmen. Nach der Konfirmation war ihre Teilnahme am Karfreitagsgottesdienst und gleichzeitig am Abendmahlsgang mit ihren Eltern zusammen die Beglaubigung dafür, daß sie nun in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen wurden.
2. Die hohe Zeit des Lebens
Reifezeit, Verlobung, Hochzeit.
Während der Schulzeit wurden früher in unserer Obernessaer einklassigen Volksschule Knaben und Mädchen gemeinsam unterrichtet. Im Gegensatz dazu damals in den oberen Klassen der Stadtschulen eine strikte Geschlechtertrennung durchgeführt, es gab Knabenklassen und Mädchenklassen. Der gemeinsame Unterricht wurde bei uns auch noch durchgeführt, als die Schule nach 1924 zweiklassig wurde und ein zweiter Lehrer angestellt war. Infolge der früheren strengen Auffassung der Eltern und anderen Miterzieher bestand trotzdem zwischen beiden Geschlechtern der älteren Schülerjahrgänge ein gewisser offen zur Schau getragener Abstand. Zeigte ein großer Knabe eine scheue Zuneigung zu einem Mädchen, wurde er von seinen Schulkameraden als „Mädchenfist" verhöhnt. Nach der Schulentlassung aber ließen sich Tanzsaale sehen, wenn sie auch noch als „Kücken" angesehen wurden. Die Jungen aber begannen, ihre Stärke im Biertrinken in der Schenkstube oder am Bierausschank des Saales zu beweisen. Manchmal nannte man sie ärgerlich die „Grünschnäbel", die sich erst einmal „den Schnabel wetzen sollten". Immerhin brachte man dem erwachenden Liebesbegehren der „Halbwüchigen" - man nennt sie heute(1960) „die Halbstarken" - ein gewisses Verständnis entgegen, wenn man sich sagte: „Mir war’n je ooch emal jung!" Man neckte sie auch, wenn man zum Mädchen sagte: „Du hast wohl einen Schatz?!" und zum Jungen: „Die Grete ist wohl dein Schätzchen, deine Braut?!" Die Übernahmen der Jugend in die dörfliche Burschenschaft bedeutete früher eine strenge Bindung an den Gemeinschaftsgedanken. Das trat bei der Aufnahme in die Pfingstgesellschaft und die Teilnahme am Gesellschaftsball zum Ausdruck und hob das Selbstbewußtsein der Schulentlassenen. Schon als Schulkinder übten sie die Liebesorakel mit den Blütenblättern und Laubblättern von Pflanzen, wenn auch halb unbewußt (Sie werden bei den gesammelten Kinderreimen mit angegeben!). Nach der Schulzeit trat das Volkslied in seine Rechte, nicht das des Liederbuches, sondern das urwüchsige der Volkspoesie, welches vom „Feinliebchen", von der „Herzallerliebsten", dem „herztausigen Schatz" fröhlich jauchzte oder sehnsüchtig und wehmütig klagte, wenn im Dunkel des schönen Sommerabends die Mädchen Arm in Arm die Wiesenwege entlang zogen. Sie sangen dabei z.B.:
„Schatz, ach Schatz, reise nicht so weit von hier,
im Rosengarten will ich deiner warten,
im grünen Klee, im weißen Schnee".
Die Zeit des Liebenswerbens begann meist recht früh. Vor der Jahrhundertwende, als die Burschen und Mädchen auf dem Saale der Schenke das Tanzbein schwangen, kam ihnen der Inhalt des Tanzliedes zum Bewußtsein:
„Herr Schmidt, Herr Schmidt, was bringt Er Röschen mit? Ein Schleier und ein Federhut, der steht dem Röschen gar zu gut. Herr Schmidt, Herr Schmidt, was bringt Er Röschen mit? "
Ebenso bei dem Text des Tanzes:
„Als der Großvater die Großmutter nahm, da war der Herr Großvater ein Bräutigam usw. "
Bei ihrem liebenden Verlangen gebrauchten die jungen Burschen wohl das Mittel der „Sympathie", wenn sie schmachtend den Mond anschauten und sprachen:
„Mond, du bist glücklicher als ich, du siehst sie, und ich seh’sie nicht!"
Der größte Stolz der zwanzigjährigen Burschen aber bestand damals darin, bei der Musterung zum Heeresdienst durch die ärztliche Untersuchung als kerngesund und damit tauglich für das Soldatentum befunden worden zu sein. In der Garnision lernten sie die unverbindliche Soldatenliebe kennen, wie sie in einem ihrer Marschlieder zum Ausdruck kam:
„Soldaten, das sind lust’ge Brüder,haben frohen Mut, singen lauter lust’ge Lieder, sind den Mädels gut".
Sie sangen aber auch aus Sehnsucht nach ihrer heimatlichen ungebundenen Lebensweise:
„Haben wir zwei Jahr gedient, ist die Dienstzeit aus, dann schickt uns der Hauptmann wieder ohne Geld nachhaus".
Mit Stolz hängt dann die Familie sein gerahmtes Soldatenbild das ihn in der „Extrauniform" zeigt, in der guten Stube an die Wand.
Die Liebeszauber in den Losnächten des Mätthäus- und des Andreastages, wie sie bereits geschildert sind, wurden um 1900 nicht mehr ausgeübt. Sie waren zu dieser Zeit den alten Leuten nur noch in der Überlieferung bekannt. Oder wollten sie sich selbst beim Erzählen nicht verraten, daß auch sie mit Wunschgewalt und Zauber die Liebe zu erlangen versucht hatten?
In ganz Mitteldeutschland aber war damals noch das „Tischrücken" verbreitet. Wenn junge Leute im engeren Kreis im Heim in abendlicher Stunde bei Kaffee und Kuchen mit Lachen und Scherzen versammelt waren, wurde schließlich der Tisch freigemacht, eine runde Kuchendecke herbeigeholt, diese auf ein Trinkglas gelegt, das Stubenlicht gelöscht und die Stube durch eine Brennende Kerze auf der Kuchendecke in ein geheimnisvolles Halbdunkel gehüllt. Darauf bildeten die Versammelten einen Kreis, legten ihre Hände Finger an Finger gespreizt aneinander. Sprechen durfte niemand. Nun begann sich das runde Brett erst ganz langsam, dann schneller zu drehen, die Runde mußte nachgeben und im gleichen Tempo im Kreise mitgehen. Ein Sprecher bedeutete allen, anzuhalten. Leise stellte er Fragen, wie: „Wer verlobt sich in diesem Jahre?" oder: „Wie lange muß sie noch auf den Freier warten?" usw. Darauf begann sich das Brett nach irgend einem Beteiligten zu neigen, ein -oder mehrmals. Das geheimnisvolle Orakel hatte sich den Staunenden mehrmals gezeigt.
Das Bleigießen zum Silvesterabend ist in unseren Dörfern erst seit den 1930er Jahren teilweise ausgeübt worden. Aus den Figuren des flüssigen und im Wasser erstarrenden Bleies wollte man die Erfüllung der verschiedensten Wünsche, vor allem aber den Beruf des Zukünftigen erraten.
Es gab im Volksmunde manche Lossprüche über das Freien, über Mittel, die Liebe zu erlangen: Man muß den Erwählten ein Haar in die Suppe tun, um seine Neigung zu erlangen. Tut sie das auch nach der Hochzeit, dann bleibt der junge Ehemann treu. (Ältere Menschen sind weniger erfreut, wenn sie an irgend einer Sache „ein Haar gefunden" haben). Mit dem Haar hängt nun auch ein schlimmes „Aber" zusammen: „Nähst du in die Wäsche Haar, mußt noch warten sieben Jahr". Geheimnisvoll erzählten die jungen Burschen unter sich, man müsse den Mädchen das schwarze Pulver vom Bovist oder gar Hirschbrunst geben, wenn sie um ihre Liebe werben wollen. Wenn im Haus drei Lampen zugleich brennen, ist die Braut im Haus. Hat eine Spinne im Haus ihr Netz gesponnen, heißt es: „Es ist ein Freier im Haus! "Viele Spinnen bedeuten viele Freier. Vielleicht deuten die Spinnen auf die Tätigkeit der schon genannten Nornen des vorzeitlichen Götterglaubens hin. Eine Blase auf dem Kaffeegetränk in der Tasse bedeutet einen Kuß, den man am gleichen Tage erhält, wenn man sie sofort abtrinkt. Für das Mädchen wartet der Liebste auf „sie". Junge Mädchen lassen sich in die halbgeleerte Kaffeetasse nicht gern Kaffee nachgießen. Sie sagen: „Da muß ich noch sieben Jahre warten!" Den Kuckucksruf hören sie nicht gern, wenn er auf ihre Frage, wie Lange sie noch auf die Hochzeit warten müssen, zu oft antwortet. Er „hält sie zum Narren". Das besagt auch in Obernessa ein Kinderreim:
„1,2,3,4,saß ein Mädchen vor der Tür, hat ein gelbes Hütchen auf, oben saß der Kuckuck drauf".
Wenn ein Mädchen beim Kaffeetrinken in die Tasse lacht, heißt es: „Du bekommst einen nackten Mann!"
Ein scherzhaftes Orakel ist es, sich an den Fingern zu ziehen. So oft sie in den Gelenken knacken ,so viele Liebste hat man. Entwendet ein junger Bursche dem Mädchen im Scherz eine Schere, ein Messer oder eine Nadel, dann sagt es: „Das zersticht (oder zerschneidet) die Liebe!"
Welche Bedeutung für die Wahl des „Liebchens", der „Liebsten", des „Liebsten" die termingerechten Gesellschaftsbälle, die Jahrmarktbälle in Hohenmölsen und Weißenfels als „Heiratsbälle" haben, ist beim Brauchtum im Jahresring ausgiebig berichtet. Beim Gesellschaftsball saßen die Ballmütter beobachtend auf einer Seite des Tanzsaales und begutachteten nebst ihren Nachbarinnen, wen das Haustöchterchen bei der „Damenwahl" zum Tanz aufforderte. Ein beliebter Sondertanz bei diesen Bällen war der Korbtanz. Bei diesem wurde mitten auf dem Saale ein Stuhl aufgestellt. Ein Bursche mit einem Körbchen in der Hand nahm darauf Platz. Nun nahten sich unter den Klängen der Tanzkapelle die jungen Mädchen paarweise und ebenso abwechselnd die jungen Burschen auch paarweise auf ihn zu. Der Bursche wählt eins der beiden Mädchen und gab den Korb dem von ihm verschmähten anderen Mädchen. Er tanzt. Dem Mädchen auf dem Stuhle nahte sich das nächstfolgende Burschenpaar. Nun erteilte das Mädchen einem der beiden Burschen den Korb, so daß jeder mal ein glückstrahlendes Paar wegtanzte. Wie dieses Glücksspiel der Liebe sich am Ende des Ballabends oft endete,kann man sich denken. Die Neugier der „Klatschbasen" des Dorfes war befriedigt, wenn sie wußten: „Die jehn zesamm’n!"
Der „Vierspännerball" in Teuchern vereinte um 1920 die damaligen Großbauern der weiten Umgebung, welche mit mindestens vier Pferden wirtschafteten. Die pomphafte Veranstaltung galt einzig und allein dem Zwecke, die Töchter und Söhne zu einer standesgemäßen Heirat zusammenzutun, damit Geld zu Gelde kommen mußte. Da war die Jugend in den Dörfern drüben über der Saale nicht so engherzig. Seit alten Zeiten waren dort die „Mädchenbälle" neben den üblichen Tanzveranstaltungen in Brauch. Zu Beginn des Jahrhunderts waren z.B. in Reichardtswerben jährlich zwei solcher Veranstaltungen aufgezogen, eine im Winter, die andere zu „Kleinpfingsten" (=Sonntag nach Pfingsten). Während des ganzen Tanzvergnügens hatten nur die Mädchen allein das Recht, zum Tanz aufzufordern. Zum Mädchenball gingen alle jungen Mädchen des Dorfes, auch die ,mit denen sonst wenige jungen Männer tanzten, es waren die, welche Angst hatten, „alte Jungfern" wegen mancherlei körperlicher Mängel zu werden. Die Mädchen kauften Zigarren und verehrten sie ihren Tänzern. „Ich habe manchmal 50 Zigarren gehabt!" äußerte ein junger Mann. Die freigiebigen Tänzerinnen hofften, daß sie dann bei anderen Tanzveranstaltungen oft zum Tanze geholt wurden. Die jungen Burschen, in das Umgekehrte, in das passive Verhältnis gedrängt, sagten spöttisch vom Mädchenball: „‘s is Viehmoarcht heite!" Zu welchen Teil des Viehes sie sich in derben Ausdrücken rechneten, mag man sich denken. 1930 benutzten die modernen Mädchen auch das Zeitungsinserat mit Gedicht ganz unverblümt als Werbetrommel:
„Gasthof" „Zum Deutschen Kaiser" Reichardtswerben.
Zu unserem am Sonntag den 25. Mai stattfindenden großen Mädchenball laden ergebenst ein die Mädchen, der Wirt. Anfang 7 Uhr. Flotte Musik. In Reichardtswerben ist großer Mädchentanz. Da bleiben keine Schuhe ganz.
Drum kommt ,ihr Herrn von nah und fern, wir tanzen mit euch alle gern. Es wird getanzt bis Mitternacht. Und dann wird hübsch nach Haus gebracht. Und zum Schluß gibt’s noch einen recht süßen Kuß".
Am Nachmittag des Balltages zogen die jungen Mädchen zu Zweien geordnet, die Musik voran, vor die Häuser der jungen Ehefrauen, die sich im letzten Jahre erst verheiratet hatten. Bisher hatten sie noch dem Kreis der jungen Mädchen angehört. Sie mußten sich nun „lösen". Die Neugierigen, die dem Zug zusahen, sagten: „Die ham den Ball jeholt!" Die junge Frau hatte in einen Stoffball Geld eingenäht. Das Geld benutzten die Mädchen, um die Musik und sonstige Unkosten zu bezahlen. Die Dorfmusikanten, um 1900 Ortsbewohner, bekamen von den Mädchen ein langes rotes Taschentuch geschenkt, das sie, unter dem Rockkragen befestigt, über dem Rücken hängend trugen. Dieser Brauch des Einholens des Balles von den jungverheirateten Eheleuten ist an verschiedenen Orten Mitteldeutschlands heimisch. In ältesten Zeiten waren Ballspiele, wie Ballschlagen und Scheibenwerfen, stets mit Tanz verbunden. Ball und Scheibe sollten die Sonne vergegenständlichen. Diese Spiele waren mit Kulthandlungen verbunden. Bemerkenswert ist hierzu, daß die heutige Bezeichnung „Ball" mit jener alten Verbindung Ball- und Tanzspiele verbunden ist. Die Ballspiele der Schuljugend, die sie im Frühjahr treiben, entstammen demnach dem uralten Sonnenkult. Ob auch das Johannisbier der Kössulner jungen Eheleute in früheren Zeiten auch den Brauch des Ballabholens kannte?
Verlobung
Die bisherigen Erörterungen von der dauernden Verbindung zweier jungen Menschen gingen von der Annahme aus, daß sie sich bei der Gelegenheit von Tanzveranstaltungen zusammenfanden. Wohl waren dies die zumeist üblichen Möglichkeiten, sich kennenzulernen. Doch traf dies nicht in allen Fällen zu. Die Eltern der jungen Menschen hatten naturgemäß das größte Interesse daran, daß ihre Kinder nicht nur charakterlich gut zusammenpassen, daß sie aber eine gute materielle Grundlage für ein glückliches Zusammenleben aufweisen können. Der Volksmund sagt:
„Wer nischt erheirat’t un wär nischt ärbd,
bleiwet ä armes Ludar bis ä stärbt".
Unter den Verwandten und guten Bekannten suchten die Eltern einen Vermittler für eine „passende Partie". Manchem von diesen war das Ehestiften eine Art Sport, ihnen war es angenehm, sich „den Kuppelpelz" zu verdienen. Der Kuppelpelz war, wie der Name sagt, ehemals ein gutes Kleidungsstück als Preis für die „Verkuppelung", später irgend ein ansehnliches Geschenk. Mancher aber lehnte dieses „Geschäft" vorsichtshalber ab: „Wenn’s schief jeht un se loofen wedder ausenander, da soll ich denne schuld sei!" Er teilte dann den Standpunkt vieler anderer Leute: „Heiraten ist immer ein Lotteriespiel!" Dabei ist eben nicht immer, daß große Los gewonnen". Freilich wußten manche klugen Liebesleute, daß sie sich nach der Hochzeit „erst so richtig zusammenbeißen müssen", und weil „in jeder Ehe mal was vorkommt". Ein wichtiges Kapitel war seit jeher „die böse Schwiegermutter". Bei Tischgesellschaften warnte man sich, daß man an einer Tischecke zu sitzen kam und sagte scherzhaft: „Da bekommt man eine böse Schwiegermutter!" Schon die 20jährigen Soldaten sangen in einem ihrer Marschlieder von einem schlechten Liebchen:
„Eine Trikot-Trikot-Trikot-Taille hat sie an, Stiefel ohne Sohle und kein Absatz dran.
Und wer, und wer, und wer war schuld daran?
Ja, das war die böse Schwiegermamama,
Schwiegermamama, die war schuld daran!"
In der Regel aber fragte die Mutter des Freiers: „Was bringt se mät?" Der Himmelsstürmer aber meinte entsprechend dem Reim:
„Tausend Taler ist kein Geld, wenn mir nur mein Schatz gefällt".
Andererseits wurde geraten: „Verplempere dich nicht!" das heißt: Heirate nicht unter deinem Stand, nimm keinen ärmeren Ehepartner oder gar einen schlecht berufenen Menschen! Machte er Besuch im Brauthause, riet ihm mancher Bekannter im Hinblick auf seine künftige
Schwiegermutter, die er bei seiner Einheirat in deren Gehöft sozusagen mitheiraten mußte: „Mensch, sei helle, bleib Junggeselle!"
Andererseits warnte man das Mädchen, an ihre Zukunft zu denken und nicht bloß nach dem Gelde zu heiraten: „Mädchen, mach die Augen auf, Heirat ist kein Pferdekauf". Von der bösen Schwiegermutter hieß es: „Die ist ein altes Reibeisen!" und „Die hat den Teufel im Leibe!" Eine wohlwollende Beurteilung junger Eheleute: „Die bassen zesamm’n wie ä baar aale Ladschen!" Anders herum: „Die müssen sich erst noch zusammenbeißen!" (wie ein Paar Pferde) Oftmals trat in den Behausungen ,in denen sich heiratsfähige junge Menschen befanden, „der Besenmann", der hausierende Händler, ein und versuchte gewerbsmäßig Ehen zu erhandeln. Es gab angeblich auch in Teuchern bei der gewerbsmäßigen Stellenvermittlerin Gelegenheit, sie als Ehevermittlerin in Anspruch zu nehmen. Außerdem sollen manche ältlichen Mädchen aus Angst, als alte Jungfern sitzen zu bleiben, in Teuchern die Kartenlegerin aufgesucht haben. Wie fragwürdig die verschiedenen Arten der Eheanbahnung waren, geht aus einem Klagelied hervor, das in Obernessa bekannt war:
„Meine Mutter bäckt Plätzchen,
sie bäckt sie so hart,
sie schließt sie ins Schränkchen und gibt mir keins ab.
Die runde ,die bunte, die scheckige Kuh,
die gibt mir mein Vater, wenn ich heiraten tu.
Nun hab’ ich geheirat’t, was hab’ ich davon?
Die Stube voll Kinder und einen buckligen Mann".
Vor dem ersten Weltkrieg (1914) war es Sitte, daß die jungen Mädchen auf dem Gesellschaftsball, auch auf dem Ball des Landwirtschaftlichen Vereins und auf anderen Tanzvergnügen als Ballausrüstung einen Fächer trugen. Sie fächerten sich in den Tanzpausen kühlende Luft zu. Von den ihnen genehmen jungen Burschen ließen sie sich zum Andenken besondere Ballergüsse mit Bleistift auf die einzelnen Teile des Fächers schreiben. Eine Reihe dieser Sprüche, welche zum Teil von Dichtern entliehen, zum größeren Teil aber eigene Geistesblitze humorvollen Inhaltes sind, sei hier des Interesses halber wiedergegeben:
„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt, und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt". (Unterschrift)
„Selig sind die Stunden, wo zwei Herzen sich gefunden".
„Willst du dein Herz mir schenken, so fang’ es heimlich an!"
„Das Leben ist so kurz ,es auszukosten in seines Glückes vollem Überschwang. Das Leben ist so lang, auf schwerem Posten auszuharren bis zum Untergang!"
„Hab’ Sonne im Herzen!"
„An deutschem Wesen wird einst die Welt genesen!"
„Bleibe treu bis in den Tod!" „Mädchen, sei schlau, bleib’ Jungfrau!"
„Wenn du glaubst, ich liebt’ dich nicht und Treib’ mit dir nur Scherz, so brenne ein Laternchen an und guck’ mir in mein Herz".
„Lebe glücklich und sei froh wie der Mops im Paletot".
„In Ihr Herz muß ich rin, wenn ich noch so dicke bin".
„Sei immer heiter usw."(=und so weiter).
„Küsse gleich, wenn’s Licht ausgeht, wenn’s wieder brennt, dann ist’s zu spät".
„Durch meine Adern dringt ein heiß Verlangen an deinen Lippen liebessiech zu hangen". „Wandle stets auf Rosen auf immergrüner Au bis einer kommt in Hosen und holt dich heim als Frau".
„Bleibe fromm und halt’ dich rechts, denn links ist ein Straßengraben. Au revoir, Favorit de mon coeur!"(=Auf Wiedersehen, Favoritin meines Herzens!)
„Ein Häuschen von Zucker, von Zimmet eine Tür, der Riegel von Bratwurst, das wünsche ich dir".
„Was hilft eine sturmfreie Bude, wenn die Treppe knarrt!"
„Such dir einen rechten Mann, der dich tüchtig küssen kann und mit seiner Arme Kraft dir ein warmes Nestchen schafft!"
„Die Liebe des Mannes geht durch den Magen, wer nicht kochen kann, bekommt auch keinen Mann".
„Verrat nicht leise, verrate nicht laut, was dein Liebster beim Tanz dir anvertraut".
„Wie die Wäsche an der Leine ,wie das Schwänzchen an dem Schweine hängt mein Herz an dir".
„Die Liebe klebt wie Schusterpech, man bringt sie nicht vom Herzen weg".
„Bleib mir 3; 4+4!" (=Bleib’ mir treu für und für!).
So freiheitlich mit der Zahl der Tanzveranstaltungen wie die Weimarer Republik (1919- 1933) freilich war das kaiserliche Deutschland nicht. Im Jahre 1874 erließ das Landratsamt eine Verordnung über Tanzbelustigungen auf dem Lande. Danach war Ballmusik erlaubt im Januar und Februar an je einem Sonntage, im April am 2.und 3.Pfingsttage, im Juli und August nur an einem Sonntage, im August und September nur am Erntedankfeste, im Oktober und November an den beiden Kirmestagen und im Dezember am 2.und 3.Weihnachtstage. Im Juni und März fanden keine Bälle statt.
Zu seiner Verlobung hat der Bräutigam die Pflicht, die Verlobungsringe zu besorgen. Sie mußten aus Gold sein. Beim Verlöbnis werden sie am Ringfinger der linken Hand getragen. Unter „Verlobung" ist das meist in formloser Art abgegebene und angenommene Eheversprechen zu verstehen. Die beiden Verlobten bestätigen die Verlobung im engsten Verwandten- und Freundeskreise durch eine halbtägige Feier im Hause der Braut. Sie machen meist in der Zeitung ihre Verlobung bekannt und erhalten von Bekannten und Nachbarn Gratulationen in Form von Blumenstöcken und gedruckten Verlobungskarten. Bräutigam und Braut beschenken sich gegenseitig mit Dingen, die sie auch nach der Hochzeit gebrauchen können, meistens Bekleidungsstücke oder Schmuck. Das Beschenken geht teils auf germanische, teils auf römische Sitten zurück. Die bei diesem Anlaß üblichen Geschenke waren damals keine bloßen Liebesgaben, sondern Sinnbilder und Unterpfänder des abgeschlossenen Vertrages, zum Teil vertraten sie auch den in ältester Zeit für die Braut bezahlten Kaufpreis. Noch im Mittelalter, um 1500, wurden die Vermögensverhältnisse der künftigen Ehe schon vor der Verlobung geregelt und zwar unter Zuziehung möglichst vieler Verwandten. Die Verlobung geschah unter allerlei symbolischen Handlungen, wie der Überweisung eines Ringes durch den Bräutigam. Das war bereits das Ehegelöbnis, die Verlobung war rechtskräftig und ursprünglich der eigentliche Eheschluß. Zum Abschluß dieser Feier, durch welche zwei Verlobte „Wirtschaft gehalten" hatten, gehörte stets das eheliche Beilager und bekräftigte das Eherecht. Im ältesten Obernessaer Kirchenbuch von Jahre 1556 kehrt der Ausdruck öfters wieder, daß Verlobte „Wirtschaft gehalten" hatten. So gebraucht ihn Pfarrer Ermler im Trauregister nicht nur bei der Angabe seiner Nebeneinnahmen, er gehe „samt seinem Weibe zur Wirtschaft" als geladener Gast, sondern auch anläßlich der Eheschließung seines Sohnes und auch der des Schulmeisters.
Hochzeit
„Rosmarin und Suppenkraut wächst in unserm Garten,
unser Ännchen ist die Braut, soll nicht länger warten.
Roter Wein und weißer Wein, morgen soll die Hochzeit sein."
(Tanzspielreigen der kleinen Kinder)
Die Frühlingszeit war im Mittelalter die „Hochgezit", die hohe Zeit. Die Verlobung ,auf welcher sich das damalige Eherecht gründete, geschah in der schönen Maienzeit. Das Rosmarin grünte, der Brautkranz wurde von ihm gewunden. Braut und Bräutigam trugen ihn. Das Petersil stand als Suppenkraut in seiner höchsten Würzkraft für das Hochzeitsmahl.
Ludwig Richters wundervolles Gemälde „Brautzug im Frühling" zeigt auch den kranzgeschmückten Bräutigam. 1709 wurde in Reichardtswerben der Sohn eines Schulmeisters aus Röcken bei Lützen mit einer Witwe öffentlich getraut. „Der Bräutigam trug seinen Kranz an der Hand" berichtet der Pfarrer bei seiner Kirchenbucheintragung. Es war verständlich, da die Witwe keinen „Jungfernkranz" tragen konnte, trug er ihn als Junggeselle dem Brauche gemäß - aber um seine Braut nicht zu kränken ,trug er ihn wenigstens an der Hand zum Zeichen, daß er sich nicht „fleischlich vermischt" hatte. In jetziger Zeit trägt nur die Braut allein den Hochzeitskranz und zwar einen Myrtenkranz. Die Myrte ist kein einheimisches Gewächs, diese immergrüne Pflanze gedeiht in den wärmeren Mittelmeerländern. Der heutige Brautkranz besteht aus künstlicher Myrte. Er wurde in den vorigen Generationen oft unter Glas und Rahmen aufbewahrt. Jetzt trägt der Bräutigam statt des Kranzes einen Myrtenzweig am Rockaufschlag.
Die Hochzeiten sind heutzutage bei uns an keine Jahreszeit gebunden. Gern feiert man sie an den Festtagen wie zur Kirmes, denn „da gibt es doch einmal ein Kuchenbacken und Aufwaschen". Ein „Aber" ist auch bei der Wahl des Hochzeitstermines zu beachten. Man heiratet nur bei zunehmenden Monde. Im Zeichen des abnehmenden Mondes zu heiraten wird vermieden, weil sonst die Liebe abnimmt, auch der Besitz sich mindert. Im Zeichen des Krebses, dem Sternenbild, darf man sich auch nicht die Hand zum Bunde reichen, da sonst die Ehe rückwärts geht. Auch die richtigen Wochentage muß man bedachtsam wählen. Montags und freitags heiratet man nicht. Hatte bei dem Freitag die alte Kirche ihr Spiel? Bei den Germanen war der Freitag der geeignetste Tag zum Feiern, er trägt den Namen der Göttin Freia, der Schützerin der Ehe. Zudem ist der Karfreitag der höchste Trauertag der christlichen Kirche. Die Zeit der zwölf Nächte kommen zur Hochzeitsfeier niemals in Frage. Als Hochzeitstag wird jetzt allgemein schon aus praktischen Gründen der Sonnabend gewählt, man benutzt dann den Sonntag zum Ausschlafen. Wie entschuldigend sagt man dazu: Im ganzen Jahr gibt’s nur einen Sonnabend, an dem schlechtes Wetter herrscht. „Im übrigen feiert man, den schönsten Tag im Leben" nur einmal und jetzt nur einen Tag lang. Das war in der „guten alten Zeit" des Mittelalters doch ganz anders, da dauerten die Hochzeiten je nach dem Vermögen zwei, drei, vier Tage oder gar eine Woche lang. Im Jahre 1681 beschwerte sich der Pfarrer Glück in Reichardtswerben darüber, daß die Hochzeit bis vier Tagen lang gefeiert wurde. Zur Zeit des Bauernkrieges, i. J. 1530, starb in der Gemeinde Holleben im Amt Lauchstädt ein reicher Bauer, Besitzer von vier Hufen Land. Die Witwe hatte laut Testament zwei erwachsenen Söhnen aus erster Ehe des Bauern ein reiches Erbe abzutreten. Einem derselben mußte sie „die Wirtschaft ausrichten" (=die Hochzeit) und dazu zur Hochzeitskleidung 6 Altschock (=360 Silbergroschen, damals kostete z.B. ein schlachtreifes Schwein 40 Silbergroschen), ferner 4 Faß Bier, 1 Ochsen, 2 Schöpse, 1 Schwein, 8 Hühner, 5 Heimzen Weizen, 5 Heimzen Roggen geben und die Würze kaufen. Von der guten Aussteuer ist hierbei in diesem Bericht abgesehen. An diesem tagelangen Fest war eine zahlreiche Freundschaft zu verpflegen.
Altem Brauche gemäß mußten die Hochzeiter in der Kirche an den drei vorhergehenden Sonntagen aufgeboten werden. Von der Kanzel aus verkündet der Pfarrer: „Folgende Verlobte sind gewillt, in den heiligen Stand der Ehe zu treten und werden hiermit zum erstenmal (zweitenmal, drittenmal) aufgeboten: (Namensnennung)". Dazu wurden, seit 1874 von seiten des Standesamts, die Aufgebote der Brautleute unseres Orts im vergitterten Kasten am Spritzenhause drei Wochen lang ausgehängt. Die Vorübergehenden studierten eifrig, wer „im Kasten hing", obgleich die „Neuigkeit", daß die beiden Verlobten „zusammengehen", genügsam bekannt war. Am Vorabend der Hochzeit findet der Polterabend im Haus der Braut statt. Schon am Nachmittag kommen die Kinder des Dorfes, Jungen und Mädchen, und werfen unter lautem Jubel alte Töpfe und Schüsseln krachend vor das Tor des Hochzeitshauses. Sie „poltern" und rufen dabei laut:
„Kuchen ‘raus, Kuchen ‘raus, sonst kommt der Klapperstorch nicht ins Haus!"
oder „Kuchen ‘raus, sonst reißt die Braut aus!"
Die Kinder erhalten dann ein Stück von den für sie besonders gebackenen Kuchen von nicht so erstklassiger Güte wie der eigentliche Hochzeitskuchen, den „Mittelmuff". Im Abenddunkel verursacht dann die erwachsene Jugend denselben Lärm -oft mit alten Blechgefäßen. Durch das Poltern sollten dem alten Glauben entsprechend die bösen Hausgeister geschreckt und verscheucht werden. „Je mehr Scherben, desto mehr Glück!" heißt es. Zum Polterabend werden häufig die ledigen Burschen und Mädchen- die Freunde des Brautpaares zur Vorfeier als einer Abschiedsfeier vom Jugendleben eingeladen. Am frühen Hochzeitsmorgen aber hat der Bräutigam die glückbringenden Scherben zusammenzufegen und fortzuräumen. Die jungen Burschen in den Dörfern des nahen Rippachgrundes und nach Schkölen und Droyßig zu schmücken das Hochzeitshaus mit schlanken Fichtenbäumen. Am Hochzeitstag wird das Wetter sehr beachtet. Freudig wird der Sonnenschein begrüßt, da wird die Ehe glücklich. Wenn es in den Brautkranz regnet oder schneit, bedeutet das künftigen Wohlstand im gemeinsamen Leben. „Regen bringt Segen!" Ist das Wetter stürmisch, so verläuft die Ehe auch stürmisch.
In früheren Zeiten war es in Mitteldeutschland Brauch, daß die Gäste von einem „Hochzeitsbitter" geladen wurden. Dieser war festlich angekleidet, zwei buntfarbige Tücher flatterten ihm auf dem Rücken, und in der Hand trug er einen Stab, der mit einem Strauß von künstlichen Blumen geschmückt war. So brachte er bei den Einzuladenden seinen Spruch an.
Um 1800 war das noch in unserm Nachbardorf Krössuln Brauch. Das wird durch eine Notiz ganz besonderen Inhalts in der Familienbibel Heinrich Rosenhahns vom Jahre 1825 beglaubigt:
„Eine merkwertige Geschücht, welche sich in den Dorfe Krößlin im Jahre 1825 zugetragen hat den 17ten Feber. Das war eine Braut mit Namen Friederike Rudolphen, welche schon 3 Mal aufgeboten ist und der Hochzeitbitter war schon ausgeschückt, die Hochzeit Gäste einzuladen, auf einmal war ein Gemormel, die Braut wär krank. Da war der zweite Bote ausgeschücket und mußte den Hochzeit Gästen aufsagen, daß die Braut todkrank wäre, in einigen Tagen war der dritte Bote ausgeschücket und mußte die Hochzeit Gäste zum Trauergästen einladen. Da war der Text genommen aus dem Buch Makkabäer 9.Kap. der 41.Vers, welcher heißt: „Da war aus der Hochzeit ein Herzleid und aus dem Pfeifen Heulen". Ihr Alter hat sie gebracht auf 18 Jahr 5 Monat 3 Woch. und 4 Tag. Dergleichen noch nicht gewesen ist. Karl Friedrich Rosenhahn, Junior". Wahrscheinlich war Rosenhahn Junior auch mit zur Hochzeit geladen gewesen. Sein Bericht geht wohl aus seiner Erschütterung über dieses ganz besonders unglückliche Geschehen hervor.
Der kirchlichen Trauung geht seit 1874 die gesetzliche bürgerliche Trauung auf dem Standesamt voraus. Hierbei wird von der Hochzeitsgesellschaft streng darauf geachtet, daß beim Rückweg von dort nicht derselbe Weg benutzt wird. In der Ortssage ging der Rückweg den Wiesenweg entlang: „die Brautkutsche versank in der Quelle, in welcher der Wassernix hauste".
Der Hochzeitszug geht wohlgeordnet durch das Dorf, voran zwei oder drei kleine Kinder mit Körben in der Hand. Sie streuen Blumen auf den Weg. Ihnen folgt das Brautpaar, die Braut möglichst in weißseidenem Kleid, auf dem Kopf den Myrtenkranz und daran befestigt den langen weißen Brautschleier, der Bräutigam im schwarzen Gehrock und mit dem altmodischen Zylinderhut. Hinter dem Brautpaar schreiten die Brautjungfern mit Blumenbuketts in der Hand, Arm in Arm mit je einem jungen Burschen- die ersten Paare sind meist die unverheirateten Geschwister. Dann kommen immer paarweise die übrigen Hochzeitsgäste aus der Verwandtschaft und Freundschaft, anschließend die Eltern des Bräutigams und zuletzt die Eltern der Braut. Die Reihenfolge des Zuges ist also symbolisch sie bezeichnet die glückliche Kindheit und Jugendzeit, das Leben auf dem Höhepunkt, das abklingende Alter.
In der Kirche angekommen, stellen sich die Brautjungfern auf der linken Seite, ihre Begleiter auf der rechten Seite des Altarraumes auf. Dieser Brauch wird so erklärt, daß sie sich bis zum letzten Augenblick hinter das Brautpaar schützend vor den bösen Geistern stellen, obwohl wir von dem ursprünglichen Geisterglauben kaum noch etwas wissen.
Auf dem Weg zur Trauung darf sich die Braut nicht umsehen, denn „dann sieht sie sich nach einem andern Mann um" und bewahrt ihrem Ehemann nicht die Treue. Umgekehrt sagt man das auch vom Bräutigam. Während der Trauung darf die Braut den Arm des Bräutigams nicht loslassen, „sonst geht die Ehe auseinander". Unbeteiligte Frauen und Mädchen des Dorfes stehen auf der Männer- Empore der Kirche als eifrige Beobachter der kirchlichen Trauungszeremonie und noch mehr des Verhaltens des Brautpaares. Selbst aller Liebe zum Trotz will sich schon am Hochzeitstage jeder Teil des Paares die Macht und die Oberherrschaft in der künftigen Ehe sichern. Der Braut wird schon vorher geraten, bei der Trauung dem Bräutigam auf den Fuß zu treten und den Zipfel ihres Kleides unmerklich über das Bein des Bräutigams zu schlagen, dann wird sie „Herr im Hause", der Mann aber kommt „unter den Pantoffel". Ob die germanischen Frauen bei ihrer Verehelichung auch schon diese List gebrauchte? Wenn diese über die Schwelle ihres künftigen Heims trat, folgte sie der „Muntschaft" des Mannes. Dieser empfing sie jenseits des Einganges, steckte ihr die Hand entgegen und reicht ihr einen seiner Schuhe. In diesem überschritt sie nun die Schwelle, und er trat sie auf den Fuß. Im Hause, das ihr der Gatte bot, stand sie nicht „auf eigenem Fuße" und lebte nicht mehr „auf eigene Hand", sondern sie war unter die Hand und den Fuß des Mannes gekommen. Der Sinn des Brauches ist klar, die Muntschaft hatte „Hand und Fuß" (jetzt noch gebrauchte Redensart!), sie umfaßte Besitz und Verfügungsrecht. Die Frau trug nun ihr Haar nicht mehr lose, sondern in Zöpfe geflochten und um die Stirn gewunden, bedeckt von einer Haube. Sie war „unter die Haube gekommen". Der Ringwechsel vor dem Altar berichtet von der ursprünglichen Sitte des Brautkaufes, der nach dem Seßhaftwerden der alten Nomaden- und Hirtenvölker den Brautraub ablöste. Bei den Germanen war statt des Brautraubes längst der Brautkauf üblich. Auf dem Heimweg vom Standesamt und aus der Kirche wird der Hochzeitszug von vielen Kindern begleitet und umschwärmt. Sie lesen begierig das Kleingeld auf, das der Bräutigam unter sie wirft. Freigebigkeit bringt Segen! Ab und zu spannen die Kinder quer über den Weg eine Leine, sie „halten auf". Der Bräutigam muß sich durch Geldabgaben lösen. Dieser Brauch stammt aus der Zeit des Brautraubs. Der Bräutigam wurde von der Sippe der Braut verfolgt und mußte sich durch eine geforderte Abgabe freikaufen. Der Zug aus der Kirche benutzt auch einen andern Rückweg als den Hinweg. Wurde dieser Weg mit einer Kutsche zurückgelegt, dann ging es im Galopp und unter Peitschengeknall heimwärts. Diese Sitte entsprang dem Dämonenglauben. Man wollte den bösen Geistern entgehen, die gerade an dieser wichtigen Lebenswende des Menschen ihn in erhöhtem Maße unheilbringend umlauern.
Heimgekommen hebt ein allgemeines Glückwünschen an. Die zum Hochzeitsfeste gemietete Köchin mit ihren Helferinnen aus der Nachbarschaft hat bereits während der kirchlichen Trauung die Kaffeetafel fertiggemacht, an der nun alle Teilnehmer Platz nehmen: in der Mitte der festlich mit Blumen geschmückten Tafel das Brautpaar, rechts und links von ihnen die beiderseitigen Eltern. Torten aller Art, Berge von „trocknem" und „nassem" Kuchen und kleines Gebäck, wie Blätterstückchen und Aufläufer („Uffleefer", auf der Herdplatte gebacken) stehen zum Zulangen bereit. Dauernd laufen Kartengrüße, Telegramme, Blumenstöcke und wertvolle Geschenke als Gratulationen Außenstehender ein. Am Spätnachmittag unternimmt dann die ganze Hochzeitsgesellschaft einen Spaziergang durch das Dorf, um den Gastgebern das Abräumen der Kaffeetafel und das Bereitstellen der Gedecke, Teller, Schüsseln usw. für das eigentliche Hochzeitsmahl zu ermöglichen. Ist die Behausung größer, wie in einem Bauernhof, dann zerstreuen sich die Gäste. Die Männer besichtigen die Viehställe, die Frauen bewundern die im Wohnzimmer aufgestellten Hochzeitsgeschenke. Als solche werden meist Porzellangeschirr und Haushaltgegenstände dargebracht.
Zum Hochzeitsmahl muß neben Suppe und mehreren Sorten Braten auch Hochzeitswein aufgetischt werden. Während des Mahles wird unter Gläseranstoßen dem Brautpaar, dann den Eltern und den Gästen jedesmal nach Glückwunschworten ein dreifaches Hoch ausgebracht. Bei größeren Hochzeiten wurden der redegewandte Pfarrer und der Kantor zu diesem Zweck mit eingeladen. Kinder der Verwandten bringen unter lustigen Reimen und Gedichtaufsagen kleine Geschenke dar.
Am Abend gehen die erneute Kaffeetafel weiter. Für die durstigen Kehlen ist genügend durch Ananas- oder Erdbeerbowlen- letztere manchmal sogar mit Sekt zubereitet- reichlich Weißwein und Bier gesorgt. Die weiblichen Gäste erfreuen sich an Eisbomben mit Vanillesoßen. Besonders poetisch veranlagte Gäste haben eine Hochzeitszeitung mit Liedern, witzigen Erlebnissen des Brautpaares und aller Hochzeitsteilnehmer, letztere möglichst ohne Nennung des Namens, verfaßt. Eine kleine Hauskapelle ist irgendwie zusammengekommen, oder einige Musikanten sind bestellt worden. Musik und Gesänge heben die Stimmung. Das junge Volk tanzt- und wenn es oftmals auch nur im Hausflur und den angrenzenden Räumen möglich ist. Die älteren Eheleute werden launig, wenn sie davon sprechen, wer nun „die Hosen anhat", der Bräutigam möge aufpassen, daß er nicht „unter den Pantoffel" kommt. Sie zitieren lachend den bekannten Spruch:
„Ich bin der Herr im Hause, das wäre gelacht,
was meine Frau sagt, das wird gemacht".
Wenn sie gar sehr anzüglich werden, heißt es: „Heire sin de Gardoffeln mehlig!" (=Heuer, in diesem Jahre, gibt es viele Schwangere!) oder: „ ‘s jibbd bis Jahr väl Nisse!" (=viel Nüsse, da gibt’s auch viele kleine Kinder).
In unseren Dörfern wurden bei manchen Hochzeiten noch um 1920 gegen Mitternacht der „Brautschleier abgetanzt". Hierbei bilden zunächst die Brautjungfern einen Kreis. Die Braut steht mit verbundenen Augen mitten drin. Alle Anwesenden singen wiederholt, während die Mädchen im Hüpfschritt die Braut umtanzen: „Wir winden dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide, Schöner, grüner, schön wächst der Wein am Rhein, juchhe".
Wenn der Kreis anhält, geht die Braut auf ein Mädchen zu. Daß sie das richtige greift, ist ein abgekartetes Spiel. Das betreffende Mädchen erhält nun den Brautkranz auf ihr Haar aufgesetzt. Der Braut wird auch der Schleier gelöst, und sie bekommt ein Häubchen aufgesetzt, sie ist nun richtig „unter die Haube gekommen" und junge Ehefrau geworden. Dasselbe Spiel wird nun mit den Junggesellen wiederholt. In derem Kreis steht auch mit verbundenen Augen der Bräutigam. Auch er ist „geeicht", daß er den Liebhaber der erwählten neuen Braut aus dem Kreis heraus greift. Dieser bekommt eine Zipfelmütze über den Kopf gezogen. Zum Schluß tanzt das neue Paar, das im nächsten Jahr in den Ehebund treten wird. Nach diesem Zeremoniell ist es Sitte, daß das junge Ehepaar unbemerkt verschwindet. Im gemeinsamen Schlafgemach angekommen, muß die Braut darauf achten, daß sie ihr Brautkleid nicht an eine Stelle legt, an welche der Mond hinscheint, sonst gibt es viele Tränen. Sie soll auch darauf achten, was sie in der Hochzeitsnacht träumt. „Es trifft ein", was sie geträumt hat. Auch hat man ihr heimlich geraten, sie soll ihr Kleid auf ein Kleidungsstück des jungen Mannes legen oder hängen, dann hat sie in der Ehe die Macht über ihn gewonnen.
Die Hochzeitsfeier dauert meistens bis in die frühen Morgenstunden. Die Gäste erhalten beim Abschied ein tüchtiges Kuchenpaket zum Mitnehmen. Der Köchin zahlen diese ein ansehnliches Bedienungsgeld. Auch diese erhält neben dem Lohn eine Anzahl Kuchenstücke eingepackt. Einer aus einem Nachbardorfe gemieteten Köchin sagte man nach, daß sie unter ihrem Kleid eine besondere Tasche angebracht hatte, in welcher sie von dem Überfluß in der Küche noch besonders für sich und ihre Angehörigen sorgte.
Über die „Mitgift" (Gift=Gabe) ist bei Hochzeiten in wohlhabenden Familien meist schon längst vor der Hochzeit Vereinbarung getroffen worden. In ältesten Zeiten (noch um 1500) waren die Töchter nur an der „fahrenden Habe", dem beweglichen Eigentum des Elternhauses, erbberechtigt. So erhielten sie meist Vieh und Bargeld als Mitgift. Das Mitgebrachte der Frau blieb dieser rechtlich vorbehalten. Oft mußte ihr der Ehemann dafür zur Sicherheit einen Teil seines Gutes als „Leibgedinge" aussetzen. So wurde ihr aus der „liegenden Habe"(=Haus, Hof, Feld)ein Teil vor allem dann zum Nießbrauch zugewiesen, wenn sie ihren Ehegatten überlebte. Waren im Nessatale mehrere Söhne in einem Bauerngute vorhanden, trat oft der jüngste Sohn als Gutserbe ein, zumal wenn die Eltern noch verhältnismäßig jünger und arbeitsfähig genug waren. Die älteren Brüder mußten beim Antritt des Erbes meist „ausgezahlt" werden. Oft wählten solche in unseren Bauernfamilien das Los, unverheiratet zu bleiben und im Interesse des Zusammenhaltes des Gutes weiterhin Mitarbeiter darin zu sein. In den einfachen Arbeiterfamilien haben beide Teile des Brautpaares für Wäscheausstattung und Erwerb von Möbelstücken gespart und gesorgt.
Zog die junge Frau in die Wohnung des Mannes ein, mußte sie früher Brot und Salz, Gesangbuch und Bibel mitbringen und bei ihrer Ankunft ins Feuerloch des Ofens gucken. Nach der Hochzeit muß sie vier Wochen bei ihrem Mann bleiben. Erst dann darf sie ihr Elternhaus besuchen und ihre alte Heimat betreten. Doppelhochzeiten werden vermieden, weil dann eine der beiden Ehen unglücklich sein wird. Aus dem gleichen Grunde vermeidet man zwei Hochzeiten in einer Familie während desselben Jahres. Nach 25-jähriger Ehezeit feiert man meist in einfacherer Weise- oft nur im engsten Verwandtenkreise- die Silberhochzeit als Ehejubiläum. Die „Goldene Hochzeit" nach 50 Jahren gemeinsamer Ehe erfuhr dann meistens noch eine kirchliche Einsegnung, dazu oftmals eine öffentliche Ehrung, wenn die „Alten" sich irgendwie im Gemeinschaftsleben in Amt, Staat oder Kirche verdient gemacht hatten.
Der Volksglaube kennt die Todesankündigung in verschiedenster Form. Harmlose Tiere sollen einen Todesfall ankündigen: Das kleine Käuzchen auf dem Scheunendache ruft: „Komm mit, komm mit, bring’ Spaten und Schaufel mit!"
Das Heimchen in der Lehmwand des Hauses zirpt als Todesbote. Andere Tiere verkünden den Tod: wenn der Hahn dreimal kräht (Petrus Verleugnung), wenn die Gänse in der Nacht schreien. All das hängt aber mit dem Seelenkult der Vorzeit zusammen. Die Vorfahren glauben, daß die scheidende Seele den menschlichen Körper in Gestalt eines Tieres verlasse, eines Vogels (Kauz, Rabe), einer diesen Tieren weiterlebe.
Wer im Frühjahr den ersten weißen Schmetterling sieht, bekommt im selben Jahre Trauer. Wenn auf dem Rübenfeld eine Rübe mit weißen Blättern zu sehen ist, so wird damit der kommende Sterbefall in der Familie des Besitzers angezeigt. Auch die Pflanzen leben; folglich hat auch jede Pflanze eine Seele, eine Seele, die ehemals im Menschen war. Die Seele eines Abgeschiedenen zeigt damit den Tod eines Familienmitgliedes an.
Eine Fledermaus, die nachts am Fenster lautlos vorüberflattert, erweckt auch Todesahnung. Als sonstige Anzeichen des nahenden Todes sieht man an: wenn die Uhr stehen bleibt, wenn man neue Schuhe auf den Tisch stellt, wenn man im Traume Feuer sieht.
Die Zahl 13 ist die Unglückszahl. Wenn du in einer Gesellschaft zu dreizehn das älteste oder das jüngste Mitglied bist, muß du innerhalb eines Jahres in das Gras beißen. Bist du zum Gottesdienst in der Kirche und bemerkst, daß „die Glocke ins Vaterunser schlägt", so ist einer der Kirchgänger dem Tode in nächster Zeit verfallen. Überhaupt stirbt auch jemand, wenn beim Läuten die Glocken recht hell Klingen, auch wenn beim Läuten „ein Schlag durchgeht" (=nicht richtig anschlägt).
Wenn ein Kranker am Sonntag „zum Liegen kommt, kommt er nicht wieder auf", er muß sterben. Lasse in den zwölf Nächten nichts zerbrechen. Da bringen Scherben kein Glück, sondern gar den Tod in der Familie. Ein schlimmes Vorzeichen dieser Art ist es auch, wenn die Weihnachtsstollen reißen. Wenn in den zwölf Nächten ein mit Mist vollbeladener Wagen über Nacht im Hof stehen bleibt, kommt auch der Tod ins Haus.
Einer Meerzwiebel darfst du die Blüte nicht abschneiden, da schneidest du einem Familienmitglied die Seele durch, es muß sterben. Das ahnungsvolle und furchtsame Gemüt der Menschen legt auch toten Gegenstände die Bedeutung bei, daß sich die Seele Gestorbener dieser Dinge bedienen, den Tod anzuzeigen.
Wenn in der Wohnung irgend ein Gegenstand, sei es ein Bild an der Wand, oder irgendwelche erkennbare Ursache herabfällt- oder auch die Fensterläden klappern- oder im Obergeschoß der Wohnung eine Tür von selbst zugeht- oder wenn die Ofentür dreimal von selbst klappert- sagt man: „Es ahnt sich!" In Reichardtswerben sagten dann die Leute: Das zeechent da!" (=es zeigt sich, es wird ein Zeichen gegeben!) Dann zieht die Todesahnung in die Herzen.
Ein schlimmes Zeichen ist es auch, wenn ein Toter der Familie über den Sonntag vor seinem Begräbnis liegt: „Er holt einen nach!" Der Vorschrift nach darf das Begräbnis erst drei Tage nach dem erfolgten Tode stattfinden.
3. Das Alter und der Tod
Mit Stolz sieht der Bauer auf seine Söhne, wenn sie etwas Tüchtiges gelernt haben, wenn sie je nach dem väterlichen Geldbeutel entweder tüchtige Handwerker oder Lehrer, Drogist usw. geworden sind oder gar die Universität besucht haben und als Tierarzt, Arzt oder Ingenieur studierte Leute sind, wenn sich die Töchter „gut verheiratet" haben. Auch der Eisenbahner, der Schachtarbeiter und der Gutsarbeiter sind bestrebt, ihre Kinder über den Beruf des Vaters hinauswachsen zu lassen. „Die Welt wird alt und wird wieder jung, doch der Mensch hofft immer auf Verbesserung". Die Alten halten Rückblick auf ihr Leben, das ihnen so wechselhafte Schicksale gebracht hat:
„Geht hinab, hinauf unser Lebenslauf, unter Freuden und Beschwerden das ist unser Los auf Erden!"
Zwei Weltkriege hat unsere Generation so kurz hintereinander durchstehen müssen. Manche Familien haben dem Moloch Krieg sämtliche Söhne opfern müssen. Einer meiner Schwager hat beide Söhne in Hitlers Feldzug in Rußland verloren, er hat keine Leibeserben für sein größeres Bauerngut bei Pegau mehr. Nur ein Einzelschicksal! Von den Ängsten, Nöten und Entbehrungen unserer Vorfahren in den Kriegszeiten, zumal des 30jährigen Krieges, kann man sich einen Begriff machen, wenn man an die selbsterlebten Bombennächte der 1940er Jahre und die übrigen Beschwernisse während der beiden Weltkriege und danach denkt.
Im trauten Freundeskreise scherzen noch die Alten über die Verehelichung eines alten Junggesellen, eines „Hagestolzes", mit den Worten: „Die Alten sind gut zu behalten!" Wenn sie aber an das Schicksal manches zum Witwer gewordenen Hausvaters denken, der alt und schwach geworden seinen Kindern zur Last fällt, so bewahrheitet sich dieser Ausspruch nur zu oft auf keine Weise. Dann heißt es: „Ein Vater kann zehn Kinder ernähren, aber nicht umgekehrt zehn Kinder einen Vater!"
Der Bauer als Hofbesitzer sieht sich aufgrund solcher Lebenserfahrungen auch vor, wenn er seinen Hof an den Sohn oder Schwiegersohn übergibt, er sichert sich einen angemessenen Auszug. Diesen verbringt das alte Ehepaar in der Oberstube oder in der Stallwohnung oder in einem Nebengebäude. Altbauer und Altbäuerin helfen weiterhin nach besten Kräften der Familie des Sohnes im Stall, im Garten, auf dem Feld, in der Hauswirtschaft. Ihnen galt zeit ihres Lebens das Dichterwort: „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!"- und: zu vermehren.
Dieses Verantwortungsbewußtsein an seinem Hof, seinem Grund und Boden zufolge hat er einen neuen Stall oder eine neue Scheune gebaut, hat durch Kauf seinen Feldbesitz oder wertvolles Vieh neu angeschafft. Seinen Nachkommen will er den Hof übergeben, wie er ihn von seinen Vorfahren erhalten hat. das drückt sich in dem Hausspruch des Gehöftes von „Seeser- Todtens" in Dorfmitte aus: „Dies Haus ist mein und doch nicht mein, der vor mir war, auch es war sein, er ging hinaus und ich hinein, nach meinem Tod wird’s auch so sein".
Mit der Festsetzung seines Auszugsrechtes läßt der Bauer zumeist durch einen Notar oder einen andern Rechtsbeistand sein Testament schriftlich niederlegen. Beispiele von Gutsübergaben in Familie Gorbauch v. J. 1844 und Familie Schumann v. J. 1857 sind im geschichtlichen Teile angeführt. Stets führen die Urkunden „unentgeltliche Wartung, Pflege, Arzt und Arzneien bei Krankheit, nach dem Tode standesgemäße Beerdigung" als Bedingung mit an.
Wenn der Altbauer im hohen Alter sein nahes Ende ahnt, rafft er sich auf, seine nahegelegenen Felder und sein Vieh in den Ställen noch einmal zu beschauen und zu begutachten, um unbesorgt Abschied vom Leben nehmen zu können. Hat er z. B. geschwollene Füße, die Vorboten seines Todes, dann sagt der Volksmund: „Er hat die Reisestiefel schon angezogen!" Geburt, Taufe, Hochzeit und Sterben sind in unserer kleinen Dorfgemeinschaft mit „500 Seelen" gewohnte, zusammenhängende Begriffe. Es ist dann kein Hohn, eher ein mitleidiges Wort, wenn eine alte Frau einen schnellen „schönen Tod" erlitten hat und man sagt: „Jette hat sich hingene’ nausjemacht und hat de Latschen schdehn jelassen".
Der Mensch unserer Zeit rühmt sich stolz seiner geistigen Freiheit. Und doch hat auch ihm der Tod nichts von seinem erschütternden Ernst verloren. Schmerz, Furcht und Trauer erfüllen uns beim Gedenken an den Tod, an die Toten. Diese Empfindungen sind so tief in uns verwurzelt, daß auch die Kirche sie nicht ganz zu beschwichtigen vermochte. So gehen bei Tod und Begräbnis auch viele altüberlieferter weltlicher Glaube und Brauch neben dem kirchlichen her und vermischt sich nicht selten mit ihm.
Hast du einen Kranz für den Verstorbenen besorgt, behalte ihn ja nicht über Nacht im Hause. Dann holt dich der Tote auch nach. Findest du einen Nagel, nimm ihn nicht mit nachhause, er ist dann ein Nagel zu deinem Sarge.
Wackelt aber ein Bild an der Wand, ahnt es sich, dann ist jemand als Scheintoter begraben worden. Nach dem Tode zeigt sich im Volksbrauch ganz deutlich die Ehrfurcht vor dem Toten. So müssen im Hause alle Schläfer geweckt werden, denn der Übergang vom Schlaf zu Tode ist sehr nahe.
Im Hause wird nach dem Eintritt des Todes die Wanduhr angehalten. Der Wandspiegel wird entweder verhüllt oder umgedreht. Man öffnet das Fenster des Sterbezimmers, um der Seele den Weg ins Jenseits frei zu machen. „Mit Seelenkultus bezeichnet man alles das, was den Verkehr der Lebenden mit den Seelen der Verstorbenen ausmacht. Die Seelenabwehr, hervorgegangen aus Furcht und Scheu, will die Wiederkehr der Toten verhindern. Man verschließt dem Toten Augen und Mund, um der Seele den Weg der Rückkehr in den Leib zu wehren".(Bär, Handbuch der deutschen Geschichte, Gotha 1905, S.160) Das geschieht auch bei uns, daß man dem Toten die Augen zudrückt und bei geöffnetem Mund der Leiche den Unterkiefer mit einem Tuch hochbindet. Beim Heraustragen der Leiche aus dem Haus achtet man darauf, daß die Füße vornweg kommen, damit sie den Rückweg nicht finden und der Tote nicht auch noch ein anderes Familienmitglied „nach sich zieht". Auch wenn seine Glieder nicht steif sind, wenn ein Zahn aus seinem Munde fällt während des Vorläutens, wenn die Augen immer wieder aufgehen, dann geschieht es auch, daß er „eins nachholt". In einem einzelnen Fall wurde mir um 1930 ein mittelalterlicher Brauch in einem Bauernhofe bekannt: die Todansage im Viehstalle. Am Todestage des Verstorbenen ging der Sohn und Gutserbe in die Ställe des Großviehes und sagte den Tieren den Tod des Bauern an. Diese alte Sitte zeigt die innige Verbundenheit von Mensch und Vieh an.
Die Leichenfrau wäscht den Toten und kleidet ihn an. Er erhält die Kleidungsstücke, die er am liebsten angezogen hat. Danach erhält die Leichenfrau außer dem Lohn oft die Bettwäsche, in welcher der Tote gelegen hat. Der Tote wurde gewöhnlich in der Scheunentenne oder im Waschhaus aufgebahrt. Der Tischler, der den Sarg lieferte, half dabei. Er bestellte auch die Nachbarn als Träger des Sarges. Der Pfarrer wurde von den Hinterbliebenen benachrichtigt, um mit den Termin der Beerdigung festzulegen. Dem Kantor wurde anschließend Bescheid gesagt, damit er die Schulkinder als Sänger einteilen konnte. Der Gemeindediener wurde zum Läuten bestellt. Der Tote wurde am Vormittag „ausgelauten".
Dem Toten wurde auf seinen Weg ins Totenreich Geld mitgegeben, früher meist ein Taler. Doch oftmals erhielt er noch übriggebliebene Arznei samt Flasche und Löffel mit in den Sarg gelegt, dazu die liebsten Gegenstände, z.B. dem Raucher die Tabakspfeife. Schmucksachen aber legte man nicht bei, man sagte, die Leiche könnte beraubt werden. Um 1930 hat ein Verstorbener in Reichardtswerben auf seinen Wunsch sogar seinen Hund ins Grab erhalten. Im „grauen Altertum" gab man den Toten auch Pferd und Hunde, auch da und dort Sklaven und Frauen mit ins Grab. Ausgrabungen vorzeitlicher Gräber zeigten z.B. das Pferd als Beigabe. In der nordischen Sage folgt Brunhild mit Knechten und Mägden dem Sigurd ins Grab.- Wenn ein Kind gestorben ist, gibt man ihm drei Pfennige in die Hand ins Grab mit. Sie stellen die Wegzehrung früherer Zeiten dar.
Nachbarn, Freunde und Bekannte schicken bis zum Begräbnistag Kränze ins Haus. Noch nach 1920 erfolgte das Begräbnis vom Haus aus. Pfarrer und Kantor samt dem Schülerchor mit Gesangbüchern begaben sich zum Trauerhause. Im Hof sangen der Kanton und die Schüler zunächst drei Strophen des Sterbeliedes „Jesus, mein Zuversicht und mein Heiland, ist im Leben". Während des ging der Pfarrer in die Wohnstube oder in den Hausflur und sprach zu den dort versammelten Leidtragenden Trostesworte. Im Hof erhielten der Pfarrer und der Kantor ihre Gebühr für ihre Amtshandlung in Papier eingewickelt. Der Kreuzträger, ein Konfirmand, erhielt um 1910 gewöhnlich ein 50 Pfennigstück, die Sänger entweder einen Groschen oder 20 Pfennige. Außerdem reichte man dem Pfarrer und dem Kantor je eine Zitrone und einen Rosmarinzweig. Ebenso erhielten die Träger des Sarges ein solches Zweiglein, daß sie ins Knopfloch des Rockes steckten. Dieser Brauch , aus mittelalterlicher Zeit stammend, diente vielleicht dazu, daß man durch den Geruch der Pflanze und der Zitrone den Leichengeruch übertäuben wollte. Es ist auch möglich, daß man sich ansteckende Krankheiten- zumal in den Pestzeiten - fernhalten wolle. Nach dem Lied verlas der Pfarrer liturgiemäßig Bibelstellen und Gebet und forderte zum Antritt auf: „Wohlauf, wohlan zum letzten Gang, der Weg ist kurz, die Ruh’ ist lang!" Unter Gesange der Kinder setzte sich der Zug in Bewegung, an der Spitze der Kreuzträger, ihm folgend der Schülerchor, hinter ihnen der Pfarrer und der Kantor. Hierauf kam der Tote, der Sarg war in den letzten Jahrzehnten meist auf einen Preschwagen oder einen kleinen Ackerwagen gestellt und mit Kränzen geschmückt, ein Pferd war vorgespannt. Hinter dem Wagen folgten die Leidtragenden, zuletzt Frauen, welche in Waschkörben die gespendeten Kränze nachtrugen. Ein besonderer Leichenwagen wie in der Stadt war in unserer Gemeinde nicht vorhanden. Im Mittelalter gingen auch sämtliche Nachbarn im Zuge als Leidtragende, sie sangen auch die Begräbnislieder mit.
War der Leichenzug aus dem Hof hinausgezogen, so wurde von den im Hause Gebliebenen das Hoftor schnell geschlossen. Man hütete sich aber, dem Zuge nachzusehen. Auch die Leidtragenden vermieden es, sich nach dem Sterbehause umzudrehen, damit man von dem Toten nicht nachgeholt werden sollte. Die Fenster des Sterbezimmers mußten geschlossen und verhängt werden, damit der Tote den Einlaß in die Wohnung nicht wieder finden könne und um zu verhüten, daß er im Hause „umgehe".
Wenn es in das offene Grab regnet, ist der Tote nicht gern, ist er „schwer gestorben". Am Grabe sangen zunächst die Kinder einige Strophen des Liedes „Nun laßt uns den Leib begraben". Der Pfarrer hielt die Leichenerde, in welcher oft der Lebenslauf des Verstorbenen dargeboten wurde. Es folgten Abschiedsworte des Pfarrers mit dem Wunsche, daß dem Toten die Erde leicht sein möge, wobei er drei Hände voll Erde ins Grab warf. Das Vaterunser, der Segen und der Schlußchoral „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir" beschlossen die Trauerfeier am Grabe. Die Angehörigen treten danach ans Grab und ehrten den Toten mit Blumengaben ins Grab. Die Mittrauernden werfen drei Hände voll Erde ins Grab. Waren dem Toten eine Unzahl Kränze mitgegeben, so hieß es: „Das ist eine schöne Leiche!"
Wenn ein Veteran der Kriege von 1866 und 1870 gestorben war, so wurde der Verstorbene unter dem Geleit des Kriegervereins samt einer vom Verein aus Teuchern bestellten Musikkapelle zu Grabe getragen. Die Gewehrgruppe des Vereins schoß eine dreifache Salve zu Ehren des alten Kriegers über das Grab. Nach Beendigung des Begräbnisses zog der Verein geschlossen im Gleichschritt unter den Klängen des Armeemarsches vom „Alten Dessauer": „So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage" zum Vereinslokale. Hier wurde ein sehr alter Brauch ausgeübt: „Das Fell des Toten wurde versoffen!" Die früheren alten Trinkgelage hatten den Sinn, es müsse dabei lustig und heiter sein, das ehre den Toten, er wäre unsichtbar dabei und wünsche Erheiterung und Freude. Diesen Sinn hat auch der Leichenschmaus im Trauerhause, welchen die Verwandten und andere Trauergäste noch jetzt abhalten. Er beginnt mit Kaffee und Kuchen und endet zum Abendbrot mit dem üblichen Braten.
Junge Mädchen, die gestorben waren, erhielten im Sarg einen Kranz mit Schleier. Ein Kopfkissen mit einem weißseidenen Bezug wurde im Sarg unter das Haupt der Toten gelegt, daß sie wie eine Braut darin lag. Ganz früher wurden diese Kopfkissen mit dem Namen der Verstorbenen in der Kirche aufgehängt. Die Spender waren wohl ihre Jugendgenossen, welche sie zum Grabe mit geleiteten.
Auf den Seelenkult ist auch die Seelenabwehr zurückzuführen, die aus den zuvor geschilderten abergläubischen Gebräuchen und Vorstellungen von der Wiederkehr der Toten zu erkennen ist. Der Hochzeitsbrauch des Polterabends hängt auch von diesem Glauben ab, wenn man durch Lärmen und Poltern die bösen Geister aus dem Hause austreiben wollte. Man hatte Angst, daß die Toten als „Wiedergänger" in den Räumen, in den Gassen und als Gespenster auf dem Friedhofe spuken. In meiner Heimat im Kreise Merseburg sprach man vom „Klopfgeist", welcher „umgeht" und als Seele eines Abgeschiedenen durch Klopfen unter die Tischplatte an sein Erscheinen ahnt. Und in Obernessa spukt in der Gasse von Dorfesmitte nach dem Kieswege zu „der Pfeifer" und schreckt die abendlichen Fußgänger. Der war vor hundert Jahren ein bekannter Anwohner der Mitte des Dorfes. Von Söhnen und Töchtern, die sich an ihren Eltern „sich vergriffen", sie geschlagen hatten, sagte man, daß ihnen die Hand aus dem Grabe wachsen würde. Der Volksglaube sagte das auch denjenigen nach, die ein Grab schändeten. Wer einen Meineid in seinem Leben geschworen hatte, dem soll auch die Schwurhand aus dem Grabe wachsen. Im Jahre 1816 wurde erstmalig das kirchliche „Totenfest" zunächst in Erinnerung an die Gefallenen der Befreiungskriege gefeiert. Es wurde seitdem zur ständigen alljährlichen Einrichtung in jedem November als Abschluß des Kirchenjahres. Eine Ehrenpflicht an allen Dahingegangenen ist es, zu diesem Tage ihre Grabstätten mit Blumenkränzen zu schmücken.
4. Im Alltag des Lebens
Im Alltag gibt es viele Zeichen und Anzeichen, die eine Zukunftsverkündigung bedeuten. Sie richten sich im Glauben des Volkes nicht nur auf das Sterben und den Tod, sie beziehen sich auch auf Glück und Unglück im täglichen Leben und Erleben. Sie sind so mannigfaltig im Verkehr von Mensch zu Mensch, im Verhältnis zu Tieren und Pflanzen, im Gebrauch von allerlei Gegenständen, im Selbstbeobachten der täglichen Angewohnheiten. Sie finden meist ihre Begründung nicht nur in dem uralten Seelenglauben, sondern auch in der alten Göttersage doch auch oft in den Erkenntnissen der Volksweisheit mit ihren Wahrsprüchen, die aus den praktischen Erfahrungen des Zusammenlebens heraus entstanden sind.
Glück und Unglück
Was soll man zu angeführten Sprüchen im Folgenden sagen? Sie gelten den einen als schwärzester Aberglaube, anderen dagegen als unbedingt Wahrheit:
Wer Glück hat, dem kalbe der Ochse!
Viele Neider- viel Glück!
Tolpatsch gewinnt alles! sagt man, wenn z.B. jemand etwas hinfallen läßt, so daß es Scherben gibt, denn Scherben bringen Glück. Wenn jemand mit irgend einer Sache Glück gehabt hat, heißt es: „Der hat Schwein gehabt!" Das Glücksschwein als Zuckergeschenk oder in Neujahrsgratulationen als Abbildung ist bekannt. Wer ein Hufeisen vom Pferd findet, hat auch Glück. Oft findet man es deshalb auf die Schwelle der Tür oder an ein Tor genagelt. Es ist das verlorene Eisen von dem Pferd des Göttervaters Wotan.
Glück hat man, wenn man einem Schornsteinfeger begegnet, wenn einem ein Wagen voll Stroh entgegenkommt, wenn man ein vierblättriges Kleeblatt findet. Wenn man im Frühjahr die erste Schwalbe sieht, soll man sich wälzen, damit man Glück hat. Ruft der Kuckuck, so soll man dabei mit Geld klappern, so hat man das ganze Jahr über welches. Geld bekommt man auch, wenn es in der linken Hand kribbelt.
Wenn man von zuhause weggeht und merkt, daß man etwas vergessen hat, kehrt man um, damit man es holt. Da heißt es aber: „Zurücke bringt kein Glücke!" Dann muß man einen andern Weg einschlagen, um den bösen Zauber möglichst unwirksam zu machen. Geht man über einen Kreuzweg, so soll man sich bekreuzigen. Man darf aber dabei nicht sprechen, sonst hat man Unglück, oder man verliert etwas.
Mit drei Kreuzen werdet man das Unglück ab. Geht man über eine Haarnadel, so muß man mit dieser drei Kreuze auf die Erde zeichnen. Oder: Findet man eine Haarnadel, muß man einen Kreis um den Fundort ziehen, ein Kreuz hineinmalen, die Haarnadel hineinstecken, dann findet man innerhalb der nächsten drei Tage etwas Wertvolles. Wenn man einen lebenswichtigen Gang vorhat oder z.B. verreist, muß man darauf achten, wem man zuerst begegnet. Die Begegnung mit einer alten Frau (Hexenglaube!) bringt Unglück, mit einem Kinde dagegen Glück.
Ein Hase, der vor dem Wanderer über den Weg rennt, bringt Unglück, zumal wenn er von rechts kommt. Den Zauber kann man unwirksam machen, indem man sieben Schritte zurückläuft.
Andere wiederum achten darauf, daß keine schwarze Katze von rechts über den Weg läuft. Geschieht dies, dann hat man den ganzen Tag über Unglück, denn: „Von rechts- bringt’s Schlecht’s, von links- dem Glücke winkt’s".
Stolpert man über einen Stein und zwar mit dem linken Bein, so hat man Glück, mit dem rechten dagegen Unglück, denn: „das linke- das flinke, das rechte- das schlechte".
Baut eine Schwalbe ihr Nest unter das Dach oder in den Stall, so bringt sie das Glück hinein. Wer aber ein Schwalbennest zerstört, bekommt Unglück.
Wenig Mitleid hat man mit dem „Goldkäfer", dem Goldlaufkäfer, der als Insektenvertilger nützlich ist. Oft läuft er den Menschen über den Feldweg oder den Wiesenweg. Die Kinder treten ihn unbarmherzig in die Erde oder „verpaddeln" ihn. Man hat ihnen gesagt, damit habe man Glück, man finde Geld.
Wenn man zu Bett geht, soll man die Pantoffel oder Schuhe so stellen, daß man sie am Morgen bequem wieder anziehen kann, sie also nicht zu drehen braucht. Andernfalls hat man Unglück. Manche bedeuten einem hierbei sogar damit, daß man im Schlaf erwürgt werde.
Ist man am Morgen erwacht und ist dabei verdrießlich, so heißt es: „Du bist wohl mit dem linken Bein zuerst aus dem Bett gestiegen!" Hier ist der Begriff „links" also mit Ärger und Verdruß verbunden.
Zusammengekehrten Dreck darf man nie übersteigen, Zank und andere Unannehmlichkeiten sind an diesem Tag gewiß.
Putzt man angezogenen Schuhe an den Füßen, so bleibt man arm. Stellt man die Schuhe auf die Bank, so kriegt man Zank. Wer seine Schuhe ins Fenster oder den Tisch stellt, der wird ausgelacht.
Unglück gibt es, wenn die Uhr stehengeblieben ist. Wenn man frühmorgens singt, weint man am Tage bald. Das Sprichwort sagt: „Der Vogel, der so frühe singt, den holt die Katze am Abend!"
Wenn man seine Fingernägel „beguckt", muß man auch die Schuhspitzen ansehen, sonst hat man Unglück im Leben.
Hat man „Ohrenklingeln rechts", wird man von den Leuten schlecht gemacht, Ohrenklingeln links bedeutet Lob im Munde der Leute.
Kribbelt es im linken Nasenloche, so erfährt man an diesem Tage etwas Gutes, umgekehrt Böses.
Niest man nüchtern (=wenn man noch nichts gegessen hat), so verdrießt einem etwas, oder man erfährt etwas Neues, oder man erhält Besuch. Seit jeher ist es Sitte, dem Niesenden zu sagen: „Gesundheit!" oder „Wohl bekomm’s!" aus dem Grunde, weil man glaubt, daß das Niesen ein Zeichen von Erkältung ist.
Wenn man Salz verschüttet, gibt es Tränen. Hierzu ist kurz ein geschichtlicher Rückblick über das Salz die Erklärung für diesen Glauben: Früher war das Salz ein kostbares Gut. Vor mehr als 2000 Jahren gab es Kämpfe germanischer Volksstämme um die Salzquellen von Halle a.S. Im Mittelalter bis in das vorige Jahrhundert besaß der jeweilige Landesherr das Salzmonopol. Die Wege, die von Halle aus nach allen Richtungen von den Salzkärnern, den Halloren, benutzt wurden, nannte man „Salzstraßen". Eine solche zog auch westlich unserer Flur vorüber. Um 1800 mußten die Viehbesitzer vor allem außer ihrem persönlichen Bedarf ein bestimmtes landesherrliches Deputat Salz kaufen, um auch dem Vieh diese appetitanregende Würze zu verabreichen. 1844 machte sich Gorbauch in seinem Auszugsvertrag mit seinem Sohne 54 Pfund Salz jährlich aus. Salz und Brot waren seit jeher die wichtigsten Nahrungsmittel, sie spielten auch bei Hochzeitsbräuchen ein wichtige Rolle.
Wenn das Essen versalzen ist, sagt man, die Köchin ist verliebt. Schält sich beim Essen ein Ei schlecht, sagt man, derjenige hat es nicht verdient.
Für Wasser, das man eingeschenkt erhält, darf man sich nicht bedanken, sonst hat man kein Glück.
Hat man den Schlucken, dann denkt jemand an uns, - meist ist es derjenige, von dem man gesprochen hat oder an den man selbst gedacht hat. Man versucht das durch Gedankenübertragung Verwandter oder Bekannter zu erklären, und wenn sie noch so weit entfernt von einander sind.(=Telepathie!)
Besuch bekommt man, wenn sich die Katze putzt, ebenso, wenn Messer oder Gabel zu Boden fallen und aufrecht stehend stecken bleiben. Ferner kündigt sich Besuch an, wenn ein Strohhalm im Hause liegt. Ein solcher ohne Ähre bedeutet kommenden Damenbesuch, ein solcher mit Ähre aber Herrenbesuch. Wenn sich zwei Paare begrüßen, vermeidet es man ängstlich, die Hände übers Kreuz zu reichen. Wer die linke Hand zum Gruße reicht, entschuldigt sich mit den Worten: „Sie kommt vom Herzen!"
Wenn zwei Gesprächspartner zur gleichen Zeit dasselbe Wort innerhalb des Gesprächs sagen, müssen sie sofort schweigen und die kleinen Finger ineinander häkeln. Dann erfährt der jüngere der beiden bald darauf etwas Liebes, Gutes.
Wenn in einer Gesellschaft im Hause plötzlich alles schweigt, sagt man: „Ein Engel fliegt ums Haus!" Sitzt man an einer Tischecke, bekommt man eine böse Schwiegermutter.
Die Kinder warnt man: „Setzt euch nicht auf den Tisch, sonst bekommt ihr Schwären!"
Ein Rostfleck im Hemdsärmel bedeutet künftigen Reichtum. Wenn man eine Sternschnuppe aufleuchten sieht, kann man sich schnell etwas wünschen, der Wunsch geht auch in Erfüllung. Ein Komet am Himmel bedeutet Krieg. So wurde um 1620 ein Komet viel beachtet, ebenso der Halleysche Komet vor dem ersten Weltkrieg.
Beim Kartenspiel in der „Schenke" oder sonst in Gesellschaft möchte natürlich jeder Mitspieler gewinnen. Darum hütet man sich ängstlich, als Erster zum Spiel aufzufordern. Wer tut hat beim Spiel „Pech". Wer das erste Spiel gewonnen hat, sagt beschwörend: „‘s Erschte is Jift!" denn das Sprichwort sagt: „Wer zuerst gewinnt, ist zuletzt ein Bettelkind!" Verliert ein Mitspieler dauernd, sagt er: „Es is gee Säjen in’n Bärchbau!" (=Es ist kein Segen im Bergbau!) „Hasardch" spielt jemand, wenn er verwegen auf gut Glück spielt, wenn er das Glück herausfordert. Im Glücksspiel hat so mancher in alten Zeiten sein Hab und Gut verspielt.
Aber: Unglück im Spiel bedeutet Glück in der Liebe- und umgekehrt Glück im Spiel- Unglück in der Liebe.
Die größte Sorge hat der Landwirt stets um sein Vieh. Beim Ankauf eines Tieres, das zur Aufzucht dienen soll, wird der Magd oder den Kindern des Verkäufers das Glücksgeld gegeben. Man drückt es ihnen in die Hand und sagt: „Vorsch Jlicke!"(=für das Glück!) Man sichert sich dadurch das glückliche Aufziehen des Tieres. Hat man einen Hund oder eine Katze erhalten, so bekommt der Bote „das Glücksgeld". Dazu läßt man die Tiere noch ins Feuerloch gucken, daß sie „dableiben", nicht wieder entlaufen. Wenn der Fleischer zum Viehkauf in den Stall tritt, sagt er: „Glück herein!" und gar „Das walte Gott!" Das ist sein Zaubersegen. Soll das Glück im Stalle bleiben, treibt er das gekaufte Stück Vieh mit dessen Hinterfüßen zuerst aus dem Stalle hinaus- das Glück soll nicht vom Bauernhofe hinweggenommen werden.
Wenn jemand einen Strohhalm aus dem Viehstalle nimmt, nimmt er das Glück mit heraus.
Wenn man die Kühe des Sonntags trocken stehen läßt (=d.h. nicht melkt), dann kalben sie am Tage.
Wenn ein Huhn kräht, ist es verhext. Es muß abgeschlachtet werden, sonst gibt’s ein Unglück.
Ein zu klein geratenes Hühnerei ist verhext. Es muß rücklinks übers Dach geworfen werden, sonst gibt’s ein Unglück. Dabei darf es nicht auf das Dach fallen, das würde einen kommenden Brand bedeuten. Ein solches Ei wird ein „Schbarrei"(=Sparrei)genannt.
Im übrigen sind die Großmütter sehr freigebig mit guten Ratschlägen:
Willst du früh um 3 Uhr aufstehen, so klopfe beim Zubettgehen am Abend nur getrost mit der großen Zehe des rechten Fußes- ja nicht mit der linken- dreimal an den Bettgiebel, und du wirst mit dem Glockenschlage drei erwachen.
Hast du viele Schulaufgaben bekommen, und geht dir das beim Lernen schwer in den Kopf, dann quäle dich nicht so sehr ab. Lies alles vor dem Schlafengehen nur einmal durch, und nun das Heft einfach unter das Kopfkissen gelegt, dann schleicht sich der Text im Schlafe in dein Gehirn. Und du mein lieber Festredner, wenn du bei dem großen Vereinsfest eine Rede halten mußt, gebrauche dasselbe Mittel. Lege bei der Festansprache aber trotzdem das Blatt Papier in deinen Zylinderhut. Da kannst du ab und zu einen Blick hineintun, daß du nicht steckenbleibst. Sonst spotten die Kinder im Dorf nachher: „Meine Damen un Härrn! Äbbel sein geene Bärn!".
Seit uralter Zeit legt man den Träumen große Bedeutung bei. Sieht man im Traume hellbrennendes Feuer, bedeutet das Glück, Geld, Freude. Vor allem spiele in der Lotterie.
Feuer mit schwarzem Rauch bedeutet aber Trauer. Es gibt auch viel Wasser. Sieht man schmutziges Wasser, gibt es viel Ärger und Verdruß. Aber klares Wasser bedeutet Glück.
Wenn man von Toten träumt, gibt’s Regen.
Tanzen im Traum die Toten, stirbt jemand.
Nimmt man im Traum an einer Hochzeit teil, bedeutet das kommende Krankheit, Herzleiden und Verlust.
Fallen im Traum die Zähne aus, geschieht ein Unglück. Träumt man, daß man sich die Zähne selbst rausrupft und arge Schmerzen dabei hat, bedeutet das den Tod in der Familie. Geschieht das ohne daß es weh tut, stirbt ein Mitglied aus der weitergehenden Verwandtschaft.
Wenn man von Pferden träumt, bekommt man Läuse.
Wird man im Traum von einem Hund gebissen, hat man mit Zigeunern Ärger.
Träumt man von Eiern, „kommt man in Klatsch".(=man wird schlecht gemacht).
Was das Brautpaar in der Brautnacht träumt, geht in Erfüllung. Ebenso bedeutungsvoll sind die Träume in den zwölf Nächten. Auch diese gehen im Laufe des kommenden Jahres in Erfüllung.
Glücklicherweise sagt aber der Volksmund: „Träume sind Schäume!" Früher gab es sogar „Traumbücher" zu kaufen. In einem Bauernhause kam mir ein solches zu Gesicht. Es betitelte sich: „Neues Traumbuch nach alten Aufzeichnungen der Araber und Ägypter" im Verlag E.Bartels, Weissensee- Berlin, Generalst. Man kann eben auch Geschäfte mit dem Aberglauben der Menschen machen.
Zauber und Segen
beim „Beschreien" und „Versprechen"
Seit ältesten Zeiten glauben die Menschen, daß Tod, Krankheit, Unglück und Glück bei Menschen und Tier das Werk feindlicher schadenfroher Geister sei. Diese wollten, daß das Böse von ihnen weiche, daß über ihrem Leben gute, heilbringende Geister walteten. Noch heute hat man allgemein im Volksglauben die Befürchtung, daß man „beschrichen" oder „behext" werden kann. Wenn eine Mutter ihr Kleinkind früher im Kindermantel an die gesunde frische Luft hinaustrug- oder heute im Kinderwagen ins Freie bringt- finden sich schnell freundlich gesinnte Nachbarinnen und spinnen Gespräche an, zuerst spricht man über das Kindchen. Man hütet sich aber, sein Aussehen zu loben, lieber spricht man über die rosa oder blauen Bändchen der Kleidung
des „Kleinchens". Denn sollte dem Kind danach ein Unglück zustoßen oder sonst sein Wohlbefinden sich verändern, so möchte man sich nicht nachsagen lassen, man hätte es „beschrieen" oder „berufen".
Der Stolz des Bauern ist sein zahlreiches gesundes Vieh. Er zeigt es an Festtagen gern seinen Verwandten, die zu Besuch gekommen sind. Dabei ist es selbstverständlich, daß der Besucher beim Eintritt in den Stall „Glück herein!" sagt. Der Bauer sagt kurz: „Danke!" Die Freundschaft darf das Vieh auch loben, denn ihr traut man keinen bösen Sinn zu. Doch sagt der Verwandte beim Lob stets: „Unberufen!" Das Lob könnte sich ja auch unglücklicherweise ins Gegenteil verkehren. Einen Fremden läßt der Bauer höchst ungern in seinen Stall eintreten. Er fürchtet, daß das Vieh von einem bösen Blick getroffen und krank wird. Dann ist eben das Vieh verhext worden. Selbst einem guten Bekannten, der das schöne und gesunde Vieh bewundert, sagt er offen: „Beschreie es nur nicht!"
Die Hausfrau aber legt großen Wert darauf, dem Besucher einen Stuhl zum Sitzen anzubieten, selbst wenn der Besucher beim Vorübergehen nur kurz vorsprechen will, „sonst nimmt er die Ruhe mit".
Die „Seelenruhe" wird dann durch einen bösen Geist gestört. Bevorzugten Besuchern bietet man bei Bewirtungen sogar den Ehrenplatz auf dem Sofa an.
Spaßhaft ist es, wenn man beim Aufwachen am Morgen aus Versehen zweierlei verschiedene Strümpfe oder gar Schuhe oder Pantoffel angezogen hat. Dann sagt man, daß man am gleichen Tage nicht „besprochen" (=verhext) werden kann. Man wird auch nicht „verklatscht", d. h. man sagt einem nichts Böses nach.
Der Glaube an das Behexen ist alt. War in ältesten Zeiten ein schon befürchtetes Unglück eingetreten, so wandten sich die Altvordern an die in ihrem Stammeskreise wirkenden Zauberer oder der Zauberinnen. Deren Aufgaben bestand darin, durch ihre Formeln und Zaubersprüche die Krankheit zu „versprechen", zu „heilen", dabei den „Segen" zu sprechen. In den in alter Mönchshandschrift in Merseburg entdeckten zwei Zaubersprüchen ist beim zweiten eine Formel gegen Verrenkung überliefert, die freilich schon Vorstellungen aus dem germanischen Götterglauben aufgenommen hat. Der Abdruck einer Fotokopie ist beigefügt. Die Formel lautet Urschrift:
„Phol ende Uuodan uuorun zi holza.
du uuart demo Balderes uolon sin uuoz birenkit.
thu biguolen Sinthgunt, Sunna era suister,
thu biguolen friia, Uolla era suister,
thu biguolen Uuodan, so he uuola conda:
sose benrenki, sose bluotrenki,
sose lidirenki:
ben zi bena, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sose gelimida sin!" (Althochdeutsch) In die jetzige neuhochdeutsche Sprache übersetzt (von Simrock) lautet er:
„Phol und Wodan fuhren zu Holze:
da ward Baldurs Fohlen der Fuß verrenkt.
Da besang ihn Sinthgunt und Sunna, ihre Schwester,
Da besang ihn Freia und Volla, ihre Schwester,
Da besang ihn Wodan, wie er wohl verstand,
So die Beinverrenkung, so die Blutverrenkung wie die Gliederverrenkung:
Bein zu Beine, Blut zu Blute,
Glied zu Gliede, wie geleimt saßen sie".
In einem in ganz Mitteldeutschland bekannten Kinderreim ist als scherzhaft erscheinender Heilspruch ein Überrest eines alten Wundsegens enthalten:
„Heile, heile Kätzchen,
‘s Kätzchen hat vier Beine
und einen langen Schwanz,
morgen ist alles wieder ganz".
Alte Wundsegen wurden in heidnischer Zeit über kranke Körperteile gesprochen. In den Kinderreimen ist oft altes Glaubensgut der germanischen Vorfahren erhalten geblieben. Das Kätzchen ist das Tier der Holda, der Göttin Freia, deren Hilfe angerufen wurde. Solche Segen wurden als Lieder beschwörend, murmelnd, flüsternd, halb singend von den weisen, den klugen Frauen gesprochen.
Hierbei erfolgten symbolische Handlungen. Ein bei uns weit bekannter und oft ausgeübter Heilspruch über das Versprechen von Warzen ist von solchen geheimnisvollen Handlungen begleitet. Wenn die Kinder an den Händen Warzen hatten, riet ihnen die Großmutter, sie zunächst mit dem gelben milchigen Saft des Schöllerkrautes zu bestreichen. Diese Volksmedizin half aber nicht. So kauften sie sich einen Stift, den ätzenden Höllenstein, der aber die Warzen auch nicht mit ihren Wurzeln tilgte. So blieb nur noch das Versprechen: Mause bei einem Fleischer ein kleines Stückchen Fleisch, oder nimm zuhause heimlich ein kleines Stück Speck.
Wenn wir dann zunehmenden Mond haben, gehe in den Garten und vergrab das Stück Fleisch unter dem Birnbaum oder an der Gartenmauer. Sieh dann den Mond an und streiche mit dem Finger über die Warzen, sprich dazu:
„Was ich sehe, das vermehre sich, (der Mond ist gemeint)
was ich bestreiche, verzehre sich!"
Hast du Angst, beim Zauber gestört zu werden, so wirf das Stück Fleisch über die Mauer zum Nachbar. Denselben Zauber kann man auch bei geschwollenem Leib anwenden.
Ein anderer Reim wird den Kindern, welche ihre Milchzähne verlieren, noch in jüngerer Zeit (um 1910) von den alten Müttern gelernt. Sie sollen den Milchzahn über sich zurückwerfen und dazu sprechen:
„Da, Maus, haste ä bennern,
jibb mar ä schdennern!"
(=Da, Maus, hast du einen beinern, gib mir dafür einen steinern!) Der Seelenkult mit der Maus ist hierbei ersichtlich, das Seelchen in der Maus soll einen neuen besseren Zahn verschaffen. Das ist ein harmloser Zauber, der von den Kindern meist nicht ausgeführt wurde.
Die Heilweise des Versprechens wurde beim Menschen auch gegen Flechten, Geschwüre, die Rose, Krämpfe, Gicht, Blutungen und Wunden, beim Vieh gegen Beulen, Gallen und Wasserblasen angewandt.
Um 1920 wurden mir von einer alten Großmutter Zaubersegen als alte vergilbte Handschriften nach einem diesbezüglichen Gespräch übereignet. Sie stammten von Vorfahren aus der Zeit von etwa 1820 bis 1870. Ihnen haften allerdings in keinerlei Hinsicht Ausdrücke und Formen altgermanischer Zaubersprüche an. Sie stehen durchaus in rein christlicher Aussageweise; einer ruft in mittelalterlichem Glaubenskult die Mutter Maria als Helferin an. Am Schluß berufen sich die „Segen" unter dem katholischen Kreuzschlagen auf den dreieinigen Gott, wie ihn der Pfarrer beim Einsegnen spricht: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes". Diese in unserer Gemeinde Obernessa früher gebräuchlichen Zaubersegen seien hier im Wortlaut und mit der Rechtschreibung die geringfügige Schreibfehler aufweist- wiedergegeben.
Segen zum Stillen des Blutes:
„Das Bluth zu Versprechen
Auf Gottes Grabe stehn 3 Rosen,
die 1ste heißt Gottes stärke,
die 2te Gottes Güte,
die 3te heißt Gottes Wille,
Bluth steh stille Name + + +"
Die drei Kreuze wurden als Segen mit der Hand geschlagen und dazu gesprochen: „Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes".
Segen zum Versprechen einer Wunde:
„Hier thu ich eine Wunde finden,
Die will ich Verbinden,
du sollst nicht Hietzen, (hitzen)
du sollst nicht Reisen, (=reißen)
du sollst nicht Schwären, (=eitern)
auch Mutter Maria wird ihren andern...(bricht hier ab)
Segen zum Versprechen der Gicht und der Kopfrose:
„Hir mit disen Briflen Verschleige
das Triesen an meinen Gebeine,
die Gicht und alles Böse Gesicht
soll von mir weichen
und mit diesen Worten Verschleichen+ + +"
(Briflen=Brieflein, Triesen= triezen, plagen, quälen, das böse Gesicht= die Rose am Kopf).
Segen zum Versprechen von Krampf und Gicht
„Das war auf einen Freitag als der Herr gemartert ward,
so daß ich so loes mich Krampf, Gicht und Geschicht.
Du sollst zum Nächsten stille sein,
habs Ruthen Schenkel an Bein
oder an einen ander Glied wär...(?)
an meinen Leib.
Das gebitet die der Man der seinen bietern Todt
am heilichen Kreuz nahm.
Als Jesus Christus der wegen seiner bietern Martern und Todt am Kreuz nahm, recht(=regt) sich alles Laub und Gras und alles was auf Erden wächst.
Auch unsers lieben Herrn Jesus Christus waser (Wasser) und Blut, was wallen Christen gläubichen Menschen thut, bringen sich die Menschen nicht vorwechen seiner großen Matern, daß der heiliche Leib an seinen Kreutz hängt. Da sprachen die Juden: Herr du hast zuerst das Krampf, Gicht und Geschicht.
Jesus sprach: Das Krampf, Gicht und Geschicht ich nicht hab. So bin ich der (Name), mir helfe das Kreutz , Freud des Auferstanden, was er seiner Mutter gab.
Jesus von Nazaret, Gott sei mir armen Sünder gnädig.
Mir helfe Gott Vater + + +
mir helfe Gott der Sohn + + +
mir helfe Gott der heiliche Geist + + + Christ Amen".
Schutzbrief für das Haus v. J. 1819
„Soli Deo Gloria
Himmels Brief.
Welcher mit güldenen Buchstaben geschrieben, und ist zu sehen in der Michaelis Kirche zu Sanct Germain, wird genant „Geodoria" alwo der Brief über der Taufe schwebet, wer ihn angreifen will, von den weichet er, wer ihn abschreiben will, zu den neigt er sich, und thut sich selber auf.
Also gebiete ich euch, daß ihr des Sontages nicht arbeitet an euren Gütern auch sonst keine Arbeit thut, solt fleißig zur Kirchen gehen und mit Andacht beten auch die Haare nicht krausen, noch Hoffarth in der Welt treiben, von euren Reichthum solt ihr den Armen mittheilen, und glauben, daß ich diesen Brief von meiner göttlichen Hand in Jesu Christo ausgesand, daß ihr nicht thut wie die unvernünftigen Thiere, ich gebe euch sechs Tage eure Arbeit fortzusetzen, und am siebenden Tage frühe in die Kirche zu gehen, die Heilige Predigt und Gotteswort zu hören, werdet ihr das nicht thut, so will ich euch strafen, mit Pestilentz Krieg und Theurer zeit. Ich gebiete euch, daß ihr des Sonabends nicht zu spät arbeithet, des Sontags frühe die Kirche mit jeder mänlichen jung und alt gehet, mit Andacht für eure Sünden bittet und betet, daß sie euch vergeben werden. Schwöret nicht zu boßhaftiglich bey meinem Nahmen, begehret nich Silber oder Gold, und sehnt euch nicht nach fleischlichen Lüsten und Begierden. So bald ich euch erschaffen habe, so bald kan ich euch zerschmettern. Einer soll den andern nicht tödten, mit der Zunge seyd nicht falsch gegen euren Nächsten, so gebe ich euch Gesundheit und Friede, und wer den Brief nicht glaubet und sich nicht darnach richtet, der wird kein Glück noch Segen haben. Den Brief soll einer den andern abschreiben, und wenn ihr so viel Sünde gethan hättet als Sand am Meer, auch so viel Laub an den Bäumen, und so viel Sterne am Himmel seyn, sollen sie euch Vergeben werden, glaubet gäntzlich was dieser Brief euch lehret und saget, wer das nicht glaubet der soll sterben. Bekehret euch oder ihr werdet ewiglich gepeiniget werden, und ich werde euch fragen am jüngsten Tage und ihr werdet mir müßen Antwort geben von wegen eurer großen Sünden.
Wer den Brief in seinen Haus hat, oder bey trägt, den wird kein Donnerwetter schaden, und solt auch für Feuer und Waßer behütet werden. Welche Frau diesen Brief bey sich träget, und sich darnach richtet, die wird einen liebliche Frucht mit fröhlichen Anblick auf die Welt bringen. Haltet meinen Gebote, die ich euch durch meinen Engel Michael gesandt habe.
C. G. H. Anno 1809"
Haus- und Schutzbrief, vor allem vor Kriegsgefahr
„Haus und Schutzbrief
Im Namen Gottes des Vaters des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen. So wie Jesus am Ölberg still stand, so sollen Geschütze still stehen, wer dieses geschrieben bei sich hat, den wird nichts schaden, es wird ihn nichts treffen, des Feindes Geschütz und Waffen, den wird Gott beschützen, Pistolen und andere Gewehre und vor Dieben und Mördern, es soll ihm nichts schaden. Geschütz und Degen und alle müssen still stehen, wenn man loslöst durch den Befehl und Todt Jesu Christi. Es müssen still alle sichtbaren und unsichtbaren Gewehre durch den Befehl des Heiligen Engel Michael im Namen Gott des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen.
Gott sei mit mir. Wer diesen Segen bei dem Feind bei sich hat, der wird vor jeder Gefahr geschützt sein, und wer diesem Brief so nicht glauben will, der schreibe es ab und hänge einem Hunde an den Hals und schieße nach ihm, der wird es erfahren, daß es wahr sei. Wer diesen Brief bei sich hat, der nicht gefangen noch durch des Feindes Waffen verletzt werden , Amen.
So wahr wie Christus gestorben und gen Himmel gefahren ist, so wahr wie er auf Erden gewandelt hat, kann der, der diesen Brief trägt, nicht gestochen noch geschossen oder am Leibe verletzt werden, und Fleisch und Gedärme und alles soll unbeschädigt bleiben. Ich beschwöre alle Gewehre und Waffen dieser Welt bei den Namen Gottes des Heilandes Jesu Christi, daß mich keine Kugel treffe, sie sei von Gold, Silber oder Blei. Gott im Himmel mach mich von allen frei. Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen. Dieser Brief ist vom Himmel gesandt und in Holstein gefunden worden 1724. Er war mit goldenen Buchstaben geschrieben und schwebte an der Wand neben dem Taufsteine. Wenn jemand ihn greifen wollte, wich er zurück bis man 1771 auf den Gedanken kam, ihn abzuschreiben und der Welt mitzuteilen. Zu diesem Zwecke neigte sich der Brief.
Ferner ist darin geschrieben: Wer am Sonntag arbeitet, der wird verdammt. Ihr sollt an diesem Tage nicht arbeiten und euern Reichthum den Armen mittheilen, ihr sollt sein wie die unvernünftigen Thiere. Ich gebiete euch: daß ihr sechs Tage arbeitet, und den siebenten sollt ihr Gottes Wort hören, wenn ihr das nicht thut, so will ich euch bestrafen mit Pestilenz, Teurung und Krieg. Ich gebiete euch, daß ihr des Sonnabends nicht zu spät arbeitet. Jedermann, er sei jung oder alt, soll für seine Sünden bitten, daß sie ihm vergeben werden. Schämt euch vor euerm menschlichen Lüsten und Begierden, so wahr ich euch erschaffen habe, so kann ich euch erschüttern. Seid mit den Zungen nicht falsch, ehret Vater und Mutter, und redet nicht falsch Zeugniß. Wer diesem Brief nicht glaubt und nicht danach thut, der ist verflucht und wird verlassen. Er wird weder Glück noch Segen haben. Ich sage Euch: daß Jesus Christus diesen Brief geschrieben hat, wer dieses widerspricht, der wird verlassen sein und keine Hilfe haben. Wer diesen Brief hat und ihn nicht offenbart, der ist verflucht von der christlichen Kirche. Diesen Brief soll einer von dem andern abschreiben lassen, und wenn ihr so viel Sünden gethan habt wie Sand am Meer, so sollen sie euch vergeben werden. Glaubt gewißlich, daß ich den ehren will, wer dieses glaubt, und wer es nicht glaubt, der wird sterben. Bekehret euch zu mir, sonst werdet ihr arg bestraft werden. Glaubt gewißlich, daß ich den ehren will, wer dieses glaubt, und wer es nicht glaubt, der wird sterben. Ich werde euch am jüngsten Tag bestrafen, wenn ihr dann nicht Antwort geben könnt. Wer diesen Brief im Hause hat, den wird kein Donnerwetter treffen. Er wird keine Schamfrucht zur Welt bringen. Haltet meine Gebote, die ich euch durch den Engel Michael gesandt habe durch Jesu Christi Namen. Amen, Amen, Amen!"
Der älteste vorhandene Schutzbrief ist ein reiner Hausbrief in strenggläubiger christlicher Verbrämung aus dem Jahre 1809, von C. G. H. , Carl Gottfried Heiner, dem Vorfahren einer hiesigen Bauernfamilie geschrieben.
Der Haus- und Schutzbrief ist in fast gleicher Abfassung doppelt vorhanden. In seinem ersten Teile schützt er vor allen Kriegsgefahren, im zweiten Teile ähnelt er sehr dem Himmelsbrief v. J. 1809. Ein Schutzbrief liegt noch vor, welcher nur vor den Kriegsgefahren schützen sollte und den Text des Hausbriefes weggelassen hat. Er stammt aus dem 2. Weltkriege, während die beiden ersten aus der Zeit von 1866 und 1870 stammen können. Sie mehrfach gefaltet gewesen und sind sicherlich in der Kleidung der Kriegsteilnehmer verborgen getragen worden. Die besorgten Frauen und Mütter gaben den Schutzbrief in den Kriegszeiten den zur Waffe eilenden Männern und Söhnen mit.
Auch die vergilbten Zettel mit den Segen gegen Krankheiten waren vierfach gefaltet und sind auf der oberen Außenseite verschmutzt, daß die Besitzer diese geschriebenen Zaubersegen als eine Art Amulett stets bei sich getragen hatten. Es bildet als schutzbringender Talisman für den Träger des vielleicht bereits Erkrankten, der ihn selbst geschrieben hatte, oder von einer Frau erhalten hatte, der man Zauberkraft zuschrieb. Der Glaube, irgend ein Zauber- und Schutzmittel mit sich zu führen, ist noch heute in den Maskottchen der Autofahrer erkennbar. Früher galt als Amulett ein Stein, ein Knochen oder ein Schmuckstück- schon seit uralten Zeiten- als wirksamer Schutz gegen alles Böse. Das „Aber" stirbt nicht aus. Die Schutzbriefe sind scheinbar zugleich eine Art Kettenbriefe, die weitergereicht werden müssen. Nach 1918 las man öfters in der Zeitung von dem „Unfug" der Kettenbriefe. Ein solcher lautete:
„Kettenbrief für das Glück. Herr Jesu erlöse uns von dem Übel und lasse es uns wohlergehen. Dies Gebet stammt aus Jerusalem und wer es erhält, soll es jeden Tag einem andern schicken.
9 Tage lang. Wer es nicht tut, wird vom Unglück verfolgt werden, wer es aber tut, wird vom 9. Tage an große Freude erleben; bitte schreiben Sie es ab und schicken es Menschen, denen Sie Glück wünschen, zählen Sie die Tage, und Sie werden Glück erleben.
Zerbrechen Sie die Kette nicht, sie ist von einem amerikanischen Offizier, der angefangen hat, und soll 27mal um die Erde gehen.
Wer die Kette zerbricht, soll unglücklich werden.
Schreiben Sie es ab, ehe noch 24 Stunden vergehen!
Jemand, der Ihnen von Herzen Glück wünscht".
Dieser Kettenbrief wurde nach 1920 auch in Obernessa vertrieben. Viele werden aus abergläubischer Furcht die Briefe heimlich nur weitergegeben haben, um sich nicht dem im Briefe angekündigten Unglück auszusetzen.
Wenn man unter dem „Beschrieensein" ein „Besprechen" versteht, das Unglück bringt, so ist unter dem „Versprechen" ein Gegenmittel zu verstehen, durch welches das Unglück geheilt und in „Segen" umgewandelt werden sollte. In Obernessa kannte man um 1910 zwei ältere Frauen, denen man den Zauber des Versprechens nachsagte. Sie wurden vor allem bei Viehkrankheiten geholt. Hierbei durfte man mit ihnen nicht sprechen und mußte sie z. B. mit der kranken Ziege allein lassen. Ihre dabei angewandte Zauberformel wird wohl nur mehr ein blasses Gemurmel, vielleicht nur ein sinnloses Sprechen gewesen sein. Das Hauptmittel beim Heilen war eine Volksmedizin, die sich seit den ältesten Zeiten bis heute unverändert erhalten hat. Ging die Frau wieder nachhause, durfte man auch nicht mit ihr reden, damit man den „Zauber" nicht unwirksam machte. Einer dieser beiden Frauen traute man eine ungewöhnliche Kraft zu, man behauptete, daß sie eine derartige Macht im Blick habe, das Hausgeflügel, die Hühner, Gänse, Enten und Tauben, ja sogar die Sperlinge zu bannen. Durch das „Bannen" wurde das eigene Geflügel am Entlaufen gehindert. Die Sperlinge aber mieden das Getreidefeld, welches vor ihnen geschützt werden sollte.
Ein Bauerngehöft am Teich wurde mit seinem Viehstand vom Unglück arg geplagt. Die Milch der Kühe gerann, die Kälber starben. Der Abdecker, dem das verendete Vieh abgeliefert wurde, sagte: „Sie kommen ja schon wieder. Das geht nicht mit rechten Dingen zu!" Da ist der Bauer weit gereist, um einen Wunderdoktor zu Hilfe zu nehmen. Dieser erklärte: „Ich kann’s nicht allein machen(das Heilen), es gehören zwei dazu!" womit er den Bauern selbst meinte. Er gab ihm verschiedenartige Pulver mit. „Geben Sie es ein! übermorgen ist es gut!" Dem zaubernden „Doktor" erzählte der Bauer auch, daß ihm auf dem Feld immer der grüne Raps gestohlen wurde. Dieser antwortete: „Morgen früh ½ 4 Uhr wird die Frau mit dem Huckekorb zweihundert Meter vor dem Felde stehen!" Er hat sie „festgemacht" und mit seinem Zauberspruch gebannt, daß sie nicht entweichen konnte. (Diese Tatsache hat mir der Bauer selbst erzählt!)
Versprechen kann nur eine alte Frau oder ein alter Mann, welche vor ihrem Tode ihre Zauberkraft weitergeben müssen, damit sie Ruhe im Grabe haben.
Um 1920 erzählte eine besorgte Mutter im Dorfe von ungewöhnlichen Zuständen, an denen ihre Tochter litt: „Unsere Frieda hat einen Herzensspan. Sie ist behext!" Da konnte eben nur das Versprechen helfen, da das Unglück durch einen bösen Blick oder einen bösen Geist herbeigeführt sein konnte.
Aus dem Wirtschaftsbuch des Benjamin Reinhardt
in Oberwünsch, Kr. Merseburg, Zeit: 1815 bis 1849
Die Rose zu versprechen
Die drey Finger von der rechten Hand.
Die heilge Maria ging über den Berg, sie suchte Kraut vor das heilige Werk, da alle Glocken klungen, war alles verschwunden im Namen des + + +.
Den Schmertz zu versprechen
Maria Milch und Christi Blut ist für alle Schmertzen gut im Namen + + +.
Das Verrenken zu versprechen
Da der Herr Jesus am Kreutze thut hangen, sag ich dir, du sollst vergehn im Namen + + +.
Das Blut zu versprechen
Drei Nagel wurden unserem Heiland Jesum Christum geschlagen, 2 durch die Hände, 1 durch die Füße. Blut, ich sage dir, du sollst nicht mehr fließen. Im Namen Gottes des V., d. S., d. h. G. Amen + + + Dreimal stille schweigend gesagt.
Spätere Ergänzungen:
Einen die Mandeln zu versprechen
Mandel, wie du kömmst, so vergehste in Namen Gottes des Vaters, Sohnes und des hl. Geistes. Das dreymal aufwärts gestrichen.
Einen die Rose zu versprechen
Rose, Schwulst, Gicht, oder alles was du bist, ich will dich beschwören zwischen Himmel und Erde, das sollst du werder schwellen, noch schwären, in Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heil Geistes.
(Anm. Siebert: schwären=eitern)
Einen den Schmertz zu versprechen
O Sonne stehe, o Schmertz vergehe, o Mond stehe, o Schmertz vergehe, ihr Sterne scheinet helle, o Schmertz vergehe schnelle in Namen Et Spiri Sancti.
Die Hitze der Rose zu versprechen
lautet also wie folgt, in + + + sage ich : O du heiße Sonne stehe, so wie der Mond vergehe, o ihr Sterne leuchtet helle, o Schmertz vergehe schnelle + + + Amen.
So du das Osterwasser schöpfen willst, so sprich die Worte:
In Gottes des Allmächtigen Vaters des Sohnes und des heil. Geistes schöpfe das Osterwasser mit Christi Blut, solches ist für alle Krankheiten gut. + + + Amen.
Das Fieber zu verschreiben
N. N.: Ich verschreibe dir das Fieber zu vergehen für und für, daß du stehest und vergehest Et Spiri Sancti+++
Abracatabra,
Abravatabr,
Acracatab,
Acracata,
Abracat,
Abraca,
Abrac,
Abra,
Abr,
Ab,
A,
Ist zu gebrauchen vor das kalte Fieber, welches man den Patienten an Hals hängt 41 Tage lang und in der 11. Stunde ins fließende getragen, es muß aber in der Stunde wieder abgenommen werden da es angehängt ist.
Das Fieber zu verschreiben
Guten Morgen Alter, hier bring ich’s warme und kalte. Es ist nicht einerlei, es ist siebensiebzigerley. In Namen Gottes des Vaters, Gottes des Sohnes und Gottes des Heiligen Geistes. Dieses muß man früh stillschweigens vor der Sonne Aufgang thun, da muß man einen Holunderbaum in die rechte Hand nehmen, man darf aber nicht so balde nicht wieder an den Ort kommen, an einen Freytag, wenn es die Zeit leitet.
Das Fieber zu versprechen
Ich stehe unter Freyen Himmel und schwöre ein theuren Eyd, daß kein besserer Artzt ist für mein 77ley Fieber als unser Herr Jesu Christ. In Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heil. Geistes + + +.
Die Stunde, ehe das Fieber kommt stille schweigens naus gegangen und unter freyen Himmel getreten und die drey ersten Finger in die Höhe gehalten und 3mal gesagt.
An anderer Stelle im Buch:
Herzgespan ich büße dich, deine 5 Finger die jagen dich das sage ich dir- zur Taufe jetzt auf + + +.
Lityn ich rufe dich Herzgespan verschleiche dich. Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes, des heilgen Geistes. + + +.
Vom Dämonen- und Geisterglauben
Vom Drachen
Ein Bauer im Kapellenende hatte auch Unglück mit seinem Vieh. Einmal starben ihm verschiedene Stück Rinder oder Schweine, oder ein andermal kam eine Seuche in die Ställe, so daß er die noch gesunden Tiere schnell verkaufen mußte. Will das Unglück nicht aufhören
sagten die Leute: „Das Gehöft ist verhext, es hat der alte Schwarzen Erdmunthe gehört, die hatte den Drachen!" Andere meinten, daß nach ihrem Tode neue Besitzer den Drachen nicht mit abgekauft habe. Nun fände die Tote keine Ruhe im Grabe und muß umgehen. Dadurch wird das Vieh verhext. Mit abergläubischer Scheu getrauten sich beim Abenddunkel die Kinder an ihrem verschrieenen Haus nicht vorüberzugehen. Bei ihnen ging der Reim um:
„Die alte Memute mit ihrer Schabute (von Chapeau=Hut, Kopfbedeckung)
sie rumpelt und pumpelt den ganzen Tag!"
Nachts glaubte man zu sehen, wie aus dem Schornstein ein feuriger Klumpen herausfuhr. Das Rumpeln und Pumpeln in ihrem Hause vollbrachte dem Glauben nach sicherlich der Drache als ein Poltergeist. Er bringt dem Hause Glück und Wohlstand, wenn er gut gehegt und gepflegt wird. Tagtäglich muß ihm eine weiche Decke unter den Ofen gelegt werden, ein Teller mit süßer Milch muß hingestellt werden. Er verschafft seinem Herrn Milch von den Kühen der Nachbarn, er hat sie nachts gemolken, er bringt auch Butter, Eier und andere Nahrungsmittel, die re gestohlen hat. Wenn einmal einem Nachbarn vierzehn Tage lang die Kühe keine Milch gaben und dieser sah, wieviel Milch und Butter aus dem andern Gehöft Verkauft wurde, sagte er neidisch: „Die ham’n Drachen!" Wird der Drache aber von seinem Besitzer nachlässig und schlecht behandelt, so schädigt er ihn, er melkt dessen Kühe, verhext die Pferde und treibt andern Schabernack. Schließlich kann er den Bauernhof zugrunde richten.
Über den Drachen, den feurigen Hausgeist, gibt es diesseits der Saale eine Reihe ortsüblicher Sagen. Solche von Obernessa und Umgegend sind im Anhang dargeboten. Hierbei wird vom benachbarten Dorf Werschen erzählt, daß sich der Drache in eine weiße Maus verwandelt habe. Im Nessatale soll er auf dem Wege nach Unternessa als eine kleine Henne den nächtlichen Wanderer getäuscht haben. In den Ortschaften links der Saale bis in die Merseburger Gegend wird dieser kleine Hausgeist, der auch dort allerlei Schabernack ausüben soll, der „Kowelt" (=Kobold) genannt. Hier wird er als ein kleines zwergenhaftes Wichtlein gedacht. Ein interessante Koboldsage aus Reichardtswerben wird im Anhang von mir gesammelten Sagen zur Illustrierung mit gebracht. In Orten mit großen Gütern und Schlössern, wie in Bad Seeburg und Lauchstädt sind es die „Mönche", die in ihrem Wesen den Kobolden gleichgestellt sind. In Lauchstädt sprach man um die Jahrhundertwende auch vom „Klopfgeist", welcher in den dämmernden Abendstunden unter den Tisch pocht. Fluchen und Poltern können diese Hausgeister nicht vertragen, wenn sie auch selbst genug lärmen und toben, daß es der Umgebung angst und bange wird. So ist es zu deuten, wenn heute noch z. B. beim Eintritt in die Schenkstube der neue Gast die schon anwesenden Wirtshausgäste durch Klopfen auf den Tisch begrüßt, um anzudeuten, daß er einen guten freundlichen Geist mitbringt.
Vom Teufel:
Heute haben wir ja glücklicherweise den Glauben an den Teufel überwunden. Schon als Kinder kannten wir ihn nur noch im Kasperlesepiel, in welchem er vom Kaspar stets mit gehörigen Schlägen der Pritsche zu unserm Jubel bedacht wurde. Der Name des Teufels spukt aber noch immer in unserem täglichen Sprachgebrauch. Der Redensarten „Male den Deiwel nich an de Wand!" und „Wenn man dem Teufel den kleinen Finger reicht, nimmt er gleich die ganze Hand!" erinnern an seine frühere sagenhafte Gegenwart. Die kurzen Redewendungen und Schimpfwörter „Pfui Teufel!" und „Hol’s der Teufel!" oder „Euch soll doch gleich der Teufel holen!" zeugen vom früheren Glauben an sein wirkliches Vorhandensein. Es ist aber noch immer „eine verteufelte Geschichte", wenn der Volksmund reimt:
„Wenn die Weiber waschen und backen,
da haben sie den Teufel im Nacken!"
Oder wenn dem Bauern „die Gerste verhagelt" ist , sagt er noch immer: „Was dar Deiwel huld, das liewe Jodd!"
Hat aber jemand ein großes Unrecht begangen, wenn man ihm sonst nichts Schlechtes zutraut, dann urteilt man: „Der muß doch von allen guten Geistern verlassen gewesen sein!" Damit meint man die guten Geister mit den Engeln als den himmlischen Heerscharen oder wie im Märchen die guten Feen. Engel und Teufel sind im Glauben des Mittelalters die gegensätzlichen Erscheinungen, mit denen man vor allem von den Kanzeln der Kirchen aus die Herzen und Sinne der Gläubigen beschickte. Die Engel erwähnt man in abergläubischer Form ab und zu im täglichen Leben. Liegt ein Messer mit der Schneide nach oben auf dem Tisch, dann wird es von mancher Hausfrau ärgerlich umgeklappt mit den Worten: „Die Engel schneiden sich!" Ein plötzliches Schweigen in einer Gesellschaft, in der es sonst recht lebhaft zugeht, erzeugt das Wort: „Ein Engel fliegt ums Haus!"
Der Teufel hatte im mittelalterlichen Glauben wie viele Geister und Dämonen auch ein bestimmtes Aussehen, eine bestimmte körperliche Gestalt. Am weitesten verbreitet war die Anschauung, daß der Teufel am Kopf Hörner trägt, einen Pferdefuß oder Bocksfüße hat. Die früheste Bekehrungsarbeit bei den heidnischen Germanen wandelte auf diese Art das Bocksgespann des Gottes Donar oder den Pferdefuß vom Tier des Gottes Wodan- der als wilder Jäger in den Winternächten über die Fluren dahinbraust- um.
Gefährlich war es auch, den Teufel beim richtigen Namen zu nennen, so entstanden die Bezeichnungen „der Böse" oder „der Gotseibeiuns". Luthers Teufelsglaube ist durch den sagenhaften Wurf dem Teufel mit dem Tintenfaß in der Wartburg bekannt. „Er verstieg sich in einer seiner Tischreden zu der Behauptung, in seiner Heimatstadt Eisleben befände sich ein Gewässer, in das man nur einen Stein hineinzuwerfen brauche, um einen furchtbaren Sturm zu erzeugen, weil dann die dort eingesperrten Teufel loskämen. Das biblische Denken hatte eine Mentalität erzeugt, in die wir uns heute kaum noch hineinversetzen können. „(Aus „Dr. Fuchß. Hat die Bibel recht?" S. 73, ersch. 1958)".Ein weiteres Beispiel des damaligen Teufelsglaubens fand ich in einem Gerichtsprotokoll des Amtes Lauchstädt v. J. 1530. Die Niederschrift des stellvertretenden Amtmannes, des klugen Geleitsmannes Böhme berichtet von der Flucht eines im Turm des Lauchstädter Schlosses, dem Amtsgefängnis (wörtlich in jetziger Sprache): „Ich halte dafür, es werde ihn der Teufel herausgeführt haben, denn es ist unmöglich, daß ein Mensch sonst ohne Hilfe herauskommen mochte. Geschehen dienstags nach Oculi Anno Domini 1530 am hellen Tage". Dem Böhme kamen aber doch Zweifel an seinem Dafürhalten; denn in seiner Randschrift nach mehreren Tagen zufolge hatte er eine Wahrsagerin aufgesucht: „Die kluge Frau zu Weißenschirmbach sagte, er (der Flüchtling) habe den Teufel gebannt, welcher ihn aus dem Turm geführt". Trotzdem kam dem Böhme die ganze Sache verdächtig vor, er hatte sich dem Wächter, den Amtslandknecht „vorgeknöpft" und dabei festgestellt, daß dieser dem Gefangenen zur Flucht verholfen hatte. Der bestechliche Landknecht kam nun in den Turm und wurde später aus seinem Dienst entlassen, und die „Schärfe des Rechts" wurde ihm unter gewissen Bedingungen erlassen.
Die „kluge Frau" in Weißenschirmbach belehrte dem damaligen Glauben gemäß den Geleitsmann, daß der gefangene Straßenräuber mit dem Teufel im Bunde gewesen sei. Man glaubte, man könne unter Beschwörungsformeln den Teufel „bannen", d. h. man könne ihn herbeirufen und mit ihm einen Vertrag abschließen. Diesen müsse man mit seinem Blute unterschreiben und die Seele dem Teufel „verschreiben". Das entsprach der Auffassung der Zeit, daß das rote, warme Blut der Sitz der Seele sei. Der Teufel sollte vor allem dafür Reichtum bringen. In Obernessa hieß es, man könne auf einem Kreuzweg einen Schatz graben, indem man zur Mitternacht dort seinen Zauberspruch sagt, wie eben der mittelalterliche Glaube gewesen ist, der natürlich in unserer Zeit nicht mehr bestand. Wie gern hätte mancher Mensch das Glück gehabt, einen Topf voller Goldstücke zu finden. Früher brachte man in unsicheren Kriegszeiten den aufgesparten Reichtum durch Vergaben in das sicherste Versteck. Bei Rosenhahns im Garten stand um 1900
ein großer alter Birnbaum. Wer um Mitternacht dort vorüberging, konnte es der Sage nach oft rufen hören: „Tupp, Tupp, Tupp!" ( =Topf) Man munkelte, daß unter den Wurzeln des Baumes ein Geldtopf stecke. Aus diesem ertöne der geheimnisvolle lockende Ruf. Ob aber jemand versucht hat, den Topf zu heben, wußte der Volksmund nicht zu berichten. Dem Glauben nach konnte der Teufel auch die Gestalt eines Großen schwarzen Hundes mit glühenden Augen annehmen. Die Ortssage berichtet von diesem seinem Auftreten in der engen Gasse von Dorfesmitte nach dem Kieswege zu. Als „Aufhocker" müsse man ihn zur die ganze Gasse hindurch tragen. Die Angst vor dem bösem Geist erschreckte selbst vernünftige Erwachsene. Als einmal um 1920 zwei Bauersfamilien von einem „Kränzchen" in der Schenke durch die Gasse nachhause ins Kapellenende nächtlicherweile gegangen sind, ist ein schwarzes Tier gekommen. Als sie nähergekommen waren, erkannten sie zu ihrer Beruhigung Müllers altes Schwein.
Von Hexen
Auch die Hexen hatten nach dem früheren Glauben ein bestimmtes Aussehen. Meistens stellte man sie sich bei uns als eine alte häßliche Frau mit stechenden schwarzen Augen vor. Sie hatte den bösen Blick. Mit ihm behexte sie Menschen und Vieh und verursachte an den damit Betroffenen Krankheiten und andere Schäden an ihrem Besitz. Wer kennt den Ausdruck „Hexenschuß", die Bezeichnung für plötzlich auftretende höchst schmerzhafte Entzündung des Rückennerves. Diese Erkrankung schrieb man den Hexen als Untat zu. Ein älteres Schulkind in Obernessa erzählte: Als ich noch klein war, trug mich meine Mutter noch auf dem Arm. Die alte Nachbarsfrau kam dann auf meine Mutter zu, wenn sie uns sah. Sie hatte so giftige dunkle Augen. Zuerst hat sie mich gestreichelt und dann jedesmal getätschelt (=leicht geschlagen). Damit hat sie mich verhext. Hatten wir Stroh geholt, kam sie auch zu uns. Da nahm sie aus einem Bündel einen Strohhalm mit. Meine Mutter sagte: „Sie hat das Glück mitgenommen!" Und hatte eine solche Alte eine schwarze Katze, dann mußte eben dieses Tier der Drache, ihr Hausgeist sein, welcher ihr dienstbar war. Besaß ein Bauer mit Vorliebe schwarze Pferde, dann mußte das auch das Anzeichen vom Drachen in dessen Gehört sein.
Wenn im Herbst der Wind heult, heißt es bei uns: „Die Hexe tanzt im Ofen ‘rum, da wird’s kalt!" Gegen die Schädigungen durch das Behexen oder Beschreien gab es in den Dörfern verschiedene Mittel. Wenn sich die Gänse gegenseitig die Federn vom Rücken abfraßen, Hieß es: „Sie sind beschrieen!" Als Heilmittel dagegen sollte man ihnen Erde vom Grab des zuletzt beerdigten Menschen ins Fressen tun. Dagegen war es ein einfacheres Mittel, ihnen Pfeffer auf den Rücken zu streuen. Eigenartigerweise glaubte man , das Vieh gegen die ansteckende Maul - und Klauenseuche schon seit mittelalterlicher Zeit dadurch zu schützen, daß man zwischen das Milchvieh einen stinkenden Ziegenbock steckte. Dessen Ausdünstungen sollten die Seuche fernhalten. Auch glaubte man, wenn man andauernd „den Schlucken" hat, daß jemand einen Böses gewünscht hatte. Der böse Zauber kann dadurch gelöst werden, daß man an irgend jemand denken und a dabei seinen Namen nennen muß.
Als Versammlungsort der Hexen galten der Brocken und der Hexentanzplatz im Harz. In der Walpurgisnacht reiten sie auf Besenstielen zum Schornstein hinaus, oder auch der Ziegenbock ist ihr Reittier.
Bei einem Bauer in der Mitte unseres Dorfes konnte man um 1914 nach dem 30. April an den Türen seiner Viehställe drei Kreidekreuze sehen. Er hatte an diesem Tage, dem Walpurgistage, das Vieh bis sechs Uhr abends gefüttert, die Türen dann abgeriegelt und die Kreuze sorgsam als Schutzmittel gemalt, damit seine Tiere bei dem nächtlichen Hexenritt nicht behext werden sollten. In dieser Nacht öffnete er auch niemals eine Stalltür, damit das Vieh keinen Schaden erleiden sollte.- Vieh darf man auch nicht mit dem Besen schlagen, um zu verhüten, daß es abmagert. Die Zigeunerweiber schreckt man damit vor ihrem unerwünschten Besuch der Gehöfte ab, daß man einen Besen vor das Tor stellte. Windstille war den Müller verhaßt. Sollte aber der Wind zum Treiben der Windmühlenflügel gehen, verbrannten sie einen Besen im Ofen. Dem Aberglauben zufolge Verwandelten sich die Hexen besonders gern in Katzen. Die Katze war das Lieblingstier der Göttin Freia, der Frau Holle im Märchen. Die Hexen konnten sich auch unsichtbar machen.
Luther glaubte auch an Hexen. Er hat erzählt, wie eine Hexe seiner Mutter geschadet habe. Er schalt auch einmal auf die Rechtsgelehrten, daß sie die Zauberei der Hexen nicht bestraften. Selbst gelehrte und hohe Standesherren unterlagen dem Hexenglauben Der evangelische Kurfürst August von Sachsen und Herzog Ernst der Fromme handelten in ehrlichem Wahn, wenn sie scharf gegen die Hexen vorgingen, weil sie es für ihre heilige Pflicht hielten, die greulichen Zauberinnen in ihrem Land auszurotten. (Nach „Gebhardt, Thüringische Kirchengeschichte 1881" S. 358). Es ist bekannt, daß im Mittelalter unzählige Hexenverbrennungen infolge des scheußlichen Aberglaubens erfolgten. Selbst junge, schöne Frauen wurden als Hexen verdächtigt. Muttermale, Leberflecke an ihrem Körper waren die angeblichen Hexenzeichen. Wurden diese bei ihnen bei den Leibesuntersuchungen entdeckt, so waren die armen Opfer der Folter und dem Feuertode verfallen. Im Amt Lauchstädt fand i. J. 1604 mit der Verbrennung von zwei Frauen die letzte Hinrichtung dieser Art statt. Noch sogar 1651, nach dem 30jährigen Krieg, wurden in Teuchern zwei Frauen aus Krauschwitz gefangengesetzt. Sie sollten mit dem Teufel im Bunde gestanden und Hexerei getrieben haben. Sie wurden gefoltert, gehängt und unter dem Galgen begraben. (Bericht in Otto’s Topographie 1795)
Von Nixen, den Wassergeistern
Das Wasser erquickt, erfrischt und labt die Menschen. In dem Nessabächlein und seinen Quellen holten die liebenden Mädchen in der Geisterstunde der Osternacht das segenbringende Osterwasser, das ihnen nicht nur Gesundheit, sondern auch nach dem Waschen Jugendfrische und Schönheit verleihen sollte. Das Schöpfen des Osterwassers fand noch um 1920 vereinzelt statt. Ein mir befreundeter Landwirt holte sich in jedem Frühjahr aus dem Wasser der Wiesenquelle das Heil -und Würzkraut der Brunnenkresse. Doch konnte unsere kleine Nessa auch in blinder Wut die Häuser im Kapellenende zerstören, wie die vielfachen Berichte im geschichtlichen Teile dieses Heimatbuches beweisen. Das Wasser konnte dem Glauben nach nicht allein Schuld sein, nein, die Geister des Wassers wollen ihr Opfer haben: der Nix oder die Nixe.
Der Nixenglaube ist über ganz Deutschland verbreitet, und wunderschöne Sagen künden überall von ihm. Bei uns warnt man die Kinder, zu nahe an das Wasser und an die Quelle zu gehen. Die Sagen berichten allerorts, daß die Nixen gern kleine Kinder rauben und dafür ihre Kinder, die Wechselbälge, hinlegen. Aber die Sagen erklären auch, daß ein Sonntagskind die Geraubten erlösen könne- das ist aber nur in einer Nacht zu Johanni möglich, wenn diese zugleich eine Vollmondnacht ist.
Unsere Ortssage von der Wiesenquelle berichtet, daß in ihr einst eine Brautkutsche versunken sei. Doch wird das ohne jegliches Beiwerk erzählt. In Unternessa erzählt man, daß im dortigen Rittergutsteiche ein Reiter in dunkler Nacht versunken sein soll. Das gleiche wird auch in Posendorf berichtet, wo ein Reiter in der Quelle vor alten Zeiten versunken ist.
Den Wassergeistern brachte man in grauer Vorzeit zur Feier der Sommersonnenwende Opfergaben - ja sogar Menschenopfer - um sie zu besänftigen.
Von anderen Geistern und Gespenstern
Geradezu als eine Unsitte ist es zu bezeichnen, wenn Eltern und andere Erwachsene die Kinder im Nessatale mit dem Mummanz schrecken. Man will sie beim Dunkelwerden im Haus halten: „Geht nicht hinaus, der Mummanz steckt euch in den Sack!" Nur ungern gehen dann die Kinder am dunklen Hauskeller vorüber, und im dunklen Schlafzimmer graulen sich die Kleinen. In Lauchstädt ist der Kinderschreck der „Schwarze Mann". Auch der Teufel wurde „der Schwarze" genannt. In der Wortverwandtschaft „Mummenschanz", „Mupitz", „einmummeln" stecken der Sinn des Verhüllens, Maskierens. Der Mummanz ist als eine verhüllte, unheimliche Gestalt zu denken.
Dagegen ist das Sandmännchen ein überaus freundlicher Hausgeist. Er wird jetzt, um 1960, täglich mit dem Abendgruß des Rundfunks und im Fernsehen für die Kinder propagiert. Nach den Aufwachen der Kleinen am frühen Morgen reiben sie sich die griesige Absonderung aus den Augen. Früher fragten sie die Großmutter, woher das komme. Sie beschied sie freundlich: „Das ist Sand, den hat der Sandmann in die Augen gestreut, daß ihr schlafen sollt!" Der Sandmann vor 100 Jahren war aber wirklich ein bekannter Handelsmann, der mit Geschirr und einer Ladung weißen Sand durch die Straßen und Gassen des Dorfes fuhr. Die Hausfrauen nahmen ihm ihren Vorrat ab und bestreuten sonnabends zumal vor den Festtagen die weißgescheuerten Dielen der Stuben mit dem feinen weißen Sand. Noch ehe es einen Rundfunk gab, tanzten die kleinen Kinder in den Schulpausen oder bei Kinderfesten in Obernessa und überall in Mitteldeutschland den wohlbekannten Reigen:
„Der Sandmann ist da, der Sandmann ist da,
er hat den schönen weißen Sand,
bei allen Kindern wohlbekannt,
der Sandmann ist da!"
Hierbei stellten sie sich gegenüber in zwei Reihen auf, unter dem mit Händeklatschen begleiteten Gesang tanzten sie paarweise durch die so gebildete Gasse hindurch.
Ein ebenso mit menschlicher Gestalt gedachter Hausgeist wird jetzt in den Schulen in den Liedstunden besungen. Dem Lied liegt als Text ein alter Kinderreim zugrunde:
„Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann
in unserm Haus herum, didldum,
er rüttelt sich und schüttelt sich,
er wirft sein Säcklein hinter sich.
Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann in unserm Haus herum!"
Dieser kleine Geist, mit dem man in Thüringen und Hessen die Kinder zu fürchten macht, ist identisch mit dem Kobold und dem Poltergeist, der im Haus weilt, von dem man sagt: „Es spukt!" Die Redewendung „Mache keinen Spuk!" = Lärme nicht! erinnert an diesen Glauben. In Sagen und Märchen treten diese Geisterchen als Rumpelstilzchen, Zwerge und Wichtelmänner in Erscheinung.
Oft droht man aber auch mit den Worten: „Dich soll doch gleich der Popanz holen!" Diese Schreckgestalt trat aber (lt. Kluge, Etymologisches Wörterbuch) erst im 16. Jahrhundert im östlichen Mitteldeutschland auf und ist in Süddeutschland immer fremd geblieben. Seine Herkunft ist vermutlich in der tschechischen Schreckgestalt Bubak zu suchen. An diesen Namen klingt der in unserer Heimat bekannte „Pumpan" und „Bimbam" an. Ein bei uns von den Kindern gebrauchter unanständiger Abzählreim erinnert an ihn:
„Es war ämal ä Mann,
där hieß Bimbam,
Bimbam hieß ä, große F...ze ließ ä,
kleene jab ä zu,
un raus bist du"
Im Wethautal ist der „Pumphut" eine bekannte Sagengestalt, der als tüchtiger Zauberer bei den Müllern des Tales mit übergroßen Kräften als ihr Mühlknappe geholfen hat. Solche Pumphutsagen sind auch im Voigtland und in der Lausitz bekannt.
Überall in Mitteldeutschland baut man auf Saatfeldern und auch auf Kirschbäumen eine Puppe auf. Einem Holzgestell zieht man eine alte zerlumpte Jacke über und stülpt einen abgeschabten Hut darüber. Mit diesem „Popelmann" will man Sperlinge und Stare und andere Vögel abschrecken. In Lauchstädt sagt man dafür „eine Vogelscheuche". Dort versteht man aber unter dem Popelmann etwas ganz anderes. Befanden sich um 1900 die Bauern auf dem Felde bei der Erntearbeit, so sahen sie mit großer Besorgnis zum Himmel, wenn von Westen her ein schwarze Wetterwand heraufzog. Da sagten sie: „Da kommt ein Popelmann!" Er bringt Blitz und Donner, Regen und Hagelschlag. Die germanischen Altvordern bezeichneten mit dieser Naturerscheinung die Sturmriesen,welche in Scharen durch die Lüfte reiten und Unheil anrichten. Der Windgott war Wodan: Er trägt einen breitkrämpigen Hut und einen wallenden Mandel; das sind die verhüllenden, dunklen, flatternden Wolken. Nach ihnen trägt er in Norddeutschland den Namen „Hackelbernd" (althochdeutsch hachul= Mantel, in Thüringen sagt man „einhucheln"= einhüllen, bernd, bern=ahd. für tragen)
Ob mit letzterem Namen der um 1900 in Lauchstädt gebräuchliche Ausdruck „Häkelmann" identisch ist? Hier droht man ungewaschenen Kindern, die vor allem oft schmutzige Hände hatten: „Du kriegst den Häkelmann, der nimmt dich mit!" (eine Krankheit?) Doch haben die Riesen häufig auch etwas Plumpes und Gutmütiges, wie oft auch große Menschen. So warnte man in Lauchstädt merkwürdigerweise die Kinder vor „Rübezahl", vor dem im Riesengebirge hausenden Herrn des Wetters und der Winde ( Rübezahl= mittelhochdeutsch = Rübezagel, Zagel = Schwanz, daher: Rübenschwanz)
Ob der Pflaumentoffel, der im Nessatal in der Vorweihnachtszeit den Kindern geschenkt wird, mit dem Knecht Ruprecht und dem Nikolaus gleichzusetzen ist, müßte noch gedeutet werden. Diese beiden letzteren Gestalten stellen bestimmt die Wodansfigur dar, die in christliche Form übernommen wurde. In den Bildern zur Deutschen Volkskunde von Prof. Adolf Spamer ist der Pflaumentoffel in Sachsen bräuchlich und wird als zum Kinderspielzeug verharmloste Dämonengestalt gedeutet.
Der Glaube an Feldgeister ist bereits im Kapitel über Erntebräuche erörtert. Im Nessatale ist der „Kornmann" die Schreckgestalt, welche im reifenden Getreide haust. In Lauchstädt nennt man sie den Kornengel.
Die Feldgeister sind es, die auf dem Felde Frucht und Gedeihen schaffen. Der Windgott Wodan führte dem Glauben der Germanen gemäß den fruchtbaren Regen herbei. Er ist „der Alte", der in die letzten Halme als Korngeist flüchtet, wenn das Korn geschnitten ist. Um 1920 hielten in Obernessa noch drei oder vier größere Bauernwirtschaften an dem alten Brauch fest, die letzten Halme zusammenzubinden und mit einem Feldblumenstrauß zu schmücken. Die Knechte und Mägde hüpften unter Scherzworten über diese „Scheune" hinweg. Sie nannten sie auch den „Alten". Der „Alte" blieb stehen bis die Stoppel geackert wurden. Andere Wirtschaften schmückten die letzte Hafergarbe mit einem Blumenstrauß und stellten sie auf dem letzten Erntefuder mit Hilfe der Reichgabel (mundartl. „Reejawl" oder „Langkjawl") aufrecht. Allgemein wurde bei uns nach dem Einfahren des letzten Fuders als Vorfeier des Erntefestes die „Erntepolze" gefeiert. In Lauchstädt nannte man sie den „Haferkranz". Die Germanen verehrten auch Donar als den Gott des Ackerbaues und der Fluren. Mit Blitz und Donner bringt er den Saaten durch Regen den Segen, durch Hagel das Verderben. Dieser Gott wurde als mit einem Bockgespann über die Wolken fahrend gedacht. Dem entspricht der Aberglaube, wenn man bei den Letzten Schwaden am Ende der Getreidemahd rief: „Paßt auf, jetzt kommt die Zicke (=Ziege) heraus!" Die dem Donar heiligen Tiere; der Bock, der Hahn und die Gans, waren bei den germanischen Erntefesten die geweihten Opfertiere. Jetzt bilden sie bei unseren Erntefesten und der Kirmes den Festbraten. Auf den Hahn führt man das Kinderspiel des Hahn- oder Topfschlagens zurück. Ursprünglich wurde mancherorts ein leibhaftiger Hahn mit auf das Erntefeld genommen, versteckte ihn in einen Kranz aus der letzten Garbe und schlug ihn tot. Der dem Donar heilige Vogel hat nach altem Glauben ersprießlichen Einfluß auf die Witterung und damit auf Ernte und Wohlstand, darum wurde er seit den ältesten Zeiten als Schützer und Segensspender auf Häuser und Türmen aufgepflanzt. Der Wetterhahn auf dem Obernessaer Kirchendach zeigt die Jahreszahl 1700, es war das Jahr, in welchem das Kirchhaus überhöht gebaut wurde.
Von Gespenstern
Die Nacht ist des Tages Feind. Zu Mitternacht ist die Geisterstunde, da gehen die Geister um. In Obernessa und andernorts hat man Angst vor dem Umgehen der Verstorbenen, wie die Bräuche bei Tod und Begräbnis nachweisen. Als einen „Wiedergänger" nannte man um 1920 in Obernessa den „Pfeifer", welcher vor Hundert Jahren ein Anwohner an der Gasse nach dem Kiesweg zu war. Druckgeister springen als „Aufhocker" auf den Rücken des einsamen Wanderers und drücken ihn wie eine unsagbar schwere Last. Einen solchen Aufhocker glaubte man auch als einen schwarzen Hund - wie bereits erwähnt - durch diese Gasse tragen zu müssen. So ist im Volksglauben die Gasse ein verrufener Ort. Man fürchtet sich auch, zu mitternächtlicher Stunde über den Friedhof zu gehen. Da könnten einem nebelhaft weiße Gestalten als Gespenster erscheinen, es wären die Geister der Verstorbenen. Man sagt, daß es auch am Mägdegrab nachts nicht geheuer sein soll.
Bekannt ist auch die Sage von den Meinsitzwiesen, wo zufolge in alten Zeiten nach dem Untergange des Dorfes in einem Kriege als einziger überlebender Einwohner der Pfarrer aus seinem Brunnenversteck gestiegen ist. Jetzt soll er Gespenst mit dem Kopf unter dem Arm den nächtlichen Wanderer durch sein Erscheinen schrecken. In der Wolfsschlucht bei Teuchern schreckt dem Aberglauben nach ein Jagdhund ohne Kopf die Nacht Nachhauseeilenden. In Pauscha spukt in manchen Gehöften der ehemalige tolle Rittergutsbesitzer, welcher im Übermut nach der Sonne geschossen hatte.
Von Schutzmaßnahmen gegen böse Einflüsse
Gegen Unglück, Krankheit und andere Nöte des Lebens wurde das „Versprechen" und das Heilen durch Kräuter und Pulver angewandt. Die klugen alten Frauen stützten sich beim Versprechen mit dem nötigen Brimbrorium auf den Wunderglauben derer, welcher sie herbeiholten. Lobte man das Aussehen und den Gesundheitszustand der kleinen Kinder deren Mütter gegenüber, so sagte man dabei „unberufen". Ebenso gebrauchte man dieses Wort,
wenn man einem Bauer gegenüber sein Vieh bewunderte. Schon dem eigenen Segen mit diesem Wort wohnte Zauberkraft inne, es bedeutete die Abwehr des „Besprechens".
Wenn durch eine Verletzung starke Blutungen eingetreten waren, mußte man die Wunde zudrücken, am besten mit einem Schlüssel, dieser mußte aber ein Erdschlüssel sein.
Die erste blühende Kornähre, die du siehst, ziehst du zwischen den Lippen hindurch, sie schützt vor Fieber.
Die Hausmittel, welche in Obernessa allgemein als Heilmittel gebraucht werden, sind die Teekräuter von Kamille, Pfefferminze, Lindenblüten und Fliederblüten (vom Holunder). Diese Teearten sind seit alters bekannt. Die echte Kamille brauchten die Bauersfrauen noch um 1920 aus der aus der Feldflur, wo sie als Wildpflanze wuchs, mit nachhause. Die Pfefferminze wuchs im Hausgarten. Die Linden des Dorfes und der überall wachsende Holunder lieferten kostenlos ihre Blüten dem, der sie ungehindert pflückte.
Im Mittelalter wurden als Verhütungsmittel gegen Krankheiten oft die scheußlichsten Mittel angewandt. Doch wurden seit uralten Zeiten als Heilmittel Kräuter und Wurzeln verwendet. Gegen die Pest gebrauchte man Pimpinelle und Baldrian. Doch diente die Wurzel der Pimpinelle auch gegen Verdauungsstörung von Dost (Dost=wilder Thymian) sollte gegen Hexerei schützen. Rosmarin wurde beim Versprechen der Zahnrose als Heilmittel benutzt. Ob der Rosmarinzweig und die Zitrone, welche noch um 1920 bei Begräbnissen an den Pfarrer, den Kantor und die Träger des Sarges ausgeteilt wurden, als Schutzmittel gegenansteckende Krankheiten gebraucht wurden, ließ sich nicht mehr ermitteln.
Der sächsische Hauskalender v. J. 1806 verschiedene Hausmittel, um Verletzungen und Krankheiten zu heilen. So z. B. führt er an: „Eine gute Brandsalbe. Nimm Leinöl, Sahne oder Rahm von der Milch, ein Eydotter, mache eine Salbe davon, schmiere es auf einen Lappen, wische den Eyter rein aus und lege morgens und abens die Salbe auf".
„Ein Trank wider den Husten. Nim 1Loth Süßholz, 1Loth Bertram, 1Loth Anis, 1Loth Zuckerkand, 1 Nößel Wein, 1Nößel Wasser, thue alles in eine zinnerne Kanne, setze es in einen Kessel voll Wasser, laß es eine halbe Stunde lang sieden, trinke sodann Abends und Morgens davon".
„Mittel für geschwollene Mandeln und Zapfen. Siede etliche Feigen zerschnitten, und eine Handvoll Hanfkörner, auch ein wenig Blüte von Hahnbutten, oder Hollunderblüthe in Milch, versüße solche mit Zucker, und gurgle dich öfters damit warm".
„Das Bluten der Wunden zu stillen. Das Gliederkraut ist so kräftig, daß es das Blut in frischen Wunden, sobald mans auflegt, stillet".
„Salben, welche schnell und gut heilen. Nimm 2 Pfund Wachs, 1Pfund Harz, 1Pfund Inselt, ein halb Pfund Ochsenmark, 4 Loth Grünspan, etwas Eyeröl, Weihrauch und Myrrhen, mache daraus die Salbe.
Desgleichen nimm Baumöl, Bleyweiß, Silberglätte, Rosenwasser, reibe es zusammen auf einem Stein, mit Mastix und Weihrauch".
Auch für die Behandlung der Tiere gab es Hausmittel. Die „Augenselle" der Pferde wurde mit dem Gemenge von Salz und zerstoßenen Kornraden behandelt, man streut es den Tieren in die Augen. Für diese Krankheit wurde auch Hasenschmalz empfohlen. Verrenkungen der Pferde heilte man mit Heusamen, welcher in Bier gewärmt wurde und band ihn Auf die verrenkte Ader".
„Mittel für die Schaafe, wenn sie schäbicht oder rotzig werden. Nimm Ochsenzungenwurzel, ohne das Kraut, schneide sie klein, dörre sie im Backofen, stoße sie hernach zu Pulver und siede sie. Dieses Pulver kannst du sodann den Schaafen in Salz zu lecken geben".
Gegen Viehkrankheiten wandte man auch Tee von der Hauhechel an. Aus diesen Proben aus dem alten Volkskalender ersieht man einesteils, wie die Natur die Volksmedizin für die Menschen und für ihre Haustiere lieferte. Man kann sich nun auch erklären, daß die klugen alten Frauen ihre beim Erfolge beim Versprechen nicht durch ihre Segensformeln mit dem Anschein der Zauberei sondern durch die von ihnen verwendeten Pulver und Salben als Heilmittel erzielten. Die Menschen wandten noch in jüngerer Zeit z. B. gegen Bleichsucht auch Tee von Johanniskraut an. Gegen Erkältungskrankheiten des Halses und auch gegen Leibschmerzen legte man auch noch um 1920 erwärmte Leinsamen in dicken Packungen auf die leidenden Körperteile. Zu Beginn unseres Jahrhunderts veranlaßten die Mütter ihre Kinder, als wirksames Mittel gegen Darmwürmer rohe Möhren zu essen. Gegen ein chronisches inneres Leiden nahm man in Mitteldeutschland um 1920 mit Heilerfolg Hamsterfett ein.
Die Volksmedizin hat Erfolge zu verzeichnen, die diese Heilweise nicht wegleugnen lassen und auch wissenschaftlich zu erklären sind. Viele heutige Medikamente sind aus Pflanzensäften in konzentrierter Form zusammengesetzt.
Halfen die gebräuchlichen Mittel nicht bei allen Gebrechen, so suchte man um 1920 sehr häufig statt des Arztes die Frau eines alten Bahnarbeiters in Weißenfels in der Naumburger Straße auf. Diese heilte angeblich durch schadlose homöopathische Mittel, wobei sie ihren Kunden die Krankheit wohl durch angebliche Augendiagnose festzustellen. Sie gab dann Pillen und Pülverchen als Heilmittel ab.
Der Aberglaube wird wohl nie auszurotten sein. Während der langen schweren Zeiten des Dreißgjährigen Krieges hatte er in üppiger Blüte gestanden. Nach dem Kriege wurden seine verschiedensten Erscheinungen durch Landesverordnungen verboten. Neben Gotteslästerungen, Fluchen und Schwören wurden das Verwünschen, die Zauberei, das Segensprechen unter Mißbrauch von Gottes Namen, die Wahrsagerei, die Gemeinschaft mit dem Teufel und das „Kristallsehen" untersagt. Beim Kristallsehen zauberte man den Teufel in ein Glas, zeigte etwas Gestohlenes im Wasser oder in einem Kristall, und man unterfing sich, künftige Dinge auf ungewöhnliche Weise zu offenbaren. Auch Luther warnte in seiner Erklärung des 2. Gebotes im Katechismus von dem „Fluchen, Schwören, Zaubern, Lügen oder Trügen". Zeugnisse von dem Segensprechen bei Krankheit aus der Zeit vor hundert Jahren sind bereits wortwörtlich zuvor gebracht. Ob die Himmelsbriefe, die vor allem auch die Teilnehmer an den Kriegen vor Schäden behüten sollen, auch im letzten Weltkriege 1939 geschrieben wurden, mag dahingestellt bleiben.
Vom Hausbau
Der Neubau eines Hauses ist für eine gewichtige Angelegenheit. Die Erstellung des Bauplanes wird einem Baumeister, bei uns oft einem Maurermeister aus Teuchern oder einem andern Ort der Umgebung, übergeben. Der Plan muß baupolizeilich genehmigt sein. Er wird dem Bauamt im Landratsamt eingereicht. Die Beschaffung der Baumaterialien „mit allem Drum und Dran" bereitete dem Erbauer nach beiden verlorenen Kriegen 1918 und 1945 oft viel Schwierigkeiten.
Sind die Wände des Rohbaues hochgemauert, haben die Zimmerleute die Balken des Daches, den Dachstuhl, gesetzt, dann wird das Richtfest gefeiert. Vor 1914 wurde hierzu Kuchen gebacken; und war der Bauherr ein Landwirt, so wurde gar ein Schwein oder ein Kalb zum Richtschmaus geschlachtet. Ein Faß Bier gehörte dazu. Der Zimmermeister mit seinen Gesellen und Lehrjungen erschien. Auch die Nachbarn und Freunde, die bei den Sand- und anderen Baufuhren geholfen hatten, waren eingeladen. Die Zimmerleute banden auf der Spitze des Giebels eine Maie fest und schmückten sie mit einem Blumenstrauß. Die Zimmerleute stellten sich oben hin, der Zimmerpolier sprach den Richtspruch in Form eines Gedichts. Hierbei begleitete er jede betonte Stelle mit dem Schlag des Beilrückens auf einen Balken. Zum Schluß wurde von ihnen das fromme Lied „Nun danket alle Gott" gesungen. Nun ließ der Altgeselle den Bauherrn, den Maurer und den Zimmermeister hochleben. Zum Schluß taufte er oder gar der Meister das neue Haus, indem er eine gefüllte Flasche oder ein Bierglas am Mauerwerk entzwei schlug. „Scherben bringen Glück!" Früher wurden für die Zimmerleute an die Birke Kacken, Westen und Halstücher gehängt. Um 1920 gab es beim Richtfest als Bewirtung Kaffee und Kuchen sowie die nötige Menge Bier. Neuerdings zeigt nur ein Fichtenbäumchen oder ein Kranz aus Tannenzweigen hoch auf dem Dachfirst (=mdart. „Forscht") die vollendete Aufrichtung des Dachgerüstes an. Während der Bauzeit eines neuen Wohnhauses herrschte in der Notunterkunft eine gewisse Ungemütlichkeit. Wenn von auswärts Besucher kamen, entschuldigte man sich bei ihnen, besondere Umstände machen zu müssen, man sagte ihnen in unserer Mundart statt „Bei uns wird gebaut"; „Mar ham ‘n Bauich!"
Der Witterung während der Bauzeit wurde auch Bedeutung beigemessen: Regnete es in den offenen Neubau hinein, dann bedeutete das kommenden Reichtum. Bei den Maurern und Zimmerleuten war es Sitte, jeden Fremden, der den Bau betrat, „anzubinden". Durch den Faden um den Arm nötigt man ihn,sich durch ein Trinkgeld zu lösen.
Der Hausbesitzer ließ bei der Grundsteinlegung irgend ein Schreiben, einige Münzen oder gar sein und seiner Familie Foto mit einmauern. Bei der Grundsteinlegung der zweiten Schule i. J. 1925 wurde eine Zeitgeschichtliche Urkunde über die Umstände der notgedrungenen Erstehung des Baues sowie Notgeld und Inflationsgeldscheine mit eingemauert. Früher ließ der Hausbesitzer in der Regel eine Hausinschrift in eine Steintafel meißeln und diese an der Hausfront mit einbauen. Am häufigsten findet man den kurzen Vermerk: „Mit Gott erbaut von- - (folgt Name und Jahreszahl)". Am Hause von Seeser- Todte findet man den bereits an anderer Stelle erwähnten tiefsinnigen Spruch:
„Dies Haus ist mein und doch nicht mein,
der vor mir war, auch es war sein.
Er ging hinaus und ich herein,
nach meinem Tod wird’s auch so sein!"
Am Hause von Oswald Schumann am Teiche erinnert innerhalb des Hofraumes angebracht der ehemalige Neubau des Jahres 1883 an seine Entstehung als Folge eines Brandes:
„Dies Haus, Herr, steht in deiner Hand,
das alte ward mir weggebrant.
Ob’s Leichtsinn oder Bosheit war,
das macht dein Aug’ einst offenbar.
Erbaut im Jahre 1883
von Friedrich Hermann Schumann".
Das Ziegelsteinhaus von Robert Büchner im Kapellenende aus der Zeit um 1910 zeigt den bemerkenswerten Hausspruch:
„Wer da bauen will an der Straßen,
der muß die Leute reden lassen".
Im Kapellenende hieß in sehr alter Zeit ein Eckgehöft „die Neidecke". Dieser Name deckt sich mit der vorgenannten Inschrift. Der Volksmund aber sagt: „Viele Neider - viel Glück!"
Sehr deutlich fertigt der Hausspruch an Artur Reicharts Hause in Dippelsdorf die Neider und vielleicht gar die Verleumder- aber auch im Guten die Wohlgesinnten- mit den Worten ab:
„Ein jeder wünsch mir was er will,
ich wünsche ihm nochmal soviel!"
Eine interessante zeitgeschichtliche Besonderheit ist an dem ehemals dem Rittergute gehörenden Hause am oberen Teiche am Anger die Sonnenuhr. Allerdings fehlt an ihr jetzt der Zeiger. Sie stammt sicherlich aus der Zeit, da es in Obernessa noch keine Uhren gab. Man weiß, daß zwar die großen Räderuhren im frühesten Mittelalter erfunden wurden, daß aber erst i. J. 1695-also vor 250 Jahren- die erste Kirchenuhr in Obernessa beschafft wurde. Die ersten Taschenuhren kamen um 1500 in Nürnberg auf den Markt. Noch lange Zeit benutzte z. B. die Pfarrer auf der sonntäglichen Kanzel bei den Predigen die Sanduhr.
Auf manchen Wirtschaftsgebäuden in Obernessa ist aber die Wetterfahne als besonderes Kennzeichen zu bemerken. Von der mythologischen Bedeutung des Turmhahnes, der Wetterfahne auf dem Kirchendache, ist bereits berichtet. Zweifellos sah man in diesen Wächtern auf den Gebäuden einen Schutz vor Blitz- und Feuersgefahr. Dieselbe vermeintliche Aufgabe hatte auch der auf Torpfeilern angepflanzte Hauswurz, der z. B. beim Gehöft Emil Todte in der Pegauer Straße um 1920 zu sehen war.
Beim Einzug in das neue Haus bestand vor mehr als zweihundert Jahren die Sitte, es mit Bibel und Gesangbuch und bei Gesang eines frommen Liedes zu betreten. Die Hausfrau brachte als erste und wichtigste Bedarfsgegenstände Brot und Salz mit. Das Feuer im Küchenherd wurde entzündet, die Insassen mußten ins hell lodernde Feuer sehen. Den Träumen in der ersten Nacht im neuen Haus maß man Bedeutung zu - sie sollten in Erfüllung gehen. Ebenso galt
dieses „Aber" den Mietsleuten beim Umzug und Einzug in ihre neue Wohnung.
Einer gewissen Zeremonie hatte sich i. J. 1798 der Erbe des Rittergutes, der „Kurfürstliche Sächsische Akzisinspektor und Stadtschreiber in Eilenburg Georg Jakob Freygang" zu unterziehen. Bei der Gutsübernahme hatte er einen Span aus der Haustür des Herrschaftshauses auszuschneiden, davon in der Küche Feuer anzumachen und endlich auf der Rittergutswiese einige Rasenstücke auszustechen. Es geschah im Beisein der Vertreter seines Ortsgerichts, dem Gerichtsdirektor, dem Ortsrichter und den beiden Schöffen. Da er das Gut durch Pächter bewirtschaften ließ, ließ er 1799 eine neue Pächterwohnung (= um 1920 Wohnung des Hofmeisters Otto Röder) erbauen. Der Besitzer und seine Frau hatten im Mai 1799 den Grundstein gelegt. Am 16. und 17. August wurde das neue Haus eingeweiht, „wobei die Gerichtsherrschaft nebst einer ansehnlichen Gesellschaft gegenwärtig waren und eine ehrenvolle Mahlzeit gaben".
Die Bauweise der einzelnen Gehöfte in unserer Gemeinde ist entsprechend der Zeit ihrer Entstehung verschiedenartig. Die Bauart der Bauernhäuser, welche mit der Giebelseite nach der Straße zu stehen, entspricht dem Wehrgedanken aus der Periode der fränkischen Ansiedlung um 1100 - die Häuser stehen natürlich nicht seit dieser Zeit. Weiterhin ist das mit spitzen Latten versehene Eingangstor, das noch dazu überdacht ist, die Erinnerung an diese Zeit: Der Schutz bei feindlichen Überfällen. Als Beispiel ist in der Zeitgeschichte der Chronik der Eingang zum Pfarrgehöft als Skizze beigefügt. In Unternessa ist das Tor beim Gehöft Mann neben der Kirche sogar mit steinernem rundem Bogen überbaut.
Als Material holte man sich früher aus den zunächst gelegenen Steinbrüchen, vielleicht aus Weißenfels oder z. B. aus Hassel bei Droyssig die Sandsteine für den Bau der Grundmauern. Dem weiteren Aufbau der Hauswände diente der heim’sche Lößboden aus der Lehmgrube, welche sich zuletzt in der Elme befand, so daß die dicken Wällerwände des Erdgeschosses dem Hause im Winter die wohlige Wärme erhielten. Die aufgestocken Häuser erhielten ein verschiedenartig geformtes Fachwerk aus Balken, welche im Mittelalter von den Kärrnern aus dem Holzlande oder vom Stapelplatz in Weißenfels an der Saale, an dem die Flöße aus dem Holzlande kamen, geliefert wurden. Das Fachwerk wurde durch kurze Staken und Lehm mit Stroh ausgefüllt. Zur Bedachung wurden dicke Lagen von Stroh benutzt. Das letzte Gehöft mit Strohdach in Obernessa- das Anwesen Pohle in der Pegauerstraße - wurde i. J. 1878 durch ein Brandunglück vernichtet. Der Brand wurde durch einen Feuerwerkskörper, einen sogenannten „Schwärmer", verursacht. Doch gab es schon vor dem 30jährigen Kriege auch Schindeldächer, wie in der Zeitgeschichte des Dorfes angeführt wurde. Das wichtigste Gebäude, die Kirche, erhielt damals sogar schon Ziegelbedachung. Die Dachziegel wurden damals aus einer Ziegelei des Ritterguts Langendorf bezogen. Das wohl fast einzige gepflegte Fachwerkhaus ist das der Familie Otto Blumentritt im Kapellenende.
Schon vor dem 30jährigen Kriege bestanden in Obernessa 60 Gebäude. Diese Zahl hielt sich nach dem damaligen Wiederaufbau nach 1648 bis Mitte des vorigen Jahrhunderts. Nach dem 1840 erfolgten Tode des reaktionären Preußenkönigs Friedrich Wilhelm 3. wurden mit dem Beginn der Durchführung von freiheitlichen Reformen, z. B. mit der Gewerbefreiheit, bei uns eine Reihe Neubauern aufgeführt. Damals entstanden u. a. eine Reihe von den kleinen einstöckigen Häuschen im Kapellenende und hinter der Schenke. Dann hob sich der Lebensstandard der Bevölkerung vor allem nach den gewonnenen Bismarckschen Kriegen 1864, 1866 und 1870. Die Bevölkerungszunahme erzeugte eine Belebung der Bautätigkeit. Im Verlaufe von zwei Generationen nach 1870 entstanden über zwanzig neue Gehöfte. 1915 zählte unsere Gemeinde 82 Hausnummern. Nunmehr hatten auch die schmucklosen Ziegelsteinbauten ihren Einzug gehalten.
Von der Arbeit
Die Soziologie (=Gesellschaftslehre) unserer Gemeinde ist im geschichtlichen Teile dieses Heimatbuches durchgehend berücksichtigt. die Aufteilung der Bevölkerung im frühen Mittelalter kannte die kleinbäuerlichen Sorbenbewohner vorzugsweise im Kapellenende, im Straßenviertel der Pegauer Straße die zugezogenen fränkischen Siedler, diese waren die ursprünglichen freien Bauern, und dazu den adligen Herren im Rittergut.
Jeder Einwohner war Landwirt, auch der Adlige. Die auf dem Felde, auf der Brache, auf der Wiese gewonnenen Rohstoffe und das Holz aus den Wäldern der weiteren Umgebung Mußten in Gebrauchsstoffe umgewandelt werden: in Nahrungsmittel, Kleider, Geräte und Werkzeuge. In den meisten Wirtschaften wurden viele Rohstoffe und Gebrauchsstoffe durch Eigenproduktion gewonnen und verarbeitet. Die Arbeiten bestanden in pflügen, säen, ernten, sieden, backen, Bier brauen, schlachten, kochen, räuchern, Wolle rupfen, Lein hecheln, spinnen, nähen, säumen, Häuser, Ställe, Schuppen bauen, zimmern, Geräte aus Holz zum Gebrauch in Stall, Scheune, Wohnung, Garten und Feld selbständig herstellen. Das Sprichwort „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann" war bis in die neuere Zeit noch tatkräftiges Zeugnis für die Eigenwirtschaft. Ich erinnere mich an die Zeit um 1900, in der z. B. selbst der Christbaum nach Weihnachten zu einem Quirl in Hausmacherarbeit zum Gebrauch bei der Großen Wäsche hergerichtet wurde. Die ältesten Handwerker waren nur der Müller und der Schmied. Wenn auch die Sorben in ihrer Gemeinschaft tüchtige Schmiede besaßen, kannten sie doch z. B. die eiserne Pflugschar nicht. Diese war das überlegene Werkzeug der landbebauenden fränkischen Siedler. Auch der katholische Laienpriester in unserer dörflichen Frühzeit war für seine Hauswirtschaft zugleich Bauer. So blieb bis ins späte Mittelalter in vielen Dingen für den Adligen, den Bauern und auch noch den evangelischen Pfarrer bei uns die Eigenproduktion für den Lebensstandard maßgebend. In Obernessa gab es dann als Handwerker neben dem Dorfschmied nur den Schneider.
Doch waren die Lebensansprüche im Zeitenfortschritt gestiegen. Die reine Eigenproduktion war nach Entstehung der Städte mit ihren Handwerkerzünften überholt. Die Handwerker von außerhalb wurden infolge der Arbeitsteilung der fortschreitenden Kultur zum Produzenten auch für die dörfliche Wirtschaft. Es erübrigt sich, die vielen Handwerke, die bis ins 19. Jahrhundert bestanden, im einzelnen aufzuzählen. Als einige wenige Beispiele führe ich Seiler, Riemer, Gürtler, Beutler, Handschuhmacher an. Manches dieser Handwerke erlernten auch Söhne des Dorfes, sie gingen als Lehrlinge in die Stadt.
Um 1650 war ein Gorbauch in Bitterfeld Seilermeiser, der nach dem großen Kriege auf sein mit Fronen und Zinsen belastetes Grundstück in Obernessa gern ohne Entschädigung verzichtete. Im Zeitalter der Entstehung der Maschinen und Fabriken nach 1800 erloschen die meisten alten Handwerke. Sie hatten bei uns auch keine Vertretung gefunden.
Um 1910 gab es im Dienste der Bevölkerung unseres Dorfes den Schmied, den Tischler, derzugleich Glaser und Zimmererarbeiten verrichtete, seit 1846 den Müller als Besitzer der Windmühle, einen Schneider, vier Schuhmacher, einen Bäcker, einen Buchbinder und einen Barbier. Die sonst in unserer Gemeinde wohnhaften Maurer, Zimmerer und Schlosser standen im Dienste auswärtiger Firmen. Doch konnte man dem Fortschritt der Zeit und der entstehenden Politisierung der Bevölkerung entsprechend nun von einer dreigeteilten Schichtung der Einwohnerschaft unsres Dorfes sprechen. Der Oberschicht der Mittelbauern stand die Mittelschicht der Kleinbauern, Handwerker und der wenigen Beamten von Eisenbahnern, Post und Schule gegenüber, denen folgend als Unterschicht die Grubenarbeiter der Braunkohle und die Gutsarbeiter angesehen werden konnten. Das Zusammenleben dieser drei Bevölkerungsteile ist in der Ortsgeschichte (S. 293 bis S.304) und auch nach 1918 eingehend geschildert worden.
Hier mögen nun Redensarten, Reime und landläufige Aussprüche über die Arbeit und die Einstellung zu ihr - zur Unterstützung eines folgenden Kapitels über unsere heimische Sprache zumeist in unserer Mundart folgen.
Der allgemein gültige Ausspruch „Die dümmsten Bauern haben die größten Kartoffeln" trifft auf unsere aufgeklärte und fleißige Bauernschaft nicht zu, wenn gleich mancher Landwirt ihn selbst scherzhaft und ironisch für sich gebrauchen konnte, wenn er infolge günstiger Witterungsbedingungen und richtiger Fruchtfolge eine sehr gute Ernte an seinen „Ärbarn" aufweisen konnte.
Die meist konservative Einstellung des Bauern wird sehr kritisch beurteilt: „Was der Bauer nicht kennd, das frißt e nich!" Das bezog sich anfangs nur auf das Essen unbekannter Gerichte, wurden aber auf viele Lebensgebiete verallgemeinert.
Eine sehr gehässige Beurteilung des Bauern war die Redensart: „Bauer bleibt Bauer, gekocht, süß oder sauer!"
Eine unangenehme und schwierige Arbeit veranlaßte Manchen zum Ausspruch: „Ich hawwe mein’n Schanz!" Er rührt von dem erzwungenen Schanzenbau usw. bei den früheren Frondiensten für den Landesherrn her.
Uralt, aus frühgermanischer Zeit herrührend, ist der Spruch: „wer zeerscht gimmd, mahld zeerschd!" Er bezog sich damals auf die Benutzung einer gemeinschaftlichen Wassermühle. Zur langsam ausgeführten Arbeit wird spöttisch gesagt:
„Arweid’n is ä Black, zemal wemmarsch sälwer mache muß!"
Die Bergarbeiter und die Gutsarbeiter gingen „Uff de Kläje" (von „klagen" abgeleitet), dem modernen Frondienst für die Reichen. Der Fleißige wurde verspottet:
„Wär frieh uffschdiehd, där frißd sich arm, wär lange schleefd, bleibd’s Bedd hibsch warm!" Der Arbeiter, dem es bei seinem Arbeitstempo auf die Güte und Sauberkeit seines Werkes ankommt, erhält das Zeugnis: „Was lange dauert, wird gut!"
Dem Ungeschickten und Pechvogel, der etwas fallen läßt, daß es entzweigeht, wird der Spruch zugedacht: „Unjeschicke leßd jrieß’n, morjen gimmd’s sälwar!"
Dem nach 1920 streikenden und demonstrierenden Arbeiter schreibt man den Ausdruck zu:„Hoch läwe de Arweid, su hoch, daß marsche nicherreech’n gann!"
Froh waren vor allem die Hausfrauen, wenn die Maurer und die Schneiderinnen nach Fertigstellung ihrer Arbeitsaufträge aus dem Hause verschwanden: „De Meier un de Nähdarn die bringen Dräck ins Haus!"
Im übrigen ist der Maurer unbeliebt, wenn er viele Kosten verursacht: „De Meier sin faul un deiar!"
Ironisch heißt es, wenn jemand zu spät an seinen Arbeitsplatz kommt: „Er is binklich wie de Meiar!"
Weiterhin wurde über ihn gereimt:
„Dar Meiar is gee Dummar,
ä arweid nur in Summar,
ä schmeißd de Gelle hin un här.
Ach, wenn doch erschd ma Feiaraamd wär!"
Um 1900 handelte der Bauer mit dem Fleischer, der aus der Stadt kam, um Schlachtvieh. Auf der Heimfahrt kehrte mancher Fleischer nach gelungenem Handel wohl öfter in den Gastwirtschaften ein:
„Dar Fleeschar huld von Lande ä Galb, un ungarwägs da ißdarsch halb".
Im Kegelschuppen waren beim Kegeln Landwirte, Arbeiter, Eisenbahner und der Postangestellte freundschaftlich vereint. Manche Runde Bier wurde „ausjejäm". In gutmütigem Spott reimte man:
„Die von dar Bust, die saufen, wenn’s nischt gusd’d!" Und:
„Die von dar Eisenbahn, die sauf’n, wänn se nischd mieh ham".
In den Hungerjahren nach 1920 wurden die Flur von Felddiebstählen, meist durch Arbeiter aus dem Grubengebiet, heimgesucht. Die Dorfbewohner sagten von ihnen: „Die ham de Maul- un Glaunseiche, an Daach maul’n se, (=schimpfen) in dar Nachd glaun se"(=klauen, stehlen).
Der von auswärts regelmäßig kommende Essenkehrer hieß hier allgemein der „Feiarriebl"(=Feuerrüpel), dies wurde kaum noch als Schimpfwort angesehen. Ebenso hieß der mit Pferd und Wagen kommende Altwarenhändler, der gewöhnlich „der Lumpenmann" genannt wurde, „der Hadarlub". Der Barbier, der auch noch wie der Chrirurg des Mittelalters als ein Heilgehilfe noch jetzt um 1920 bei uns die Zähne zog, wurde scherzhaft „der Dokdar"(=Doktor), manchmal auch der „Verschönerungsrat" genannt.
Ein wichtiger Tag in der Frauenarbeit ist noch heute „die große Wäsche". Sie findet etwa aller vier Wochen statt, am liebsten aber, wenn ein vorangegangener tüchtiger Landregen das weiche Regenwasser vom Dach geliefert hat. Beim „Waschfest" ist bei manchen Frauen „nicht gut Kirschenessen". Für die gute Laune der Hausfrau ist das Wetter zum Trocknen der Wäsche maßgebend. Herrscht gutes Wetter- Sonnenschein und leichter Wind, dann ist auch Sonnenschein im Gemüt der Frauen, dann sagt man ihnen schmeichelhaft: „Der Mann ist treu!", d. h. er läuft hinter keiner andern Frau her.
Volkstümliches vom Essen und Trinken
Die landläufige Redensart besagt: „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen". Sie ist wohl zunächst als Gesundheitsregel aufzufassen, wenn man damit meint, die Gesundheit wird durch regelmäßige und vor allem durch mäßige Aufnahme von Speisen und Getränken aufrecht
erhalten. Mancher Genießer aber bezieht sie auch auf sein Wohlleben bei festlichen Anlässen.
Wer auf seine Gesundheit bedacht ist, befolgt die bekannte Regel: „Nach dem Essen sollst du stehen oder tausend Schritte gehen".
Der Volksmund aber gibt manche Ratschläge teils nach der positiven teils nach der negativen Seite:
„Wenn’s an besten schmeckt, sull mar uffhiere".
„Wer lange ißt, lebt lange".
„Wer jut schmeert, där jud fährt", sagt man wenn man auf sein Brot dick aufstreicht.
„Wemmar langsam ißt, jiehd märre rungar".
Wenn ein Kind aus der gemeinsamen Mittagsschüssel sich mit der „Schöpfkelle" zuviel auf den Teller „uffjeschebbd" (=aufgeschöpft) (man sagt auch „uffjesackt") hat und nicht „abißt", sagt die Mutter manchmal: „Du hast de Ooch’n ooch immar gressar wie’n Maach’n!"
Die Hausfrau aber hat ihre Freude, wenn ihr zubereitetes Mahl den Essern schmeckt. Da sagt sie bisweilen: „Eßt alles aus, so wird morgen schönes Wetter draußen".
Schmeckt ihr Mahl aber einem zufälligen Mittagsgast so gut, daß er ohne ihr übliches Zumahnen „Na langt eich noch zu!" sich ohne weiteres selbst nochmals bedient, so sagt er entschuldigend: „ä bleedar Hund wärd säld’n fett!"
Hat ein Kirmesgast tüchtig in den Braten und die anderen Gerichte „eijehauen", daß er danach rülpsen muß, sagt wohl einer seiner Freunde: „Na, dir varschlebb’n de Meise (=Mäuse)’n Maach’n ooch niche!"
Der Esser wird auch beobachtet und kritisiert: „Wie mar ißt, so arweid’ mar ooch!"
Hat einer einen „gesunden Hunger", so sagte man in Erinnerung an den vor hundert Jahren so fleißigen Mitarbeiter beim Ausdreschen des Getreides mit dem Dreschflegel: „Där frißt wie ä Scheffeldräschar!"
Bekannt ist das alte Sprichwort: „Hunger ist der beste Koch!" Mehrtägiges Hungern aber wurde auch um 1910 von dem damals in Krössuln amtierenden Pfarrer Iskraut als Heilmittel bei den meisten Krankheiten empfohlen. Er war auch bei uns als Naturheilapostel in seinem langen weißen Vollbart und in Sandalen barfuß gehend gut bekannt, aber 1919 trat er auch als rechtsradikaler Politiker einmal als Versammlungsredner bei uns auf. Damals aber festigten die nur materiell Gesinnten ihre Einstellung zu dem wirren Durcheinander der politischen Anschauungen mit den Worten:
„Iß dich satt und sauf dich dick, sprich nur nicht von Politik!"
Dem übermäßigen Biertrinker aber sagte man in einer durchzechten Nacht: „Morjen haste de Schwämmchen!", d. h. da schmeckt kein Essen infolge verdorbenen Magens.
Das Kind aber, das „mäkelig" ist, wenn es seine Lieblingsgerichte nicht vorgesetzt erhält, wird zum Essen aufgefordert: „Na iß nur, das dreiwed dar Hungar nei!"
Früher wurde in frommen Familien bei der täglichen Mittagsmahlzeit ein Tischgebet gesprochen. Das war aber um 1910 bei uns schon eine große Seltenheit. Höchstens sprach es beim Hochzeitsmahl der eingeladene Pfarrer. Bei einem in der Öffentlichkeit beginnenden Vereinsschmaus forderte manchmal ein Esser spaßhaft und ironisch zum Beten mit dem Reim auf:
„Bescheidenheit, Bescheidenheit,
verlaß mich nicht bei Tische,
doch sorge nur, doch sorge nur,
daß ich das größte Stück erwische".
In der Schule um 1910 wurde beim Unterrichtsbeginn und beim Unterrichtsschluß gebetet. Wenn die Kinder zu Mittag nachhause geschickt wurden, lautete das übliche Schlußgebet:
„Komm, Herr Jesu, sei unser Gast
und segne alles, was du uns bescheret hast".
Die Kleinen, die am Nachmittag zur Schule kamen, lernten das Gebet:
„Danket dem Herrn, denn er ist freundlich
und seine Güte währet ewiglich".
Es möge nun interessieren, einen Blick in den dörflichen Haushalt zu Beginn unseres Jahrhunderts in bezug auf das Essen und Trinken zu tun.
Als Morgenkaffee kam in den Familien wohl durchweg „Iwwarbodden" mit der Familienkanne auf den Tisch. Das war Kornkaffee. Dieser stammte von den Roggenkörnern, welche von „Überboden", dem Oberboden, geholt und im Tiegel auf dem Küchenherd gebrannt wurden. Jetzt, um 1960, wird er in Mitteldeutschland „Muckefuck" genannt. Dazu stand der Napf mit Pflaumenmus oder „Saft" (=Rübensirup) und auch Schweineschmalz als Aufstrich auf das Brot bereit. Jeder konnte sich seine „Musbemme", „Saftbemme" oder „Fettbemme" selbst „schmieren". Vor 100 Jahren aßen die Voreltern als erstes Frühstück ihre Mehlsuppe und Brot. Um 1920 sagte man für dieses Gericht „Seelkleister" oder „Schusterleim". Bohnenkaffee wurde um 1920 nur an Sonn - und Festtagen oder wenn Besuch kam gebraut. Die Kleinkinder aber erhalten morgens „Einbrock", wobei Brötchen in kleinen Stücken in die dem Kinde gehörende eigene Tasse „eingebrockt", mit warmen Kaffee übergossen und mit Zucker überstreut werden. Das Mittagbrot nimmt man gewöhnlich in der Küche, an Festtagen in der Stube ein. Im Bauernhaus ißt das Hausgesinde mit der Herrschaft zusammen. Die Hausfrau schneidet das Fleisch zu und teilt aus. Gemeinsam füllt sich jeder seinen Teller aus einer Schüssel, die in der Mitte des Tisches steht. Im Dorfe ist seit ältesten Zeiten der Bedarf an täglicher Nahrung durch Eigenerzeugung befriedigt worden.
Über den Genuß des Pferdefleisches in vorchristlicher Zeit ist bereits an anderer Stelle berichtet worden. Als besonders leckere Gerichte des Mittelalters sind die an den Lehnsherrn zu liefernden Naturalzinsen hervorzuheben. Im geschichtlichen Teil dieser Heimatarbeit sind als solche „ein Viertel Kalbfleisch", ein „Lammsbauch", ein „Kapaun" (=das war ein unfruchtbar gemachter und gemästeter Zinshahn), ein „Rauchhuhn" (=ein frischgeschlachtetes noch mit Gefieder versehenes Huhn), sodann die Gans und vor allem die Hühnereier genannt. Seit jeher lieferte das Rind außer dem Fleisch die begehrte Milch als Grundlage für viele herzustellenden Mittagsgerichte und als ihre Ausgangsprodukte Sahne, Butter, „Matz" und Käse.
Die Butter wurde erst nach 1914 fabrikmäßig in der Molkerei hergestellt. Durch die Rationierung der Butter im 1. Weltkrieg wurden die Bauern gezwungen, die täglich anfallende Milch an den Milchhof in Weißenfels abzuliefern. Einige Landwirte des Nessatales gründeten auch eine Molkereigenossenschaft. Sie erbauten in Dippelsdorf eine kleine Molkerei. Doch beteiligten sich in Obernessa nur einige wenige Landwirte an dieser Neugründung. Die meisten lieferten ihre selbsterzeugten Butterstückchen an den Weißenfelser „Buttermann", der mit Pferd und Wagen regelmäßig vorfuhr. Da während des 1. Weltkrieges die Milchzentrifugen behördlich versiegelte waren, schritten die Bauersfrauen zur Selbsthilfe, um zusätzlich ihren Eigenbedarf zu decken, wohl auch die Butter mit zu kleinen Schiebereien zu benutzen. So schütteten sie Milch in die Äsche, Pfannen, Schaffs und stellten sie auf die Kellertreppe oder in den Keller. Von der sauren Milch wurde dann der „Ruhm" (=Rahm) abgesahnt und mit einem kleinen gläsernen Handapparat „gebittert"(=gebuttert, zu Butter verarbeitet). Die einschlägigen Geschäfte hatten die Apparate nur zu willig geliefert. Eine starke nervliche Belastung in dieser Kriegszeit für die Landwirte waren in dieser Beziehung die unversehens erscheinenden Kontrolleure des Landratsamtes, die nach Art einer Haussuchung die Haushalte aufdringlich nach solcher heimlichen Buttererzeugung durchschnüffelten.
Von der Milch konnte man eine große Reihe von Gerichten herstellen. Die „Kalte Milch" (=Milchkaltschale) mit Kirschen, Zucker und Brotstücken lieferte um 1900 an heißen Tagen eine erfrischende Mahlzeit. Die saure Milch „Milchschlicker" genannt, kam als „Milchsauersch" auch mit Zucker, Zimt, Brotkrümeln und mit Kirschen oder Heidelbeeren versehen auf den Tisch. Besonders sättigend ist „Milchmus", aus Mehl und Zucker breiartig zusammengekochte Milch und beim Auftragen mit Zimt gewürzt genossen. Wird Milch aber zusammen mit Wasser, Mehl und Salz gekocht, vielleicht auch mit Butter und eingequirltem Ei verfeinert, erscheint sie als „Klumpersuppe" auf dem Mittags oder Abendbrottisch. So dient die Verwendung der eigenerzeugten Milch zu den verschiedensten ortseigentümlichen Gerichten, deren Gebrauch der Abwechslung, Gesundheit und Sparsamkeit, früher vor allem der öfteren Genügsamkeit, diente. Als eine besondere Milchspeise gab es auch die „Semmelmilch", welche aus dem Mittelalter als Fastenspeise noch um 1920 am Himmelsfahrtstage gegessen wurde. War aber die Bauersfrau z. B. in der Erntezeit mit auf dem Felde zur Arbeit eingespannt, so wurde bei der Heimkehr zur Mittagszeit als Nahrhaftes Schnellgericht in der Pfanne ein „Schaffkuchen" aus Milch, Mehl, Eiern, Butter, Zucker und geschnittenen Semmelscheiben gebacken. Ohne Milch, Sahne, Butter für die Festtage Kuchen zu backen wäre kaum möglich. Im Mittelalter gab es Honigkuchen, weil man damals zum Süßen den erst vor 100 bis 150 Jahren hergestellten Rübenzucker noch nicht hatte, in reichen Stadthaushalten verwendete man vorher auch den fremdländischen Rohrzucker. Zum Polterabend bei Hochzeiten war es noch um 1920 Sitte, den kuchenheischenden Kindern eine besonders gebackene Kuchensorte mit recht sparsamer Verwendung von Butter, den „Mittelmuff" darzureichen. Zur Weihnachtsstolle brauchte die Hausfrau viel Milch und Butter, sie soll ja noch wochenlang als beliebte Zukost zum Kaffeetrinken dienen. Im Bauernhause benötigte man die meist 12 Pfund schwere Stolle auch als Geschenk für das Gesinde. Als Gebäckstückchen, welche in der ganzen Umgegend bereitet werden, stellt man zu den drei großen Festen des Jahres, zur Kirmes und zu Hochzeitsfeiern „Uffleefar" (=Aufläufer) und Blätterstückchen, zu Fasten Kräppelchen, Rädergebackenes oder Matzspitzen her. Zu den Geburtstagsfeiern steht der in der „Röhre" gebackene Aschkuchen oder auch der noch schmackhaftere Rührkuchen auf dem Geburtstagstische. Mit Milch oder gar mit Sahne eingerührter „Matz", mit Salz und Zwiebeln zu Pellkartoffeln genossen, ist ein oft gern gegessenes sehr nahrhaftes Gericht. Die Käse wurden noch um 1920 im eigenen Haushalt hergestellt, sie werden jetzt nur noch in den Käsereien bereitet und in den Geschäften als „Bauernkäse" verkauft. Es gab bei uns in verschiedenen Bauernfamilien den harten „Mielngäse" (=Milbenkäse), wie er im Altenburgischen hergestellt wurde. Im Mittelalter wurden große und kleine Bauerkäse im ganzen Land gehandelt - die kleinen Käse wurden schockweise verkauft.
Als Fleischnahrung wurde seit alten Zeiten auch der Fisch zu Tisch gebracht. Zur Zeit der Hansa, der Gründung der Kaufmannsbünde des Mittelalters, kam bereits der Hering faßweise ins Binnenland und wurde wohl auch bei uns verzehrt. „Wenn mar änne Häringsseele an de Stumsdecke wärft, wärd’s in hundert Jahr’n ä Färd"(=Pferd), dieser humoristisch gebrauchte Ausdruck war ein Aber des Glaubens an die Seelenwanderung. Die „Herren" aber bekamen Lachsgerichte. Lachse gab es um 1500 und danach noch genug in der Saale. In dem Geschichtsteil des Heimatbuches erfuhren wir auch von dem Fischerrecht der Feudalzeit. Die Herren von Posern besaßen es im Rippach und im Aupitzbache. In beiden Bächen, man kann annehmen auch im Nessabache, fischte man Schmerlen, Gründlinge und große Krebse. Der Bericht besagt freilich, das z. B. die Krebse dem Gesinde so oft als Gericht vorgesetzt wurden, daß sie es meist verschmähten. Der Hering ist noch heute das allgemeine Volksnahrungsmittel. Heringssalat, bei uns meist mit Kartoffelsalat gemischt, ist die beliebte Speise am Weihnachtsheiligabend und am Silvesterabend. Der Genuß des Rogens an diesen Tagen verheißt kommenden Reichtum. Und wer nach feucht - fröhlichen Stunden im Wirtshaus einen „Katzenjammer" hat, verzehrt gern einen sauren Salzhering.
Der erhöhte Lebensstandard aber bringt zu Weihnachten und Silvester auch den Karpfen auf den Tisch. Mancher Gastwirt ladet zum Karpfenschmaus ein. Der Karpfen gehört auch zur Speisenfolge beim Essen des Landwirtschaflichen Vereins und auch bei Hochzeiten.
Das Gericht Grünkohl oder Spinat mit Ei ist am Gründonnerstag bei uns wie auch in ganz Mitteldeutschland eine überlieferte Fastenspeise des Mittelalters. Der Bockbraten zur Kirmes und die Weihnachtsgans gehören auch bei uns zu den ortsüblichen Gerichten. Nur besteht mit der Grundnahrung der Kartoffel gegenüber dem Mittelalter ein Unterschied. Früher, vor 150 Jahren und vorher kannte man die Ärbarn (=Erdbirnen, Kartoffeln) noch nicht. Das Brot ist seit alters die so notwendige Hauptnahrung. Man kann sich nun denken, warum man die Speisen zu Mittag und am Abend noch heute „Mittagbrot" und „Abendbrot" nennt.
„Brot und Salz, Gott erhalt’s!" war früher ein bekannter Spruch. Das Brotbacken war im bäuerlichen Haushalt noch um 1920 eine fast heilige Angelegenheit. Wenn die Bäuerin „angesäuert" hatte, pflegte sie mit dem Handrücken drei Kreuze auf den Teig zu drücken und dabei die Gebetsformel „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes" zu murmeln. Manche gebrauchten auch die schlichte Gebetsformel:
„Na, das walt’s Gott, daß’s gut bäckt und nicht kleckt!" (vor allem beim Kuchenbacken). In früheren Zeiten, als es noch keine Bäckerei in Obernessa gab, hob man vom Brotbacken einen Rest Sauerteig auf, für das nächstemal des Backens. Die Besitzer eines Backofens ziehen das selbstgebackene Hausbrot dem Bäckerbrot vor. Der Ofen ist von außen an die Küche angebaut. Neuerdings aber haben sich manche Bauern einen modernen Backofen von Eisen geleistet, in dem sie weiterhin nicht nur ihre Hausbrote sondern auch die Festeskuchen backen. Die Bauernbrote vor hundert Jahren wogen im Durchschnitt 12 bis 14 Pfund. Der Pfarrer und der Lehrer erhielten in alten Zeiten von jedem Hause zu ihrer Besoldung eine bestimmte Anzahl Brote innerhalb eines Jahres. Der Lehrer, der vor der Separation 1846 kein Schulfeld besaß erhielt außerdem den Garbenzehnt als Brotgetreide. Um 1910 verkaufte der hiesige Bäcker Fünfgroschenbrote und Markbrote. Wenn die Hausfrau den Teig fertig hatte, ließ sie ihn in dem großen Backtrog mit den vier Hörnern über Nacht im warmen Raum stehen, damit er gut „verjärn" (=vergären) konnte. Je nach runden oder ovalen Brotmuhlen (=Backschüsseln) erhielten die Brote ihre Gestalt. Das „gutgebackene" frische Brot schneidet die Hausfrau an und teilt die Stücken zu. Der „Uffschnitt" mit seiner frischen Rinde ist besonders gesund. Das letzte Stück des Brotes, „das Ränftchen", will oft niemand mehr haben. Beim Anschneiden des Brotes hat man auch ein Aber: Das Brot soll nicht mit der Schnittfläche nach außen auf dem Tische liegen, denn „dann läuft es fort!" d. h. es wird in Zukunft Hunger im Hause herrschen. Im umgekehrten Sinn bedeutet es, daß das Brot immer im Hause vorhanden sein wird. Früher schnitt sich jeder am Tisch mit seinem Messer vom angeschnittenen Brot eine tüchtigen „Runksen" ab. Der Gebrauch einer Gabel ( Die Gabel wird in Deutschland erst seit 200 Jahren benutzt), war im frühesten Mittelalter nicht bekannt. Jeder langte mit seinen fünf Fingern in die gemeinsame Fleischschüssel und bearbeitete sein Stück Fleisch oder Braten auf der rohen Tischplatte mit seinem Messer.
Der Kartoffelanbau mußte seinerzeit, im 18.Jahrhundert, der Bevölkerung durch den Landesherrn aufgezwungen werden. Heute kennt man die verschiedenartigste Verwendung der Kartoffel zu warmen Gerichten, ja man buk sogar ländlichen Haushalten Kartoffelkuchen. Als Pellkartoffel ißt man sie mit Butter und Salz oder mit mariniertem Hering, man ißt sie als „Ärbarnsolat" (=Kartoffelsalat), als Bratkartoffeln, als „Kartoffelbabbs" (=Kartoffelbrei) und oft am Wochenende als „Ärbarnsubbe" (=Kartoffelsuppe), wenn die Hausfrau sonnabends sich mit der Zubereitung des Mittagbrotes nicht zuviel Arbeit machen will. Der Spott über dieses Gericht drückt sich im Reim aus:
„Gardofflsobb, Gardoffläsobb,
das jehd de janze Woch Galobb
un sonndags jibbd es Brei".
Im Nessatale und der weiteren Umgegend aber ist die Zubereitung von „Gließ’n"(=Klößen) aus der Kartoffel viel beliebter als die „Salzkartoffeln" bei den sonstigen Mittagsgerichten. Kloß mit Meerettichtunke oder mit Petersielsbrühe und Fleisch werden oft und gern genossen. Zum Bockbraten gehören „griene Gleeße" von geschnitzelten rohen Kartoffeln, auch „Thüringer Klöße" genannt. Früher aß man auch gern Klöße und „Bärn"(=Birnen) oder gar mit Pflaumenmustitsche oder mit Ziwwelbriehe (=Zwiebelsoße). Um 1900 verabreichte man das Kochwasser der Klöße mit Salz und Pfeffer gewürzt und Brotstücken als Beigabe den um warmes Essen vorsprechenden Bettlern als „Beddlmannssuppe". Die Beliebtheit des Kartoffelkloßes drückte sich oft in derbem, aber gutmütigem Spott aus, wenn ein Kind die Mutter fragte: „Was äßmarn heide?" (=Was essen wir den heute?) antwortete sie zwar bei schlechter Laune:
„Was uff’n Disch gemmd!"
aber bei guter Laune z. B.: „Gleeße un jebradne Ränewärmar!" Der Volkswitz wurde vielseitig, wenn man auf obige Frage antwortete:
„Gluß un Hingfong, Garduffln un Gluß, Gließe met Schdieln, Garduffln un Ärbarnschaln, Zementgließe met Hulzjriefn, Zickenbietz un Bärn" usw. Ein besonderer Leckerbissen zumal für Kinder bilden zu jeder Zeit die im Tiegel in Butter, oder Schmalz oder in Öl gebackenen „Gardofflblätzar" aus geriebenen rohen Kartoffeln.
Mit vorstehenden Ausführungen ist die Speisekarte unserer Einwohner selbstverständlich längst nicht erschöpft. Es wurde Wert darauf gelegt, zur Hauptsache die ortseigentümlichen Gerichte hervorzuheben und noch dazu einen folgende Aufsatz über unsere Mundart zu unterstützen. Vor 1920 war es oft Brauch, daß Bauernfamilien ihre heiratsfähigen Töchter zu Kochkursen in die Stadt schickten, nicht nur allein zu dem Zwecke, das Kochen und Backen der feinsten Gerichte und Speisen sondern auch die Tafelerstellung zu erlernen. In Hungerszeiten, wie nach den beiden Weltkriegen, aber war allseitig und besonders „dem kleinen Manne" die Kaninchenhaltung zur Fleischnahrung notwendig. Diesen Tieren suchte man an Wegen, Feldrainen das kostenlose übliche Futter, in Klee - und Luzernefeldern stach man in Menge dazu die „Bummchenschdecker" (=Löwenzahn, auch Pusteblume genannt) als den Tieren bekömmlichste Nahrung.
Die einzelnen Hausfrauen aber wissen in der Vielfalt der Speisen gut das Sprichwort zu benutzen: „Die Liebe des Mannes geht durch den Magen".
An Getränken ist natürlich das reine Brunnenwasser das gesündeste. Der sparsame Dörfler nahm es in Krügen mit Zucker und wenig Essig gemischt zum Durstlöschen mit auf das Erntefeld. Auch warmer oder kalter Kornkaffee diente diesem Zwecke. Der Grubenarbeiter nahm ihn in seiner Kaffeeflasche mit zu seiner schweren Arbeit. Der Mäher auf dem Felde aber hatte gern einen gefüllten „Schnapsbuffert" eingesteckt. Merkwürdigerweise trinkt der Bauer sehr selten die blanke Milch, obwohl sie das nahrhafteste und gesündeste Getränk darstellt. Zur Erholung am Abend trinkt er gern eine Flasche Bier. Das Mittelalter liebte im Dorf als berauschendes Getränk das Bier. Um 1700 wurde es im Brauhaus des Einwohners Günther in der Pegauer Straße und im „Edelhofe" zum eigenen Hausgebrauch hergestellt. Man erinnere sich hierbei an den interessanten Streit der Bauern mit dem Rittergutsbesitzer v. Nißwitz im besonderen um das Bierbrauen. Die Kinderfeste nach 1870 brachten den Kindern als Erfrischung das obergärige fast alkoholfreie Braunbier, das auch den Erwachsenen - vom Faß der Brauerei auf Flaschen selbst gefüllt - ein willkommenes Getränk an Ernteabenden war. Nach 1900 erhielten die Kinder zu ihrem Fest „Brauselimonade", damals auch „Champagnerweiße" genannt. Das fertig gebraute stark alkoholische „Weißbier" brachte um 1600 einer Dienerin des Edelherrn v. Posern den Tod, sie „erstickte im Jungbier" im Bierkeller des Rittergutes.
Geradezu als warme Abendspeise diente noch heute die „Biermährde", zu welcher Bier unter Zutaten von Zucker und Gewürzkörnern mit Weizenmehl „sämig" (=seimig) gekocht wird.
Das „Gemeindebier" war der Name der öffentlichen Gemeindeversammlung, zu welcher mit dem Holzhammer ausgepocht (=eingeladen) wurde. Es fand zuletzt im vorigen Jahrhundert alljährlich an jedem vierten Pfingsttage statt. Hierbei gaben die neuen „Nachbarn" ihr „Einstandsbier". Der Schnapsgenuß kam erst später als der des Bieres in Brauch. Der Schornstein der zur Mitte des 19. Jahrhunderts erbauten Spritfabrik des Rittergutsbesitzers Schmalz war noch längere Zeit das Wahrzeichen für die Produktion von Alkohol und , für diese Fehlgründung.
Solange der Alkoholgenuß in seinen Grenzen bleibt, mag der Zechergesang „Ein Prosit der Gemütlichkeit" seine Geltung behalten.
Von der Kleidung
Von alten Trachten, wie sie in vielen Gegenden des deutschen Landes noch bekannt sind, haben sich im Nessatale nirgends welche erhalten. Wohl aber haltet unseren Einwohnern der Spitzname „Nesser Blaustrümpfe" in der Umgegend an. Zweifellos haben die Alteingesessenen die selbstgestrickten blaugefärbten Wollstrümpfe noch länger getragen als sie anderswo nicht mehr gebräuchlich waren. Vor Jahrhunderten war die Wolle des Schafes in den Haushalten selbst gesponnen und blaugefärbt. Das Blaufärbemittel wurde damals in Thüringen vor allem in Erfurt und Umgegend aus dem Waid, einer zweijährigen, gelbblühenden Pflanze, gewonnen. Damit wurden Woll - und Leinengewebe gefärbt. Es wurde später durch das überseeische Indigoblau verdrängt. Die alte Mode nicht nur der blauen Strümpfe hatten unsere älteren Leute noch länger bewahrt. Und wenn sie sonst noch an den alten Sitten und Gebräuchen treu festhielten und damit ihre konservative Grundhaltung zur Schau trugen, nannte man sie eben im erweiterten Wortsinne „die Blaustrümpfe" und sagte von ihnen auch: „Das is ä Oldfränkscher!" Noch um 1914 trug in einer alten und angesehenen Bauernfamilie in Unternessa der Hausvater die seit alten Zeiten übliche lange Lederhose, welche am Knöchel zugebunden wurde, sie war eine „Erbhose", vom Großvater auf den Sohn und den Enkel weitervererbt worden. Von Zeit zu Zeit wurden die Lederhosen vor hundert Jahren und zuvor mit auf den Butterstädter Markt (bei Weimar) genommen, um sie dort von dem Beutlern schwarz färben zu lassen. Die Lederhose war also das strapazierfähigste Kleidungsstück für das ganze Jahr. Doch trug man in alten Zeiten im Sommer auch Zwillich - und Drillichkleidung von Leinen. Schon im Mittelalter , um 1525 in Nachlaßakten des Amtsgerichtes Lauchstädt ersichtlich, trug der wohlhabende Bauer als Sonntagskleidung aber auch einen blauen Tuchrock.
Das im geschichtlichen Teil aus der Zeit nach 1800/1850? gebrachte Spottgedicht auf den Bauernstand, der damals dem Text des Gedichtes entsprechend die neue Kleidermode der Städte angeblich „mitgemacht" haben sollte, kennzeichnet zunächst in einer kurzen Bemerkung die gewohnte Alltagskleidung der Bauern: „Grobe Hemden, grobe Kittel hatten sonst die Bauern an....." „ aber jetzt ist’s umgekehrt, feines Tuch von großem Werth kommt zum Rock und Samt zum Kragen, schwäbische Leinwand wird getragen" und: „Immer laßt sie Nankin tragen, Hüte nach der neusten Art". In den 4. Strophe wird auch die Frauenmode bekrittelt:
„Falterhauben, Band und Spitzen,
seidne Pelze und Handschuh,
auf dem Kopf Zehntaler - Mützen,
große Kragen, bunte Schuh’,
Müffe wie ein Butterfaß!
Höre, Freund, gefällt dir das?
Feinen Hemden, Atlasleiber
tragen jetzt die Bauernweiber".
Es mag immerhin auch damals sehr wohlhabende Landwirte gegeben haben, die es sich leisten konnten, die Mode der feinen Herrschaften und der Städter nachzuahmen. Bestimmt aber wurden nach der Erfindung der Dampfmaschine auf dem deutschen Markt englische Kleiderstoffe und Tuche aus Wolle und Baumwolle angeboten und auch von der ländlichen Bevölkerung gekauft. Das geht auch aus den Nachlaßpapieren des Vorfahren der Familie Bauer, dem 1823 verstorbenen Christian Gottfried Heiner hervor. Die (S. 219 in der Chronik) angegebenen ausländischen Erzeugnisse seiner nachgelassenen Kleidungsstücke waren ein dunkelblauer und ein hellblauer Tuchrock, eine dunkelblaue Tuchjacke, eine Pikeeweste und neue grüne Manchesterhosen. Seiner Bequemlichkeit diente eine Nankingdecke. Pikee und Nankin waren Baumwollgewebe. Manchester, nach der englischen Fabrikstadt gleichen Namens benannt, war ein derbes samtartiges, geriffeltes Tuch. Einer Bemerkung der Familie zufolge soll Heiner ein „Schulmeister" gewesen sein. Seine Alltagskleidung mag aufgrund des Nachlaßscheines gewesen sein: der alte hellblaue Tuchrock und auch die neue dunkelblaue Tuchjacke, die alte baumwollene Weste, die Tuchmütze mit großem Schirm, ein Paar alte Schuhe, bei schmutzigem Wetter die alten Halbstiefel. Der Sonn - und Festtagsanzug bestand aus dem neuen dunkelblauen Tuchrock, der bis fast zum Knie reichte, die neue Pikeeweste, dazu die neuen grünen Manchesterhosen. Um den Hals band er grün - bundseidene geknotete Halstuch, dessen Zipfel nach beiden Seiten zeigten. Auf dem Kopfe prangte der neue schwarze haarige Filzhut, den wir den „Zylinder" oder „die Esse" nannten. Statt der im Gedicht genannten schwäbischen Leinwand trug er „ein Hemd von thüringer Leinwand". Somit war, nebenbei bemerkt, das Spinnen des Flachses damals auch schon nicht mehr allgemein ausgeübt. Im Winter trug er eine kurze Pelzjacke. Die blauen Strümpfe sind im Erbschein wahrscheinlich wegen ihres abgenutzten Zustandes nicht mit erwähnt worden. Die bunten langen Tuchröcke - die farbigen Tuch dafür waren damals „modern" - waren die Vorläufer des langen schwarzen Gehrockes, der noch um 1920 bei Hochzeiten, Begräbnissen, Veranstaltungen der Ballgesellschaft oder des Kriegervereines und anderen festlichen Gelegenheiten sozusagen der Vorschrift gemäß getragen wurde. Der Gehrock trug um 1900 im Volksmunde die bezeichnenden Ausdrücke „der Schwenker" (=zumBalle) und „der Pfützentitscher" (beim Umzug). Den sorgsam in einer Schachtel aufbewahrten Zylinder nannte man spöttisch „die Angströhre", weil mancher Redner bei Festen vor Aufregung, sich bei seiner Ansprache zu „verheddern", „ins Schwitzen kam".
Die Lebenshaltung der dörflichen Bevölkerung in den 1880er Jahren war in bezug auf die Bekleidung recht einfach und genügsam. So berichtet der Tagewerbener Chronist, der Bauer Reischke, über den Dorftanz: „Tanzvergnügen fanden damals selten statt, fast nur an den hohen Feiertagen, alsdann beteiligten sich daran aber auch Jung und Alt. Die Leute gingen vielfach in ledernen Pantoffeln in die Schenke, sollte ein Tänzchen unternommen werden, dann ließ man einfach die Pantoffeln stehen und dreht munter in Strümpfen im Kreis herum. „Zur Ehre der Alten aber sei hinzugefügt, daß die „Läddarladschen" blank gewichst waren". Schuhcreme aber gab es übrigens damals noch nicht. Um 1920 aber und auch jetzt um 1960 unterscheidet sich die Ausgeh -, Sonntags - und Feiertagskleidung in nichts von der städtischen Mode. Zu den Bällen haben die Frauen und Mädchen neue Kleider, dazu Tanzschuhe, am linken Armgelenk die Armbanduhr. Das Haar ist modisch frisiert. Auch die Dorfschöne nimmt es auf sich, zur Dauerwelle drei Stunden bei der Friseuse zu sitzen. Sie kauft sich Parfüm, um es bei den Bällen und anderen festlichen Gelegenheiten zu benutzen. Kam es aber um 1920 vor, daß sich ein junges Mädchen im Übermaß schminkte und puderte, so tat man das mit einer gewissen Verachtung ab und titulierte es mit dem Ausdruck „Schminkrese" (von Rese, Therese).
Noch bis zum Beginn unseres Jahrhunderts schienen die englischen Stoffe und auch die ausländischen Moden den deutschen Markt zu beherrschen. Fertige Konfektion wie Manchesteranzüge konnte man in den städtischen Geschäften kaufen. Man mache sich ein Bild von der Kleidung der Männer um1870, wenn man im Weißenfelser Tageblatt des Jahres 1867 von Diebstählen in Obernessa und Wernsdorf erfährt:
So wurden in Obernessa im Februar 1867 gestohlen:
1 Weste von grauem Buckskin, 1grauwollenes Halstuch, 1 rotpunktiertes Vorhemdchen.
In Wernsdorf wurden im März des gleichen Jahres gestohlen:
1 schwarzer Tuchrock mit übersponnenen Knöpfen und schwarzem Orleansfutter,
1 grauwollene gewirkte Unterziehjacke, 1 braune Buckskinweste mit braunen Hornknöpfen.
Um 1920 bestand die Arbeitskleidung der Frauen in Hof und Stall in langen Kleidern aus grobwollenem Stoff. Im Winter trugen sie dicke selbstgestrickte wollene Strümpfe, über die sie oft noch Strumpfsocken zogen, an den Füßen klapperten „Holzlatschen", auch „Holzkluftern" genannt, auf dem Kopf zum Schutz gegen die Kälte ein wollenes Kopftuch, „die Hille" (=Hülle). Im Sommer schützte sie sich bei der Feldarbeit vor zu starker Sonnenbestrahlung durch ein leichtes leinenes weißes Kopftuch. Manche von ihnen banden es gern breitflügelig, man nannte es „den Helgoländer".
Bei Begräbnissen stellten sich oft viele Frauen als Zuschauer und Zuhörer auf dem Friedhofe an. Die älteren Frauen trugen dann zu ihrer Alltagskleidung, zu welcher sie sich eine saubere Schürze umbanden, bei ungünstiger Witterung auch die Kopfhülle, während die eigentlichen Leidtragenden in schwarz und modischer Kleidung nachfolgten. Zur Ehre der Zuschauenden sei gesagt, daß hier der Rest einer in den vorigen Jahrhunderten geübten Sitte übriggeblieben war. Da war es Brauch gewesen, daß die Bewohner nicht abseits standen, sondern als leidtragende Mitnachbarn zu den Begräbnissen auch mit nachfolgten und mitsangen.
Die Arbeitskleidung der Männer war im Winter eine dicke Joppe - oft mit schräggestellten Taschen. Die Hose stak in den Halbstiefeln, den „Knobelbechern" des gedienten Infantristen, an den Händen „die Fauster" aus Stoff mit nur einem Finger für den Daumen, auf dem Kopf die Bauernmütze, welche der Landgrafenmütze vergangener Jahrhunderte ähnelte, die er bei großer Kälte über die Ohren ziehen konnte. Oft hatte er noch eine „Strickjacke" untergezogen. Man nannte sie auch den Schwitzer (von engl. Sweater). Bei Gängen in die Stadt trug der Bauer gern seinen grünen modischen Lodenanzug.
Auf Fotos aus der Zeit um 1900 sieht man die kleinen Kinder in einem langen Kleidchen auf einem Stühlchen sitzen, auch die kleinen Knäblein saßen wie in Mädchenkleidern da. Die Kinder wurden während der ersten Lebensjahre abends mit den langen „Nachtkitteln" zu Bett gebracht. Kinderwagen fuhren damals nur selten durch das Dorf. Vielmehr trugen die Mütter und die Großmütter die Kleinkinder im weitfaltigem Kindermantel verpackt vor sich an die frische Luft. Die ersten Hosen für den kleinen Knirps waren ein Ereignis. Der „Hosenmatz" wurde gebührend bewundert. Die Knaben trugen die kurzen Hosen während ihrer ganzen ersten Jugendzeit. Erst zur Konfirmation und Schulentlassung war die lange Hose für sie Trumpf - das Zeichen der beginnenden Männlichkeit. Während des 1. Weltkrieges sah man im öffentlichen Verkehr bei Eisenbahn und Straßenbahn in auffallender Weise die Frauen das erstemal in Männerhosen. Dieses für sie praktische Kleidungsstück schützte die berufstätigen Frauen anstelle der bauschigen Kleider vor Betriebsunfällen.
Im ganzen genommen: Auch wir Dörfler kennen das Wort:
„Kleider machen Leute".
1. Anhang
Sagen des Nessatales und Umgegend
( Von alten Ortseinwohnern Obernessas und den Schulkindern in der Zeit 1913 bis 1920 erzählt und von mir gesammelt)
1. Das Mägdegrab
Vor langer, langer Zeit hütete ein Schäfer in unserer Flur im Weitfelde nicht weit von der Eselshole seine Schafe. Er saß auf dem Grasrand und schaute gelangweilt und träumend vor sich hin. Zwei unzüchtige Mägde aber hatten sich hinter ihm herangeschlichen, fielen über ihn her und kitzelten ihn unaufhörlich bis er plötzlich tot zusammenbrach. Der tote Schäfer wurde gefunden. Die Schuld der Mägde wurde bald darauf festgestellt. Der Schäfer wurde in Weißenfels begraben. Die Mägde aber wurden von dem Henker und seinen Knechten gefesselt an den Ort ihrer Untat geführt. Sie wurden grausam gefoltert und wurden danach lebendig begraben. Nachdem die Grube geschaufelt wurden war, zündete man ein Feuer an und machte eine Eisenstange glühend. Die Mägde wurden von den Henkersknechten entkleidet. Die glühenden Eisenstangen wurden ihnen in den Leib gestoßen. In die Grube schichtete man Dornengesträuch. Die eine Magd wurde hineingestoßen - einen neue Schicht Dornen wurde auf die Gerichtete geworfen. Darauf wurde die zweite Magd gelegt und sie auch mit einer Dornenschicht bedeckt. Zuletzt wurde sie mit gelöschtem heißem Kalk übergossen, das Grab mit Erde gefüllt und ein Hügel darüber gewölbt. Der Hügel heißt noch heute das Mägdegrab.
(Der ungefähre Wortlaut dieser Sage ist der mündliche Bericht des um 1914 lebenden Buchbindermeisters Heinrich Hammer in der Pegauer Straße).
Heimatfreunde haben in der Heimatzeitung des „Weißenfelser Tageblattes" nach 1918 diese Sage in verschiedenen Lesarten veröffentlicht und dabei auch ihre eigene Phantasie spielen lassen und sie entgegen der grausigen Erzählung der alten Obernessaer in ihrer Darstellung verfeinert, wie nachfolgende Zeitungsschnitte bezeugen:
Geschlechter sind gekommen und gegangen und ein Sagenkranz hat sich um deine Stätte gewunden, stilles, einsames Mägdegrab. Ein Schäfer wars und ein Meister auf der Schalmei, der oft und gern hier seine Weißen blies. Und wenn die Dirnen auf den Feldern den Lein ernten sollten, da spielte der Schäfer gar lustig und verlockend die schönsten Melodien, daß die Mädchen Arbeit und Essen vergessen und immer nur tanzen wollten. Dem Hirten ging Lunge und Atem aus - immer mußte er aufspielen - bis er erschöpft zu Boden sank. Die tanzwütenden Weiber quälten mit Zwicken, Kitzeln und anderen Schabernak, den müden Schäfer, bis er wieder aufspielte und plötzlich vom Schlage getroffen tot zu Boden sank. Da erst folgt bei den Mädchen die Ernüchterung und sie versuchten nun, den toten Schäfer durch rütteln und schütteln wieder aufzuwecken. Dabei sehen sie nicht, daß der Himmel sich finster umzogen hat, ein Gewitter im Anzug ist, und einer der ersten Blitze neben der Gruppe in die Erde fährt. Die Mädchen hatten ihren Tod gefunden. Nun schlummern Hirt und Mägde im gemeinsamen Grabe und wenn die Johannisnacht auf eine Vollmondnacht fällt, dann spielt am Mägdegrab der Schäfer seine Weisen und die Mägde winden und drehen sich im wilden Reigen bis zum ersten Hahnenschrei. Nur zusehen, das darf kein Sterblicher, es würde sein Verderben sein. Eine liebe alte deutsche Sage. Wir wollen nicht daran rütteln, denn manche schöne Illusion möchte zerstört werden.
Das Mägdegrab
Nahe der Weißenfels - Zeitzer Bahnstrecke liegt an der Prittitzer Flurgrenze ein mit wenigen Eichen bewachsener Erdhügel, das „Mägdegrab" genannt. Nur mit großer Mühe, so erzählt man, sei es möglich gewesen, die Bäume hochzubringen, weil ein Mann dieses Fleckchen Erde unfruchtbar macht. Besonders nachts sei es hier nicht geheuer. Seit altersher geht vom Mägdegrab folgende schaurige Geschichte von Mund zu Mund:
Einst saß hier einem schönen Sommerabend ein Spielmann und träumte in die Sonne hinein. Da schlichen heimlich ein paar lüsterne Mägde hinter dem heimfahrenden Erntewagen davon. Sie überfielen den Burschen rücklings - stark und kräftig waren sie ja - warfen ihn nieder und marterten ihn zu Tode. Bis man dann am nächsten Tage die beiden Dirnen in ihrer Kammer ergriff, wurde eine harte Strafe ersonnen. Neben der Leiche des toten Spielmanns schaufelte man ein Grab. Die beiden Mörderinnen wurden gebunden hinausgeführt und lebendig in die Gruft gestoßen. Dann warf man einen Ballen Dornengesträuch nach und schüttete zu. Der Hügel heißt seit jenem Tage das „Mägdegrab".
(Schon in Otto’s „Historischtopischen Nachrichten von der ganzen Pflege Weißenfels, 1795" wird an der geschichtlichen Wahrheit dieser Sage Zweifel gehegt. Otto hält den Hügel für die Begräbnisstätte einer heidnischen Fürstin mit ihren Mägden, jedoch fehlt auch dafür der Beweis).
Das stark sexuelle Motiv in der Darstellung der alten Obernessaer ist auch in dem Bericht des Landrichters Otto in seinen „Historisch topischen Nachrichten von der ganzen Pflege Weißenfels, 1795" hervorgehoben:
„Über Untergreißlau hinaus nach dem Dorf Krauschwitz zu liegt ein Hügel, insgemein das Mägdegrab genannt, davon man sich mit diesem Märchen herumträgt, daß einst einmal ein paar geile Mägdelein einen Kerl totgekitzelt hätten und deswegen zur Strafe daselbst lebendig begraben worden wären, daher es auch dort herum nicht richtig sei und irre führe.
Einige verfeinern das Märchen und sagen, daß sie den Kerl gehämmelt hätten und er daran gestorben wäre.
Ich halte dafür, daß der Name dieses Hügels von einer ganz anderen Ursache herrühren müsse. Und was hindert uns denn zu glauben, daß darüber gleichfalls ein heidnisches Begräbnis einer Fürsten - oder Heldendame mit ihren Mägden verborgen sei, und daher der Name komme, in dem ja aus der Geschichte des deutschen Altertums sattsam bekannt ist, daß bei den Leichenbegräbnissen fürnehmer Frauen ihre treuen Dienstmägde auch umgebracht und zugleich mit verbrannt worden sind".
Soweit Ottos Bericht. Die Entstehung des Grabhügels wird heute klar und eindeutig eine Begräbnisstätte aus vorgeschichtlichen Zeit angesehen. Solche Grabhügel - der Fachmann sagt „Hügelgräber"- sind in der nächsten Umgebung der als „Hünengrab" bezeichnete Zorbauer Hügel wie auch der Aupitzer Hügel. Letzterer ist um die Jahrhundertwende 1900 bereits geöffnet worden, die Gerätefunde aus diesem Grab weisen in die Bronzezeit. Im Mägdegrab haben in jüngster Zeit nach 1945 auch Ausgrabungen stattgefunden, doch wurden keine Funde nachgewiesen. Vermutlich hat man bereits viel früher schon nach Schätzen im Hügel gesucht und den Inhalt beraubt oder zerstört. Das kann man annehmen, wenn man die Deutung Ottos v. J. 1795 liest.
Das Mägdegrab liegt seit alter Zeit in der äußersten Ecke nordwestlich in der Flur Obernessas im Siemel. Der dort liegende Flurteil wurde in der 1846 erfolgten Auseinandersetzung der Interessenten bei der Fluraufteilung (=Separation) dem Rittergut Langendorf zugewiesen. So erklärt es sich auch, daß der dortige Rittergutsinspektor den Grabhügel zu einem Ruheplatz für die Sommerzeit aussuchte und dort aus einem Mühlstein einen steinernen Tisch aufstellen und dazu eine Steinbank errichten ließ. Die Inschrift an der steinernen Bank besagt es: „Friedrich Belger, 1874 - 1902". Eichen und Ebereschen spendeten damals dem Inspektor auf dem Ruhesitz den nötigen Schatten. Um 1950 hat der rührige Kulturbund Obernessa den zerstörten Ruheplatz wieder in Ordnung gebracht. Der Hügel war vor der Ausgrabung noch mit den Ebereschen bestanden. Noch fünf Eichbäume zieren jetzt das alte Kulturdenkmal. Im Volksglauben findet man noch heute wie seit alters die Ansicht, daß es wie an ähnlichen Orten nachts hier „umgehe".
Das schreckliche Ende der beiden Mägde in der Sage könnte auch ein Zeugnis der grausamen Rechtsprechung in der Zeit des frühesten Mittelalters sein. Ein ähnlicher Fall wird in einer Sammlung mittelalterlicher Sagen, in den „Deutschen Volksbüchern", in der Erzählung vom Fortunatus geschildert. Hiernach fand ein Mörder den Tod am Galgen, während zwei Mägde als Mitwisser der Untat unter dem Galgen lebendig begraben wurden. Das spricht dafür, daß in unserer Sage irgend eine wahre Begebenheit zugrunde liegt.
2. Vom Drachen in Obernessa
Vor fast hundert Jahren wohnte im Kapellenende eine alte Frau, von der man noch lange sagte: „Die hatte den Drachen!" Man wollte gesehen haben, wie des Nachts aus dem Schornstein das Untier als feuriger Klumpen davonflog und später zurückkam. Der Drache mußte demnach irgendwo in der Nachbarschaft die Kühe gemolken haben, um seiner Herrin viel Milch zu bringen. Aber auch Eier und andere Nahrungsmittel schleppte er ihr zu. Dafür pflegte sie ihn gut. Die Dienstboten erzählten, daß die Frau unter den Ofen eine weiche wollene Decke ausgebreitet und tagtäglich einen Napf mit süßer Milch hingestellt hatte. Dafür half er seiner Hauswirtin nicht nur nachts, sondern auch tagsüber. Kam sie im Sommer zur Erntezeit erst zu Mittag vom Felde heim, so brachte sie sich oft garnicht mehr um das Essenkochen zu kümmern. Das Mittagbrot war bereits fertig. So konnte sie alle Tage bis zur Mittagszeit auf dem Feld bleiben. Kam sie dann heim, so stellte sie die Schüssel nur in die Ofenröhre und rief: „Hänschen, gäk!" (=brich dich!), da war die Schüssel voll der allerschönsten Kartoffelklöße. Oft gab es alle Tage dieses wohlschmeckende Gericht, manchmal gab es aber tagtäglich nur Milchschlicker (=saure Milch). Da fingen der Knecht und die Mägde an zu flüstern: „Der Fraß ist vom Drachen!" Sie kündigten der Bäuerin den Dienst. Niemand wollte in dieser Wirtschaft lange dienen, das Gesinde wechselte häufig auf diesem Hof.
Sonntags mußten der Knecht und die beiden Mägde nach alter Sitte stets zur Kirche gehen. Kamen sie dann heim, so stand jedesmal der beste Kuchen auf dem Tische. Aber er hat auch stets grau ausgesehen. Das kam dem Gesinde mit der Zeit denn doch recht merkwürdig vor. Da hat an einem Sonntag der Knecht zu den Mägden gesagt: „Ihr nehmt mal mein Gesangbuch mit, und ich lege mich in den Backofen bis ihr wiederkommt!" Die beiden Mädchen merkten, daß er lauschen wollte. Kaum waren sie weggegangen, hatte die Frau die Türen verschlossen und das Kuchenbrett auf den Tisch gelegt. Dann sagte sie:
„Hänschen gäk,
lauter eiergelben Kuchendeek!"
Aber ängstlich hat der Drache geantwortet: „Es gukt!"(=guckt). Damit hatte er den Knecht auf dem Backofen gemeint. Die Frau aber antwortete: „Nee, komm nur, ‘s guckt nicht!" Und nun brachte er allerlei schönsten Kuchen aus seinem Rachen hervor. Als die Mädchen aus der Kirche kamen, erzählte ihnen der Knecht, was er erlebt hatte. Keines aß auch nur ein Stück von dem Kuchen, und sie verließen alle Drei bald ihren Dienst.
Wirklich wahr aber ist es, daß Dienstboten einmal der Frau frei ins Gesicht gesagt hatten: „Eßt euer Drachengekäktes selber!" Hierauf verließen sie am gleichen Tage den Dienst.
Der Bauernhof aber hatte keinen Erben. Er wurde verkauft. Der neue Besitzer hatte mit seinem Vieh viel Unglück. Oftmals verendeten ihm Kühe und Schweine. Da sagten die Leute im Dorfe: „Das Haus ist verhext!" Die Alte hatte den Drachen bei ihrem Tode nicht verkauft. Nun hat sie im Grabe keine Ruhe und muß umgehen und verhext das Vieh.
(Anmerkung: Man sagte in Obernessa von zwei Gehöften, welche den Drachen haben sollten. - Diese und noch acht andere von mir mitgeteilte Sagen, manche davon in abgeänderter Form, sind 1937 gedruckt in dem „Sagenbüchlein des Kreises Weißenfels, gesammelt und erzählt von Alfred Nier", damals Lehrer in Prittitz, erschienen.
Über die Sagen vom Drachen wird auf die Darstellung auf Seite 77/78 dieser heimatlichen Kulturkunde hingewiesen).
3. Die versunkene Brautkutsche
Auf den Wiesen von Obernessa befindet sich die größte Quelle der Nessa. Früher floß sie viel stärker als jetzt. Die Wiesen waren seit jeher sehr sumpfig und nur in trockenen Jahren konnte man zur Heuernte bis an die Quelle heran. Alte Leute erzählten, daß in der Quelle der Wassergeist, der Nix wohne. Er versuchte, sich in den Besitz eines reinen, frommen Mädchens zu setzen und sie mit seinen grünen Froschfingern in sein Wasserschloß hinabzuziehen. Dann könne er in Menschengestalt unter die Menschen gehen. Aber die jungen Leute hielten das für eine Mär der Alten und glaubten es nicht.
Einmal hatte eine schöne, fromme Jungfrau Hochzeit. In der geschmückten Brautkutsche fuhr man zur Kirche. Wie es seit altersher Sitte war, benutzte man zur Heimfahrt einen anderen Weg, denn der Rückweg muß ein anderer sein als der Hinweg. Er führte an den Nessawiesen entlang. Mittlerweile aber waren dunkle Gewitterwolken am Himmel aufgestiegen. Unerwartet zuckte ein greller Blitz auf, und sogleich folgte ein gewaltiges Donnerrollen. Hoch bäumten sich die Pferde und rasten mit dem entsetzten Brautpaar über die Wiese gerade auf die Quelle zu. Dort versank plötzlich die Kutsche mit Pferden, Kutscher und Brautleuten in dem Sumpf und ward nicht wieder gesehen. Sonntagskinder behaupteten später, sie hätten die Braut weinend auf dem Grunde der Quelle sitzen sehen. Versucht hat es aber noch niemand, die Braut zu erlösen. Das kann nur durch ein Sonntagskind in einer Vollmondnacht am Tage Johanni geschehen.
4. Die feurige Henne
Ein Mann aus Obernessa ging in einer Nacht ganz allein nach Unternessa. Gerade als die Turmuhr die Mitternachtsstunde verkündete, kam er an den Ellern vorüber. Da sah er eine kleine Henne. Da dachte er: „Du hast aber Glück! Jetzt hascht du die Henne!" Und als er zupacken wollte, flog sie gackernd fort und ist ganz feurig gewesen. das war aber der Drache, er hat ihn zum Narren gehalten.
(Anmerkung: Hier tritt der Drache als Neckgeist in anderer Gestalt auf. Die Mitternachtsstunde ist die Stunde, in welcher dem Dämonen - glauben entsprechend das Glück in erster Linie zum einfachen Menschen kommt).
5. Der Schatz unter dem Birnenbaum
Bei Rosenhahns im Garten stand ein großer alter Birnenbaum. Manche Einwohner, welche aus der Nachtschicht kamen oder zufällig um Mitternacht dort vorbeigingen, hörten es rufen: „Tupp, Tupp, Tupp!" (=Topf)
Der Ruf kam von dem Birnbaum her. Bald hieß es, daß unter seinen Wurzeln ein Geldtopf vergraben sei. Man soll wohl nachgegraben, aber keinen Schatz gefunden haben. Der Schatzsucher hat es vielleicht am hellichten Tage getan statt zur Mitternacht, er hat auch das Zauberwort nicht gekannt.
(Anmerkung: In früheren Jahrhunderten galt vor allem in Kriegszeiten das Vergraben von Gegenständen aus Gold und Silber und meistens von Geld in einem sicheren Versteck als der beste Schutz vor Beraubung. Darum gab es in alter Zeit auch Schatzsucher, welche mit einer Wünschelrute, der Haselgerte, Schätze zu finden gedachten. Sie schlossen gar mit dem Teufel einen Bund und verschrieben ihm ihre Seele durch Unterschrift mit ihrem Blut).
6. Der schwarze Mann
Früher ging an jedem Sonntag von jeder Familie ein Mitglied zur Kirche zum Gottesdienst. Als einmal eine Hausfrau damit an der Reihe war, ist sie nur bis an die Kirchentür gekommen. Da hat ein schwarzer Mann davor gestanden, so daß sie nicht getraute, in die Kirche zu gehen. Das ist ihr jedesmal geschehen. So mußte sie voller Furcht stets umkehren und nachhause gehen ohne der frommen Sitte zu genügen. An einem Sonntagmorgen aber begegnete sie dem Pfarrer. Der fragte sie, warum sie nicht zur Kirche gehe. Sie antwortete darauf: „Ich will doch in die Kirche gehen! Aber jedesmal, wenn ich an die Tür komme, steht ein schwarzer Mann davor und läßt mich nicht hinein!"
(Anmerkung: Der schwarze Mann könnte mit dem Kinderschreck des schwarzen Mannes identisch sein, der auch der „Mummanz" genannt wird. Sehr wahrscheinlich ist aber eine andere Deutung: In der Gasse nach dem Kiesweg zu soll nächtlich ein früherer Einwohner, der „Pfeifer" genannt, spuken. Der Glaube, daß hier ein Toter als Gespenst umgeht, hat wohl diese Frau in Angst und Schreck gesetzt).
7. Der schwarze Hund
Es geschah an einem dunklen Herbstmorgen. Da ging eine Frau zu ihrer Arbeit auf dem Rittergutsfelde. Ihr Weg führte sie aus Dorfesmitte durch die enge Gasse zum Kiesweg hin. In der Gasse durchfuhr sie ein gewaltiger Schreck, eine unheimliche Spukgestalt drückt beiderseits auf ihre Schultern, sie lastet schwer auf ihrem Rücken. Sie konnte nicht um Hilfe schreien, die Kehle war wie zugeschnürt. Sie getraute sich in ihrer Angst nicht umzusehen. Es war ein großer schwarzer Hund, sie mußte ihn bis zu ihrer Arbeitsstelle tragen. Als sie am Abend wieder nachhause ging, mußte sie das Schreckgespenst wieder durch die Gasse bis zu ihrem Hause tragen. Erst da löste sich der Schreck von ihr.
(Anmerkung: Diese Spukgestalt ist in dem Glauben der Bewohner in ganz Mitteldeutschland zu bemerken. In Lauchstädt war es ein großer schwarzer Hund, der auf einer Mauer sitzt und in der Dunkelheit mit seinen feurigen Augen die vorüber kommenden Menschen in Angst versetzt. In Reichardtswerben war es der Kobold, der einem Fleischer auf seinem Heimweg vom Hausschlachten aus dem Nachbardorf zunächst als geschecktes Kalb begleitete, dann nieste und sich in eine schwarze Katze verwandelte und ihm schließlich kurz vor seiner Wohnung als großer schwarzer Hund ebenso mit feurigen erschien und ihn auf den Kopf schlug. Diese Sagen sind auf Angstzustände zurückzuführen, welche den einzelnen Fußgänger in dunklen Nächten befallen, denen es unheimlich zumute ist und sich ihnen eine große Schwere auf die Glieder legt. So entstand die Sage von dem „Aufhocker", der den Wanderer anfällt und sich von ihm tragen läßt. Dieser Zustand ähnelt dem Albdrücken, daß den schlafenden Menschen im Traum in schwere Angstzustände versetzt).
8. Der Drache als Maus
Da war einmal in Werschen eine Bauersfrau. Die bescherte ihre Magd zu Weihnachten, wie das so üblich war, mit einem neuen Kleidungsstück und einer gewichtigen Weihnachtsstolle. Sie packte einen neuen Rock ein und sagte: „ Mach das Paket aber nicht eher auf als bist du nachhause kommst!" Die Magd erwartete etwas besonderes Schönes und lief schnell, daß sie bald in ihr Heimatdorf und zu ihren Eltern kam. Als sie zuhause das Paket aufwickelte, sprang eine weiße Maus heraus. Sogleich merkte ihre Mutter, daß die Maus der Drache war, den seine Herrin loswerden wollte. Sie haschte schnell das Tier, und die Tochter brachte es in das Gehöft ihrer Bauersfrau zurück. Zugleich auch kündigte sie ihren Dienst auf und zog ab.
(Anmerkung: Auch hier läßt die Sage den Drachen in anderer Gestalt auftreten).
9. Der Drache im Heubündel
In Werschen wohnte einmal eine alte Frau ganz allein in einem Häuschen. nach einigen Jahren mußte sie ausziehen. Alles nahm sie mit sich fort. Nur ein Heubündel ließ sie im Hause als ob sie es vergessen hätte. Als eine Familie in das Haus einzog, bemerkte sie auf dem Oberboden das Bund. Darin bewegte sich etwas, es war der Drache hineingebunden. Die neuen Hausbewohner ruhten nicht eher als bis die alte Frau das Bündel geholt hatte.
10. Der Drache als schützender Hausgeist
Die Großmutter in Werschen besaß ein Häuschen. Im Dachstübchen aber wohnte eine alte Frau als Hausgenossin, wie man damals sagte, zur Miete. Die hatte den Drachen und behexte die Großmutter, daß sie nicht mehr satt wurde. Sie konnte den Topf zum Kartoffelkochen noch so groß nehmen, immer hatte sie nach dem Mittagessen Hunger. Da klagte sie einer Nachbarin ihre Not. Die gab ihr den Rat, sie sollte sehen, daß sie heimlich irgendwie ein Stück Wäsche der Alten erlangen konnte. Das sollte sie dann zerreißen. Es gelang ihr aber nicht, weder mit List noch durch Zufall. Eines Abends war das Fenster der Alten geöffnet. Da langte die Großmutter mit dem Feuerhaken durch ihr Fenster hinauf nach dem Fenster der Alten und versuchte deren Fenstervorhang zu zerreißen. Die war nicht zuhause, doch da bewegte sich der Fensterladen von selbst und schloß sich am Fenster. Zog die Großmutter den Feuerhaken herab, so ging der Fensterladen wieder auf. Noch ein paarmal versuchte die Großmutter diese List, aber stets drehte sich der Laden schützend vor den Vorhang. So stahl der Drache nicht nur Kartoffeln für die Alte, sondern schütze auch als dienstwilliger Hausgeist den Zauberbann seiner Herrin. Die Großmutter aber beruhigte sich erst, als die Alte aus ihrer Stube ausgezogen war.
(Anmerkung: Wie der Leser nun wohl gemerkt haben wird, hatte eine hiesige Einwohnerin die Sage aus ihrem Geburtsort Werschen erzählt. Sie sind aber nirgends bereits veröffentlicht worden, nur die nächstfolgenden Sagen vom dreibeinigen Hasen zu Werschen, die ich der Sagensammlung des Forschers Nier abgab).
11. Der dreibeinige Hase von Werschen
Einst wurde in der Werschner Flur des öftern ein dreibeinigen Hasen gesehen. Man glaubte, daß ihn niemand schießen und auch nicht treffen könne, da in ihm ein böser Geist steckte. Bei einer Treibjagd sah ihn ein Jägersmann plötzlich vor sich auf der Landstraße immerwährend hin und her laufen. Da riß der Jäger die Flinte an die Backe, zielte und Schoß. Im selben Augenblick sank der Jäger mit einem Schmerzensschrei zur Erde, der Schuß hatte ihn am Kinn schwer verletzt. Der Hase aber war plötzlich verschwunden.
(Anmerkung: Der Hase ist nach Auffassung von Forschern infolge einer Wort - und Begriffsverwechslung der Wase oder Ase, der uralte Quell des Lebens im Glauben der Germanen. Der Hase rechnete zu den heiligen Tieren, in denen die Menschenseele eingeht. Seiner Fruchtbarkeit wegen war er der Frigga zugeeignet. Bei den Germanen galt er als die Hülle einer zum Umgehen verurteilten Menschenseele. Der heutige Aberglauben besagt, daß ein Hase, der vor dem Menschen über den Weg hüpft, ein böses Omen bedeutet und Unglück bringt).
12. Der Pfarrer ohne Kopf
Meisitz ist ein untergegangenes Dorf, welches zwischen Aupitz und Rössuln lag. In unserm Sprachgebrauch erinnern an dieses Dorf nur „die Meißwiesen". Unseren früheren Einwohnern Obernessas war letzterer Ausdruck ein bekanntes Wort, da früher unser Rittergut dort Wiesen besaß und bewirtschaftete. Darum graulten sich die Leute von Obernessa und der nächsten Umgegend der Meisitzwiesen, zu nächtlicher Stunde über diese Wiesen zu gehen. Man sagte, daß einem dort in der Nacht ein Gespenst begegne, das wäre ein Pastor ohne Kopf, den er unter dem Arm trage. Trifft man dieses Gespenst, so darf man nicht sprechen, so lange man über diesen Flurteil geht, denn sonst wird man von dem Gespenst in einen Brunnen gestürzt. Man sagt, daß das Dorf im Dreißigjährigen Krieg von den wilden Horden Wallensteins gänzlich zerstört und niedergebrannt worden sei. Bekanntlich wurden in diesem Krieg besonders die Pfarrer von den Soldaten gemartert und getötet. Der Pfarrer von Meisitz aber hatte sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht und im Brunnen versteckt. Nach der Plünderung kam er aus seinem Versteck hervor, er fand nur noch Tote in seinem Dorfe. Er war der einzige Überlebende und irrt seitdem mit verstörten Sinnen als Gespenst über die Flur des ehemaligen Dorfes mit seinen Wiesen. Der Brunnen aber wäre noch lange Zeit vorhanden gewesen.
(Anmerkung: Es gibt vielerorts untergegangene Dörfer, von denen als Wüstungen nur noch die Namen bekannt sind. Von ihnen gibt der Volksmund stets an, sie wären im Dreißigjährigen Kriege zerstört worden. Das trifft für Meisitz bestimmt zu, in einer Urkunde des Jahres 1617 (also vor dem Kriege) wird Meisitz ein „für alters vernichteter Ort" genannt. Im übrigen deckt sich diese Sage mit dem Volksglauben, daß Tote als Wiedergänger umherirren und noch andere Menschen in das Jenseits nachholen. Sagen vom Reiter ohne Kopf (oder gar einem Jagdhund ohne Kopf) sind mancherorts bekannt).
(Nachtrag Betr. Meisitz): Landrichter Otto berichtet in seiner Topographie der Pflege Weißenfels, daß zu Meisitz nur 14 Hufen Land gehörten. Somit war Meisitz ein kleines Dörflein nicht größer als Dippelsdorf mit 15 Hufen.Laut Rittergutsakten von Obernessa im Staatsarchiv zu Magdeburg erhielt der Rittergutsbesitzer v. Posern in Obernessa i. J. 1651 von „Misitz, Aupitz und Kößeln" insgesamt an Zinsen „13Kaphähne, 2 Lammsbäuche, 10 Gr. 6 Pf, 2 Hühner von 4 halben Höfen und 3 Ackers". Das Rittergut Wernsdorf besaß eine „Meusitzer Wiese" in Größe von 4 Acker. In neuerer Zeit gehörte das Gebiet des untergegangenen Dorfes Meisitz zur Flur Aupitz.
13. Die Wolfsschlucht bei Teuchern
Zwischen Teuchern und Trebnitz liegt eine Hohle, die heißt seit altersher die Wolfsschlucht. Man sagt, es wäre dort nicht geheuer, und immer wieder erzählt man auch von unterirdischen Gängen, die von dort nach dem teuchernschen Rittergute und nach dem Burghügel gehen sollen. Dem nächtlichen Wanderer erscheint zur Mitternacht ein Jagdhund ohne Kopf, schreckt ihn, läuft ein Stück hinter ihm her und verschwindet dann.
Einst ging ein Mann zu mitternächtlicher Stunde den Weg durch die Hohle. Da bemerkte er plötzlich eine große, schwarze Katze mit feurigen Augen. Neben ihr lag ein Geldtäschchen. Er hob es auf und öffnete es. O, es war bis obenan mit Goldstücken gefüllt! Nun rannte re so schnell er nur konnte damit nach Teuchern zu. Als er dort atemlos ankam, traf er einen Freund. „Wie siehst du den aus?" rief dieser ihn an. Und nun erfuhr er, daß sein Gesicht kohlrabenschwarz geworden war. Voller Schrecken erzählte er jetzt dem Freunde sein Erlebnis. „Ja", meinte der Freund, „ich gebe dir den Rat, laufe schnell zurück und lege das Geld hin, wo du es weggenommen hast!" Das tat er auch. Dort in der Hohle saß der Kater immer noch an derselben Stelle. Als der Mann dann zurückkam, war sein Gesicht wieder weiß geworden.
(Anmerkung: Hier zeigt sich der Drache als eine schwarze Katze. Sein Pfleger ist gestorben und hat ihn nicht verkaufen können. Nun sucht er sich mit dem gefüllten Geldtäschchen einen neuen Herrn).
14. Der tolle Rittergutsbesitzer zu Pauscha
Vor langer, langer Zeit gab es eines Sommers auf den Feldern des Ritterguts Pauscha eine sehr schlechte Getreideernte. Es hatte Monate lang nicht geregnet. Die Sonne sengte unbarmherzig auf die Felder herab. Das Korn blieb niedrig. Als es die Schnitter mähten, kam der Herr auf das Erntefeld geritten. Er ergrimmte über die Mißernte und ritt in seiner Wut schleunigst nachhause. Voller Zorn riß er sein Gewehr von der Wand, stellte sich mitten auf den Hof und schoß nach der Sonne. Dabei stieß er einen greulichen Fluch aus. Ein Entsetzen ergriff die Leute ob seines sündhaften Frevels. „Da bleibt die Strafe nicht aus!" hieß es.
Eines Tages geschah denn auch das Unglück, der Gutsherr stürzte vom Pferde und brach das Genick. Doch im Grabe fand er keine Ruhe. Seine Seele wurde in einen Baum verwunschen. Als nun der Baum alt war, mußte er gefällt werden. Das Holz aber wurde vom Tischler zu allerlei Möbeln und Hausgeräten verarbeitet. In einer Nacht fing es bald an zu spuken. In den Häusern mit den Möbeln und Geräten aus diesem Baum entstand ein Rumoren. Die Möbel bewegten sich ruckweise von selbst. Holzstücke und Gegenstände, die auf dem Oberboden standen, stürzten mit lautem Gepolter die Treppe hinunter. Die Schläfer in den Häusern erwachten und bekreuzigten sich ängstlich. Das Spuken und Poltern geschah in jeder folgenden Nacht, so daß die Bewohner mit großem Schrecken erfüllt wurden. Da der unheimliche Spuk nicht aufhörte, holte man endlich den Scharfrichter. Der errichtete von den Möbeln und Holzstücken einen großen Scheiterhaufen und verbrannte darauf zwei schwarze Böcke. So bannte er endlich den unheimlichen Spuk.
Wenn man später zur Sommerzeit an den Feldern des Ritterguts zu Pauscha vorüber kam, so fiel wohl manchem auf, daß die Gespanne der Erntefuder aus schwarzen Pferden bestanden. Man erzählte, daß Pferde von anderer Farbe auf diesem Gut stets umkamen. Im Rittergute befand sich letzthin auch ein enges, niedriges Gelaß. Wer das betrat, hatte Unglück. Als es von zwei Maurern umgebaut werden sollte, betraten sie es, trotzdem sie gewarnt worden waren. Dem einen wurde bei der begonnenen Arbeit das Bein zerschlagen, der andere wurde auch verletzt. Sie hörten sofort auf, so daß das Kämmerchen noch bis in jüngste Zeit unverändert gelassen wurde. Auch redete man von einem Stein im Keller des Gutshauses, welcher nicht entfernt werden dürfe, sonst gäbe es auch ein Unglück oder gar den Tod für ein Familienmitglied.
(Anmerkung: Der Spuk des Toten ist bezeichnend für den früheren Glauben an das Umgehen des „Wiedergängers", der im Grabe keine Ruhe finden kann. Der Eigang der Seele des Toten in einen Baum, eine Pflanze oder gar in einen Stein oder wie auch noch dazu in das Teufelsgespannn der schwarzen Böcke oder auch in die schwarzen Pferde entspricht dem Glauben an die Seelenwanderung frühester Zeiten. Diese Sage wurde mir um 1920 in Obernessa erzählt).
15. Der Kowelt in Reichardtswerben
Es ist schon lange her. Da lebte in Reichardtswerben ein reicher Bauer, der hieß „der alte Märten". Wegen seines Reichtums wurde er viel beneidet. „Der hat den Kowelt!" sagten die Leute und machten abends lieber einen kleinen Umweg, als daß sie an dem düsteren Haus mit den dicken Lehmwänden und den kleinen Fenstern vorübergehen sollten. Alles, was der Bauer und seine Frau scharwerkten, das gedeih, half ihnen doch der Kobold.
Der Getreideboden lag gefüllt mit goldenen Getreidekörnern. Der Kobold schleppte noch vom Nachbar zu. Die glattesten und schmucksten Kühe standen im Stall und gaben schöne, fette Milch. Der Kobold brachte vom Nachbar auch noch die Milch. Bei dem melken die Kühe danach nur noch Blut. Dem Nachbar nahm er auch die Eier im Hühnerstalle ab und brachte sie seinen Herrn. Wenn der Nachbar über Nacht irgendein nützliches Gerät auf seinem Hof stehen ließ, war es am anderen Morgen weg. Der Kobold hatte es geholt. Auch hat es früher Taler gegeben, auf denen stand: „Gott mit uns!" Die aber, auf denen das nicht stand, waren dem Nachbar aus seinem Geldkasten verschwunden. Die hatte der Kobold seinem Herrn auch gebracht, so daß dieser immer reicher wurde. Darum wurde er gut gepflegt und immer mit gutem Essen versorgt.
Als die Frau einmal im Herbst in ihren Garden ging, erwischte sie zwei Nachbarrinnen beim Äpfelstehlen. Jede hatte die Schürze voller Äpfel. Schnell rissen sie aus und kletterten wieder über die Lehmmauer, die an einer Stelle nur wenig über einen Meter hoch war. Als sie drüben angelangt waren, hatten sie keine Äpfel mehr in den Schürzen. Darauf hatten sie noch einmal rückwärts über die Mauer geguckt. Sie dachten, sie hätten die Äpfel verloren, aber es waren keine mehr zu sehen. So hatte der Kobold das Eigentum seiner Herrschaft geschützt.
Das wurde anders, als der Bauer und seine Frau gestorben waren. Wohl hatte der Sohn den Kobold mit übernommen. Aber er konnte ihn nicht leiden. Die junge Frau hatte öfter ein zerkratztes Gesicht. Da sagten die Leute, sie hätte dem Kobold nichts zu fressen gegeben.
Einmal ging der Bauer auf den Boden. Als er den Kobold auf der Treppe sitzen sah, hat er ihn angeschnauzt: „Was willst du schwarzes Schwein hier? Mache, daß du hinauskommst!" Das hat ihm mächtig verdrossen. Nun fing er an, allerhand Schabernack und Unfug zu treiben. Im Stalle hat er die Kühe gemolken und die Milch zum Fenster hinaus gegeben. Kam die Frau in den Stall, war die Milch schon verschwunden. Nahm die Frau in der Küche eine Schüssel oder einen Teller vom Wandbrett, dann warf der Kobold die übrigen alle hinterher, daß sie mit lautem Gepolter entzwei sprangen. Ein andermal wusch sich der Bauer. Als er sich mit dem Handtuch abtrocknete, riß er sich das ganze Gesicht auf - der Kobold hatte lauter Nadeln in das Handtuch gesteckt. Auch das Getreide auf dem Boden wurde immer weniger.
Wie sollte der Bauer den Kobold loswerden ? Eines Tages räumte er mit seiner Frau das ganze Haus aus, stellte die Geräte alle auf den Hof und brannte kurzerhand das Haus an. In einer Ecke sah er da noch ein Faß stehen, er nahm es mit, um es vor dem Feuer auch noch zu retten. Doch, o weh, als er an die Haustür kam, schrie der Kobold im Faß:
„Und wären wir nicht davon gerannt,
da wären wir beide mit verbrannt!"
und lachte ihn dabei tüchtig aus. Zuletzt sind die Bauersleute ganz arm geworden. Als die Frau starb, verkaufte der Mann das Gut. Der neue Besitzer hatte aber den Kobold nicht mit abgekauft. So hat die tote Frau den Kobold mit ins Grab genommen und kann keine Ruhe finden. Sie geht nun um und verhext das Vieh, so daß noch heute über das Gehöft nur Unglück kommt.
(Anmerkung: Gleich wie man bei uns vom Drachen spricht, so tut man es jenseits der Saale bis in die Merseburger Gegend vom Kobold, der die gleiche Wesensart aufweist. So sollte die letztere Sage ein Beispiel dafür sein).
So haften allen Sagen einesteils Reste alter mythologischen Vorstellungen aus der vorgeschichtlichen Zeit an, andererseits liegen auch geschichtliche Begebenheiten bis neuere Zeit zugrunde.
Man sagt:
Im Getreidefeld haust der „Kornmann", der die Frucht des Feldes schützt: die Göttergestalt der Germanen;
„Frau Holle" schüttelt die Betten aus, wenn es schneit: sie war die Schutzgöttin des Hauses und Heimes;
Im letzten Schwad bei der Getreidemahd ist „der Alte", „der Bock, die Zicke": Götter mit ihren Lieblingstieren;
Im Unternessaer Rittergutsteich ist „ein Reiter" in dunkler Nacht versunken: eine der vielen Quellensagen. Den Wassergeistern wurden in vorgeschichtlicher Zeit gar „Menschenopfer" gebracht.
„Der Pfeifer" in der Gasse ist eine Spukgestalt, ein Wiedergänger, der noch hundert Jahren in Dorfesmitte ein Bauer war, der diesen Spitznamen besaß;
„Das Wal" (=der Wall) war ein Wallgraben rings um das Rittergut mit einem Schutzwall. Er ist tatsächlich noch vor 1900 nachweisbar gewesen.
Der Schulmeister Adam Ermler hat im Dreißigjährigen Kriege den „Schwedentrunk" erhalten. Er war der Sohn des Pfarrers Elias Ermler und ist im Kirchenbuch nachweisbar;
Im Keller des Bauerngehöftes Oskar Werner in Dippelsdorf (Nachfolger: Panzer) soll ein „unterirdischer Gang" nach dem Langendorfer Kloster angefangen haben. Der Eingang auch von Einwohnern besichtigt worden. Sage ist nur, daß er weit unter der Erde geführt wurde. Tatsache ist, wie die Geschichte nachweist, daß Dippelsdorf ein Klosterdorf war, daß dem Weißenfelser Nonnenkloster der heiligen Klara untertan war.
Auch einzelne Größen der Weltgeschichte werden von unseren Bewohnern durch die Sage beansprucht. Dem Preußenkönig Friedrich d. Gr. dem „Alten Fritz", Sagt man nach, daß ihm „die Pflaumen" im Unternessaer Rittergut im Herbst 1757 recht gut gemundet haben. Nachweisbare Tatsache ist, daß der König damals für einen Tag Quartier im Rittergut genommen hatte.
Geschichtlich belegt aber ist nicht die Sage, daß „Napolen" 1813 auf seiner Flucht aus Rußland „mit dem Schlitten die Salzstraße in der Prittitzer Flur benutzt hat.
2. Anhang zur Volkskunde
Kinderreime des Dorfes Obernessa
(Von Lehrer Siebert in Gemeinschaft mit den Schulkindern in der Zeit 1913 bis 1920 gesammelt).
Die volkstümliche Kinderreime sind als Teil der Volkskunde für die Kulturgeschichte von hohem Wert. Alle großen Ereignisse innerhalb der Familie und des Dorfes finden in dem Kleinleben des Kindes ihren Ausdruck. Wenn man die nachfolgende Sammlung durchliest, merkt man, daß ein großer Teil einer bereits vergangenen geschichtlichen Zeit angehört. Sie bilden eine kleine Dorfchronik für sich , für wenigstens zwei Generationen um die Jahrhundertwende. Sie gewähren einen wertvollen Einblick in die Kultur der Vorfahren unseres Dorfes für diese Zeit. Manche Reime reichen dem Inhalt nach bis ins Mittelalter zurück. Einige sind sogar eine Quelle für die Kenntnis des Götterglaubens unserer heidnischen Vorfahren, uralte Gebräuche spiegeln sich darin noch ab, wie in den Wundsegen, den Pflanzenorakeln, den Ringelreihen, in denen wir Reste altheidnischer Tänze zu Ehren der Götter zu erkennen haben.
Alle Reime ziehen sich durch den Lebenskreis unserer heimischen Menschen zumeist im Rahmen der Familien und der vertrauten Dorfgemeinschaft von der Geburt bis zum Lebensende und geben auch innerhalb der immer wiederkehrenden Jahresringes in Frühling, Sommer, Herbst und Winter eine wirkliche interessante Anschauung unseres dörflichen Lebens.
Nach dem Inhalt unterscheiden wir Wiegenreime, Schaukel - und Kniereiterreime, Fingerspielreime, Abzählreime in großer Zahl, Kinderpredigten, Sprachscherze, Lügenmärchen, Rätsel und Ortsneckereien.
Wegen des Reimens und dem Gleichklang der Endreime mußte ein Teil der gesammelten Sprüche in der Mundart oder auch die Hochsprache mit der Mundart gemischt aufgeschrieben werden, wie sie von den Kindern in ihrem angelernten Schuldeutsch auch außerhalb der Schulzeit gesprochen wurde. Auch der Stabreim ist verschiedentlich zur Anwendung gekommen.
1. Im Lebenskreis
1.Geburt und Taufe
Storch, Storch, guter,
bring’ mir ‘n Bruder,
Storch, Storch, bester,
bring’ mir ‘ne kleine Schwester.
Adebar, der Vogel der Göttin Freia, bringt die kleinen Kinder aus dem Born(=Brunnen) oder aus dem Teich.
2. Neckreim
Gestern Amd um achde
kam dar Schdorch un brachte
een kleen’n Schwiegersohn,
als e kam, da lachd’e schon,
leed marn in de Wieche,
megkarde wie’ne Zieche,
kam dar Schneidar Meckmeckmeck:
„Holt mar ma den Jungen weck!"
Der Dorfschneider, früher meist nur ein Flickschneider, war arm wie’ ne „Kärchenmaus". Viele Kinder konnte er nicht gebrauchen.
3. Abzählreim
Eins, zwei, drei,
in der Bäckerei
ist ein kleines Kind geboren.
Wie soll es heißen ?
Anna, Berta, Winkeltasche. (auch: Rumpeltasche)
Wer will seine Windeln wasche ?
Eins, zwei, drei,
reine müssen sie sei.
Schlußsatz auch:
und du mußt’s sei ! oder auch:
Ich und du, raus bist du.
Der Reim behandelt - unwissentlich für die Kinder - scheinbar die uneheliche Geburt des Kindes, seine Erzeugung im „Abseits", im Winkel. Darauf deutet der Name Winkeltasche hin. „Rumpeltasche" aber bezieht sich auf das „Rumpeln" der Wäsche mit der Hand. Statt „in der Bäckerei" wurde auch gesprochen: „uff der Polizei".
4. Abzählreim
Eine kleine Ditter - Datter!
Meine Mutter steht Gevatter.
Beim Herrn Subbardent
wo der Kaffee ist varbrennt,
wo die Milch ist übergelaufen,
kann der Herr kein’n Kaffee saufen.
Der geistliche Herr des Dorfes - des Reimes wegen Superintendent genannt - ist nach der Taufe, wie seit alten Zeiten üblich, der Nachmittags - Kaffeegast. Am Anfang des Reimes ist die Da-da-Sprache des Kleinkindes nachgeahmt. In den 1920er Jahren entstand in Deutschland ein Literatenbund, die Dabaisten, der allen Ernstes Gedichte und andere literarische Erzeugnisse in der Sprache des Kleinkindes herausgab. Eine Ausgeburt der Dichtungsarten!
5. Spottreim
Bäddlar, Bäddlar, bum, bum, bum,
schlagk mar meine Nase krumm,
schlagk marsche widdar jerade,
da biste meine Pate.
„Die Pate", männlichen sowohl als auch weiblichen Geschlechts, ist in diesem Reim der helfende Schutzengel, der um sein Patenkind besorgt ist und vor allen Dingen Geschenke macht. Der Reim beginnt an anderen Orten Mitteldeutschlands: Böttcher, Böttcher, bum, bum, bum. Doch war unseren Kindern dieses Handwerk nicht bekannt, da es im Nessatal nicht vertreten war.
6. Abzählreim
Eine kleine Piepermaus,
ging auf’s Rathaus,
wollte sich was kaufen,
hatte sich verlaufen,
i, a, u,
und wie heißt du?(Vornamen nennen!)
(x)ist ein schöner Name,
(x) möcht ich heißen,
(x) hin, (x) her,
(x) ist ein Zottelbär.
Das kleine Kind, mit dem schmeichelnden Ausdruck „Piepermaus" muß seinen richtigen Vornamen nennen. Gefällt den Gespielen nicht, dann wird er als Zottelbär gekennzeichnet.
Die folgenden Reime für das Kleinkind könnte man als Zuchtreime bezeichnen. Sie begleiten das Anfangsleben des Kleinkindes mit den Erwachsenen als Erzieher.
Wiegen - und Schaukelreime
7. Schlaf, Kindchen, schlaf,
dein Vater hüt’t die Schaf,
deine Mutter schüttelt’s Bäumelein,
da fällt herab ein Träumelein,
schlaf, Kindchen, schlaf.
Dieser Reim ist als gesungenes Wiegenliedchen, zum Teil mit leicht verändertem Text, in ganz Deutschland bekannt.
8. Oben, naus
übers Haus
guckt die kleine Martha ‘raus.
Auch ein Wiegenlied, abwechselnd mit Quinte und Terz gesungen.
9. Heia, Boie, sause,
hinter unserm Hause
ackert Vetter Krause,
ohne Pflug und ohne Schar
ackert er das ganze Jahr.
Im Mittelalter war die Boie (lat. boia= Fessel) mit Stricken an den Deckenbalken der Stube angehängt. Beim Einwiegen in den Schlaf wurde die Wiege zwar nicht „übers Haus" zum Schaukeln gebracht, aber durch den leisen Gesang, wieder in abwechselnden Quinten und Terzen, der gewünschte Erfolg erreicht. Als Rätselreim bezieht er sich mit „Vetter Krause" auf den Maulwurf. Mundartlich wird bei uns das Pflügen als „ackern" bezeichnet.
10. Bisch, bisch, bisch, Soldatenkind!
Wenn dar Vadar met dar Zibblmitze kimmt,
bringd e’ änne Muh, un änne Mäh
un änne gruße Zinterätätä!
Als Kniereitervers wurde auch noch angehängt:
schleet er dich uff dein’n Kobb
un singt immer hopp, hopp, hopp!
Das Einschläfern beim Wiegen hieß mundartl. „einbischen". Der Reim ist zur Zeit des 1. Weltkrieges entstanden. Der Vater mit der Zibblmitze - mit der Pickelhaube des Soldaten - er kommt auf Urlaub, der in der Hungerzeit des Krieges mit den festgelegten kärglichen Rationen an Nahrungsmitteln am liebsten eine Kuh oder ein Schaf mitbringen würde. Vielleicht bringt er aber eine „Zinterätätä = eine Trompete, die in der Kindessprache auch „eine Blase" oder „Tute" genannt wurde. Der Reim ist an anderer Stelle in abgeänderter Form als Weihnachtsreim gebraucht.
Drei Knieschaukelreime
11. Hopp, hopp, hopp,hopp, Reiter!
Wenn er fällt, da leit er; (leit=liegt)
fällt er in den Graben,
da fressen ihn die Raben.
Wenn wir größer werden,
da reiten wir auf Pferden,
wenn wir größer wachsen,
da reiten wir bis nach Sachsen,
reit’n wir in die große Stadt,
da essen wir uns mit Semmeln satt.
Hier ist ein Anklang mit dem Raben als an den Galgenvogel des Mittelalters, vielleicht gar an den Begleiter Wodans als Göttervogel.
Derselbe Reim mit etwas abgeändertem Text in der Mundart:
12. Schacke - schacke - rillechen,
mar reid’n uff’n Fillichen,
un wemmar gressar wärd’n.
da reid mar uff’n Färd’n,
un wemmar gressar wachsen,
da reid mar bis nach Sachsen,
da reid mar in de gruße Schdadd,
da äss’n mar met Sämmeln sadd.
Fillichen = Füllen(mhd:), jetzt im Sprachgebrauch nur „Fohlen". Derselbe Reim noch anders abgeändert:
13. Schagke, schagke rillarchen,
alle glen’n Ginnarchen
reid’n uff’n Fillarchen,
wenn se gressar wärden,
reiden se uff’n Färden.
Macht das Färdchen hobb Galobb
un wärfd den gleen’n Reidar ab.
Diese Reime wurden auch oft in einfachen Intervallen gesungen.
Huckepack wird hier mit kleinen Kindern „Hugkemesde" genannt.
14. Hucke, hucke, Meste,
der Bettelmann hat Gäste,
hat ‘ne alte Kuh geschlacht’t
un de Galaun’n nich reene jemachd.
Pfui deiwel, wie stinkt denn das!
Betr. Meste. Die Salzmeste war ein kleiner Salzbehälter auf dem Mittagstisch. Hier scheint es sich aber auf das „Hucken"=Tragen eines Salzsackes oder eines Getreidesackes mit so und sovielen Metzen Körnern zu handeln. Der Müller metzte (=auch „molderte") das Getreide, das ihm gebracht wurde.
Spielreime mit Fingern und Händen
15. Das ist der Daumen,
der schüttelt die Pflaumen,
der liest sie auf,
der trägt sie heime,
und der Kleine ißt sie ganz alleine.
So lernt das kleine Kind allmählich unterscheiden und zählen. Derselbe Reim, besonders ortseigentümlich:
16. Där in’n Born felld, (=fällt)
där’n raushuld,
där’n heemedreed, (=nachhauseträgt)
där’s dar Muddar seed, (=sagt)
där’n Bugklet vullschleed. (=Rücken vollschlägt)
Eine „Plumpe" gab es vor 200 Jahren noch nicht, das Wasser wurde aus dem meist nicht abgedeckten „Born", dem Schöpfbrunnen, geholt. Bei beiden Reimen wird die Hand des Kleinkindes, „die Patschhand", gehalten und die fünf Finger einzeln angefaßt, neckisch.
17. Ein Schmied der wollt’ ein Pferd beschlagen.
Wieviel Nägel brauch er dazu?
Das Kleinkind kennt schon einzelne Zahlwörter, die ihm aber noch keinen Zahlbegriff bilden. Sagt es z. B. auf die Frage: „Neun!" so zählt man bis neun und tupft ihm dabei neunmal auf den Handteller. So lernt es erst das mechanische Zählen.
18. Backe, backe Kuchen,
der Bäcker hat gerufen,
hat gerufen die ganze Nacht,
hat keinen Teig gebracht.
19. Badsche, badsche guchen,
dar Bägkar hat jerufen,
mir soll’n einmene,
mir soll’n Guchen brenge(=bringen)
Else had gee’n Guchen jebrachd,
kreit se ooch geen Guchen.
20. Backe, backe Kuchen,
der Bäcker hat gerufen.
Wer will schöne Kuchen backen,
der muß haben sieben Sachen:
Eier und Salz,
Zucker und Schmalz,
Milch und Mehl,
Safran macht den Kuchen gel.
Die geöffneten Hände des Kleinkindes werden gefaßt und beim Sprechen im Takte leicht ineinandergeschlagen
( „gebadschd" und „gegladschd"). Der letzte der drei Kuchenback - Reime war mehrfach in Kinderbüchern gedruckt und von unseren größeren Geschwistern auch benutzt worden.
Raten
21. Pink - de - pank,
der Schmied ist krank,
der liegt auf seiner Ofenbank.
Wo soll er wohnen?
Unten oder oben?
22. Winkelwank
wo steht der Schrank?
In der Küche?
In der Bank?
Unten oder oben?
Ein älteres Geschwisterkind nimmt einen Gegenstand, oft einen Bonbon, in die geschlossene Hand und stellt beide Fäuste im Takte des Reims abwechselnd übereinander. Das kleinere Kind muß raten und erhält zum Schluß das Geschenk.
Neckreime
23. Es jingk ä mann zur dreppe nan, (mit der Hand den Arm des Kindes aufwärts leicht
tippen.
klinglingling, (am ohr zupfen)
poch an! (an dessen Stirn pochen)
Judd’n Daach, Herr Zabblmann! (an der Nase zupfen)
Die nächsten beiden Reime ähnlich:
24. Es ging ein Doktor die Treppe nauf.
(mit hoher Stimme): Klinglingling! (an Nase zupfen)
(mit tiefer Stimme): Poch, poch, poch! (an Stirn pochen)
Guten Tag!
25. Der Pasdar ging zur Treppe nauf. (ebenso wie oben: am Arm tippen) usw.
Klinglingling!
Poch, poch, poch!
guten Tag, Herr Stepsel!
Doktor und Pfarrer sind die Respektpersonen!
26. Es wollt’ ein Schmied ein Rad beschlagen.
Wieviel sollte es Nägel tragen?
Rate und rate du,
drück’ deine Äuglein zu!
Dieser Reim ergänzt Nr. 17. Hier sind noch zwei Verse hinzugefügt. Sie sind einem Spielreigen entnommen.
27. Kille, kille, kneischen,
kam ä gleenes Meischen,
kruch in Rudin sei Heischen,
machde immar kille, kille, kille.
Kitzeln. 1. Zuerst mit den Fingern auf dem Tisch das Krabbeln der Maus nachahmen, 2. Zeile dasselbe auf der Brust des Kindes, 3. Zeile auf den Mund , 4. Zeile unter den Armen kitzeln.
An den Haaren zupfen:
28. Zupp, zupp, zupp, Haare,
weeßtes noch von vorn Jahre. (vom vorigen Jahre)
Dasselbe:Auf die Antwort: Nee!
29. Kennste Bäckers Lieschen?
Zupp, zupp, Radieschen.
Wenn das Kind „popelt" (=mit dem Finger die Nase reinigt)
30. Zupp, zupp, zupp,zupp Nasendorf!
Wieväl reiden Reidar dorch?
eins, zwei, drei.
Wenn das Kind beleidigt tut, fährt ihm der Vater mit dem Finger versöhnend unter der Nase hin und her:
31. So jeht’s nach Zwicke(=Zwickau)
un so widdar zerigge!
Malreim. Der Vater malt erst zwei Augen:
32. Pünktchen, Pünktchen,
Komma, Strich, (dann Nase und Mund:)
Ist das nicht ein Mondgesicht? (dann den Kopf (Kreis):
Einen Hals und einen Bauch
mit drei goldnen Knöpfen auch,
ein Paar Beine wie ‘ne Sechs,
ein Paar Arme wie ‘ne Hex’,
ein Paar Haare in die Luft,
fertig ist der alte Schuft.
Malreim.
33. Guten Tag, Frau Meier,
ich möchte ein Paar Eier. (die Augen)
eine Gurke und einen Kamm, (Nase u. Mund mit Zähnen)
bitte, wickeln Sie’s mir zusamm’n, (Kopf=runden Strich)
ein langes Brot, (Hals)
und ein rundes Brot, (Bauch)
zwei Zuckerstengel, (Beine)
zwei Vanilljestengel (Arme)
und zwei Brezeln. (Ohren)
Das Kind weint (es „fetzelt",auch: es „nuddelt"). Es wird beruhigt. 6 Reime.
34. Da, haste ä Daler,
jehgk in de Schdadt,
goof dir ’ne Guh,
ä Gälbch’n dazu,
‘s Gälbch’n hat ä Schwenzch’n,
diddldum Dänzch’n!
35. Hier, hast’n Daler,
jeh auf den Markt (auch: jehste bei’n Maler)
kauf dir ne Kuh
und ein Kälbchen dazu,
kille, kille, muh! (kitzeln)
36. Nutt, nutt, nutt, neiar,
dar Gase (Käse) gusd’d ä Dreiar,
de Buddar gusd’d ä Fengk,
dar Matz wärd varschengkd.
37. Na, weene nur nich, na, weene nur nich,
in Uf’n schdiehn Gließe,
un du siehsdse bloß nich.
38. Na, weene nur nich, na weene nur nich,
in dar Rehre schdiehn Gleeße,
se sin alle for dich!
Wenn das Kind hingefallen ist:
39. Na, weene nur nich,
‘s heeld widdar (es heilt)
eh’ de änne Frau (ä Mann) kreisd. (=kriegst)
Wenn das Kind „leiert" (=weint):
40. Leier, leier, leier,
de gleen Jung’n die sin deiar,
de Mädch’n sin wuhl (Wohl) säl, (selten)
ä Schugk for ä Schdruhseel. (1 ganzes Schock für nur ein Seil)
Wisch die Tränen ab!
41. Leier, leier, wisch,wisch,wisch,
morgen gibt es Fisch, Fisch, Fisch,
übermorgen Schweinebraten,
wird de Liese zu Tisch geladen.
Unartigen Kindern wird gedroht:
42. O du meine Giede (Güte)
spricht de Miller - Rieke,
wenn de Russen gumm’n,
wärschde metjenumm’n
un in ‘n Sagk jeschdegkd
un met fordjeschlebbd.
Wenn mar drinne sitzen,
bind mar Zibbelmitzen,
wenn mar haußen stehn,
sag’n mar Dankescheen.
Die Freude am Reimen fügte oft noch hinzu: 1813 waren die Russen (Kosaken) kinderlieb und nahmen Kinder mit aufs Pferd.
Spottreim, wenn das Kind im bloßen Hemd umherläuft:
43. Hemdenmatz - Kaffeesatz,
Hemdenlecker - Butterklecker.
Spottreime über das Kind mit den ersten Hosen:
44. Ernstemann hat Hosen an,
hat hunderttausend Flicken dran.
45. Karlemann hat Hosen an,
hinten un vorne Glumbarn dran.
Bei den größeren Kindern
Viele Kinderreime sind durch die Eltern und Großeltern überliefert. Recht schöpferisch betätigen sich die größeren Kinder auch selbst im Erfinden von Reimen, zumeist von Abzählreimen. Viele schöpfen ihren Text aus dem täglichen Dorfleben in Hauswirtschaft und Landwirtschaft. In den Schulpausen und in der Freizeit ertönte dann oft der Ruf: „Komm, wir machen Haschens!" Schnell stellen sich die Teilnehmer in einer Reihe oder im Kreis auf. Nun wurde abgezählt, wer beim Hasche - und Fangespiel haschen oder beim „Suchens" die versteckten Spielgefährten suchen mußte.
Abzählreim: Im Mittelalter kamen die Müllerknappen der Weißenfelser Beuditzmühle mit Eseln durch die Eselshohle unserer Feldflur in die anliegenden Dörfer und auch zu uns, um das Getreide abzuholen.
46. Ich und du,
Müllers Kuh,
Müllers Esel
das bist du
Abzählreim: Wer von den Großmüttern und Müttern stickt heute noch Strümpfe? Sie taten es vor 100 Jahren sogar im Ballsaale beim Zuschauen und „Beschnarchen" und Bekritteln der jungen tanzenden Pärchen.
47. 1, 2, 3, 4,5,
strick mir ein Paar Strümpf,
nicht zu groß und nicht zu klein,
sonst mußt du der Haschmann sein.
Abzählreim: Viele der Reime in der Ideenwelt des Kindes beziehen sich auf das Leben in der Landwirtschaft. Futterdiebe in den Rübenfeldern werden gewarnt.
Die Reime 46, 47, 48 sind weit verbreitet.
48. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7,
geht mir nicht in meine Rüben,
sucht mir nicht die besten ‘raus,
sonst komm ich mit der Knute ‘raus.
oder: sonst krieg ich kein’n Samen draus.
oder: Zuckerpüppchen, du bist raus!
Abzählreim: Weizen und Korn- letzterer Ausdruck bezeichnet noch heute den Roggen - boten die Grundnahrung durch die Jahrhunderte hindurch, ehe der Kartoffelanbau sich einbürgerte.
49. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13,
wer kauft Weizen,
wer kauft Kurn, (=Korn)
der muß schurr’n,
wer kauft Asche,
der muß hasche,
wer kauft Kuchen,
der muß suchen,
50. 1, 2, 3, ------13,
gehe hin und hole Weizen,
gehe hin und hole Korn,
bleibe hinten oder vorn.
Abzählreim: Der Reim ist ein Kinderpredigt entlehnt.(siehe dieselbe!)
51. 1, 2, 3, 4, 5, ------zwanzch(20),
mein Vater kauft eine Gans,
in der Gans ist ein Ei,
in dem Ei ist eine Dotter,
in der Dotter ist eine Maus,
und du mußt raus.
Abzählreim: Schluß auch: Salz auf den Schbagk, und du bist ab.
52. Eins, zwei, drei,
die Butter auf den Brei,
Salz auf den Speck,
und du bist wägk.(=weg)
Abzählreim: Eine merkwürdige Ideenverbindung! Goldene Ketten und ein fettes Schwein sind aber Vermögensstücke, mit denen das Kind wohlhabender Bauerneltern protzen durfte. Reichtum verpflichtete auch beim Spiel.
53. Komm, wir wollen wetten
um drei goldne Ketten,
um ein fettes Schwein,
wer’s schlacht’t, der muß es sein.
Beim „Austeilen" Vier Reime kurz und bündig
54. Eene, meene, Muh,
und raus bist du.
„Das linke - das flinke! (Bein). Das rechte - das schlechte!" Abergläubischer Wahrspruch.
55. Ich schlage auf mein linkes Bein,
und wer nicht „raus" will,
der muß’s sein.
Zu Nr. 57; In der Bauernregel „Mist ist heelge Christ!" wird der Wert des Naturdüngers betont. Hier ist durch den Bedeutungswandel im erweiterten Sinne der Unwert langer Rede gekennzeichnet.
56. Ich teile aus,
Fuchs Karl war raus.
57. Wir machen keinen großen Mist
und du bist.
Abzählreim: Hans hat sich mit Tinte „volljeschmiert".
58. 1, 2, 3, 4, 5, 6, siem (7),
wo is unsar Hans gebliem,
schdegkde nich in Dindenfaß?
Donnarwäddar, Donnarwäddar,
was is das?
Abzählreim: Diese z. T. ungereimte Reimbildung ist sicherlich inhaltlich vom Märchen Hänsel und Gretel beeinflußt.
59. 1, 2, 3, 4, 5, 6,
in der Nacht kommt die alte Hex,
sie fängt die Kinder mit dem Stock
faßt sie an in dem Genick.
Abzählreim: Die Geschlechtsreife der Kinder naht. die Mädchen wollen sich putzen, um zu gefallen. Sie werden verspottet und müssen sich die humorvolle Beschimpfung am Schluß gefallen lassen.
60. Gretchen wollte locken haben,
mußte erst den Papa fragen,
Papa sagte nein,
eine Flasche Wein,
eine Flasche Rum,
und du bist dumm.
Abzählreim: Nr. 61 u. 62; Die armen Eltern.
61. 1, 2, 3, 4, 5, ------14 (värdsen)
meine Mutter flickt Schärzen,
mei Vater flickt Schuh,
un ich dummes Luder gucke zu.
Der Reim 62 stammt vielleicht aus Weißenfels, dort gab es früher viele Kürschner.
62. 1, 2, 3, 4, 5, --------14 (värdsen)
meine Mutter flickt Schärzen,
mei Vater flickt Fälle (Felle),
un du kreist änne Schälle.
Abzählreim: Freude am Wohlklang des Reimes.
63. Auf einem See, See, See,
da schwamm ein Reh, Reh, Reh,
wille, wille, wak, wak, wak,
und du bist ab, ab, ab.
Kein Abzählreim: Freude am Lautreim
64. So - sprach der Floh,
nee - sprach das Reh,
nein - sprch das Schwein.
Abzählreim: Freude am Wortgeklingel
65. Rrrrummel dibummel,
die binker die nell,
es schlug eine Well,
es kam ein Reh,
aus der See,
zibber dibibber, dibiff dibaff,
ich oder du bist aff. (=ab)
Abzählreim: Dieses Kauderwelsch stammt aus Halle. Die Mitspieler müssen beim Abzählen beide Fäuste vorzeigen.
66. Enniche, dennich, tusmannee,
ribbelte, rabbelte, sandanee,
eckwato, sandano tus.
Der liederlichen Hauswirtschaft sind drei Abzählreime gewidmet, ein Zeichen, daß in unsern Dorfleben auch über gewisse Erfahrungen und Einblicke in manche Hauswirtschaft und manches Eheleben gesprochen wird.
Die „Sachen" = die Kleidungsstücke liegen wahllos umher, sie werden nicht ausgebessert, die Eheleute zanken sich, zum Tort wird der Schusterdraht zerschnitten, der Mann wirft in seiner Wut die Töpfe entzwei.
Im Mittelalter nannte man die Eheschließung: sie haben Wirtschaft gehalten(Kirchenbuch 1556).Das beiderseits Eingebrachte in Geld und Gut hieß auch „die Wirtschaft".
67. 6 mal 6 ist 36,
un der Mann is noch so fleißig,
un de Frau is liedarlich,
wärft de Sachen hingar sich.
Will dar Mann de Schuhe fligke,
had de Frau ‘n Draht zarschnidd’n.
Wenn de Frau will’s Aessen kuche,
had dar Mann ‘n Dubb zarbruche.
68. 6 mal 6 ist 36,
un dar Mann is noch so fleißig,
un de Frau is liedarlich,
fligkd ‘n Mann de Husen nich.
69. 6 mal 6 ist 36,
un dar Mann is noch so fleißig,
un de Frau is liedarlich,
wärfd de Wärdschafd hingar sich,
un de Kinnar budsen sich.
Abzählreim: Der Anfang hieß auch : In Paderborn, in Paderborn, baden sich.... Vielleicht erinnert der Reim an den Niklastag, an dem der Niklas (=der Nickelmann) die Kinder beschenkt.
70. In einer kleinen Badewanne
baden sich die Gänse,
kam ä gleenar Nigkelmann,
schlugk se uff de Schwendse.
i, a, u,
wie heißt den du? (Namen nennen!)
Heinz heiß ich,
in den Himmel reis’ ich,
will mal sehen, was Jesus macht
in dar heil’ge stille Nacht
Abzählreim: Ein korpulenter Mensch wird oft verspottet, aber im Reim mit ihm zusammen die an unserm Dorf vorüberrasselnde Eisenbahn. Sie wurde i. J. 1858 eingerichtet. So alt könnte der Reim möglicherweise sein.
71. Eine kleine Dickmadame
fuhr mal auf der Eisenbahne,
Eisenbahn krachte,
Dickmadame lachte,
i, a, u,
raus bist du.
Ein Stück Geschichte bilden die Reime mit den drei Farben der Reichsfahne vor 1919. Der zweite Reim, ein Abzählreim beim Ballspiel, bezieht sich auf das Hissen der Staatsflagge anläßlich des Todes vor allem im „Dreikaiserjahr" 1888.
72. Schwarz- weiß- rot,
um das Brot,
um den Speck,
du bist weg.
73. Schwarz- weiß- rot,
der Kaiser ist tot,
der Ball ist rum,
die Gans ist dumm.(oder: du bist dumm).
Abzählreim:- Krieggsreim 1917, aus Hamburg stammend und hier lokalisiert. Die Kriegsschieber, von auswärts kommend, waren auch hier bekannt.
73.1, 2, 3, 4, 5, 6, siem (7),
kumm, mar wull’n Mähl varschiem,
Buddar, Eiar, Mähl un Schbägk,
1, 2, 3, und du bist weg.
Abzählreim:Er mutet wie ein Märchen an, birgt aber als Kriegsreim v. J. 1917 eine bittere geschichtliche Grundlage: Das „Jummibrot" war das „K-Brot", welches außer mit Roggenmehl auch mit Kartoffel- und Erbsmehl „zerächtjeklitscht" war.
74. Auf einem Jummi- Jummi- Berg
da saß ein Jummi- Jummi- Zwerg,
der aß Jummi- Jummi- Brot,
und du bist Jummi- Jummi- tot.
Ein Haschespiel. Die Kinder in roten Kleidern werden gehascht. Bei „blau" usw. Die in den entsprechenden farbigen Kleidern
75. Auf einem kleinen Tintenfaß
da saß ein kleiner Herkules.
Wie sah er aus?
Antwort z. B. rot.
Ein Pfänderspiel. Auf die Wiederholten Fragen muß stets dieselbe Antwort gegeben werden. Wer zweierlei Antworten gibt oder lacht, muß ein Pfand geben. Die Pfänder wurden durch Raten verlost.- Der Handelsjude, welcher meist als Betrüger oder Wucherer bezeichnet wurde, war verachtet.
76. Der Jude hat ein Schwein geschlacht’t
was willst du davon haben?
Antwort: Bratwurst, oder Schwanz usw.
Ein Einkauf- und Pfänderspiel. Der Fragesteller muß immerfort Fragen stellen, bis der Antwortende zum Lachen gebracht ist. Mit den Farben Schwarz und Weiß darf nicht geantwortet werden.
77. Da, haste ä Daler, jehgk in de
Schdadt un kauf dir was!
Was hast du da gekauft?
Antw.: Eine Schürze
Frage: Wie sieht die aus?
Antw.: Rot
Frage: Was hast du dir für’n bleiernen
Fengk (=Pfennig) gekauft?
Antw.: Strümpfe
Frage: Wie sehen die aus?
Blindekuh- Spiel. Aufstellung im Kreise. Einem Kind werden die Augen zugebunden. Es muß nach dem Wortwechsel haschen.
78. Blindekuh, wir führen dich!
Antw.:Wohin denn?
1.: nach Halle
2.: Was soll ich denn da?
1.: Milch trinken
2.: Habe ja keinen Löffel dazu
1.: Da suchst du dir einen.
Neck- und Spottreime spiegeln den Volkswitz wider. Der Reim ist im Anklang an den Katechismus, mit dessen Worten die Schüler in den täglichen Religionsstunden im Auswendiglernen geprüft wurden, entstanden. Kinderspott!
79. Abzählreim
Dar erschde Ardigkel,
dar zweede Garnigkel,
dar dridde had jehegkd,
dar vierte is varregkd,
dar finfde had jeschmegkd.
Der Neugierige wird mit diesem Vers „veralbert" und geneckt.
80. Ich fuhr mal um die Eck,
da fiel ich in den Dreck,
da guckte der alte Müller ‘raus,
der lacht mich tüchtig aus.
81. Ich hawwe was jefungen,
ä Dubb vull gleene Jungen,
ich hawwe was varlurn,
ä Dubb vull gleene Uhr’n.
Hände- Neckspiel: Die Hände werden gefaltet, reist nach oben, dann nach unten durchdrücken. Wer es nicht fertigbringt, wird ausgelacht.
82. Ziehgk dir ä Fisch,
legk’n uffn Disch,
lehj’n in de Bichse,
äwwarmorjen kreiste dichtche Wichse.
Die Erwartung des Kindes, was es zum Geburtstag geschenkt erhält, wird mit dem Scherzwort abgefertigt.(83). „Veräbbeln" (84).
83. E dobb un e Diejel
un’n Bugkel voll Briejel.
84. 1.Ich sehe was!
2.Was denn?
1.Ungarn Ufen leed ä Mässe,
drei Vadar is ä Gäsefräsar.
oder: Ungarn Ufen leed ä Schdrumb,
dei Vadar is ä Hadarlumb.
Ist ein Kind farbenfreudig gekleidet, wird es verspottet:
85. Rot, grün und blau
sieht den Kaspar seine Frau.
--das 2. Kind fügt hinzu:
un ä bißch’n gälwar
siehd dar Hanswurschd sälwar.
Spottreim über das Kind, das leicht erkrankt ist und nicht zur Schule geht.
86. Bist du krank,
legk’ch in Wordschrangk.
87. Du bist krank?
Mit’n Maul in’n Worschdschrangk.
88. 1.Ich bin krank.
2.Mit’n Maul in Brotschrank.
Die Kinder, die vor Neugierde den Mund aufsperren, werden verspottet. Bei „bäh" kriegen sie die Zunge rausgesteckt.
89. Alle Affen
die da gaffen,
machen alle bäh!
Polizist und Kinder: Der Polizist, aus dem Dorfe der „Schandarm", war der von den Kindern gefürchtete Vertreter des damaligen Obrigkeitsstaates.
90. In Leipzig auf der Messe
da fiel ich uff die Fresse,
da kam der Poliziste,
der steckt mich in die Kiste,
aber ich war nicht dumm,
die Kiste kippte um.
Der Schutzmann
91. Aujusd, dar Schutzmann gimmt,
laß dich janich sähn,
sonst wärschde metjenumm
un kimmst uff Nummar zähn.
Sitzt ä gleenar Dambor drin,
wagkeld mit dar Fausd.
Brudar, willste schdille sitzen,
morjen gemmsde raus.
Dienst beim Bauern: Dieser Reim spiegelt ein Stück mittelalterlicher Geschichte. Um 1500 wurden die Kinder schon vom 12. Lebensjahre ab als erwachsen angesehen. Die Zwölfjährigen vermieteten sich nach auswärts, oft fern der Heimat, als Hütejungen beim Bauer.-- Der Reim bezieht sich auch auf die damalige Prozessierungssucht der Bauern.
92. Als ‘ch ä gleenar Junge war,
saß ‘ch uff dar Mauar,
als ‘ch ä bißchn gressar war,
dient ‘ch bei ä Bauar.
Bauer, bind’ den Pudel an,
daß er mich nicht beißen kann,
beißt er mich, verklag ich dich,
tausend Taler kostet’s dich.
(Unmotiviert noch angehängt:)
Tausend Taler ist kein Geld,
wenn mir nur mein Schatz gefällt.
Unter dem Vornamen hatten viele das Schicksal, in neckische Verse gebracht zu werden. die Mehrzahl der Namen gehört in die Zeit von vor 60 bis 100 Jahren.
93. Christjan
steckt de Piepe aan.
94. Eduard
1.Eduard, was machst du da?
2.Vater, ich studiere!
1.Eduard, das kannst du nicht!
2.Vater, ich probiere!
Die große Dorflinde stand als Wahrzeichen des Dorfgerichts auf dem Anger. Noch vor 100 Jahren wurde „die Gemeinde" abgehalten. das war das öffentliche alljährliche „Gemeindebier", bei welchem die neuen Nachbarn ihr Einstandsbier gaben und zwar am „vierten Pfingstfeiertag".
95. Edeward
hat’s Jäld varkart, (im Kartenspiel)
uff dar grußen Linge
da wärschdes widdar finge.
96. Emil
Emil, Zweemil, Besenstiel,
deine Kinder fressen viel
Wurst und Brot,
schlag sie mit der Keule tot.
97. Ernst
Ernst-- hat gefernst.
98. Franz
Franz
hat ä langen Schwanz,
hat ä langes Hingarbeen,
kann nich mie ze Tanze jehn.
99. Franz aus Wien
had ä Schblien (Spleen),
had ä gorzes Hingarbeen,
kann ä nich ze Danze jehn.
100. Fritz
Fritzchen, Stieglitzchen,
schlag’s Mäuschen nicht tot,
laß’s leben, laß’s leben,
sie fressen ja kein Brot.
101. Fritze met dar Mitze
met’n Hulzbandin’n,
giehd beim Bäckar un maust Rusin,
giehd de Schdraße uff un ab,
nimmd ‘n Kingarn de Bamme ab.
102. Ilse
Ilse-- Pilze,
niemand will se,
kam der Koch
und nahm sie doch.
103. Johann
Johann-- spann an,
zwei Pferde daran,
drei Katzen daneben,
Johann soll leben.
104. Johann-- spann an,
vier Pferde daran,
drei Ochsen daneben,
Johann soll leben.
104. Ist besonders ortsgebunden.
Um 1920 gab es auch „Vierspänner", welche gar mit vier Pferden anspannten und auch Zugochsen besaßen.
105. Karl
Kille, Kalle
fährt nach Halle,
kauft sich einen Rattenfalle,
Rattenfalle gibts ja nicht,
Kille Kalle ärgert sich.
106. Um 1920 umgewandelt in „Aline, Aleine, was macht...."usw. Der Name war der Vorname einer bekannten Bauersfrau.
106. Karoline
Karline, Karleine,
was macht denn die Scheine? (Scheune)
Wie wackelt das Haus!
Karline huppt zum Fenster raus.
107. Marie
Marie-- Katzenbrieh,
Schweinsbraten-- Zellerie, (mdt. Sellerie)
108. Marie, Mara, Maruschkaka.
Im Rittergut gab es bis um 1900 „Sachsengänger" aus Polen (108).
109. Minna
Mine zieht de Latschen an,
geht darmit in ‘n Laden,
will forn Dreiar Gäse hamm,
aber ohne Maden.
110. Ferdinand
Ferdinand wie schön bist du
mit den neien Hosen!
111.Bei den Jahrmarktsbuden ertönte sein Ruf: „Warme Wärschdchen! Heeß, heeß!"
111a. Nante mit’n Sießchenkasten
muß de janze Welt durchasten.
112. Otto
Otto, widewoddo, kann dito,
kann dito, kann dubbs,
Otto is ä Mups.
113. Paul
Paul-- steck de Worschd ins Maul,
steck se nich so dief,
sonst kreiste von deiner Braud ä Brief.
114. Paul-- steck de Worschd ins Maul,
steck se nich darnäm, (daneben)
sonst bleibd se gläm. (kleben)
Abzählreim, aus Leipzig stammend.
115. Pauline
Pauline, Pauline,
Abblsine, Abblkuchen,
du mußt suchen.
Wehe dem, der durch sein Äußeres zu besonderer Beachtung herausfordert! „Aellarnhulz un rude Haare is janz vardammte Ludarware!" sagen die Erwachsenen und schreiben den rothaarigen Menschen Hinterlist und Falschheit in ihrem Charakter zu.
116. Weißgobb-- schleed Eiar in Dobb,
wieviel denn? ä halwes Schogk!
Wer frißtsen? der Weißgobb.
117. Rotgobb-- schlagk Eiar in Dobb,
wieviel denn, ä halwes Schogk.
Freude am Reimen: Ein Wort holt das andere herbei - dem Sinne nach manchmal den Tatsachen unmöglich entsprechend. Aber stets gehören die Tierwelt in Haus, Hof, Wiese und Feld und die Arbeit daselbst zum Gedankengut der kindlichen Reimerei.
Die Erlebnisse mit diesen Tieren mag man sich ausdenken.
118. Eine Henne und ein Hahn,
das Märchen fängt an,
eine Kuh und ein Kalb,
das Märchen ist halb,
eine Katze und eine Maus,
das Märchen ist aus.
„Grasen" nicht mehr gebräuchlich, dafür „sicheln". Das Dreschen, meist „flegeln" genannt, gab es nach 1900 kaum noch, höchstens um sich durch das Dreschen des langhalmigen Roggens das „Seelschdroh" zu erarbeiten.
Den Brautkranz trug im Mittelalter auch der Bräutigam.
„Die Federschließe"= das Federschleißen wird noch heute in den Wintermonaten ausgeübt.
119. Eine lange Erzählung
Michel, borch mar änne Sichel,
ich will in Jaard’n jrasen jehn,
das Jras will ich dar Guh jäm,
de Guh sull mar Mellich jäm,
de Mellich will ich ‘n Dräschar jäm,
dar Dräschar sull mar Gärnar jäm,
de Gärnar will ich ‘n Schwein jäm,
das Schwei sull mar Burschd’n jäm,
de Burschd’n will ich ‘n Schusdar jäm,
dar Schusdar sull mar Bandoffln jäm,
de Bandoffln will ich dar Braut jäm,
de Braut sull mar ä Gränzch’n jäm,
das Gränzch’n will ich dar Bumbe jäm,
de Bumbe sull mar Wassar jäm,
das Wassar will ich ‘n Jäns’n jäm,
de Jänse sulln mar Fäddarn jäm,
die will ich ins Beddchen schdegke,
darmit ich mich gann recht warm zudegke.
120. Es war einmal ein Mann,
der hatt’ ein’n nassen Schwamm,
der Schwamm war ihm zu naß,
da ging er in die Gass’,
die Gass’ war ihm zu kalt,
da ging er in den Wald,
der Wald war ihm zu grün,
da ging er nach Berlin,
Berlin war ihm zu groß,
da ging er zum Franzos,
Franzos war ihm zu frech,
da hascht er einen weg.
Verszeilen 4 und 5 auch abgeändert:
da sprang er in das Faß,
das Faß war ihm zu naß,
da ging er in die Gass’ usw.
Dieser Reim gehört der Ideologie der Zeit um 1900 und zuvor an, in welcherr der Haß gegen den vermeintlichen Erbfeind Frankreich genährt wurde.
121. De Maus had ä Flohgk,
da schleed s’n mit’n Schwanze,
da hubbd ä uffn Schdeen,
da brichd ä ‘s Been,
da hubbd ä uffn Born,
da brichd es Horn,
da hubbd ä in ‘n Drägk,
da war dar Floh wägk.
Der Floh, vor 60 Jahren noch ein weitverbreitetes „Haustierchen" in den Betten mit den gestopften Strohsäcken und in den Ritzen der ungestrichenen Dielen, gehört heute infolge der gehobenen Wohnungskultur fast der Sage an.
Namen einer Reihe von Dörfern der nächsten Nähe bilden den Ausgangspunkt einer gern geübten Reimerei. Hier ist es Gerstewitz.
Die alte Frua, welche „hixt"=hüpft, humpelt, ist natürlich eine Hexe.
Das Kanapee - ein französisches Wort, um 1750 entlehnt - ist das Sofa mit zwei hölzernen Lehnen, oft „die Plauze" (v. plauzen = hinfallen) genannt, wie das Bett fast im gleichen Sinn auch scherzhaft „die Falle" hieß.
122. Lügenmärchen
Ich jingk emol nach Järschdewitz,
da gam änne alde Frau jehixd,
mit där wolld’ ich danze,
da war’s änne Sanse, (=Sense)
mit där Sanse wolld’ ich haue,
da war’s änne Saue,
Saue wolld’ ich schlachde,
da war’s änne Achde,
Achde wolld’ ich ziehle,(=zählen)
da war’s änne gleene Hiele, (Gans)
Hiele wolld’ ich rubbe, (rupfen)
da war’s änne gleene Bubbe,
die Bubbe wolld’ ich nähme, (nehmen)
da war’s änne Ganabeelähne.
Die letzten drei Verse wurden auch in derbe Volkssprache abgeändert:
da war’s änne Subbe,
die Subbe wolld’ ich ässe,
da kriechd’ch änne dichtche in de Frässe.
Der mit dem wahren Namen Mohr genannte Pfarrer in einem Nachbardorfe der weiteren Umgegend um 1900 war in aller Leute Munde wegen Untreue im Amt. So entstand der Spottreim.
123. Ich bin der Pastor Mohr
un predche eich was vor,
un wenn ich nich mehr weiter kann,
da fang’ ich widder von vorne an.
Die Kinderpredigten, müssen gelernt sein. Sie ahmen die Langatmigkeit des gesprochenen Wortes nach und sind für den jugendlicher Sprecher eine gewichtige Gedächtnis - und Schnellsprechübung. Betr.124.: Die beiden ersten Verse ahmen das Suchen eines Festredners nach einem geeigneten Anfang nach.
„ledig" ist unser Mundartwort für „fertig" . „Ledig ist der Pastor" bedeutet also: Er ist mit der Predigt fertig, zu Ende.
124. Kinderpredigt
Guten Tag, meine Herrn,
Aebbl sind keine Bärn’n,
Bärn’n sind keine Aebbl,
die Wurst hat zwei Zibbl,
zwei Zibbl hat die Wurst,
der Bauer hat Durst,
Durst hat der Bauer,
das Leben wird ihm sauer,
sauer wird ihm das Leben,
der Weinstock hat zwei Reben,
zwei Reben hat der Weinstock,
ein Kalb ist kein Ziegenbock,
ein Ziegenbock ist kein Kalb,
die Predigt ist halb,
halb ist die Predigt,
der Paster ist ledig,
ledig ist der Paster,
mein Bruder ist ein alter Knaster.
In einer Reihe von unsern Reimen ist der reiche Müller der beliebte Ausgangspunkt des Reimens. Die stetige Wiederholung des gewählten Gedankens untermalt in köstlicher Weise die Beredsamkeit des predigenden Kindes. Der Reim schließt mit frommen Augenaufschlag mit dem Katechismus - und Bibeltextes des 4. Gebotes.
125. Kinderpredigt
Von der Müller Mähle (=Mühle)
ich will dir was erzähle.
Der Müller hat ä großen Garten,
hier ä Garten, da ä Garten,
und es war ein schöner Garten.
In dem Garten stand ein Baum,
hier ein Baum, da ein Baum.
Auf dem Baum war ein Nest,
hier ein Nest, da ein Nest.
In dem Nest war ein Ei,
hier ein Ei und da ein Ei.
In dem Ei war eine Dotter,
hier eine Dotter und da eine Dotter.
Aus dem Dotter ward ein Vogel,
hier ein Vogel und da ein Vogel,
aus dem Vogel ward eine Feder,
hier eine Feder und da eine Feder,
aus der Feder ward ein Bett,
hier ein Bett und da ein Bett.
Aus dem Bett ward ein Tisch,
hier ein Tisch und da ein Tisch.
Auf dem Tisch stand eine Schüssel,
Hier eine Schüssel und da eine Schüssel.
In der Schüssel war eine Bibel,
hier eine Bibel und da eine Bibel.
In der Bibel stand geschrieben:
Du sollst Vater und Mutter lieben.
brädche = predige
babel = babeln, sprechen
Dieser Reim steht mitten im Wirkungskreis des Bauern und seiner Umwelt. Der Inhalt entspricht dem Leben im Dorfe in den früheren Jahrhunderten: das saure Leben der frönenden Bauern, der „ledige", der leere, freie Brotschrank, die allgemein verbreitete Ofenbank im Hausrat als Ruheplätzchen der Alten, die roten Kittel(=Kärdl) als die wollenen Unterröcke der Frauen und Mädchen. Der wollene „Nachtkittel" war noch um 1900 im Winter das wärmende Übergewand der Kinder im Bett an Stelle eines Nachthemdes.
126. Kinderpredigt
Brädche, brädche, babel,
de Worschd hat zwee Schnabel,
zwee Schnabel had de Worschd,
dar Bauer had grußen Dorschd,
grußen Dorschd had dar Bauer,
sein Läm wärd’n sauar,
sauar wärd’n sei Läm,
dar Weinschdugk had veel Räm,
veel Räm had dar Weinschdugk,
ä Galb in gee Ziejenbugk,
ä Ziejenbugk is gee Galb,
nun war meine Preddchd halb,
halb war meine Preddchd,
dar Brudschrangk där schdiehd leddch,
leddch schdiehd dar Brudschrangk,
gee Disch is geene Ufenbangk,
geene Ufenbangk is gee Disch,
in dar See sin väl Fisch,
väl Fisch sin in dar See,
dar Hund had väl Fleh,
väl Fleh had dar Hund,
gee Värdl is gee Fund,(Pfund)
gee Fund is gee Värdl,
de Bauarnmädchn traachn runde Kärdl,
runde Kärdl traachn de Bauarnmädchen,
gee galb is gee Rudkählchen,
geeRudkählchen is geene Maus,
nu war meine Preddchd aus.
Dieser Reim wählt als Anfang das bekannte Schlußwort der kirchlichen Gebete.
127. Kinderpredigt
Amen! der Geist ging nach Samen,
nach Samen ging der Geist,
die Suppe war heiß,
heiß war die Suppe,
die Kuh varbrennte sich de Schnuppe,
de Schnuppe varbrennte sich die Kuh,
aus Lädar mach mar Schuh,
de Schuh machd mar aus Lädar,
die Gans hat viel Federn,
viel Federn hat die Gans,
der Fuchs haf ä langen Schwanz,
ä langen Schwanz hat der Fuchs,
der Bauer macht gucks, gucks,
gucks gucks macht der Bauer,
sein Leben wird ihm sauer,
sauer wird ihm sein Leben,
der Weinstock hat......weiter wie Nr.126.
Die Nr.128 bis 132 sind Schnellsprechübungen. Nr.128 benutzt als kleinen Zungenbrecher die Nahrungsmittel in ärmlichen Haushalten: Zwiebeln und Rettiche und deren Wirkung auf den menschlichen Darm: „puff!" Der Ausdruck „poweratschchen" ist dem lateinischen bzw. französischen „power"= armselig entlehnt. „titschchen, tatschchen" erinnert an die „Zwetschchen" in unseren Gärten, an die Pflaumen. Die nächsten vier Schnellsprechübungen benutzen statt des Lautreimes am Ende der üblichen Strophen den Stabreim. Die Art war vor hundert Jahren häufig als schulisches Übungsmaterial in den damaligen Lesebüchern abgedruckt wie z. B. dieser: „Der Potsdamer Postkutscher putzt den Potsdamer Postkutschwagen". Um 1900 prahlte man gern mit dem in einem Atemzug gesprochenen Ausdruck: „Konstantinopolitanischer Dudelsackpfeifenmachergeselle". Die letzten beiden Stabreime, die Hackerreime, sind „wurzelecht" in unserer innersten Dorfheimat. Dr. Hacker war ein beliebter Arzt aus Teuchern, der mit seiner einspännigen Kutsche zu den Kranken unseres Dorfes - und zum Stammtisch in der Schenke - kam.
128. Eene, deene, titschen, tatschchen,
ziwwelte, biwwelte, poweratschchen,
ziwwelte,biwwelte,Rettchenfresser,
ziwwelte, biwwelte, - puff!
129. Der dicke Diener
trug die dicke Dame
durch den dicken Dreck,
die dicke Dame
dankte dem dicken Diener,
daß der dicke Diener
die dicke Dame
durch den dicken Dreck getragen hat.
130. Wir Waschweiber würden waschen,
wenn wir wüßten,
wo warmes Wasser wär’.
131. Hans Heinrich Hacker
hieb Holz hinterm Haus.
132. Hinter Heinrich Hackers Hause
hetzten hundert Hunde
hinter hundert Hasen her.
Eine köstliche Probe unserer Mundart! Händschchen = Handschuhe, am meisten wurden „Fausdar" = Fausthandschuhe mit nur dem Daumen als Finger, benutzt.
133. Vergeßlich
Bei einer großen Leddar (Leiter)
hatt’ch meine Händschchenvargässen,
mecht’ch mar glei zarrubbe.
Eine wichtige Fundgrube des Volkswitzes bieten eine große Reihe von Sprachscherzen. Sie erfordern eine ausgereiftere Sprachentwicklung. Die Scherze wurden deshalb auch gern von den Vierzehnjährigen und den „Halbstarken" (Ausdruck um 1960) über 14 Jahre ausgeübt. Die nachfolgende größere Reihe von Scherzen wurde vielfach in Zwiegesprächen abgehalten. Sie gehören zum Begriff „Veralbern", sie dienten zum Necken, manchmal aber waren Antworten des Sprechpartners mit ernsthaftem Spott verbunden und zum Teil als Ausdruck des Unwillens gebracht.(Frage und Antwort werden folgend unter 1. und 2. geschrieben).
Behauptung steht gegen Behauptung!
134. Lügenmärchen
Dunkel war’s, der Mond schien helle,
als ein Auto blitzeschnelle
langsam um die Ecke fuhr.
Drinnen saßen steh’nde Leute,
lautlos ins Gespräch vertieft,
als ein totgeschossener Hase
auf dem Sandberg Schlittschuh lief.
Nebenan ‘n grüne Bank,
die rot angestrichen war,
saß ein blondgelockter Knabe,
der hat kohlrab’n schwarzes Haar.
Neben ihm ‘ne alte Schrulle,
die kaum siebzehn Jahre alt war,
auf der Hand ‘ne Butterstulle,
die mit Fett bestrichen war.
Und der Jüngling sprach zur Alten:
Heißgeliebtes Trampeltier,
Augen haste wie ‘ne Sardelle,
jeder Ochse ähnelt dir.
Das Lügenlied verwechselt scherzhaft die Begriffe. Die erwachsenen Jugendlichen sangen es in froher Runde.
135. Lügenlied. Es wurde gesungen.
Es ritten drei Reiter zum Tore hinaus, hurra,
drei Fenster schauten zum Mädchen hinaus, hurra, hu rollala!
2. Dann nehm’ ich die Stube und kehre den Besen, hurra,
der Branntwein ist gestern betrunken gewesen, hurra, hu rollala!
3. Da nehm’ ich den Ofen und schmeißenins Feuer, hurra,
und schlage drei Suppen wohl andie Eier, hurra, hu rollala!
4. Der Bettelmann hat den Hund gebissen, hurra,
der Hund hat mit dem Knippel geschmissen, hurra, hu rollala!
5. Die Milch hat von der Katze genascht, hurra,
drei Meise die hon in alden Katar gehascht, hu rollala!
6. Der Hafer hat das Pferd verzehrt, hurra,
drum ist das ganze Lied verkehrt, hurra, hu rollala!
Der Reim erforderte eine gute Lerntechnik und ein ebenso gutes Gedächtnis zum schnellen Sprachablauf und rief auch wirklich ein herzliches Lachen hervor.
136. Vexier - Reim. Ein komisches Wortspiel.
Vorigen Handschuh verlor ich meinen Herbst.
Ich tat ihn drei Wochen finden,
ehe ich ihn suchte.
Da kam ich an ein Guck und lochte hinein.
Da saßen drei Stühle auf drei Herrn.
Da nahm ich meinen Tag ab und sagte:
Guten Hut, ihr Herrn!
Da lachten sie alle an zu fingen,
daß ihnen der Platz bauchte.
137. Wenn eins sich schwerhörig stellt
Scherzhafter Dialog
1. Wu jiehd’n dar Waach naus?
2. Ich nähme Schdare aus!
1. Du bist wo doob?
2. Ich sahgk’s doch, wie dar Alde fortflohk!
1. Du bist wo dolle?
2. ‘s war’n Fäddarn un geene Wolle.
1. Die arm’n Diere!
2. ‘s war’n ä schdigkar viere!
Ein kleines Zwanzigpfennigstück von Silber (ä gleenar Zwanzchar) wurde oft verloren. Um 1880 im Umlauf.
138. Ein Kind klopft von drausen an die Stubentür.
1. Wär issen draußen?
2. Ernstl.
1. Was willst’n?
2. ä Zwinzchar.
1. Wieväl denne?
2. ä Zwinzchar.
139. Man erfährt eine Neuigkeit
1. Wär hadsen dir jesaachd?
2. Na. där!
1. Där(=Teer) is Waachenschmiere
und die is dicke Dinde!
Die gereimte Antwort wird manchmal auch unwillig gesprochen.
140. Während eines Gesprächs erfolgt die neugierige Frage:
1. Wer?
2. Dar alde Bär met’n Filzbandoffln.
141. Halb im Streit
1. Wie kimmsten mir vor?!
2. Wie ich dir nachkomme!
142.Wenn ein Kind das andere schlagen will,
ruft das letztere:
1. Ich saa’s! (sage es dem Vater)
2. Du sitzt ja schon!
Nun versöhnt:
1. Uff wieväl Eiarn?
2. Zehn!
1. Wieväl hasten ausjebrachd? (ausgebrütet)
143. Harmloses Necken
1. Weeßte, wo mar hänjiehn?
2. Wuhenne? (Wohin denn?)
1. So weit! (zeigt die Arme weit ausgestreckt)
144. Neckereien
1. Will de was? (=Wiiist du was?)
2. Was?
1. Nischd.
2. Das hawwich sälwar!
145. 1. Was for Gließe ißden du, met
Stieln oddar ohne Stieln?
2. Ohne Stieln!
1. ‘s jut, daßde geene Färdeäbbl ißt!
Hollstein war ein bekannter Lebensmittel - Laden in Weißenfels.
146.1. Hollstein is anjezeichd!
2. Warum dn?
1. Där vargoofd Bigklinge, die schieln!
Betr. Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, 1913 große Jubiläumsfeier.
147. 1. ‘s Velgkardengkmal wärd jeschbrengkt!
2.Warum dn?
1. Da had ä Meiar de Hulzladschen
drungarjelaas’n! Die wär’n widdar vorjehold!
148. 1. Weeßdes schon von sechsenjährchen Mädchen?
2. Na was dn?
1. Die wärd nächstes Jahr sibbdsen!
149. 1. Jestarn had sich eens erseefd!
2. Wär?
1. ‘s Breedchn in’n Gaffee!
150. 1. Jesdarn had eenar (Geste des Aufhängens!)
2. Erhängd?
1. Nee, ä Schdehkraachn jegoofd!
151. 1. ist neugierig und sagt beim Spiel:
Zeije mal!
2. Dar Zeijar is abjebruchn!
152. 1. Jesdarn nam mar een nausjeschmiss’n!
2. Wänen?(Wen denn?)
1. ä Zijarrnschdumbl.
153. 1. Wie Zeids issn? (Wieviel Uhr ist es denn?)
2. Fimf Minudn iwwar de kalden Aerbsn!
154. 1. Wie Zeids issn?
2. Fimf Minudn iwwarn Hosngnobb,
wär mich fragd, is ä Schafsgobb.
155. 1. Ich weeß ewas von Bäsen!
2. Was?
1. Där is naß!
156. 1. Kimmste met?
2. Wohin?
1. Hingar de Scheine, Fuchsdrägk ufflase!(auflesen)
157. 1. Meiar, dar Ufen!(Maurer, der Ofen ist eingestürzt)
2. Ach, ich will doch keen Kuchen!
158. 1.Kimmste met?
2.Wohin?
1.In Hunde sei Jenigk!
159. 1.’s had sich jemand erseefd!
2.Wer denn?
1.Dar Dobb, där da leefd!
160. Wünsche sind zu erfüllen,
oder: die Arbeit wird fertig werden.
da sagt man oft:
‘s wärd schon wärn (es wird schon werden)
schbrichd de alde Bärn!
161. Den Spielgefährten ängstigen
1. Ich weeß was von dir!
2. Nu, was denn?
1. Dei Hemde is von Papier!
162. 1.Ich weeß ewas!
2.Was?
1. Dei Hemde is naß.
163. Wenn man etwas nicht genau gehört hat, fragt man:
1. Was?
2. ä aldes Faß un ä neiar Degkl druff da paßt’s!
164. Oder:
1. Was?
2. Wasser nich, Bier!
165. Oder:
1. He?
2. Hebbn nich, Begke!(Ziegen nich, Böcke!)
166. Was wollen wir spielen?
1. Weeßde, was mar machen?
2. änne alde Frau ze Lachen!
Nachtrag zu Nr. 163. Der Kurzreim wurde auch erweitert:
1.Sagk emal was!
2.ä aldes Faß,
ä neiar Degkl druff, da paßt’s!
Beide: Wenn’s ränt(=regnet), da wärd’s naß,
wenn’s schneit, da wärd’s weiß,
wenn’s jefrierd, da wärd’s Eis.
Reime vom Aberglauben an übernatürliche Kräfte und von dem Götterglauben der germanischen Vorfahren
Es ist erstaunlich, welche Anzahl Reime diese folgende Sammlung aufweist, in welcher bestimmt solche sind, die von berufenen Forschern tatsächlich in die Mythologie eingeordnet sind. Bei manchen Reimen mag man vielleicht urteilen, daß in solche mancher Gedanke im Sinne des Themas hineingeheimnist ist. Sind die Reime von Kindern erst neuerdings erfunden, so mag das bestätigen; sind sie aber überliefert, so führen sie tatsächlich in längst vergangenes Glaubensleben ein.
In dieser Sammlung sind wenigstens sechs solche, welche sich mit der Hexe beschäftigen. „Der Name Hexe, mhd. hecse, ahd. hagzissa, hagazussa ist noch unaufgeklärt. Der erste Teil der Zusammensetzung bedeutet Hag, Wald; daher darf Hexe vielleicht als Waldweib, Walddämonin erklärt werden; und das würde in dem Märchen Hänsel und Gretel seine Bestätigung finden".(Bär, Meth. Handbuch d. dtsch. Geschichte, bei Thienemann, Gotha 1905, S. 165). Als Waldgottheit war sie als segensreich verehrt, erst unter kirchlichem Einfluß wurde sie zur Unholdin.
Der Riem mutet wie eine Beschwörungsformel des Versprechens an. Die springende Hexe tanzt mit dem Teufel. Dieser Reim (168) ist nur allein für Obernessa eigentümlich. Als Hexe wurde eine alte Frau mit dem Vornamen Erdmuthe verschrieen. Sie trug einen alten Hut (Schabute v. Chapeau, franz.)
167. Abzählreim
Eene, deene, Ding,
alte Hexe spring!
168. Die alte Memute
mit ihrer Schabute
sie rumpelt, sie pumpelt
den ganzen Tag.
Der Ziegenbock, das Tier in Donars Bockgespann, diente dem von den bekehrungseifrigen christlichen Mönchen zum Teufel erklärten germanischem Gott.
Der Teufel tanzte dem Aberglauben nach mit den Hexen auf dem Brocken.
169. Reimerei mit dem Ortsnamen
In Luckenau
da ist der Himmel blau,
da tanzt der Ziegenbock
mit seiner Frau.
Menschenfresser und Hexe entspringen hier dem Eindruck eines Märchens.
170. Abzählreim
1, 2, 3, 4, 5, 6,
geh nicht zu der alten Hex,
geh nicht zu dem Menschenfresser
mit dem großen Küchenmesser.
Die Maus, mit der sich der Seelenglaube beschäftigt, kehrt in verschiedenen Reimen wieder.
171. Abzählreim
1, 2, Polizei,
3, 4, Offizier,
5, 6, alte Hex,
7, 8, gute Nacht,
9, 10, Kapitän,
11, 12, unter dem Gewölh
saß eine Maus,
wer sie hascht,
der ist ‘raus.
Noch immer spukte in der Alltagssprache der Teufel neben den Engeln als Gespenst.
172. Raten mit den Farben Schwarz, Weiß, Rot
Was nehmen wir mit ins Bett?
Weiß? -- Ist der Engel,
Rot?-- Ist die Rose,
Schwarz?-- Werfen wir zum Fenster raus, das ist der Teufel.
173. Reigen der kleinen Kinder
Ringel, Ringel, Reihe,
sind der Kinder dreie,
sitzen auf dem Holderbusch,
schreien alle husch, husch, husch,
setzt euch nieder!
Der von den kleinen Kindern im Spiel gesungene Ringelreihen ist als Rest eines Tanzreigens der heidnischen Vorfahren anzusehen. Der Holderbusch ist nicht etwa der Holunderbusch, der Holunderstrauch, sondern „Holdas Busch", das wirre Haar der Göttin Holda = Freia, Frigga, Frau Holle. Allerdings hat jugendfrohe Spielreigen den düsteren Hintergrund von Tod und Grab. Holda ist die Totengöttin, die Führerin der Kinderseelen. „Nach altem Seelenglauben leben die Seelen auch in Vogelgestalt weiter, z. B. in Krähen - man denke auch an Wodans Raben - und so ist nun auch das husch, husch, husch verständlich." (Bär, S. 201)
174. Spiel mit dem Maikäfer
Maikäfer, fliege!
Dein Vater ist im Kriege,
deine Mutter ist im Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt,
Maikäfer fliege!
175. Spiel mit dem Marienkäfer
Modschekuh, fleig!
Dein Vater ist nicht weit,
deine Mutter ist im Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt,
Modschekuh, fleig!
„Pommerland" ist umgewandelt aus dem „Holler Land", dem Land Holdas, der Wolkengöttin (In Baden singt man „Hollerland"). Der Vater ist Wodan, Hodas Gemahl, als Kriegsgott. Beide sind auch die Gottheiten der Fruchtbarkeit, der im Frühjahr so zahlreich erscheinende Käfer ist das Sinnbild dafür. Das abgebrannte „Hollerland", der Wohnsitz der Götter, bezieht sich auf den uralten Glauben an einen Weltuntergang durch Feuer (muspilli). Die Motschekuh ist einer der vielen Namen für den Marienkäfer, den Siebenpunkt, andernorts auch Sonnenkäfer genannt. Der Name „Marienkäfer" weist auf die christliche Umwandlung für den mythologischen Ursprung hin. Maikäfer und Marienkäfer sollen nach oben bis in den Himmel, Holdas Land, fliegen. Da Freia die Himmelskönigin ist, so ging viele Züge ihres Mythus auf die Gottesmutter Maria über.
176. A, B, C,
die Katze lief in’n Schnee,
als sie wieder ‘rauskam,
hatt’ sie weiße Hosen an,
A, B, C,
die Katze lief in’n Schnee,
der Hund lief in’n Derck,
da war’n sie alle beide weg.
Oder:
der Hund hingnen nach,
da fiel’n sie alle beide in’n Bach.
Die Katze, Holdas Tier, lief in den Schnee, weil Holda, wenn sie ihre Betten schüttelte, den Schnee sendet. Wenn sie heute ein „Aber" ist, daß die Katze, die vor einem über den Weg läuft, Unglück verkündet, so könnte man als mythologischen Hintergrund angeben, daß sie eben das Tier der Totengöttin Holda war.
177. Die drei Tauben
Dreie, sechse, neune,
im Garten steht die Scheune,
im Hof das Hühnerhaus,
da gucken drei weiße Täubchen raus,
die erste schabt die Kreide,
die zweite spinnt die Seide,
die dritte schließt den Himmel auf,
da guckt die Mutter Maria heraus.
Dazu Anhang:
Wo seid ihr denn gewesen?
In Leipzig und in Dresden.
Was habt ihr denn mitgebracht?
Ich habe nicht an dich gedacht.
Die drei weißen Tauben sind hier die Sinnbilder der drei heidnischen Schicksalsfrauen, der Nornen Urd, Scult, Wedandi (= Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), welche Zauberlieder summen und dabei ein Seil spinnen, womit sie Seele und Körper des Neugeborenen zusammenbinden. Im Märchen von Dornröschen sind es zwölf glückbringende Frauen. An den alten Glauben an diese drei Spinnerinnen schließt sich dann im Mittelalter die Heiligenverehrung, im besonderen der Marienkult, an. Der angeschlossene Vierzeiler, der merkwürdigerweise von den größeren Kindern auf die Melodie des Liedes „Stimmt an mit hellem, hohen Klang" gesungen wurde, weist scheinbar auf das Mitbringsel der Taufpaten des Kindes, das Patengeschenk, hin.
178. Abzählreim
In der Röderei
da lag ein Ei,
wer darauf tritt,
der macht nicht mehr mit.
Das Ei wird in einer ganzen Reihe von Reimen genannt. Es gehörte in der Vorzeit zu den üblichen Gaben der Sippenangehörigen bei der Lebensweihe des Neugeborenen. Das Ei barg das Geheimnis des Lebens. Es sollte dem Kind gedeihliche Lebenskraft vermitteln. Noch jetzt wird es von Bekannten der Familie als „Babelei" zum Sprechenlernen dem Säugling geschenkt. Wer aber dem Kinderreim gemäß auf ein Ei tritt, tritt sein Glück mit Füßen. Andererseits heißt es noch heute, wenn man von Eiern träumt, wird damit Unglück vorausgesagt.
179. Der Hase in der Flur wird gescheucht mit dem Rufe:
Kehle, Kehle, Fleisch in’n Topf!
Gleich wie die Katze uns Unglück bringt, wenn sie uns über den Weg läuft, sagt man das auch dem Hasen nach. Der Unglücksbringer wird also verjagt. Man denke an die Sage vom dreibeinigen Hasen in Werschen (siehe auch Anmerkung zu dieser Sage).
180. Auch die Krähen werden gescheucht, wenn die Kinder diese schwarzen Vögel sehen:
Rab’, Rab’,
schneid’ dir den Kopf ab!
und: Rabe! Rabe!
Kopf abschneiden! Blut!
und: Der Rabe ruft:
Ra! Ra! Ra! Mein Häuschen brennt,
wer zuletzt kommt, wird aufgehängt!
Raben, bzw. Krähen, sind die Totenvögel, die den Totengott Wodan begleiten. Im Mittelalter schlug der Scharfrichter dem Verbrecher den Kopf ab, der Brandstifter wurde am Galgen aufgehängt. Die Galgenvögel warten auf den Fraß.
Das Käuzchen ist der unheimliche Todesbote, der Totenvogel, der den Tod ankündigt.
181. Der Kauz schreit:
Komm mit!
Bring Spaten und Schaufel mit!
Überrest eines alten Wundsegens, mit welchem Wunden und Krankheiten versprochen wurden.
182. Wundsegen
Wenn dem Kind der Finger blutet, beruhigt die Mutter:
Heile, heile, Kätzchen,
morgen backen wir Plätzchen.
und:
183. Heile, heile, Kätzchen,
‘s Kätzchen hat vier Beine
und einen langen Schwanz,
morgen ist alles wieder ganz.
184. Versprechen durch Zaubersegen.
Wenn das Kind einen Milchzahn
verloren hat, muß es diesen mit
folgenden Worten hinter den Ofen
oder rückwärts über sich werfen:
Mäuschen, gibb mir’n schdennarn,
du kreist ä schennarn!
(steinern und schönern)
auch einfach so:
Da, Maus, haste ä Zahn,
jibb mar ä annern!
Man schrieb früher dem Speichel Heilkraft zu, zum mindesten sollte durch den Speichel das , das Eindringen von Schmutz in die Wunde verhindern.
185. Mit Spucke heilen
Auf dem Berge Sinai
wohnt der Schneider Kikriki.
Seine Frau, die alte Grete,
saß auf dem Balkon und nähte,
fiel herab, fiel herab,
und das rechte Bein fiel ab.
Kam der Doktor Hampelmann
und klebt es wider mit Spucke an.
Dieser Reim knüpft an die geschichtliche Tatsache von Napoleons Rückzug 1812 aus Rußland.
186. Abzählreim
1, 2, 3, 4, ........20 (zwanzig)
die Franzosen gingen nach Danzig.
Ohne Strümpfe und ohne Schuh
rannten sie nach Frankreich zu.
In Frankreich war ein wildes Schwein,
das biß den Hauptmann in das Bein.
Der Hauptmann schrie: O weh, o weh,
mir tut mein linkes Bein so weh.
Da kam der Doktor Hampelmann
und klebt’ es wieder mit Spucke an.
Spucke, Spucke, heilt ja nicht,
dummer Doktor, schäme dich!
187. Wieder die Maus. Abzählreim
1, 2, 3, 4, 5, 6, 7,
in der Straße nummero 7
wackelt das Haus,
piept die Maus,
huppt der Frosch zum Fenster raus,
huppt uffn Schdeen,
brach sei Been,
huppt in Dreck, ware weg,
huppt uffn Born,
ware widdar jewor’n.
188. Abzählreim
1, 2, 3, 4, 5, 6, 7,
Auf der Straße Nummero 7
wackelt das Haus,
piept die Maus,
hubbd där Fluhk zum Fenster ‘naus,
hubbde sich ä Been raus,
machde sich Feifchen draus,
feift er bis ins Oberland,
wo die großen Bauern sitzen mit den großen Zibbelmitzen.
Zu Nr.187 und 188: „Das Haus wackelt!", weil ein unheimlicher Poltergeist (in Lauchstädt „Globbjeisd" = Klopfgeist genannt) im Hause sein Unwesen treibt. Dazu erschreckt die huschende Maus manche Menschen. Sie tritt in einer ganzen Reihe von Beispielen, wenigstens in 8 Reimen, auf. Sie gehört auch in das Gebiet des Seelenglaubens. Nach diesem verläßt beim Schlaf die Seele auf einige Zeit den Menschen in Gestalt der Maus. Auch beim Tode solle die Seele den menschlichen Körper verlassen, allerdings auch in Gestalt irgend eines anderen Tieres, z. B. als Kröte (siehe Märchen), Schlange, Rabe, Schmetterling usw. Danach sind z. B. die Mäuse abgeschiedene Seelen.
189. Alter Handwerksgesellen - Reim mit Händespiel
Scherenschleifer ist die beste Kunst,
die rechte Hand - die linke Hand,
die geb’ ich zu der Oberhand.
Wer das nicht kann,
der ist der schwarze Mann.
Im Kinderspiel schlagen zwei Kinder in verschiedener Weise unter Sprechen dieses Reimes taktmäßig die Hanfflächen gegeneinander. Das gekonnte Handspiel war im Mittelalter das Erkennungsmittel, ob der zuwandernde Handwerksgeselle auch zu der von ihm angegebenen Zunft gehörte. --Am Schluß des Reimes wird der von den Kleinen Kindern gefürchtete „Schwarze Mann", genannt. Mit diesem Wort macht man, ebenso wie mit dem „Mummanz" die unartigen Kinder zu fürchten. Als ebensolchen Unhold erwähnt das um 1914 gern ausgeübte Kinderspiellied: „Ist die schwarze Köchin da? Nein, nein, nein, dreimal muß ich rummarschieren, das vierte Mal den Kopf verlieren, das fünfte Mal komm mit!"
190. Vom Unhold Bimbam
Es war emal e Mann,
der hieß Bimbam,
Bimbam hieß e,
in de Drumbede blies e (drastischer: große F..... ließ e,
kleine gab er zu, raus bist du).
Zusatz: Ihr Leute, kauft mir Besen ab,
daß ich was zu essen hab’.
Der Bimbam, in der Naumburger Gegend durch Sagen vom „Pumphut" bekannt, wird als Sagenfigur rechts der Saale, vor allem in der Lausitz genannt. Er ist in Schirgiswalde in der Oberlausitz die Hauptfigur in der Kinderfastnacht und wird als die ursprüngliche Verkörperung eines slawischen Winterdämons gedeutet. In Lauchstädt wurde er in der Rede als „Heiliger Bimbam" angeführt, als wenn man ihn zu Hilfe anrufen wollte, wenn dem Sprecher irgend ein Versehen unterlaufen war. In Lauchstädt kannte man den 1. Teil des Reimes auch.
Im Schulleben während des Jahreslaufs
Mit dem 6. Lebensjahr vollzieht sich im Leben des Kindes ein bedeutsamer Einschnitt. Das bewußte Lernen und das Hineinwachsen in eine umfassendere Gemeinschaft beginnt nun. Die Zeit des unentwegten, unbesorgten Spielens - vor allem mit der Puppe des Kleinkindes - ist vorbei. Pflichten treten an das Kind heran. Hier heißt eine: „Pünktlich sein! Die Schule nicht schwänzen!"
191. Abzählreim
„Doktor Bär schickt mich her,
ob der Kaffee fertig wär’!"
„Nein, mein Kind, du mußt noch warten,
geh’ solange in den Garten!"
„In den Garten geh’ ich nicht,
schöne Blumen pflück’ ich nicht,
1, 2, 3,
muß ich in der Schule sei".
Oder: In den Garten geh’ ich nicht,
mit der Puppe spiel’ ich nicht,
ix, axt, u,
und raus mußt du.
An vielen Schulen bestimmte die Prügelpädagogik die Erziehung.
Auch das Elternhaus kannte sie entsprechend dem Lutherwort: „Wer die Rute schont, hat sein Kind nicht lieb!"
192. Abzählreim
Eene, deene, Tintenfaß,
geh’ in die Schule und lerne was,
komm heim, sag auf,
kannst du nichts, da schlag’ ich drauf.
Hör’ ich meine Glocke klingen,
muß ich in die Schule springen,
und komm’ ich nicht zur rechten Zeit,
liegt das Stöckchen schon bereit.
Um was woll’n wir wetten?
Um ein Glas Wein,
du mußt’s nummero sein.
Die größeren Kinder führten mit diesen Worten auch ein Neckspiel aus:
Bei Antwort: Feuer wurde das Kind geknippen, bei Sand gekitzelt, bei Wasser auf die Hand gespuckt.
193. Bei den ersten unbeholfenen Schreib - und Malversuchen neckte man das Kind:
Krikel, krakel, Gänseschnabel;
Krikel, krakel, Gänseschnabel,
was willst du,
Feuer, Wasser oder Sand?
194. Wenn der „Herr Lehrer" Geburtstag
hatte, schrieb am Morgen „der Erste"
- der beste Schüler der Klasse - an die
Wandtafel:
Als wir heute früh erwachten
und an unsern Lehrer dachten,
fiel uns der Gedanke ein,
heut’ muß sein Geburtstag sein.
Wir gratulieren alle!
195. An einem schönen Frühlings - oder
Sommermorgen schrieb ein „Racker"
in der Schulpause an die Wandtafel:
Der Himmel ist blau,
das Wetter ist schön,
Herr Lehrer, wir wollen spazierengehen.
196. Am letzten Tag der Schulferien
hieß es:
Morgen geht die Schule an,
ist das nicht ein Jammer!
Wer das Einmaleins nicht kann,
der kriegt dar mit’n Hammar.
197. Die, welche das Klassenziel nicht
erreicht haben, werden verspottet:
Sitzenbleiber -- Käsereiber!
Oder: Großvater, trallala!
198. Wenn sich die Kinder zanken, sagt das eine:
Auf der Straße der Schlimmste,
in der Schule der Dümmste!
Oder:
In der Schule stinkend faul,
auf der Straße’s große Maul.
Es gab Lehrer, welche sich auch um die Zucht der Kinder außerhalb der Schulzeit kümmerten und abends auf der Dorfstraße kontrollierten. Die Kinder, welche gegen Abend bei Dummheiten erwischt wurden oder „Rumtreiber" waren, bekamen am anderen Morgen in der Schule „Joddserbärmliche Keile". Diese Gezüchtigten nannten unter sich den „Gandar" (=Kantor) einen Schweinehund.
199. Wenn die Glocke achte schlägt,
kommt der Kanter angefegt
mit’n Stocke unterm Arm,
schlägt die Kinder, Gott’serbarm!
Gottserbarm is ungesund,
der Kanter is ä Schweinehund.
Froh, der strengen Schulzucht entronnen zu sein, legten manche Entlaßschüler am letzten Schultag heimlich einen Zettel in ihr Fach unter dem Schultisch. Oder sie sagen den Reim leise den Jüngeren der Jahrgänge, den „Füchsen" (Ausdruck aus dem Jargon der Studentensprache):
200. Wir sind die Konfirmanden,
wir haben’s überstanden,
ihr seid noch kleine Füchse,
und kriegt noch tücht’ge Wichse.
Die Geschlechtsreife der Kinder naht. Das putzsüchtige Mädchen wird mit der ersten jugendlichen Verliebtheit gehänselt:
201. Gretchen wollte Locken haben,
mußte erst den Papa fragen,
Papa sagte nein,
eine Flasche Wein,
ging sie in den Keller,
holte sich paar Teller,
ging sie uffn Boden,
holte sich paar Schoten,
ging sie uffn Mist,
kam der heilche Christ,
ging sie in den Matsch,
kam ihr kleener Schatz.
Die herangewachsenen Jungen und Mädchen kommen in die Flegeljahre und werden dreist und gar frech.
202. Hände - Fingerspiel.
Zwee Mädchen wollten Wasser hole,
zwee Jungen wollten plumpe,
da guckt der Herr zum Fenster raus
und spricht: Ihr seid Halunken!
Da guckt’r widder nein,
da plumpt’n se alle ein,
da guckt er widder raus,
da rissen se alle aus.
Die frühreifen großen Jungen schrieben kleine Zettel, holprige Liebesbriefe, welche sie den Mädchen in das Bücherfach der Schulbank schmuggelten. Sie neckten sich auch gegenseitig. Sie wußten, daß die schulentlassene Jugend im Gesellschaftsballe des Jugendvereins, bei welchem die Jünglinge den Gehrock - hier die Rattenschwänze genannt - tragen, daß sie sich zu den Jahrmärkten, z. B. (im Mittelalter) zu Peter-Paul in Naumburg trafen.
203. Ein drastischer Abzählreim
1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, (siem)
Perter-Paulus hat jeschriem
nach Berlin einen Brief.
Mädchen tragen Myrtenkränze,
Jungen tragen Ratenschwänze.
Mädchen werden zum Balle geführt,
Jungens werden in die Abtrittsecke geführt.
Die heranwachsende Jugend spürt ihre sich mehrenden Kräfte, während sie die abnehmenden Kräfte der Großeltern wahrnimmt und unehrerbietig darüber spottet. Manche Kinder sind gegen die gutmütigen Großeltern recht ungezogen. Die beiden folgenden Reime werden aber den Großeltern nicht entgegengehalten, die Kinder reimen unter sich:
204. Großvater
Großvater trallala,
gibb mar fuffz’n Fennje har,
fuffz’n Fennje hawwich nich,
die hawwich erschd von dir jekricht.
Oder letzte Zeile: Lausejunge, packe dich.
205. Großmutter
Heinerle, was machst du da,
kitzelst ja die Großmama,
Heinerle, das darst du nicht,
Großmama ist kitzelig.
Wenn man unverschämt fragt, bekommt man entsprechend Antwort:
206. Großmutter, was machsten da?
„Ein Löchelchen".
Was machst du mit dem Löchelchen?
„Kaffee kochen".
Was machst du mit dem Kaffee?
„Dem Vater auf die Arbeit tragen".
Was macht der Vater mit dem Kaffee,
„Das Messer schleifen".
Was macht der Vater mit dem Messer?
„Euch die Kehle durchschneiden!"
Im letzten Schuljahr des Jungen bemühten sich manche Eltern um eine Lehrstelle für ihren Sprößling - ohne Mitwirkung irgend einer amtlichen Stelle oder gar einer Organisation. Mit dem Lehrer wurde zum Teil über die Befähigung zum gewählten Beruf gesprochen und Hilfe über den üblichen Schulstoff der einklassigen Volksschule hinaus gegeben. Für Mädchen des Dorfes sorgte man sich in äußerst seltenen Fällen um einen Beruf. Sie blieben meist die Haustöchter oder wurden „kleine Magd" beim Bauern oder Dienstmädchen in der Stadt. Ein Reim, der von den Kindern aus Zeitz mitgebracht wurde, spiegelte die soziale Gesellschaft in früheren Zeiten:
207. Fensterputzer ist mein Vater
in Berliner Stadttheater,
meine Mutter weschd Manschedden
for de jungen Seekadetten.
In unserem Dorf gab es in früheren Zeiten außer dem Bauernstand nur die Handwerke des Schmiedes und des Schneiders, seit Mitte des vorigen Jahrhunderts den Maurer und den Müller. Wie die Vornamen wurden aber auch die einzelnen Berufsarten mit neckischem Spott bedacht.
208. Spottreim über den Schneider
Säge-Säge-bock, bock, bock,
Schneider mach’ mein Rock, Rock, Rock,
wenn ich zähle eins, zwei, drei,
muß der Rock auch fertig sei.
Der Schneider hatte als Flickschneider im Dorf früher ein armseliges Hungerleben zu führen.
209. Auf dem Berg Sinai
wohnt der Schneider Kikriki,
klobbde seine Hosen aus,
fiel ä Stückchen Schinken raus.
statt „Schinken" sagten die Kinder auch „Sch...."
In alten Zeiten gab es in vielen Orten auch Dorfmusikanten, die zu Hochzeiten, Kirmesbällen und Beerdigungen aufspielten. noch vor 200 Jahren gab es in unserem Dorf eine solche Kapelle. Um 1870 hieß der Bauer Schumann „der Pfeifer", er war nebenbei Musikant.
210. Pudel, Pudel, beiß mich nicht,
ich bin von Burkarschrude (Burkardtsroda)
ich will ä Mussegande wär’n
un hawwe geene Dude. (Tute)
211. Der Maurer
Dar Maurar is gee Dummar,
där arweid nur in Summar.
Oder: Dar Meiar is faul un deiar!
Mancher Maurer erlernten auch das Fleischerhandwerk und arbeiteten im Winterhalbjahr als Hausschlächter.
212. Der reiche Müller
Müller, Müller, mahle,
hat den Sack voll Taler,
hat den Sack nicht zugeschnürt,
sind sie alle rausmarschiert.
Das Soldatenleben zog die gesunden Jünglinge in seinen Bann. Die 18jährigen Bauernburschen meldeten sich oft freiwillig zur Kavallerie, die übrigen wurden im Alter von 20 Jahren meist „gezogen" und kamen mindestens zur Infantrie, den „Sandlatschern".
„Urlaub" war für alle, die beim „Kommiß" waren, das schönste Wort.
213. Ein Soldat wollt’ Urlaub haben,
mußt er erst den Hauptmann fragen,
Hauptmann sagte „nein",
eine Flasche Wein,
eine Flasche Rum,
und du bist dumm,
du bist nicht dumm,
sondern du.
In diesem Abzählreim gehören im Denken der einfachen „Landser" und ihrer Lieben daheim die Begriffe „Hauptmann" und „Wein" zusammen.
Verlobung und Hochzeit
Aus Jünglingen waren bei Beginn des dritten Jahrzehnts ihres Lebens Männer, aus den jungen Mädchen waren reife Jungfrauen geworden, bereit, auf das höchste Lebensziel hinzusteuern, zu der ehelichen Vereinigung beider Geschlechter.
Schlimm war es für manchen mit dem Warten bestellt, es bestand für dieses die Gefahr, eine „alte Jungfer" zu werden.
214. Abzählreim
Eins, zwei, drei, vier,
saß ein Mädchen vor der Tür,
hat ein gelbes Hütchen auf,
oben saß der Kuckuck drauf.
Das Mädchen wartet schon vier Jahre auf einen Freier, der Kuckuck hält sie zum Narren. Ein Spielreigen der großen Schulmädchen hat das ähnliche Thema mit glücklichem Ausgang. Zum Vergleich soll er (nicht in der Reihe der Reime) angeführt werden:
Rote Kirschen ess’ ich gern,
schwarze noch viel lieber,
in die Schule geh’ ich gern
alle Tage wieder.
Hier wird Platz gemacht
für die junge Dame.
Saß ein Kuckuck auf dem Dach,
kam der Regen macht ihn naß,
kam der liebe Sonnenschein,
diese, diese soll es sein!
Der Regen - die Tränen beim Liebeswerben - wird mit dem Kuckuck verjagt. Die Erfüllung, das Liebesglück, bringt Sonnenschein. Auf die Verlobung folgt die Hochzeit mit dem Polterabend. Die Kinder werfen glückbringende Scherben an das Tor der Braut und rufen:
215. Kuchen raus,
sonst kommt der Klapperstorch
nicht ins Haus!
Oder:
Kuchen raus! Sonst reist die Braut aus!
Vorzeiten gehörten zur Gründung eines Hausstandes Haus und Herd. Die altgermanische Eheschließung war eine Rechtshandlung. Der Hausbau und der Bau des dazugehörigen Kesselherdes wurden mit drei dem Schützer des Hauses, dem Gott des Rechts Donar, geheiligten Hammerschlägen begonnen. Dem Hausbau folgte die Ausrichtung der Hochzeit. Der Kessel wurde noch im Mittelalter als Erbkessel rechtlich geschützt, er durfte nicht abgerissen werden, es stand unter Strafe.
216. Bauer, baue Kessel,
morgen wird es besser,
übermorgen tragen wir Wasser ‘nein,
(3. Zeile auch so: übermorgen trägt die Braut das Wasser nein).
bauz, fällt der ganze Kessel ein.
„Fiel der Kessel ein", dann war in diesem Falle die Ehe zerbrochen. Die Ursache war das Kind, welches einen reichen Herrn als Urheber hatte.
217. Bauer, baue Kessel,
morgen, da wird’s besser,
übermorgen trag’n wir Wasser ‘nein,
fiel ‘ne weiße Taube ‘nein.
Wer saß drinne?
Der Kaiser mit sein’m Kinde.
Das Kind, daß wollt’ gebüscht sein,
buts, da fiel der Kessel ein.
Bei der Wahl der Ehepartner erstreckte sich die Neugier der Öffentlichkeit z. B. auch auf das Aussehen der Hochzeiter. Die Kritik setzte ein. So entstand der Spottreim über die mit rotem Haar versehenen Menschen:
218. Fuchsfeuerrot,
backe mir ä Dreierbrot,
nich so groß, nich so klein,
morgen soll meine Hochzeit sein.
(siehe dazu auch Reim Nr. 117)
219. Die liebe des Mannes geht durch den Magen. Er schmeichelt:
Herzliebe Puppe,
koch’ mar änne Subbe,
nich so dick un nich so dinn,
daß marsche kann gleich hingarschling’n.
220. Der „Pantoffelheld" wird belacht.
Ich bin dar Härr in Hause,
das wär’ jelachd,
wenn meine Ulle was saggt,
das wärd jemacht.
Die Braut ist dem reichen älteren Müller versprochen, sie läuft vor der Hochzeit weg zu ihrem Liebsten, dem Hänschen, und beide „hauen ab".
221. Abzählreim
Eins, zwei, drei,
bicke, backe, hei,
der Müller hat seine Frau verlor’n,
Hänschen hat se jefunden,
juchdich, war se varschwunden.
Auch das Gesprächs-Thema „Verkuppelte Braut und unglückliche Ehe" entspricht dem Leben des Alltags:
222. Meine Mutter bäckt Plätzchen,
sie bäckt sie so hart,
sie schließt sie ins Schränkchen
und gibt mir keins ab.
Die runde, die bunte,
die scheckige Kuh,
die gibt mir mein Vater,
wenn ich heiraten tu.
Nun hab’ ich geheirat’t,
was hab’ ich davon:
die Stube voll Kinder
und einen buckligen Mann.
Der Lebensabschluß des Menschen, der Tod, ist kein normales Thema für Kinderreime. Und doch verlockte die Farbenfolge der deutschen Reichsfahne (1871 - 1918) zu einer diesbezüglichen Reimerei.
223. Abzählreim
Schwarz, weiß, rot,
der kleine Kohn ist tot,
wir wollen ihn begraben
im kleinen Puppenwagen.
Der kleine Kohn (=ein jüdischer Name) war ein körperlich mißgebildeter Jude. Der Jude war um die Jahrhundertwende im allgemeinen wenig geachtet, oft als Betrüger im Handel hingestellt. Dieser Zwiespalt in der allgemeinen Gesellschaftsordnung geht bis ins frühe Mittelalter zurück. Ein Bild in der Bauernstube gab in farbiger Darstellung die Ständeordnung der Zeit, in welcher der Bauer als das Objekt der Ausbeutung durch alle andern Gesellschaftsteile bezeichnet wurde. Unter dem Bild des Juden stand der Spruch: „Ich muß von dem Profite leben!" Jubelt der obige Kinderreim über das Ende des Juden?
II. Im Jahresring
Im Vorfrühling:
Sehnsucht nach Licht und Wärme
224.Wintersonne
Liebe Sonne, scheine,
mich friert es an die Beine,
liebe Sonne, stich
mir nicht ins gesicht.(oder Zeile 4: mich friert’s an mein Gesicht)
liebe Sonne, gucke,
mich friert’s an meine Hucke,(Rücken)
liebe Sonne, brenne,
mich friert es an die Hänge!(Hände)
225. Liebe Sonne, scheine,
mich friert’s an meine Beine,
an de Fingar noch vielmehr,
ach, wenn’s doch balde Sommer wär’.
226. Veralbern zur Fastnachtzeit, gleichzeitig auch Abzählreim
Fasnachden is lengsd varbei,
du mußt dar Fasnachtsnarre sälwar sei.
227. Der Saft steigt in die Zweige der Bäume.
Bastlösereim
Saft, Saft, Seide,
eine alte Weide
ging einmal zum Berg hinan.
Als sie wieder ‘runterkam,
war das Pfeifchen abgetan.
Schieb ab, schieb ab,
drei löffel voll Saft.
Beim „Feifenmachen" - die Pfeifen wurden auch „Fapen" genannt - wird unter fortwährendem klopfen mit dem Messerstiel auf ein Stück Weidengerte oder eins von einem einjährigen Fliederzweig mit gleichzeitigem Sprechen der Bast abgelöst. Die letzten zwei Verszeilen werden dreimal gesprochen,
genügt das nicht, zählt der Knabe auch noch bis 60. Oft genügt der kurze Reim:
Schieb ab, schieb ab,
ein’n Löffel voll Saft!
Der Schnee ist weggetaut. Ein frischer Märzwind trocknet die Erde ab. Die Kinder „reefen" (=spielen mit den Reifen), sie spielen mit den Stennerten (=Ton- und Glaskugeln), die Jungen üben mit zugespitzten Stöcken das „Stickeln", die Mädchen spielen „Fackeball" mit ihren Gummibällen. Beim „Facken" werfen sie den Ball an die Wand, nachdem sie nach bekannten Reim die Rollen verteilt haben:
228. Reim beim Ballspiel
Kaiser, König, Edelmann,
Bürger, Bauer, Bettelmann,
Schuster, Schneider, Leineweber,
Doktor, Kaufmann, Totengräber.
Wer Von diesen Mitspielern ausgerufen wird, muß den Ball fangen. Wer nicht fängt, „ist aus" =ausgeschieden beim Fangespiel.
229. Veralbern am 1. März
Aedsch, dar ersde März is längst vorbei,
du mußt ‘s Märzschaf sälwar sei.
„Der Lenz ist angekommen"
230. Veralbern am 1. April
Heide is dar erschde Abril,
da ka mar for’n Narr’n halden,
we’ mar will.
Oder auch:
Am erschden Abril
fiehrd mar de Narr’n
wohin mar will.
Freude bringt auch das Gackern der Hühner, die nun fleißig Eier legen.
231. Gackgack, gackackgei!
de Hinne lejd ä Ei.
Das Spiel mit dem Maikäfer und mit der „Modschekuh", dem Siebenpunkt, beschäftigt in jedem Jahre die freudig erregten Kinder.(Die Reime wurden bereits erörtert). Aber auf den Nessawiesen bieten sich ihnen neue Erlebnisse in der Natur. Doch bereits am 1. Mai veralbern sie sich erst wieder wie in den Vormonaten.
232. Veralbern am 1. Mai
Heide is dar erschde Mai,
da fiehrd mar de Uchsen ins Hei.
und auch:
Der Mai is noch nich varbei,
du mußd de Maigatze sälwar sei.
233. Spiel mit dem Schneckenhaus
Schnecke, Schnecke, Schniere,
zeig’ mar deine Härner alle viere,
wenn du sie nich zeigst,
werf’ ich dich in’n Teich,
werf’ ich dich in’n Graben,
da fressen dich die Raben.
und auch:
Schneckenhaus, komm heraus,
stecke deine vier Finger raus,
wenn du sie nicht zeigen willst,
werf’ ich dich ins Hundeloch,
da fressen dich die Tiere.
Die Mädchen zupfen auf der Wiese die Fiederblättchen der „Gänselatsche" (=des Frühlings, Fingerkrautes, Potentilla verna) als
234. Blattorakel:
Kutsche, Karreete, Mistwagen.
oder auch:
Samt, Seide, Schlitzkartun.(Kattun)
Damit nahmen sie eine Klassifizierung der Spielgefährten für die Zukunft vor: Werde ich einmal zusammen mit einem reichen Herrn in der Kutsche oder in dem einspännigen Karr’n des Handelsmannes oder im schmierigen Wagen des Bauern im Dorfe fahren? Mit den Kleiderstoffen orakelten sie ähnlich.
Sie rätselten aber auch wie die wirklich liebebedürftigen Jünglinge mit den weißen Blütenblättern der „Talerblume" (=Chrysanthemum leucanthmum):
235.Sie liebt mich,
ein wenig,
gar nicht, von Herzen,
mit Schmerzen, über alle Maßen,
kanns garnicht lassen.
Zwei Mädchen fassen sich an beiden Händen, beugen sich nach hinten über und drehen sich auf den Zehenspitzen immer schneller in der Art eines sportlichen Zweiertanzes. Sie nennen ihn Windmühle.
Sie sprechen die Worte dabei, bis sie ganz atemlos am Schlusse sind.
236. Windmühle
Meine Mühle geht nicht,
steht nicht,
klappert nicht,
pappert nicht,
aber wenn der Müller kommt,
geht die Mühle rasch.
Wer diese Übung nicht lange aushält, kürzt auch den Text:
Die Mühle geht langsam,
aber wenn der Müller kommt,
geht die Mühle rasch.
Vor Pfingsten wurde die Kinder von den Bauern und vor allem auch vom Rittergut zur „knauplichen" Arbeit des Rübenziehens benötigt. Vor der Vesperzeit rufen die Kinder auf dem Felde:
237. Vesperzeit!
Mei Magen schreit!
Meine Kalaunen knurren! Hunger!
Die Kinder revoltieren. Um 1919 ging in Sinnen der Menschen auch des Dorfes auch der Achtstundentag!
238. Vor Feierabend riefen sie:
Feierabend, Feierabend, didldumdei,
will noch gar kein Feierabend sei,
hat schon lange sieben geschlagen,
und wir müssen uns immer noch plagen.
Wenn wir nun kee Feierabend kriegen,
bleib’n mar uff dar Stelle liegen,
daß mar de varrecke kriegen.
Bei Hunger und Durst sagt die Mutter beruhigend:
239. Haste Dorschd,
da beißte in de Worschd,
haste Hungar,
beißte in’n Hoolungar,
biste miede,
kriechste in de Diede.
„Trarira, der Sommer, der ist da!"
Zur Erntezeit ist ein kräftiges Mittagbrot sehr nötig. Doch wenn die Hausfrau keine Abwechslung bringt, geht der Spott um:
240.Kartoffelsopp, Kartoffelsopp,
das geht die ganze Woch ‘galopp,
und sonntags gibt es Brei.(auch: Braten)
Der Reim wird rhythmisch gesprochen, das Geräusch der fahrenden Eisenbahn wird nachgeahmt.
So gern man im Sommer schönes Wetter und strahlenden Sonnenschein hat, ist in trockenen Sommern aber der Regen, zumal für die Landwirtschaft, sehr willkommen.
241. Räne, räne siehre
bis morgen früh um viere,
räne, ränr feste
bis morgen früh um sechse,
räne, räne sachte
bis morgen früh um achte.
Der „Dogkdar" (=Arzt) wird benötigt. Der Arzt von Teuchern (um 1880) saß oft in froher Runde in unserm Gasthof mit den angesehenen Männern des Dorfes zum Frühschoppen.
242. Bei Müllers an der Ecke
da lag ein großer Stein,
da fiel ich drüber weg
und brach mir Nas’ und Bein.
Da ging ich zu dem Dokter,
das Lederbein war nicht heim.
Da ging ich in die Kneipe,
da saß das Ludarbeen
da ging ich widdar heem.
Peter-Paul war Ende Juli der Tag des Naumburger Topfmarktes. Zum Besuch dieser „Messe" wurde genügend viel Geld gebraucht. Pistolen waren alte Goldstücke.
243. Nach der Arbeit kommt auch im Sommer das Vergnügen.
Abzählreim
1, 2, 3, 4, 5, 6, 7,
Petrus-Paulus hat geschrieben
einen Brief
nach Paris,
er soll holen
drei Pistolen,
eins für mich,
eins für dich,
eins für Onkel Ludewig.
244. Schützenfest
Bum, bum, bum,
de Schitzen gumm,
mei Vadar drächd de Fahne,
da laaß ich mir ä Dreiar gäwe,
da fahr’ ich uffn Kahne,
fahr’ ich bis nach Halle,
da is mei Dreiar alle,
un wenn ich weddar heeme kumm’,
da krei’ ich dichtche Knalle.
Der Reim bezieht sich nicht auf die Veranstaltung des nach 1900 gegründeten Unternessaer Schützenvereins. Mitte des vorigen Jahrhunderts, um 1860, veranstaltete der Schenkwirt in Obernessa Vogelschießen. Hierzu erhielten die Kinder von den Eltern einen „Dreier", eine Kupfermünze, zum vernaschen.
Nach der Ernte wurde als allgemeine Lustbarkeit der Erntetanz veranstaltet. Hierauf zielt der folgende Abzählreim.
245. 1, 2, 3, 4, 5, .......13,
wie hoch steht der Weizen?
So hoch wie ein Bauernhaus,
da gucken oben zwei Jungen heraus,
der eine hieß Hans,
der ging gern zum Tanz,
der andere hieß Otto,
der spielte gern Lotto,
i, a, u, raus warst du,
du warst nicht raus, sondern du.
In der Schenke geht es lustig zu.
246. Abzählreim
Eins, zwei, drei, vier,
auf dem Klavier
steht ein Glas Bier,
wer daraus trinkt,
der stinkt.
Mein Märchen ist aus,
dort tanzt eine Maus,
wer sie hascht,
darf sich eine große,
große Pelzkappe daraus machen.
Das jeweilige Zeitgeschehen fand in den Reimen auch seinen Niederschlag. Die Eisenbahn Weißenfels - Zeitz, deren Schienengleise quer durch unsere Flur führen, wurde 1858 eröffnet. Die „Bimmelbahn" Teuchern - Naumburg, 1900 eingerichtet, fährt auch durch den Südostzipfel unserer Flur.
247. Die Bimmelbahn (Der Reim wurde im wechselndem Dreiklang gesungen).
Jetzt kimmt de Bimmelbahn, (1, 3, 5, -Akk.)
da häng’ ich mich hingen dran, (5, 3, 1,)
da guckt der Schaffner raus,
der macht mir eene Faust.
Das jehd doch dir nischd an,
ich häng’ mich immer widder dran.
Der selbe Reim abgeändert (Melsen= Hohenmölsen; Wäwe= Webau)
Jetzt kimmt de Bimmelbahn,
die hält in Melsen an, (auch: in Wäwe)
da kemmt ä kleenar Mann
där hängd sich hinten dran.
Da guckt der Schaffner raus,
der spricht där kleene Mann:
Das jehd dir jarnischd an,
ich hänge mich immer widder dran.
Wir fahren zum Einkaufen in die Stadt und kehren ein.
248. Ich fahre auf der Eisenbahn
und fahre dritter Klasse,
und wenn du mit mir Kaffee trinkst,
zerbrich mir nicht die Tasse.
Der Zeppelin wurde 1905 das erstemal über unserer engsten Heimat gesichtet.
249. Der Zeppelin kam zu uns.
Abzählreim
1, 2, 3, 4, 5, 6, 7,
in der Luft schwebt Zeppelin.
Wieviel Leute sitzen drin?
Rate, rate, du,
drücke deine Äuglein fest zu!
Antwort z. B.: fünf; darauf bis 5 abzählen. Oder: wer die Zahl sagt, ist „mit Haschens dran".
Mit den Einnahmen aus den Ernteerträgen blüht Handel und Wandel. Mit dem Einkaufen und Verkaufen beschäftigen sich die Kinderreime (siehe Nr. 49, 50, 51, 248).
Aber auch die Händler und Hausierer kommen „aufs Dorf".
250. Der „Fischmann" ist gekommen.
Ich bin ein Rollmopsmann,
ich spann mein Hündlein an,
da fahr ich um die Eck’,
da fall’ ich in den Dreck,
da guckt Frau Müller raus,
die lacht mich tüchtig aus,
das geht doch Sie nichts an,
ich bin ein Rollmopsmann.
251. Der Zigarrenhändler hausiert.
Der Berliner Rumpelpumpel
handelt mit Zigarrenstumpeln,
geht die Straße auf und ab,
niemand kauft die Stumpel ab.
Die Bettler( Reim Nr. 5), die Bettelmusikanten, die Scherenschleifer (Reim Nr. 189), die Topfstricker, die Bärenführer vom Balkan, die Slowaken mit Fallen erschienen. Letztere boten Rattenfallen und Mäusefallen mit den Rufen „Rattenfalli! Mausefalli!" an. Auf die Bärenführer mit dem Dudelsack zielt der folgende Reim hin:
252. Mit dem Dudelsack betteln
Ich und mei aldes Weib,
mir jehn zu Tanz,
ich nehm den Dudlsack
un du den Ranzen,
ich sammle de Fennche ein,
un du varseift se.
Der Herbst (dar Härwest) bringt Früchte, Braten, Kuchen und Feste.
Das größte Fest des Dorfes ist die Kirmes.
253. Wenn Gärmse is, wenn Gärmse is,
da schlacht’t mei Vadar ä Buck, Buck, Buck,
da danzd meine Muddar,
da danzd meine Muddar,
da wageld dar runde Ruck, Ruck, Ruck.
Bock und Gans waren die dem Donar heiligen Tiere. Die erste Gans wurde bereits zum Erntefest geschlachtet, sie kam auch zur Kirmse und zu Weihnachten auf den Tisch.
Die Festesglocken läuten, ihr Klang hallt übers Dorf:
254. Bim - baum,
Aebbl un Flaum,
Bärn un Nisse,
schmäck’n sieße.
Zuckar, Rosin un Mandelkern
äss’n gleene Kingar gern.
Zu den großen Festen werden Kuchen in Hülle und Fülle gebacken. Die bereits angeführten Reime „Backe, backe Kuchen" usw. beziehen sich auf diese wichtige Vorarbeit für die Festtage. Beim Kuchenbacken trat vielmals - ehe es in unserm Dorf eine Bäckerei gab- die Nachbarschaftshilfe ein. Fast an jedem Bauernhaus befand sich ein angebauter Backofen. Die „kleinen Leute" buken ihre Kuchen beim bäuerlichen Nachbarn:
255. Meine Mu, meine Mu,
meine Mutter schickt mich her,
ob der Ku, ob der Ku,
ob der Kuchen fertig wär’.
Wenn er no, wenn er no,
wenn er noch nicht fertig wär’,
käm’ ich mo, käm’ ich mo,
käm’ ich morgen wieder her.
Der Brote, das ängstlich stotternde Kind, wird trefflich nachgeahmt - und verspottet.
256. Der Festbesuch kommt an und grüßt höflich.
Einen schönen guten Diener!
Was machen Ihre Hühner,
was macht der Hahn?
Die laufen alle lahm!
Was macht die Katze?
Die sitzt im Matze.
Was macht der Hund?
Ist ganz gesund!
Die kleinen Jungen mußten „einen Diener" und die kleinen Mädchen „einen Knicks" machen und „die schöne Hand" geben. Mancher Besuch war unwillkommen, nur der Hund, der ihn hinausbeißen soll, ist gesund. -- Der Hahn war auch ein dem Donar heiliger Vogel. Er war im Mittelalter durch Wergeld geschützt. Bei Erbteilung wurden Hahn und Hühner aufgeteilt. Am Festtage aber führte der Bauer seinen befreundeten Besuch in die Viehställe und zeigte diesem voller Stolz seine Tiere.
257. Ein Besucher wird durch Ausrede abgewiesen.
Ein schönes Kompliment,
der Kaffee wär’ varbrennt,
und die Milch wär’ übergelaufen,
da müssen wir andere kaufen.
Der Kornkaffee wurde früher durch Brennen in Eigenproduktion hergestellt.
Die „Freindschd" (= Freundschaft, Verwandtschaft) in den Nachbardörfern wurde besucht.
258. Ich jingk emal nach Punkewitz,
da kam ä gleenar Hund jeflitzt,
där biß mich in de Beene,
da jingk ich widdar heeme.
259. Ich jingk emal nach Osterfeld,
kam ä gleenar Hund jebälld,
biß mich in de Beene,
jingk ich weddar heeme,
leech ich mich uffn Mist,
kam dar heelche Christ,
leech ich mich ins Hinnarhaus,
jochd mich dar gleene Gickarhahn raus.
Im Spätherbst und Winter
Schlachtefest
Im Spätherbst setzte in den Höfen „das große Schlachten" ein. Da fanden sich Freunde als Helfer ein und konnten „Fettlebe" mitmachen.
260. Abzählreim
1, 2, 3, 4, 5, ......20,
wir schlachten eine Gans,
wir schlachten ein Schwein,
wer will de Bratwurst sein?
Andere Nachbarn oder auch Nachbarskinder kamen zum „Worschdsingen". Die Kinder bekamen in Henkeltöpfen ihre Wurstsuppe aus dem Kessel mit daumenlangen kleinen Leberwürsten als Einlage. Zuhause freuten sie sich auf die „gleene Worschd".
261. Wurstsingen
Mar ham jehierd
ihr habbd jeschlachd,
habbd große un gleene Wärschde jemachd,
de groß’n die behald’d ihr,
de gleen, die jäbd dr mir.
Der Winter hatte seinen Einzug gehalten. Vom Schenkberge herab über die Straße hinweg sausten früher die hölzernen „Gäsehitschen" und dann die in der Stadt gekauften Rodelschlitten.
262. Beim Schlittenfahren
Voller Lust ertönten die Rufe:
Aus! de Katze hat de Maus!
Vorneweg - Kartoffeldreck!
Bahne - forn Dreiar Sahne!
Weihnacht
Das Weihnachtsfest als Fest der Kinder zeitigte eine ansehnliche Reihe von Kinderreimen. Die Kinder freuen sich schon in den Wochen vor dem Fest auf das Christkind, welches ihm die Geschenke bringt.
263. Wenn Weihnachten is,
wenn Weihnachten is,
da kimmt dar liewe heelche Christ,
där bringt änne Muh,
där bringt änne Mäh
un änne große Zinterätätä.
Die kleinsten Kinder lernen die beiden kleinen Gebete.
264. Ein kleines Kind, das beten kann,
das kriegt auch viel vom Weihnachtsmann.
265. Ein kleines Kind, das beten kann,
das nimmt der liebe Gott mit Freuden an.
Der gebräuchlichste Reim des Kleinkindes, den es ansagen mußte, war folgender:
266. Lieber, guter Weihnachtsmann,
sieh mich nicht so böse an,
stecke deine Rute ein,
ich will auch immer artig sein.
Die Reime mit dem Ruprecht sind die Spottreime der größeren Kinder. Auch ihnen galt die Aufforderung des Weihnachtsmannes, des Ruprecht, der gegen Abend in den Vorwochen in die Häuser und Stuben kam: „Kannst du beten?!" Die kleinen Kinder haspelten gehorsam ihre Gebetlein ab. Die größeren Kinder aber erkannten den Ruprecht an der Stimme des Nachbarn, der sich „anjebobelt" hatte. Volkskundeforscher deuten die Gestalt des Knechtes Ruprecht, bzw. des Niklas, als die christliche Form des germanischen Gottes Wodan.
267. Rubbrächd, Rubbrächd, Zuddlbälds,
wu giehd dar Wäch nach Wießenfälds?
Zu d’n schwarzen Dure nei,
wu dar heelche Grisd gann sei.
Der Nachbar hatte sich mit einem Ziegenfell „vermummt". Das schwarze Tor ist der geheimnisvolle Zugang zum Reiche des Ruprecht - des Gottes Wodan.
268. Ruprecht, Ruprecht, guter Gast,
wenn du was im Sacke hast,
hast du was, da setz’ dich nieder,
hast du nichts, da pack’ dich wieder.
auch so:
269. Ruprecht, Ruprecht, Zudelbär,
zeig’ mir mal den Nußsack her,
hast du was, da setz’ dich nieder,
hast du nichts, da pack’ dich wieder.
Der Ziegenpelz stammte noch von der Kirmes her, - das Fell des geschlachteten Ziegenbocks.
270. Ruprecht, Ruprecht, Ziegenpelz,
führe mich nach Weißenfels,
führe mich nach Halle,
da kreiste dichtche Knalle.
271. Derselbe Reim wie Nr. 270, aber mit dem Anhang:
Wo geht der Weg nach Dresden?
da reit’n mar uffn Bäsen.
Hier spukt auch der Hexenglaube noch um das Erscheinen des Ruprecht.
In der Hungerzeit im und nach dem 1. Weltkrieg gab es Familien, welche auf das Erscheinen des Ruprecht negativ reagierten, ihre Kinder lehrten, dem Ruprecht als unnötigen Mummenschanz zu antworten.
272. Bete, bete, Knochen,
wir beten alle